Brief Nr. 73 · 7. September 1930

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Du liebe Lollo!

Nun sitze ich in dem dir bekannten Stüblein und will den stillen Sonntagnachmittag dazu brauchen, dich etwas von mir hören zu lassen. Die Tage seit unserem Abschied am Zürcher Bahnhof sind zwar sehr still vorübergegangen, so daß von großen Ereignissen nichts zu melden ist. Und den ganzen Rahmen, in dem sich hier mein Leben abspielt, kennst du ja nun aus eigener Anschauung. Mama ist sehr lieb zu mir und umgibt mich in ihrer Weise mit allen möglichen Fürsorge-, Erquickungs- und auch Regierungsmaßnahmen. Meine Zeit gehört in der Hauptsache andauernd dem heiligen Anselmus, dessen sämtliche Werke nebst allerhand Apparat mir Kari aus der hiesigen Bibliothek verschaffen konnte und den ich nun meinem Wissen möglichst vollständig einverleiben möchte. Es ist so schön, einer Sache so in aller Ruhe und Umständlichkeit nachgehen zu können. Ganz abgesehen davon, daß solche kontinuierliche Arbeit auch das beste Heil- oder doch Beschwichtigungsmittel gegen je und je sich meldende Depressionen ist. Gestern kam und ging Nelly. Die Kinder konnte ich nur am Bahnhof begrüßen. Sie bildeten, alle fünf zu einem Fenster hinaus|147guckend mit ihren braunen vergnügten Gesichtern, eine eindrucksvolle Gruppe und fuhren sehr fidel ihren verschiedenen Bestimmungsorten entgegen. Mit Nelly war ich nur ganz kurz allein zusammen. Sie hat einen Brief von der Schwester Hedwig1 bekommen, der dem von Helene2 nur zu ähnlich gewesen zu sein scheint. Diese Hedwig scheint sogar in dem Grade zu «spinnen», daß sie, obwohl in Zürich, Nelly jetzt nicht einmal sehen will. Nelly schien in guter Verfassung und Absicht. Was heute in Stäfa3 und Zürich4 Alles gesagt und bei ihr angerichtet wird, weiß natürlich kein Mensch, aber sie schien entschlossen, die mit uns bis auf Weiteres getroffene Abrede innezuhalten und auch dort (in Zürich) zu vertreten. Wir werden uns jedenfalls in Bonn sehr vor Augen halten müssen, daß sie durch die allzu liebevolle Einmischung ihrer Verwandten nun dauernd zwischen zwei Feuer gesetzt ist. Sie hatte hier ein längeres Gespräch mit Mama, über das mir diese aber erst kurz berichtet hat. Es scheint auch nicht ungut gewesen zu sein. Mir fällt eben auf, wie oft ich in den letzten Sätzen das Zeitwort «scheinen» verwendet habe. Es ist wohl in der Tat sehr bezeichnend für die gegenwärtige Lage. Was mag sich in der Zukunft aus all diesen «Scheinen» noch entwickeln? Nun, zunächst haben wir nun alle noch zwei Wochen Waffenstillstand. Möchte man doch in München so lieb zu dir sein, daß diese Zeit eine Erholung von den vorangegangenen und für die bevorstehenden Strapazen für dich bedeutet. Es ist doch auch so traurig, daß meine Gegenwart sich geheimnisvoller oder auch trivialer Weise bei dir in Form der bösen Digestionsbeschwerden äußert, deren seelische Auswirkungen dann je und je – und auf die Länge eigentlich dauernd – mich meinerseits so in Furcht und Zittern versetzen. Gäbe es doch nur einen wirklichen, kontinuierenden, zuverlässigen Ruhepunkt in der ganze Szene! Oder wird das nun immer so sein, daß der Boden überall, aber auch überall jederzeit ebensogut nachgeben wie Halt geben kann? Wie ist Alles so schwer. Eben war meine Mutter da und sprach von Nelly, ihrer Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit, wie sie ihr gestern wieder entgegen|148getreten sei. Ich dachte daran, wie apathisch ich ihr gegenüberstehe, und ich dachte auch an deinen guten (?) Vorsatz, dich ihr gegenüber ganz auf dich selbst zurückzuziehen, und fragte mich besorgt, wieviel wir wohl mit diesen Gesinnungen zur Besserung der Verhältnisse ausrichten werden und wie Alles werden soll, wenn diese Besserung – kann man etwas Anderes erwarten? – ausbleiben sollte. Ja, noch einmal: wie ist Alles so schwer, und wie verbaut sind alle einigermaßen hoffnungsvollen Wege.

