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Barth an v.K. in
München
Ich habe gestern so sehr auf deinen Brief gewartet, aber dann kam er, und ich
bin so froh darüber. Von Nelly habe ich seit dem letzten Brief keine Nachrichten mehr, und
ich weiß nicht, wie ich das Zeichen deuten soll. Ob sie meinen Vorschlag betr.
des «Schweigens» als einen neuen Unterdrückungsversuch aufgefaßt hat?
Meine Mutter sagte mir erst nachträglich, daß Nelly in den Stunden, die sie hier
mit ihr verbrachte, doch wieder heftig an dem Vierteljahrsplan
gerüttelt und ihr sogar aufgetragen habe, mir das zu sagen. Darauf war mein
Brief an sie nun allerdings keine Antwort, sondern hat vielleicht aufs Neue
aufreizend gewirkt. Aber ich hätte ihr ja vielleicht doch nur das antworten
können. Daß du am Sonntag nicht gewählt hast, verstehe ich, so wie
die Dinge dort für dich lagen, nur zu gut. Ich wollte dir mit der Zusendung |157 der Karte ja nur die Möglichkeit geben. Das Resultat
finde ich übrigens katastrophal.1 Die Deinigen
werden ja auch bei den 6 Millionen gewesen sein, die nun von diesem
Theaterpolitiker Hitler das
Heil erwarten. Was soll man zu dem allem sagen? Es wäre vielleicht doch –
nicht besser, aber der tatsächlichen Verfassung der Deutschen angemessener, wenn
die Hohenzollern und Wittelsbacher, deinem einstigen Heilruf entsprechend, noch da wären
und Micheln2 die Mühe und Versuchung, sich mit Politik zu befassen, in
der Hauptsache abnähmen.
Nein, ich werde nun trotz Georg
und Eduard nicht aufs
Bergli eilen. Es ist dort
mit dir so schön gewesen, daß ich es nicht darauf
ankommen lassen möchte, nun ohne dich zum Schluß noch weniger schöne Tage zu
haben. Und überdies bin ich nun hier aufs Beste beschäftigt. Denn, denk, Lollo,
denk, gestern abend ist, nachdem ich nun sozusagen den ganzen Anselm gelesen, die
Ausarbeitung plötzlich in Fluß gekommen, so daß, wenn du wieder zu mir kommst (ach du, du kommst ja
wieder zu mir!) mindestens ein großer Teil, wenn nicht das Ganze diktatreif
vorliegen wird. Ich werde nun diese Woche noch möglichst intensiv ausnützen, und
hoffentlich kommen, besonders von Nelly her, keine Aufregungen
dazwischen.
Am Sonntag, während du den kleinen Nold3 hörtest (wie mag
nachmittags dein Vetter4
gewesen sein?), war ich in der Friedenskirche bei Hubacher5 und nachher beim Abendmahl. Er hat eine sehr gedie|158gene und kluge, wenn auch mehr lebensnahe als
bibelmäßige Predigt gehalten,
entschieden besser als das, was ich am vorigen Sonntag bei Schädelin hörte. Heute abend bin ich übrigens
bei Hubacher zum Nachtessen,
morgen abend mit den Altkatholiken Gilg und Gaugler bei Lindts.
Kari hielt gestern abend
einen Vortrag im hiesigen Pfarrverein über Augustin. Ich wollte auch hingehen, habe
es dann aber unterlassen, weil eben der Geist der Produktion über mich selbst gekommen war.
