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Barth an v.K. in München
Nun sitze ich in dem dir bekannten Stüblein und will den stillen
Sonntagnachmittag dazu brauchen, dich etwas von mir hören zu lassen. Die Tage
seit unserem Abschied am Zürcher
Bahnhof sind zwar sehr still vorübergegangen, so daß von großen Ereignissen
nichts zu melden ist. Und den ganzen Rahmen, in dem sich hier mein Leben
abspielt, kennst du ja nun aus eigener Anschauung. Mama ist sehr lieb zu mir
und umgibt mich in ihrer Weise mit allen möglichen Fürsorge-, Erquickungs- und
auch Regierungsmaßnahmen. Meine Zeit gehört in der Hauptsache andauernd
dem heiligen Anselmus,
dessen sämtliche Werke nebst allerhand Apparat mir Kari aus der hiesigen Bibliothek
verschaffen konnte und den ich nun meinem Wissen möglichst vollständig
einverleiben möchte. Es ist so schön, einer Sache so in aller Ruhe und
Umständlichkeit nachgehen zu können. Ganz abgesehen davon, daß solche kontinuierliche Arbeit auch
das beste Heil- oder doch Beschwichtigungsmittel gegen je und je sich meldende
Depressionen ist.
Gestern kam und ging Nelly. Die Kinder
konnte ich nur am Bahnhof begrüßen. Sie bildeten, alle fünf zu einem Fenster
hinaus|147guckend mit ihren braunen vergnügten
Gesichtern, eine eindrucksvolle Gruppe und fuhren sehr fidel ihren verschiedenen
Bestimmungsorten entgegen. Mit Nelly war ich nur ganz kurz allein
zusammen. Sie hat einen Brief von der Schwester Hedwig1 bekommen, der dem von Helene2 nur zu ähnlich gewesen zu sein
scheint. Diese Hedwig scheint
sogar in dem Grade zu «spinnen», daß sie, obwohl in Zürich, Nelly
jetzt nicht einmal sehen will. Nelly schien in guter Verfassung
und Absicht. Was heute in Stäfa3
und Zürich4 Alles gesagt und bei ihr angerichtet wird, weiß natürlich
kein Mensch, aber sie schien entschlossen, die mit uns bis auf Weiteres
getroffene Abrede innezuhalten und auch dort (in Zürich) zu vertreten. Wir
werden uns jedenfalls in Bonn sehr vor
Augen halten müssen, daß sie durch die allzu liebevolle Einmischung ihrer
Verwandten nun dauernd zwischen zwei Feuer gesetzt ist. Sie hatte hier ein
längeres Gespräch mit Mama, über das mir diese
aber erst kurz berichtet hat. Es scheint auch nicht ungut
gewesen zu sein. Mir fällt eben auf, wie oft ich in den letzten Sätzen das
Zeitwort «scheinen» verwendet habe. Es ist wohl in der Tat sehr bezeichnend für
die gegenwärtige Lage. Was mag sich in der Zukunft aus all diesen «Scheinen»
noch entwickeln? Nun, zunächst haben wir nun alle noch zwei Wochen
Waffenstillstand. Möchte man doch in München so lieb zu dir sein, daß diese Zeit eine Erholung von den
vorangegangenen und für die bevorstehenden Strapazen für dich bedeutet. Es ist
doch auch so traurig, daß meine Gegenwart sich geheimnisvoller oder auch
trivialer Weise bei dir in Form der bösen Digestionsbeschwerden
äußert, deren seelische Auswirkungen dann je und je – und auf die Länge
eigentlich dauernd – mich meinerseits so in Furcht und Zittern versetzen. Gäbe es doch nur
einen wirklichen, kontinuierenden, zuverlässigen Ruhepunkt in
der ganze Szene! Oder wird das nun immer so sein, daß der Boden überall, aber
auch überall jederzeit ebensogut nachgeben wie Halt geben kann? Wie ist Alles so
schwer. Eben war meine
Mutter da und sprach von Nelly, ihrer Hilflosigkeit und
Hilfsbedürftigkeit, wie sie ihr gestern wieder entgegen|148getreten sei. Ich dachte daran, wie apathisch ich ihr gegenüberstehe, und ich
dachte auch an deinen guten (?) Vorsatz, dich ihr gegenüber ganz auf dich selbst
zurückzuziehen, und fragte mich besorgt, wieviel wir wohl mit diesen
Gesinnungen zur Besserung der Verhältnisse ausrichten werden und wie Alles
werden soll, wenn diese Besserung – kann man etwas Anderes erwarten? –
ausbleiben sollte. Ja, noch einmal: wie ist Alles so schwer, und wie verbaut
sind alle einigermaßen hoffnungsvollen Wege.
