Brief Nr. 75 · 12. September 1930

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Du liebe Lollo!

Mir fällt aufs Gemüt, daß übermorgen ja schon der Wahltag ist in Deutschland. Gestern sandte Nelly nämlich deine und meine Ausweiskarte zu allfälliger Verwendung.1 Vielleicht willst und kannst du dich in München doch noch beteiligen, und zu diesem Zweck will ich dir die Karte schicken. Es ist ja auch sonst allerhand aufgelaufen, was dich interessieren wird: der Brief von Erica2 mit dem Bericht über das merkwürdige Familienfest auf dem Bergli (wir zwei bedauern kaum, nicht dabei gewesen zu sein, oder?), zwei Briefe von Nelly und die Durchschläge meiner eigenen Briefe3. Die Ökumenen haben mir dann also richtig noch einmal angeläutet und mich und Kari in ein Bierlokal bestellt, wo K. L. Schmidt, Dibelius (Heidelberg)4, Odenwald (Heidelberg)5, F. Lieb, Schädelin, Gilg6, Gaug|154ler7, Bauhofer versammelt waren. Ich konnte es ihnen dabei – warum mußten sie mir immer wieder rufen? – nicht länger verheimlichen, wie wenig ich von ihrem Tun hielte. Ich muß fast annehmen, daß eine gewisse Verkühlung der Beziehungen zwischen K. L. Schmidt und uns die bleibende Folge dieser Kampagne sein wird. Zu meinem Erstaunen erfuhr ich dann, daß Deißmann (der samt Söderblom der hiesigen Tagung nur am ersten Tage beiwohnte) noch immer auf meine Antwort warte. So habe ich ihm am folgenden Morgen den beiliegenden Brief geschrieben.8 Wie wird sich der kleine Göhler freuen, daß er nun doch auf ein Jahr nach Schottland darf mit so ausgiebigen Mitteln.9 Es ist ihm wirklich zu gönnen.|

Hältst du meinen Vorschlag an Nelly, das bevorstehende «Vierteljahr» zugleich als ein Vierteljahr des Schweigens zu feiern, für phantastisch? Ich glaube doch, daß solche kleine Spielregeln eine gewisse Hilfe sein könnten. Gestern habe ich Trudi einen langen Spezialbesuch gemacht. Wir haben zuerst Tee getrunken, und sie hat sich als gute Schwester viel von meinen Erfahrungen und Gedanken erzählen lassen und in ihrer stillen, teilnehmenden Weise in sich aufgenommen. Nachher war die Stunde für das Waschen und Speisen des Kindleins, welche Prozedur ich mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgt und in Konsequenz derer ich heute nacht intensiv von … dir geträumt habe. Ja, die Länge der Trennungszeit nimmt zu und im selben Maße die deutliche Empfindung, daß etwas durchaus nicht in Ordnung sei, was in Ordnung sein sollte. Gestern abend nach dem üblichen Halma mit Mama habe ich übrigens ein Bad genommen, konnte infolgedessen nicht schlafen und bin dann noch einmal aufgestanden, um bis 1 Uhr am Anselm weiterzuarbeiten. Ich bin froh, daß an die Stelle der Hitze jetzt wieder Regenwetter getreten ist. So schön wie dort im Bergliwald |155 wird die Sonne dies Jahr ja doch nicht wieder scheinen, und es ist auch darum besser, so wie es ist, weil dann nicht alle Augenblicke ein «Gänglein» in Frage kommt. Übrigens: gestern nachmittag vor dem Besuch bei Trudi war ich mit Mama in der Stadt und bestellte 1. einen grauen Anzug, dessen Qualitäten Mama nicht genug rühmen kann, 2. einen schwarzen Hut mit etwas breiterer Krempe als die bisherigen, der hoffentlich ebenfalls deinen Beifall findet. Der blaue Anzug wird von demselben Schneider in Be[zug] auf die notwendig gewordenen Breitenmaße in Ordnung gebracht. Den Stein, den du bei meiner Mutter, bei Kari und Trudi im Brett hast, kannst du dir nicht dick genug vorstellen. Das immer wieder festzustellen gehört hier für mich zum Schönsten und darf wirklich auch für dich als ein Aktivposten in der sonst so betrüblichen Rechnung ernstlich in Betracht kommen. Eben war Mama übrigens im Zimmer (sie kommt viel, um nachzusehen, was ich mache, hat mich gekämmt und mir Kragen und Krawatte in Ordnung gebracht, weil unten der Besuch einer Diakonissin eingetroffen ist, der der berühmte Herr Professor in bester Form vorgeführt werden soll!) und trug mir auf, dich zu grüßen.