Dafür ist der wiederum eingetroffene Peter hingegangen. Mit ihm habe ich nachher bis um 2 Uhr ein
Nachtgespräch über «uns» gehabt. Er sprach mit guter
Teilnahme, aber mit einem etwas naiv erklärten Willen zur «Neutralität» und
z. T. in etwas primitiven Kategorien. Anfangs zeigte er viel Neigung, für das
innere und höhere Recht von Nellys Wiedereroberungsversuchen
einzutreten. Er war dabei sichtlich und auch ausgesprochen zum guten Teil das
Sprachrohr von Frau Lenchen, und aus
deren mir mitgeteilten Gedanken ging deutlich hervor, daß sie nicht zum
Wenigsten aus der natürlichen Solidarität der barthischen – besonders auch
meiner Mutter gegenüber kritischen und von ihr kritisierten –
Schwiegertöchter heraus denkt und argumentiert. Zwischen Madiswil und der Schwarztorstraße6 herrscht ja auch nicht eitel
Einvernehmen, sondern allerlei stille, aber saftige Spannungen, und so sehen die
Madiswiler nun auch so etwas wie einen zwischen meiner Mutter, Lindts, mir und den
Freunden bestehenden Ring, dem gegenüber sie sich instinktiv auf Nellys Seite
stellen. Es kommt dazu, daß Lenchen und ich nie
gerade übermäßig viel für einander übrig hatten. So ertönten also zunächst Töne, die Nelly überaus
wohlgetan und dann sicher nicht zum Guten gewirkt hätten, wenn sie sie gehört
hätte. Vielleicht kann es ihr ja gelegentlich in ungefährlicher Weise zum Trost
werden, wenn sie gewahr wird, daß sie doch auch in unserer Familie so etwas wie
eine «Partei» hat, wie sie es sich ja wünscht. Immerhin, Peter ist doch zu gescheit, als daß er dann nicht
auch hingehört hätte, als ich ihm die andere Seite der Sache und vor Allem den
Ernst der ganzen Situation – den sie sich wohl in Madiswil in ihrem Frakturdenken nicht klar gemacht
hatten – vor Augen stellte. Sie hatten wohl bisher ein bißchen Alles im Licht
der |159 berühmten «edlen Freundschaft» gesehen und
insbesondere deine
Bedrängnis bzw.
ihre Vitalität nicht so recht in Rechnung gestellt, sondern nur das gesehen, daß
da Nelly in die
Ecke gedrückt werde. Nun, ich habe dann auch lange geredet und hoffe schon, daß
sie wenigstens noch weiter über Alles nachdenken und einsehen, daß «Neutralität»
vielleicht weder die tiefsinnigste noch die praktischste Formel ist für die in
der Tat offene und freundliche Teilnahme, mit der sie uns begleiten wollen.
K. Lindt hielt es
übrigens im Blick auf drohende Folgen der ertönten Posaunenstimme der Frau Lieb für richtig,
mit Schädelin über «uns» zu
reden. Sch., der mich ja
auch instinktiv von jeher nicht so recht mochte, jedenfalls mehr bewunderte als
liebte, soll zuerst auch ein ergrimmtes: Aha, da hat man’s! von sich gegeben haben, dann
aber seinerseits still geworden sein. Peter legt übrigens großes Gewicht auf den
im Fall einer Scheidung in der theologischen Welt drohenden immensen Skandal. Ich sagte ihm, daß wir das
auch bedächten und dieser Form der Entscheidung aus allen Kräften aus dem Weg
gehen wollten, daß wir aber in diesen fünf Jahren genug durchgemacht hätten, um
über die verschiedenen Eventualitäten bei allem Ernst ruhiger zu denken und
Weltuntergänge nicht ins Auge zu fassen. – Ja, Lollo, so zerbrechen sich mit der
Zeit immer mehr Leute den Kopf über uns. Es wird ja Alles seine Zeit haben, aber
vorläufig werden wir uns das gefallen lassen müssen.
Ich verreise also am Montag von hier und werde wohl schon am Dienstag abend in
Bonn eintreffen, weil Heiner am Samstag
hier eintrifft und ich also in Basel nur mit Eduard zusammen sein werde. Nimm du dir den
Freitag als Reisetag vor. So wird es ungefähr recht sein.
Schreib mir doch bald wieder. Ich habe es ja gut hier und bin doch oft so
traurig und trostbedürftig. Schreibe mir auch, wie es deinen Zähnlein und deinem
B…lein weiter geht. Es ist in der Ferne noch beunruhigender als in
der Nähe, dich leidend zu wissen, und ich habe oft so Angst, es könnte eines
Tages plötzlich eine schwere schleichende Krankheit bei dir zum Ausbruch kommen
und dich mir wegnehmen. Gelt, du trägst Sorge zu dir und tust Alles, was du
vernünftiger Weise tun mußt, um, trotz aller Schwierigkeit des Lebens, deinen
ferneren regelmäßigen Aufbau sicherzustellen, d. h. auch für Reserven zu sorgen.
Ach du, was machst du mir auch für Kummer!
160Aber doch noch viel mehr Freude. Ich will lieber aufhören. Man kann das doch
nicht so tippen, was jetzt noch zu sagen wäre. Gelt, du hast meinem letzten
Brief gar nicht angemerkt und merkst es auch diesem nicht an, wie l…?
«Ja – so is es!7»
Es wäre doch gut, wenn du in nicht zu ferner Zeit meiner Mutter einmal schreiben würdest.