Brief Nr. 71 · 25. August 1930

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum auf dem Bergli

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Liebe Lollo!

Hier ist, seit wir uns sprachen – wie froh war ich deine Stimme zu hören!! -, wieder eine Veränderung eingetreten, die jedenfalls die glückliche Folge hatte, daß der Sonntag gestern friedlich und annehmbar verlief. Während ich mit Eduard zusammen war und ich dir telefonierte, war Nelly bei Marguerite, und dort scheint ihr das völlige |144 Durchsetzen ihres Willens doch etwas leid und der damit bevorstehende Unsinn doch etwas unheimlich geworden zu sein. Sie fing, trotzdem ich Schluß erklärt hatte, doch wieder und in etwas weicherer Stimmung von der Sache an, und als ich ihr beiläufig von dem Vierteljahresvorschlag etwas sagte, der in deinem Brief an sie zu erwarten sei, erklärte sie sofort, das wolle sie annehmen.1 Es wird eine Episode sein wie eine andere – ich bin hier sehr skeptisch geworden -, aber es war klar, daß ich mich sofort darauf einstellen mußte, und nun scheint es N. in der Tat vorläufig dabei wohl zu sein. Die Folge ist nun freilich auch die, daß ich meine Abreise noch etwas aufschieben muß: ich tat es im Einverständnis mit Nelly auf den Freitag. Also Freitag 352 Zürich, gelt. Mit solchen kleinen Konzessionen werden wir nun einfach viel mehr arbeiten müssen: im Großen Ganzen wäre überhaupt nichts zu erreichen. Ich erzähle dir dann von Allem, wenn ich es bis dahin nicht schon wieder vergessen habe. Heute wird ein gemeinsamer Ausflug in Szene gesetzt: das Häuslein zittert unter den Vorbereitungen. Ich lasse mich mitreißen wie ein Stück Holz vom Fluß und freue mich auf den Freitag. Gestern traf der Kuchen ein2 und vermehrte den Frieden und die Freude. Nebenbei ist es mir immerhin in dieser Woche gelungen, nun auch das Monologion vollständig auf Kärtchen zu bringen!3 Ich bin nun an dem «von den Steinen»4, der mir wenig gefällt bisher. Grüße Alle! Ich muß gehen. Heute abend finde ich deine Briefe vor!

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Die Frage, wie das Zusammensein von Karl Barth, Ch. von Kirschbaum und Nelly Barth in der neuen Bonner Wohnung zu gestalten sei, führte zu großen Spannungen. Anscheinend schlug von Kirschbaum vor, auf ein Vierteljahr die Möglichkeiten des Zusammenlebens noch einmal zu erproben.↩
2
Wohl für den Geburtstag von Nelly Barth am 26. August.↩
3
Das "Monologion" – eine der Frühschriften Anselms von Canterbury (1033/34-1109) ­- legt die Gotteslehre dar, während das sich anschließende «Proslogion» in der Form eines Gebetes die Denkbewegung vollzieht, in der der Glaube sich der Existenz Gottes vergewissert. – Siehe zu den "Kärtchen" oben S. 77f., Anm. 2, und zu Barths Arbeit an Anselm oben S. 141, Anm. 14.↩
4
W. von den Steinen, Vom heiligen Geist des Mittelalters. Anselm von Canterbury. Bernhard von Clairvaux, Breslau 1926 📖.↩