Aber ich will dir weitererzählen von meinem Berner Leben. Ein sehr freundlicher Punkt darin sind die häufigen Begegnungen mit Lindts, die immer gleichmäßig ruhig wohltuend verlaufen. Gestern abend waren wir alle in der öffentlichen Versammlung anläßlich der anhebenden ökumenischen Woche5. Es sprachen Söderblom6, Deißmann7, Arseniew8 und Bulgakoff9, die beiden ersten völlig nichtig und |149 unglaubwürdig, auch der dritte westlich oberflächlich und dazu schlecht vorbereitet, einigermaßen interessant und in seiner Weise einleuchtend nur der vierte, in der Aufmachung ein russischer Pope, wie er im Bilderbuch steht, aber mit beachtlicher Leidenschaft und nicht ohne spekulativen Schwung redend. Das Publikum bildeten die mir nur zu bekannten, alle 20 Jahre älter gewordenen Gestalten der kirchlich Interessierten von Bern, mitten darunter, an hervorgehobener Stelle als Vertreter meiner Gegenwart unser Freund Karl Ludwig10. Mit diesem, Fritz Lieb11, Kari und Bulgakoff war ich nachher noch im Kornhauskeller12 (wo man uns sicher für eine Gruppe aus dem Cirkus Sarrasani gehalten hat) und bekam weitere merkwürdige Aufschlüsse über die göttliche Sophia und andere russische Theologumene. Heute morgen war ich im Münster in der Predigt bei Schädelin (ich hatte vorher einen kleinen Kampf mit Mama zu bestehen um das Recht, in meinem «gelben Jeggjen»13 dorthin gehen zu dürfen), hörte ihn diesmal gerne und bekam nachher den Um- und Neubau der dortigen Orgel unter fachmännischer Erklärung zu sehen, eine Sache, die so unheimlich raffiniert ist, daß man auch schier schwermütig darüber werden kann.

Eben habe ich mit Mama Tee getrunken und ein weiteres Gespräch gehabt. Ich erfuhr dabei, daß Nelly gestern doch auch in Be[zug] auf die Ausführung auch nur des «Vierteljahresplanes» sehr schwankend gewesen sei, andererseits aber doch auch aufmerksam zugehört habe, als sie über dich und deine Lage zu ihr gesprochen habe. Mama erwägt alle möglichen Möglichkeiten (eine besonders phantastische, an sich übrigens nicht so üble: sie könnte nach Bonn übersiedeln, und zwar direkt in unsere Dachwohnung, und dann könntest du zu ihr zie|150hen …!), gesteht aber, daß sie im Grunde auch nach keiner Seite einen Ausweg wisse.

Von der ökumenischen Konferenz werde ich mich nun so ferne als möglich halten. Nach der gestrigen Vorführung habe ich keinerlei Verlangen, dabei zu sein, und bin dir wirklich dankbar dafür, daß du mich so dringend davor gewarnt hast, mich für diese Kommission gewinnen zu lassen.14 Nach gestern wird mich nichts mehr darin irre machen, daß eine Sache, hinter der Söderblom und Deißmann stehen, etwas Anderes als ein Blendwerk nicht sein kann.

Ach du, ich wüßte so gerne, was du jetzt eben machst (es ist halb sechs Uhr geworden). Es ist doch Alles so besser, wenn wir beieinander sind und mit einander weiterleben können. Statt daß ich nun immer noch etwas betrübt und bekümmert an die fünf Minuten denke, die unser «Bergli 1930» nicht ganz harmonisch abgeschlossen haben. Gelt, es ist dumm von mir, daß solche Eindrücke in mir oft so weiterleben und mich dauernd in Depression erhalten. Aber es ist jetzt so, und ich bin ja wirklich der, der am ersten darunter leidet. Es hängt gewiß damit zusammen, daß ich (wirklich!!) älter werde – nächstes Jahr 45! – und die innere Beweglichkeit nicht mehr so recht aufbringe (wenigstens für die äußeren Situationen), die für unsere ganze Lage nötig wäre, sondern mich so sehr nach einem gleichmäßigen Gang auf unserem ohnehin so unregelmäßigen Weg sehne. Aber ich sehe ja schon, daß ich auf Erfüllungen dieser Sehnsucht je und je auch verzichten können sollte. Und ich verstehe nur zu gut, daß ich dir manchmal auf die Nerven gehe. Da darfst du dann gelegentlich etwas rauher zu mir reden als sonst. Wenn es nur nicht zu oft geschieht und wenn du mich dann nur nachher doch wieder ­l..b hast.

