Brief Nr. 74 · 9. September 1930

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Liebe Lollo!

Ach du, viel Ruhe wird in diesen Zeitläuften von mir her nicht zu dir kommen, und gelt, du begreifst das auch und glaubst mir, daß ich es ja gerne anders haben möchte. Aber dein zweiter Brief soll doch gleich ein Echo haben. Es war so lieb von dir, mir sofort wieder zu schreiben. Weißt du, ich denke ja an alles Andere wahrhaftig auch und vergesse nicht, wie schön Alles war und wie wir im Grunde Anlaß haben, uns zu freuen und dankbar zu sein. Im Grunde ist ja auch das ein Symptom von etwas sehr Schönem, daß du sicher der einzige Mensch bist, der in der Lage ist, mir ernstliche Depressionen zu bereiten, nur daß ich eben auch dann wirklich keine deprimierten Tönlein von mir geben sollte. Also die fünf Minuten sind nun erledigt, und ich will es so bald nicht wieder tun.

Denk, gestern abend wurde ich samt Peter, der einen Tag hier ist, durch ein dreifaches Telephon dringendst in das Diakonissenhaus zu den Ökumenischen1 berufen, wo … Bauhofer ein sehr schwaches Vorträglein über das Problem des Naturrechtes hielt2. Wir haben dann |152 neben Russen, Franzosen und anderem Volk bei der Diskussion mitgewirkt, mein Eindruck von der ganzen Sache war aber nochmals der eines ganz unglaubwürdigen und unnötigen Unternehmens, das von K. L. Schmidt und seinesgleichen in allen Ländern zu einer Bedeutung aufgeblasen wird, die3 ihm wirklich nicht zukommt. Wenn sie nun nur für die noch übrigen Tage die Telephonstrippe in Ruhe lassen, soweit sie hier herauf führt, oder mir4 nur so rufen, daß ich die Möglichkeit habe, Nein zu sagen. Die Lage des Protestantismus macht mir die ganzen Tage viel zu schaffen. Es wird einmal öffentlich in größerem Zusammenhang ausgesprochen werden müssen, daß wir mit verbundenen Augen auf einen Abgrund zu laufen. Im Gedanken an das alles und auch an die auf dem Bergli besprochenen Dinge habe ich, wie du siehst, den Hamburger Vortrag5 angenommen. Ich lege dir einige erledigte Korrespondenzen bei, schon damit du siehst, daß unterdessen wenigstens einiges geht auf diesem Gebiet. Heute nachmittag waren Kari und Trudi hier zu einem Dauerkaffee und -tee. Peter kommt nächste Woche wieder. Über «uns» habe ich noch nicht mit ihm geredet; es ist ja vielleicht auch nicht nötig.

Den Unwillen, mit dem ich deinen Bericht über euer Wahlgespräch6 gelesen habe, brauche ich dir nicht zu schildern, und es ist ja klar, daß es da doch nichts nützt, unwillig zu werden. Aber daß du dich auf die Stunden beim Zahnarzt nun geradezu freust, zeigt mir mit schmerzlicher Deutlichkeit, wie wenig freundliche Tage dir dort bereitet werden. Wärest du doch hier bei uns, wo nun wirklich alle lieb mit einander umgehen und wo du so ohne Weiteres gut hineinpassen würdest. Ganz abgesehen davon, wie ganz anders erquickend dann Alles für mich noch wäre. Es ist doch ein ganz unnatürlicher Zustand, daß wir |153 nun so in zwei verschiedenen Ländern uns befinden. Ich will für heute schließen, es sollte auch nur ein kleiner Gruß sein. Grüße Georgs und Lempps, wenn du dahin gehst, und vor Allem auch Hertha. – – – – – Lollo, was jetzt in Gedanken von mir zu dir läuft, weißt du schon. Und so genügt das Wörtlein

Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Der «Ausspracheabend» fand im Evangelischen Diakonissenhaus "Salem" statt.↩
2
Zu Oskar Bauhofers einleitendem Vortrag «Das theologische Problem des Naturrechts» sowie zu Barths kritischer Erwiderung s. ThBl, Jg. 10 (1931), Sp. 23f. 📖 Bauhofer (1897–1976) war nach dem Theologie- und Philosophiestudium in Zürich und Berlin seit 1925 Mitarbeiter Adolf Kellers an der Genfer «Zentralstelle für kirchliche Hilfsaktionen». Seine Konversion zum Katholizismus (1932) kündigte sich in seiner Schrift Das Metareligiöse. Eine kritische Religionsphilosophie, Leipzig 1930 📖, wie auch in seinem Vortrag zum Naturrecht an.↩
3
Tskr.: «das»; Korrektur vom Hrsg.↩
4
= mich.↩
5
Siehe K. Barth, Die Not der evangelischen Kirche, in: ZZ, Jg. 9 (1931), S. 89-122 📖; wieder abgedruckt in: Karl Barth. "Der Götze wackelt". Zeitkritische Aufsätze, Reden und Briefe von 1930-1960, hrsg. von K. Kupisch, Berlin 1961, S. 33-62 📖. Barth hielt diesen Vortrag am 31.1.1931 in Berlin, am 13.2. in Bremen und am 14.2. in Hamburg.↩
6
Siehe unten S. 157, Anm. 1.↩