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Barth an v.K. in München
Dies soll nun auch der letzte Brief vom Gurten2 werden. Es ist ein tröstlicher Gedanke, daß wir heute in acht
Tagen um diese Zeit wahrscheinlich eben ganz friedlich in unserem Studierzimmer
beieinander sind, allerlei aufräumen und ordnen, z. B. die Lutherausgabe3, oder wer weiß, auf eben diesem Maschinlein, das ich jetzt
einsam bediene, deine Fingerlein in Bewegung sind, um tiefsinnige Worte, die ich
dir vorsage, festzuhalten. Von Nelly kam heute endlich diese
Postkarte, die offenbar noch vor Empfang des beiliegenden Briefes von mir
abgegangen ist. Wenn eine neue Störung die Ursache des langen Schweigens war, so
scheint sie jedenfalls vorläufig behoben und also unserem gemeinsamen
Wiedereinzug nichts Akutes gegenüberzustehen. Du |161
schreibst mir dann jedenfalls noch genau den Zug, mit dem du in Bonn ankommst, damit ich dich abholen
kann. Ich werde ja so froh sein, wenn du nur wieder bei mir bist, und so schnell
wollen wir uns nun nicht mehr trennen. Das Anselmmanuskript4 wird hier leider nicht fertig werden, ich fürchte nicht
einmal der erste Teil (eine umfassende Darstellung des credo ut intelligam im
Allgemeinen – der zweite soll dann den Beweis selber behandeln). Ich habe eben
nun doch so viel gelesen, daß sich die Fülle der Gesichte5 geradezu
unangenehm bemerkbar macht, und im Einzelnen muß ich mich doch von Punkt zu
Punkt sehr mühsam durchkämpfen, um Alles recht und vollständig und klar zu
sagen. Also Anselm
wird noch für eine Weile auf der Tagesordnung sein, bevor Marburg6 und das nahende
Semester mit seinen besonderen Sorgen an die Reihe kommt. Ich könnte mich ja
ohrfeigen, daß bei mir Alles so schwerfällig und umständlich vor sich geht. Auf dem geblümten Sofa,
dessen du gedenkst, lagen die ganze Zeit meine Bücher, um von meinem Sitz aus
griffbereit zu sein.|
Heute abend will Mama nun bereits einen
meiner Koffer packen. Sie ist als Vertreterin des «anderen» Systems dringend
dafür, daß ich ihn auf die Bahn gebe, was dann heute abend noch geschehen soll,
wenn wir Heiner
abholen, der um 9 Uhr hieherkommt. Denk, seine Chancen in Basel stehen, wie mir
Eduard neulich
telephonierte, nicht gut, so daß er vielleicht einer weiteren schweren
Entmuti|162gung entgegengeht.7 Gestern
abend habe ich Mama
Rudis
Reisebericht8 zu lesen gegeben und ihr dann
nachher über allerhand, wonach sie in Be[zug] auf das Bergli längst neugierig war, so gut es ging, Auskunft
gegeben. Sie konnte natürlich an dem Reisebericht nicht ganz reine Freude haben.
Warum mein Freund so ausgesprochen «irdisch» gerichtet, auf hübsche
Frauengesichter und gute Speisen und Getränke bedacht sei? Warum er an der
sozialen Not als an etwas ästhetisch Unerfreulichem vorübereile?
Was er denn wohl eigentlich aus meinem Römerbrief sich
angeeignet habe? Ich konnte ja wirklich auch nur teilweise antworten, und unsere
bekannte Redeweise, der Freund sei nun einmal so dran, beruhigte sie nur halb. Am
deutlichsten wurde ich ihr wohl, als ich ihr Rudis Wesen als
faustisches beschrieb und dazu die reife Weisheit des Alters, die bei ihm auf
das alles sicher folgen werde. Ganz glaubwürdig kam ich mir dabei selber nicht
vor. Aber das Gespräch verlief durchaus in der freundlich gelösten Weise wie
jetzt alle Gespräche mit Mama, und so glaube ich,
daß es schließlich doch richtiger war, sie einmal konkret hineinsehen zu lassen
und ihren heftig um uns alle kreisenden Gedanken wenigstens einige der
Wirklichkeit entsprechende Anhaltspunkte zu geben. Köstlich war übrigens das von
Mama in Bonn gewonnene Bild
von … Line Merz, das bei diesem Anlaß an den Tag kam: eine dicke, bequeme,
schläfrige deutsche Madam, an der sie aber auch gar nichts Anziehendes finden
könne. Ja, wie verschieden spiegeln sich doch die Menschen einer in den Augen
des anderen, und wie gut ist es doch, daß es dabei im besten Fall zu «irgendwie»
nicht unzutreffenden Momentaufnahmen kommt, während den ganzen Film zu sehen und
zu beurteilen niemand zukommt.|
163 Zum Falle Peter ist noch dieses
nachzutragen: Nach seiner Abreise kam an den Tag, daß Frau Lenchen in irgend
einer Tendenz von Wichtigtuerei oder was weiß ich
die Absicht habe oder (das ist noch nicht heraus) schon ausgeführt habe, ihre
Eltern in Marburg
über «uns» zu informieren!!
