Brief Nr. 76 · 15. September 1930

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

156

76

Du liebe Lollo!

Ich habe gestern so sehr auf deinen Brief gewartet, aber dann kam er, und ich bin so froh darüber. Von Nelly habe ich seit dem letzten Brief keine Nachrichten mehr, und ich weiß nicht, wie ich das Zeichen deuten soll. Ob sie meinen Vorschlag betr. des «Schweigens» als einen neuen Unterdrückungsversuch aufgefaßt hat? Meine Mutter sagte mir erst nachträglich, daß Nelly in den Stunden, die sie hier mit ihr verbrachte, doch wieder heftig an dem Vierteljahrsplan gerüttelt und ihr sogar aufgetragen habe, mir das zu sagen. Darauf war mein Brief an sie nun allerdings keine Antwort, sondern hat vielleicht aufs Neue aufreizend gewirkt. Aber ich hätte ihr ja vielleicht doch nur das antworten können. Daß du am Sonntag nicht gewählt hast, verstehe ich, so wie die Dinge dort für dich lagen, nur zu gut. Ich wollte dir mit der Zusendung |157 der Karte ja nur die Möglichkeit geben. Das Resultat finde ich übrigens katastrophal.1 Die Deinigen werden ja auch bei den 6 Millionen gewesen sein, die nun von diesem Theaterpolitiker Hitler das Heil ­erwarten. Was soll man zu dem allem sagen? Es wäre vielleicht doch – nicht besser, aber der tatsächlichen Verfassung der Deutschen angemessener, wenn die Hohenzollern und Wittelsbacher, deinem einstigen Heilruf entsprechend, noch da wären und Micheln2 die Mühe und Versuchung, sich mit Politik zu befassen, in der Hauptsache abnähmen.

Nein, ich werde nun trotz Georg und Eduard nicht aufs Bergli eilen. Es ist dort mit dir so schön gewesen, daß ich es nicht darauf ankommen lassen möchte, nun ohne dich zum Schluß noch weniger schöne Tage zu haben. Und überdies bin ich nun hier aufs Beste beschäftigt. Denn, denk, Lollo, denk, gestern abend ist, nachdem ich nun sozusagen den ganzen Anselm gelesen, die Ausarbeitung plötzlich in Fluß gekommen, so daß, wenn du wieder zu mir kommst (ach du, du kommst ja wieder zu mir!) mindestens ein großer Teil, wenn nicht das Ganze diktatreif vorliegen wird. Ich werde nun diese Woche noch möglichst intensiv ausnützen, und hoffentlich kommen, besonders von Nelly her, keine Aufregungen dazwischen.

Am Sonntag, während du den kleinen Nold3 hörtest (wie mag nachmittags dein Vetter4 gewesen sein?), war ich in der Friedenskirche bei Hubacher5 und nachher beim Abendmahl. Er hat eine sehr gedie|158gene und kluge, wenn auch mehr lebensnahe als bibelmäßige Predigt gehalten, entschieden besser als das, was ich am vorigen Sonntag bei Schädelin hörte. Heute abend bin ich übrigens bei Hubacher zum Nachtessen, morgen abend mit den Altkatholiken Gilg und Gaugler bei Lindts.

Kari hielt gestern abend einen Vortrag im hiesigen Pfarrverein über Augustin. Ich wollte auch hingehen, habe es dann aber unterlassen, weil eben der Geist der Produktion über mich selbst gekommen war. Dafür ist der wiederum eingetroffene Peter hingegangen. Mit ihm habe ich nachher bis um 2 Uhr ein Nachtgespräch über «uns» gehabt. Er sprach mit guter Teilnahme, aber mit einem etwas naiv erklärten Willen zur «Neutralität» und z. T. in etwas primitiven Kategorien. Anfangs zeigte er viel Neigung, für das innere und höhere Recht von Nellys Wiedereroberungsversuchen einzutreten. Er war dabei sichtlich und auch ausgesprochen zum guten Teil das Sprachrohr von Frau Lenchen, und aus deren mir mitgeteilten Gedanken ging deutlich hervor, daß sie nicht zum Wenigsten aus der natürlichen Solidarität der barthischen – besonders auch meiner Mutter gegenüber kritischen und von ihr kritisierten – Schwiegertöchter heraus denkt und argumentiert. Zwischen Madiswil und der Schwarztorstraße6 herrscht ja auch nicht eitel Einvernehmen, sondern allerlei stille, aber saftige Spannungen, und so sehen die Madiswiler nun auch so etwas wie einen zwischen meiner Mutter, Lindts, mir und den Freunden bestehenden Ring, dem gegenüber sie sich instinktiv auf Nellys Seite stellen. Es kommt dazu, daß Lenchen und ich nie gerade übermäßig viel für einander übrig hatten. So ertönten also zunächst Töne, die Nelly überaus wohlgetan und dann sicher nicht zum Guten gewirkt hätten, wenn sie sie gehört hätte. Vielleicht kann es ihr ja gelegentlich in ungefährlicher Weise zum Trost werden, wenn sie gewahr wird, daß sie doch auch in unserer Familie so etwas wie eine «Partei» hat, wie sie es sich ja wünscht. Immerhin, Peter ist doch zu gescheit, als daß er dann nicht auch hingehört hätte, als ich ihm die andere Seite der Sache und vor Allem den Ernst der ganzen Situation – den sie sich wohl in Madiswil in ihrem Frakturdenken nicht klar gemacht hatten – vor Augen stellte. Sie hatten wohl bisher ein bißchen Alles im Licht der |159 berühmten «edlen Freundschaft» gesehen und insbesondere deine Bedrängnis bzw. ihre Vitalität nicht so recht in Rechnung gestellt, sondern nur das gesehen, daß da Nelly in die Ecke gedrückt werde. Nun, ich habe dann auch lange geredet und hoffe schon, daß sie wenigstens noch weiter über Alles nachdenken und einsehen, daß «Neutralität» vielleicht weder die tiefsinnigste noch die praktischste Formel ist für die in der Tat offene und freundliche Teilnahme, mit der sie uns begleiten wollen. K. Lindt hielt es übrigens im Blick auf drohende Folgen der ertönten Posaunenstimme der Frau Lieb für richtig, mit Schädelin über «uns» zu reden. Sch., der mich ja auch instinktiv von jeher nicht so recht mochte, jedenfalls mehr bewunderte als liebte, soll zuerst auch ein ergrimmtes: Aha, da hat man’s! von sich gegeben haben, dann aber seinerseits still geworden sein. Peter legt übrigens großes Gewicht auf den im Fall einer Scheidung in der theologischen Welt drohenden immensen Skandal. Ich sagte ihm, daß wir das auch bedächten und dieser Form der Entscheidung aus allen Kräften aus dem Weg gehen wollten, daß wir aber in diesen fünf Jahren genug durchgemacht hätten, um über die verschiedenen Eventualitäten bei allem Ernst ruhiger zu denken und Weltuntergänge nicht ins Auge zu fassen. – Ja, Lollo, so zerbrechen sich mit der Zeit immer mehr Leute den Kopf über uns. Es wird ja Alles seine Zeit haben, aber vorläufig werden wir uns das gefallen lassen müssen.