Mama läßt dich herzlich grüßen. Sie redet andauernd so von dir, wie ich es gerne höre und wie es übrigens jedermann tut, der dich nur ein bißchen kennt. Heute abend sind wir bei Lindts. Wir werden bald aufbrechen, und der Brief soll dann mit zu Tal kommen. Wirst du mir auch einmal schreiben? Wie mag es dir gehen? Und ob du mich wohl auch noch ein bißchen magst? Ich will noch mit der Feder hinzuset|151zen, daß ich dich … ach du weißt schon. Du weißt Alles, und allzu lange wollen wir den Waffenstillstand nicht andauern lassen.15

Dein
K.

Gelt, ich darf dir mit dem Maschinlein schreiben, ich tue es so viel lieber!

Sachfußnoten

1
Hedwig Glatt, geb. Hoffmann, verw. Kisling (1888–1957), wohnhaft in Zürich. Ihre 1922 geschlossene zweite Ehe war 1926 geschieden worden.↩
2
Siehe oben Nr. 72, Anm. 5.↩
3
Wohnsitz der Mutter Nelly Barths.↩
4
Wohnsitz der Schwestern N. Barths H. Glatt und Fr. M. Knauer.↩
5
Die "Zweite ost-westliche Theologenkonferenz" fand vom 6.-12.9.1930 in der Universität Bern unter dem Thema "Der Epheserbrief" statt (s. ThBl, Jg. 9 [1930], Sp. 314-355 📖, und Jg. 10 [1931], Sp. 23f. 📖). Am Samstagabend (6.9.) war zu einer öffentlichen Versammlung im Berner Großratssaal eingeladen worden.↩
6
Nathan Söderblom (1866–1931), schwedischer Theologe und Religionshistoriker, seit 1914 Erzbischof von Uppsala, wesentlicher Anreger der ökumenischen Bewegung, erhielt 1930 den Friedensnobelpreis. Söderblom beschloß den Eröffnungsabend mit einer kurzen Ansprache (ThBl, Jg. 9 [1930], Sp. 315 📖).↩
7
Adolf Deißmann (1866–1937), von 1895-1908 in Heidelberg und von 1908-1934 in Berlin Professor für Neues Testament, in der ökumenischen Bewegung führend. Deißmann eröffnete den Abend mit einem Bericht über die Stockholmer Bewegung (ebd. 📖).↩
8
Nikolaus von Arseniew (1888–1977), Dr. phil., 1918 a. o. Professor in Saratow, verließ 1920 Rußland, 1922 Professor an der russischen Hochschule in Berlin, zugleich 1926-1938 a. o. Professor in Warschau, 1946 Lehrbeauftragter an der Ecole des Hautes Etudes der Sorbonne in Paris; in Europa wie in den USA nahm er aktiv an ökumenischen Tagungen teil. N. von Arseniew sprach über «Die Ostkirche und die ökumenische Bewegung» (ebd. 📖).↩
9
Sergej N. Bulgakov (1871–1944) war ursprünglich ein Mitstreiter Lenins, später einer seiner schärfsten Kritiker. 1924 Emigration aus der Sowjetunion. Seit 1925 Professor der Dogmatik am russischen Institut für orthodoxe Theologie in Paris. Bulgakov sah im Sozialismus die eigentliche Herausforderung an das Christentum seiner Zeit. Er verband theologische, ökonomische und soziologische Probleme miteinander. Bulgakov sprach über "Die Wesensart der russischen Kirche" (ebd. 📖).↩
10
K. L. Schmidt.↩
11
Albert Friedrich ("Fritz") Lieb (1892–1970), 1921 als Vikar für einige Wochen Vertretung Barths in Safenwil (Kt. Aargau), um diesen für die Arbeit am Römerbrief zu entlasten, 1924-1930 Privatdozent für Systematische Theologie in Basel, von 1930-1931 Privatdozent, von 1931-1933 a. o. Professor für östliches Christentum in Vergangenheit und Gegenwart in Bonn, 1933 Entlassung durch das NS-Regime; 1934-1936 Aufenthalt in Paris, 1937-1962 Professor für Dogmatik und Theologiegeschichte mit besonderer Berücksichtigung der östlichen Kirchen in Basel, 1958-1962 als o. Professor ad personam.↩
12
Restaurant in der Innenstadt von Bern.↩
13
Leicht gelbliche, von Barth gern getragene Leinenjacke («Jäckchen»).↩
14
K. L. Schmidt hatte im Auftrag A. Deißmanns Barth für eine Kooptation in die «Kommission für ökumenische Zusammenarbeit der Professoren der Theologie (angegliedert dem Ökumenischen Rat für Praktisches Christentum)», die die Konferenz in Bern veranstaltete, zu gewinnen versucht.↩
15
Von hier führt ein Pfeil schräg nach unten zu einer freilich leeren Stelle.↩