Mama
hat ihr dann sofort einen entsetzten kleinen Brief geschrieben, auf den bis
jetzt keine Antwort erfolgte. Die Sache bedeutet groben Unfug, weil Mama
Peter, als sie ihm davon
erzählte, in aller Form zum Schweigen (natürlich mit der für den Ehemann
selbstverständlichen Ausnahme) verpflichtet hatte. Es bestand wirklich Grund,
diese Guten so lange nicht ins
Vertrauen zu ziehen, und es wäre wohl besser auch jetzt nicht geschehen. Sie
benehmen sich irgendwie unreif in dieser Angelegenheit: auch darin, daß sie, im
Eifer, Nellys
schwierige Stellung zu erklären, unter Zurückgreifen auf uralte Vorgänge
zwischen Mama und Lenchen versuchen,
Mama als wahrscheinlich mitschuldig an der ihnen, wie sie sagen,
schon in Safenwil aufgefallenen
Bedrohung meiner Ehe hinzustellen – ein Ausgraben eigener alter Essigflaschen, das
nun wirklich auf keinen Fall zum Guten dienen kann, Mama weh tut und das Hin-
und Herreden nur kompliziert. Wobei wirklich Lenchen das
Karnickel ist, denn Mama sagt, daß Peter selbst anfänglich, als sie
mit ihm über Alles sprach (vor den offenbar in Madiswil gepflogenen Ehepaargesprächen), ganz anders
sich gestellt habe. Auch für ihre Aversion gegen Lindts scheinen die Madiswiler aus diesem Fall neue Nahrung gezogen zu
haben. Die Guten! Sie meinen es ja nicht schlimm, aber sie erweisen sich aufs
Neue als ungemein tappig. Ja, Lollo, so sieht man überall «Herzen im Dreivierteltakt»9
sich bewegen. Vielleicht sollte ich dir das alles gar nicht erzählen. Aber du
wirst es dir ja nicht zum inneren Unfrieden dienen lassen. An uns selbst kommt
es wirklich nicht mehr heran.
Morgen ist eidgenössischer Bettag10. Wir werden am
Abend Kari predigen
hören und nachher wohl noch einmal bei ihnen sein. Am Montag in der Frühe
erfolgt dann mein Aufbruch.
164 Nun will ich mich noch einmal Anselm zuwenden. Es bedeutet wirklich keine Abwendung von dir. Wie
viel habe ich in diesem Stüblein an dich gedacht und immer in großer Liebe! –
Ich sehe eben, daß dieser Brief wirklich nicht eben gehaltvoll ist. Gelt, du
nimmst ihn nun auch so hin. Du weißt schon ….11!
Ob wohl Schölzlein
ebenso fleißig an seinem
Anselm ist, damit
man dann, wenn ich fertig bin, das Büchlein12 auch
drucken kann? Wenn du irgendwie ohnehin das Bedürfnis haben solltest, dich
nach seinem Ergehen zu erkundigen, so fügst du vielleicht eine kleine
Anfrage in dieser Hinsicht hinzu. Ich mußte übrigens neulich den beiden
Altkatholiken13, die Schölzleins Bücher kennen, ausführlich von ihm erzählen. Das
Schönste und Dramatischste war leider nicht zu erzählen.14
Hubacher sagte mir,
etwas vom besten in meinem hl. Geist-Vortrag15 seien die ausgezeichnet
ausgewählten Lutherzitate.
Ich murmelte dann beschämt, die seien von meiner ausgezeichneten Sekretärin ausgewählt,
worauf er dringend fragte, was das für ein selten begabtes und geschultes
Wesen sei, worauf ich
nur noch etwas ganz Unartikuliertes murmeln konnte ….!16