Ich verreise also am Montag von hier und werde wohl schon am Dienstag abend in Bonn eintreffen, weil Heiner am Samstag hier eintrifft und ich also in Basel nur mit Eduard zusammen sein werde. Nimm du dir den Freitag als Reisetag vor. So wird es ungefähr recht sein.

Schreib mir doch bald wieder. Ich habe es ja gut hier und bin doch oft so traurig und trostbedürftig. Schreibe mir auch, wie es deinen Zähnlein und deinem B…lein weiter geht. Es ist in der Ferne noch beunruhigender als in der Nähe, dich leidend zu wissen, und ich habe oft so Angst, es könnte eines Tages plötzlich eine schwere schleichende Krankheit bei dir zum Ausbruch kommen und dich mir wegnehmen. Gelt, du trägst Sorge zu dir und tust Alles, was du vernünftiger Weise tun mußt, um, trotz aller Schwierigkeit des Lebens, deinen ferneren regelmäßigen Aufbau sicherzustellen, d. h. auch für Reserven zu sorgen. Ach du, was machst du mir auch für Kummer!

160Aber doch noch viel mehr Freude. Ich will lieber aufhören. Man kann das doch nicht so tippen, was jetzt noch zu sagen wäre. Gelt, du hast meinem letzten Brief gar nicht angemerkt und merkst es auch diesem nicht an, wie l…?

«Ja – so is es!7»

Dein
K.

Es wäre doch gut, wenn du in nicht zu ferner Zeit meiner Mutter einmal schreiben würdest.

Sachfußnoten

1
Nach Auflösung des Reichstages durch Reichskanzler Heinrich Brüning im Juli kam es am 14.9.1930 zu Neuwahlen, bei denen die NSDAP mit 6,407 Millionen Stimmen (18,3%) ihre bisherige Mandatszahl fast verneunfachen konnte (107 statt bisher 12).↩
2
Anspielung auf "den deutschen Michel", der ­- seit Beginn des 19. Jahrhunderts als Karikatur mit einer Zipfel- oder Nachtmütze dargestellt ­- eine wenig erfreuliche Vorstellung vom Wesen des deutschen Bürgers abgab (vgl. Büchmann, S. 427 📖).↩
3
Karl Nold (1903–1942), Student bei Barth in Göttingen, neben H. Zeltner und W. Trillhaas einer der von Barth «besonders geliebten Bayern» (Busch, S. 145 📖), die er in einem Rundbrief vom 7.6.1925 als «mein Stolz und meine Krone» bezeichnete (Bw.Th. II., S. 329 📖; vgl. W. von Loewenich, Erlebte Theologie. Begegnungen. Erfahrungen. Erwägungen, München 1979, S. 47 📖), war damals Stadtvikar an der St. Matthäus-Kirche in München, ab 1931 Pfarrer in Nördlingen, ab 1936 in München.↩
4
Nicht ermittelt.↩
5
Ernst Hubacher (1888–1963), Schüler von L. Ragaz, 1912-1922 Pfarrer in Grenchen (Kt. Solothurn), 1922-1952 in Bern, 1919 Eintritt in die SPS.↩
6
Wohnsitz der Familie Lindt in Bern.↩
7
Eine von Gertrud Staewen gern gebrauchte Wendung, die mit der mundartlich-unvollständigen Verbform eine Redensart Barths und von Kirschbaums wurde.↩