Wie mag es dir dort weiter gegangen sein? Es mögen jetzt unruhige Tage sein in München und überall in Deutschland. Gelt, du hütest dich vor allen einsamen Spaziergängen! Bei Zürich ist in diesen Tagen wieder eine Frau überfallen, übel behandelt und getötet worden, und ich glaube nicht so recht, daß eure Isaranlage oder wie das Ding heißt, in dieser Beziehung besser ist als der Zürichberg10. Und heute steht in der Zeitung, daß ebenfalls in Zürich ein Straßenbahnunglück geschehen ist, bei dem es zwei Tote und viele Verletzte gegeben hat.11 Wie werde ich froh sein, wenn ich dich erst sicher wieder neben mir in der Vatikanstadt12 habe, wo ich wenigstens dabei sein kann, wenn es |156 dir nicht gut geht. Verlaufen deine Zahnoperationen normal, und wie verhält es sich mit derjenigen kritischen Stelle in deinem Organismus, die auf meine Anwesenheit so feindselig zu reagieren pflegt?? Bitte gib mir über Alles genauen Bericht. Ach du, die große Lolloabwesenheitsunruhe kommt immer mehr über mich in jeder Beziehung. Es ist wirklich wahr, daß man kaum acht Tage getrennt zu sein braucht, um aufs Neue und viel besser als vorher zu wissen, was man aneinander hat. «Man» sage ich – und denk’ dabei doch, daß es für dich gewiß sehr wohltätig ist, einmal eine Zeit lang nicht von mir bedrängt und in Anspruch genommen zu sein. Was ich heute nacht von dir geträumt habe? Nein, das geht nicht aufs Papier, und du brauchst überhaupt nicht Alles zu wissen …!

A wa! …

Dein
K.

Georg magst du grüßen und ihm von meinen Sachen mitteilen, was du für richtig hältst.

Sachfußnoten

1
Barth erhielt 1925 als preußischer Beamter gemeinsam mit seiner Familie neben der bestehen bleibenden schweizerischen auch "die preußische, d. h. deutsche, Staatsbürgerschaft" (vgl. Neuser, S. 63f. 📖; Busch, S. 202 📖).↩
2
Brief vom 8.9.1930 (KBA 9330.492).↩
3
Briefe an E. Küppers, A. Göhler und A. Deißmann vom 11.9.1930 (KBA 9230.225, KBA 9230.226, KBA 9230.227).↩
4
Martin Dibelius (1883–1947), seit 1915 Professor für Neues Testament in Heidelberg.↩
5
Theodor Odenwald (1889–1970), 1923-1928 Privatdozent, 1928 a. o. Professor, 1929-1945 o. Professor für Systematische Theologie in Heidelberg.↩
6
Arnold Gilg (1887–1967), 1921-1941 o. Professor für Dogmatik, Dogmengeschichte und Ethik, 1941-1957 für Kirchen-und Dogmengeschichte an der christkatholischen-theologischen Fakultät in Bern.↩
7
Ernst Gaugler (1891–1963), seit 1924 Professor für Neues Testament an der christkatholischen-theologischen Fakultät Bern.↩
8
Siehe oben S. 150, Anm. 14. Barth bat Deißmann am 11.9.1930, «von meiner Hinzuziehung lieber absehen zu wollen» (KBA 9230.227).↩
9
Alfred Ernst Göhler (1907–1985), 1930 Erstes Theologisches Examen, im Juli 1933 ordiniert, 1937-1970 Pfarrer der reformierten Gemeinde in Emden, hatte ein Stipendium für Edinburgh erhalten.↩
10
Spazier- und Wandergebiet in Zürich.↩
11
Am 10.9.1930 entliefen im damaligen Straßenbahndepot Fluntern drei zusammengekuppelte, unbesetzte Anhängerwagen, rasten ungebremst die abschüssige Strecke talwärts und prallten auf einen stark besetzten Straßenbahnzug. Der Unfall forderte zwei Todesopfer sowie mehrere z. T. Schwerverletzte (Mitteilung der Verkehrsbetriebe Zürich vom 25.8.2005). Im Zürcher "Tagesanzeiger" vom 12.9.1930 wurde berichtet, daß es sich bei dem zweiten Todesopfer um eine junge Frau aus Bayern gehandelt habe.↩
12
Scherzhafte Bezeichnung für Barths und von Kirschbaums miteinander verbundene Arbeitszimmer.↩