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Barth an v.K. in München
Mir fällt aufs Gemüt, daß übermorgen ja schon der Wahltag ist in Deutschland.
Gestern sandte Nelly nämlich deine und meine Ausweiskarte zu allfälliger
Verwendung.1
Vielleicht willst und kannst du dich in München doch noch beteiligen, und zu diesem Zweck will ich dir die
Karte schicken. Es ist ja auch sonst allerhand aufgelaufen, was dich
interessieren wird: der Brief von Erica2 mit dem Bericht über das merkwürdige Familienfest auf dem
Bergli (wir zwei bedauern kaum,
nicht dabei gewesen zu sein, oder?), zwei Briefe von Nelly und die Durchschläge meiner
eigenen Briefe3. Die Ökumenen haben mir dann also richtig
noch einmal angeläutet und mich und Kari in ein Bierlokal bestellt, wo K. L. Schmidt, Dibelius (Heidelberg)4, Odenwald (Heidelberg)5, F. Lieb, Schädelin, Gilg6, Gaug|154ler7, Bauhofer versammelt waren. Ich
konnte es ihnen dabei – warum mußten sie mir immer wieder rufen? – nicht
länger verheimlichen, wie wenig ich von ihrem Tun hielte. Ich muß fast annehmen, daß eine gewisse
Verkühlung der Beziehungen zwischen K. L. Schmidt und uns die bleibende Folge dieser
Kampagne sein wird. Zu meinem Erstaunen erfuhr ich dann, daß Deißmann (der samt Söderblom der hiesigen Tagung nur am ersten Tage beiwohnte) noch immer auf meine Antwort
warte. So habe ich ihm am folgenden Morgen den beiliegenden Brief
geschrieben.8 Wie wird sich der kleine Göhler freuen, daß er nun doch auf ein
Jahr nach Schottland darf mit so ausgiebigen Mitteln.9 Es ist ihm wirklich zu gönnen.|
Hältst du meinen Vorschlag an Nelly, das bevorstehende «Vierteljahr» zugleich als ein Vierteljahr des Schweigens zu feiern,
für phantastisch? Ich glaube doch, daß solche kleine Spielregeln eine gewisse
Hilfe sein könnten. Gestern habe ich Trudi einen langen
Spezialbesuch gemacht. Wir haben zuerst Tee getrunken, und sie hat sich als gute
Schwester viel von meinen Erfahrungen und Gedanken erzählen lassen und in ihrer
stillen, teilnehmenden Weise in sich aufgenommen. Nachher war die
Stunde für das Waschen und Speisen des Kindleins, welche Prozedur ich mit
gespanntester Aufmerksamkeit verfolgt und in Konsequenz derer ich heute nacht
intensiv von … dir geträumt
habe. Ja, die Länge der Trennungszeit nimmt zu und im selben Maße die deutliche
Empfindung, daß etwas durchaus nicht in Ordnung sei, was in Ordnung sein sollte.
Gestern abend nach dem üblichen Halma mit Mama habe ich übrigens
ein Bad genommen, konnte infolgedessen nicht schlafen und bin dann noch einmal
aufgestanden, um bis 1 Uhr am Anselm weiterzuarbeiten. Ich bin froh,
daß an die Stelle der Hitze jetzt wieder Regenwetter getreten ist. So schön wie dort im Bergliwald
|155 wird die Sonne dies Jahr ja doch nicht wieder scheinen,
und es ist auch darum besser, so wie es ist, weil dann nicht alle Augenblicke
ein «Gänglein» in Frage kommt.
Übrigens: gestern nachmittag vor dem Besuch bei Trudi war ich mit Mama in
der Stadt und bestellte 1. einen grauen Anzug, dessen Qualitäten Mama nicht
genug rühmen kann, 2. einen schwarzen Hut mit etwas breiterer Krempe als die
bisherigen, der hoffentlich ebenfalls deinen Beifall findet. Der blaue Anzug
wird von demselben Schneider in Be[zug] auf die notwendig gewordenen Breitenmaße
in Ordnung gebracht. Den Stein, den du bei meiner Mutter, bei Kari und
Trudi im Brett hast, kannst du dir nicht dick genug vorstellen. Das
immer wieder festzustellen gehört hier für mich zum Schönsten und darf wirklich
auch für dich als ein Aktivposten in der sonst so betrüblichen Rechnung
ernstlich in Betracht kommen. Eben war Mama übrigens im Zimmer
(sie kommt viel, um nachzusehen, was ich mache, hat mich gekämmt und mir Kragen
und Krawatte in Ordnung gebracht, weil unten der Besuch einer Diakonissin eingetroffen ist,
der der berühmte Herr Professor in bester Form vorgeführt werden soll!) und trug
mir auf, dich zu grüßen.
Wie mag es dir dort weiter gegangen sein? Es mögen jetzt unruhige Tage sein in
München und überall in
Deutschland. Gelt, du hütest dich vor allen einsamen Spaziergängen! Bei Zürich ist in diesen Tagen wieder eine Frau überfallen,
übel behandelt und getötet worden, und
ich glaube nicht so recht, daß eure Isaranlage oder wie das Ding heißt, in dieser Beziehung besser ist
als der Zürichberg10. Und heute steht in
der Zeitung, daß ebenfalls in Zürich ein Straßenbahnunglück geschehen ist, bei dem es
zwei Tote und viele Verletzte gegeben hat.11
Wie werde ich froh sein, wenn ich dich erst sicher wieder neben mir in der Vatikanstadt12 habe, wo ich wenigstens dabei sein kann, wenn es |156 dir nicht gut geht. Verlaufen deine Zahnoperationen
normal, und wie verhält es sich mit derjenigen kritischen Stelle in deinem
Organismus, die auf meine Anwesenheit so feindselig zu reagieren pflegt??
Bitte gib mir über Alles genauen Bericht. Ach du, die große
Lolloabwesenheitsunruhe kommt immer mehr über mich in jeder Beziehung. Es ist wirklich wahr, daß man
kaum acht Tage getrennt zu sein braucht, um aufs Neue und viel besser als vorher
zu wissen, was man aneinander hat. «Man» sage ich – und denk’ dabei doch, daß es
für dich gewiß sehr wohltätig ist, einmal eine Zeit lang nicht von mir bedrängt
und in Anspruch genommen zu sein. Was ich heute nacht von dir geträumt habe? Nein, das geht nicht aufs
Papier, und du brauchst überhaupt nicht Alles zu wissen …!
A wa! …
Georg magst du grüßen und ihm
von meinen Sachen mitteilen, was du für richtig hältst.