Brief Nr. 72 · 27. August 1930

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum auf dem Bergli

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D. l.L.!

Dies soll noch ein letzter Gruß sein, bevor ich komme – noch einmal richtig zu dir komme! Ich hoffe so, du seiest nicht in Depression versunken, als aus dem Mittwoch plötzlich der Freitag wurde! Am Freitag wird’s ja nun sicher sein. Und du mußt nicht meinen, daß du dich mehr freuest als ich!

Hier ging es auch seither, auch gestern als an Nellys Geburtstag, so gut wie möglich. Vielleicht hat das plötzliche Einsetzen strahlend schönen Wetters das Seinige dazu beigetragen. Wie wollte ich, du könntest Adelboden jetzt sehen. Und denk, an den Familienausflug von vorgestern habe ich mit plötzlichem Entschluß nachmittags um 2 Uhr eine richtige und ziemlich gewagte Bergbesteigung angeschlossen: mit Markus, Stöffeli, Matthis zusammen. Die bewährten sich in dem unvorhergesehenen Fall als eine sehr zuverlässige Truppe, und auch die Gummisohlen an meinen Schuhen haben wider Erwarten gehalten!! Es war das Albristhorn (2700 m)1, wir mußten z. T. klettern wie die Affen, aber der Mut und der Humor waren groß, und abends nach 8 Uhr trafen wir müde, aber wohlbehalten bei Eduards ein. Ich verstehe doch gut, daß die Berge einen rufen können. Aber für dies Jahr soll es nun genug sein. [Nelly war also mit den drei Großen letzten Mittwoch auf dem Wildstrubel2 mit einem Führer.]3 Heute fährt Fränzeli nach Isenfluh bei Mürren zu ihrer Freundin Dodo von Flottwell4. Sie soll den Brief mit zu Tal nehmen, damit mein Liebling ihn rechtzeitig erhält. Mit Eduards findet jeden Tag reger Verkehr statt, und es ist sehr gut mit ihnen. Ich bin so froh, daß es diese letzten Tage nun etwas leichter ging. Von Hansjoggelis Münchenreise war nochmals die Rede, aber als ich sah, daß Nelly ihn durchaus lieber |146 hierbehielte, gab ich flugs nach und komme nun also allein. Ein Aufsuchen meiner Schwägerin Helene5 wird sich wahrscheinlich nicht vermeiden lassen. Ach du, irgend etwas in mir ist bei Allem auch ganz froh und ruhig. Ich danke dir so für deine lieben Briefe. Heute und morgen soll noch viel Anselm unter Dach kommen. Am Freitag aber komme ich, 352! Ich will jetzt nichts mehr sagen. Nr. 12 und 14.6

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Der letzte Berg der Niesenkette zwischen Adelboden und Lenk (2762 m).↩
2
Siehe oben S. 141, Anm. 13.↩
3
Eckige Klammern im Original.↩
4
Tochter der Vermieterin M. von Flottwell von der Warendorfer Str. 73 in Münster, bei der Barth zeitweilig gewohnt hatte. Siehe oben S. 6.↩
5
Nelly Barths Schwester Anna Helena de Abreu, geb. Hoffmann (1885–1968), war in Portugal verheiratet. Offenbar war sie zu dieser Zeit bei ihrer Mutter oder ihrer Schwester am Zürichsee zu Besuch.↩
6
Die Bedeutung dieser Nummern ist nicht mehr festzustellen.↩