Aber ich will dir weitererzählen von meinem Berner Leben. Ein sehr freundlicher Punkt darin sind die häufigen
Begegnungen mit Lindts,
die immer gleichmäßig ruhig wohltuend verlaufen. Gestern abend waren wir alle in
der öffentlichen Versammlung anläßlich der anhebenden ökumenischen Woche5. Es sprachen Söderblom6, Deißmann7, Arseniew8 und Bulgakoff9, die beiden ersten völlig nichtig und |149 unglaubwürdig, auch der dritte westlich oberflächlich
und dazu schlecht vorbereitet, einigermaßen interessant und in seiner Weise
einleuchtend nur der vierte, in der Aufmachung ein russischer Pope, wie er im
Bilderbuch steht, aber mit beachtlicher Leidenschaft und nicht ohne spekulativen
Schwung redend. Das Publikum bildeten die mir nur zu bekannten, alle 20 Jahre
älter gewordenen Gestalten der kirchlich Interessierten von Bern, mitten darunter, an hervorgehobener
Stelle als Vertreter meiner Gegenwart unser Freund Karl Ludwig10.
Mit diesem, Fritz Lieb11, Kari und Bulgakoff war ich nachher noch im Kornhauskeller12 (wo man uns sicher für eine Gruppe aus dem
Cirkus Sarrasani gehalten hat) und
bekam weitere merkwürdige Aufschlüsse über die göttliche Sophia und andere
russische Theologumene.
Heute morgen war ich im Münster in der Predigt bei Schädelin (ich hatte vorher einen kleinen
Kampf mit Mama zu bestehen um das Recht, in meinem «gelben Jeggjen»13 dorthin gehen zu dürfen), hörte ihn diesmal
gerne und bekam nachher den
Um- und Neubau der dortigen Orgel unter fachmännischer Erklärung zu sehen, eine
Sache, die so unheimlich raffiniert ist, daß man auch schier schwermütig darüber
werden kann.
Eben habe ich mit Mama Tee getrunken und
ein weiteres Gespräch gehabt. Ich erfuhr dabei, daß Nelly gestern doch auch in Be[zug]
auf die Ausführung auch nur des «Vierteljahresplanes»
sehr schwankend gewesen sei, andererseits aber doch auch aufmerksam zugehört
habe, als sie über dich und deine Lage zu ihr gesprochen habe. Mama erwägt alle
möglichen Möglichkeiten (eine besonders phantastische, an sich übrigens nicht so
üble: sie könnte nach Bonn übersiedeln,
und zwar direkt in unsere Dachwohnung, und dann könntest du zu ihr zie|150hen …!), gesteht aber, daß sie im Grunde auch nach keiner Seite
einen Ausweg wisse.
Von der ökumenischen Konferenz
werde ich mich nun so ferne als möglich halten. Nach der gestrigen Vorführung
habe ich keinerlei Verlangen, dabei zu sein, und bin dir wirklich dankbar dafür,
daß du mich so dringend davor gewarnt hast, mich für diese Kommission gewinnen
zu lassen.14
Nach gestern wird mich nichts mehr darin irre machen, daß eine Sache, hinter der
Söderblom und Deißmann stehen, etwas
Anderes als ein Blendwerk nicht sein kann.
Ach du, ich wüßte so gerne, was du jetzt eben machst (es ist halb sechs Uhr
geworden). Es ist doch Alles so besser, wenn wir beieinander sind
und mit einander weiterleben können. Statt daß ich nun immer noch
etwas betrübt und bekümmert an die fünf Minuten denke, die unser «Bergli 1930» nicht ganz
harmonisch abgeschlossen haben. Gelt, es ist dumm von
mir, daß solche Eindrücke in mir oft so weiterleben und mich dauernd in Depression erhalten. Aber es
ist jetzt so, und ich bin ja wirklich der, der am ersten darunter leidet. Es
hängt gewiß damit zusammen, daß ich (wirklich!!) älter werde – nächstes Jahr
45! – und die innere Beweglichkeit nicht mehr so recht aufbringe (wenigstens für
die äußeren Situationen), die für unsere ganze Lage nötig wäre, sondern mich so
sehr nach einem gleichmäßigen Gang auf unserem ohnehin so unregelmäßigen Weg
sehne. Aber ich sehe ja schon, daß ich auf Erfüllungen dieser Sehnsucht je und
je auch verzichten können sollte. Und ich verstehe nur zu gut, daß ich dir
manchmal auf die Nerven gehe. Da darfst du dann gelegentlich etwas rauher zu mir
reden als sonst. Wenn es nur nicht zu oft geschieht und wenn du mich dann nur
nachher doch wieder l..b hast.
Mama
läßt dich herzlich grüßen. Sie redet andauernd so von dir, wie ich es gerne
höre und wie es übrigens jedermann tut, der dich nur ein bißchen kennt. Heute
abend sind wir bei Lindts. Wir werden bald aufbrechen, und der Brief soll dann mit zu
Tal kommen. Wirst du mir auch einmal schreiben? Wie mag es dir gehen? Und ob du
mich wohl auch noch ein bißchen magst? Ich will noch mit der Feder hinzuset|151zen, daß ich dich … ach du weißt schon.
Du weißt Alles, und allzu lange wollen wir den Waffenstillstand
nicht andauern lassen.15
Gelt, ich darf dir mit dem Maschinlein schreiben, ich tue es so viel
lieber!