Brief Nr. 77 · 20. September 1930

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Du liebe Lollo!

Dies soll nun auch der letzte Brief vom Gurten2 werden. Es ist ein tröstlicher Gedanke, daß wir heute in acht Tagen um diese Zeit wahrscheinlich eben ganz friedlich in unserem Studierzimmer beieinander sind, allerlei aufräumen und ordnen, z. B. die Lutherausgabe3, oder wer weiß, auf eben diesem Maschinlein, das ich jetzt einsam bediene, deine Fingerlein in Bewegung sind, um tiefsinnige Worte, die ich dir vorsage, festzuhalten. Von Nelly kam heute endlich diese Postkarte, die offenbar noch vor Empfang des beiliegenden Briefes von mir abgegangen ist. Wenn eine neue Störung die Ursache des langen Schweigens war, so scheint sie jedenfalls vorläufig behoben und also unserem gemeinsamen Wiedereinzug nichts Akutes gegenüberzustehen. Du |161 schreibst mir dann jedenfalls noch genau den Zug, mit dem du in Bonn ankommst, damit ich dich abholen kann. Ich werde ja so froh sein, wenn du nur wieder bei mir bist, und so schnell wollen wir uns nun nicht mehr trennen. Das Anselmmanuskript4 wird hier leider nicht fertig werden, ich fürchte nicht einmal der erste Teil (eine umfassende Darstellung des credo ut intelligam im Allgemeinen – der zweite soll dann den Beweis selber behandeln). Ich habe eben nun doch so viel gelesen, daß sich die Fülle der Gesichte5 geradezu unangenehm bemerkbar macht, und im Einzelnen muß ich mich doch von Punkt zu Punkt sehr mühsam durchkämpfen, um Alles recht und vollständig und klar zu sagen. Also Anselm wird noch für eine Weile auf der Tagesordnung sein, bevor Marburg6 und das nahende Semester mit seinen besonderen Sorgen an die Reihe kommt. Ich könnte mich ja ohrfeigen, daß bei mir Alles so schwerfällig und umständlich vor sich geht. Auf dem geblümten Sofa, dessen du gedenkst, lagen die ganze Zeit meine Bücher, um von meinem Sitz aus griffbereit zu sein.|

Heute abend will Mama nun bereits einen meiner Koffer packen. Sie ist als Vertreterin des «anderen» Systems dringend dafür, daß ich ihn auf die Bahn gebe, was dann heute abend noch geschehen soll, wenn wir Heiner abholen, der um 9 Uhr hieherkommt. Denk, seine Chancen in Basel stehen, wie mir Eduard neulich telephonierte, nicht gut, so daß er vielleicht einer weiteren schweren Entmuti|162gung entgegengeht.7 Gestern abend habe ich Mama Rudis Reisebericht8 zu lesen gegeben und ihr dann nachher über allerhand, wonach sie in Be[zug] auf das Bergli längst neugierig war, so gut es ging, Auskunft gegeben. Sie konnte natürlich an dem Reisebericht nicht ganz reine Freude haben. Warum mein Freund so ausgesprochen «irdisch» gerichtet, auf hübsche Frauengesichter und gute Speisen und Getränke bedacht sei? Warum er an der sozialen Not als an etwas ästhetisch Unerfreulichem vorübereile? Was er denn wohl eigentlich aus meinem Römerbrief sich angeeignet habe? Ich konnte ja wirklich auch nur teilweise antworten, und unsere bekannte Redeweise, der Freund sei nun einmal so dran, beruhigte sie nur halb. Am deutlichsten wurde ich ihr wohl, als ich ihr Rudis Wesen als faustisches beschrieb und dazu die reife Weisheit des Alters, die bei ihm auf das alles sicher folgen werde. Ganz glaubwürdig kam ich mir dabei selber nicht vor. Aber das Gespräch verlief durchaus in der freundlich gelösten Weise wie jetzt alle Gespräche mit Mama, und so glaube ich, daß es schließlich doch richtiger war, sie einmal konkret hineinsehen zu lassen und ihren heftig um uns alle kreisenden Gedanken wenigstens einige der Wirklichkeit entsprechende Anhaltspunkte zu geben. Köstlich war übrigens das von Mama in Bonn gewonnene Bild von … Line Merz, das bei diesem Anlaß an den Tag kam: eine dicke, bequeme, schläfrige deutsche Madam, an der sie aber auch gar nichts Anziehendes finden könne. Ja, wie verschieden spiegeln sich doch die Menschen einer in den Augen des anderen, und wie gut ist es doch, daß es dabei im besten Fall zu «irgendwie» nicht unzutreffenden Momentaufnahmen kommt, während den ganzen Film zu sehen und zu beurteilen niemand zukommt.|

163 Zum Falle Peter ist noch dieses nachzutragen: Nach seiner Abreise kam an den Tag, daß Frau Lenchen in irgend einer Tendenz von Wichtigtuerei oder was weiß ich die Absicht habe oder (das ist noch nicht heraus) schon ausgeführt habe, ihre Eltern in Marburg über «uns» zu informieren!! Mama hat ihr dann sofort einen entsetzten kleinen Brief geschrieben, auf den bis jetzt keine Antwort erfolgte. Die Sache bedeutet groben Unfug, weil Mama Peter, als sie ihm davon erzählte, in aller Form zum Schweigen (natürlich mit der für den Ehemann selbstverständlichen Ausnahme) verpflichtet hatte. Es bestand wirklich Grund, diese Guten so lange nicht ins Vertrauen zu ziehen, und es wäre wohl besser auch jetzt nicht geschehen. Sie benehmen sich irgendwie unreif in dieser Angelegenheit: auch darin, daß sie, im Eifer, Nellys schwierige Stellung zu erklären, unter Zurückgreifen auf uralte Vorgänge zwischen Mama und Lenchen versuchen, Mama als wahrscheinlich mitschuldig an der ihnen, wie sie sagen, schon in Safenwil aufgefallenen Bedrohung meiner Ehe hinzustellen – ein Ausgraben eigener alter Essigflaschen, das nun wirklich auf keinen Fall zum Guten dienen kann, Mama weh tut und das Hin- und Herreden nur kompliziert. Wobei wirklich Lenchen das Karnickel ist, denn Mama sagt, daß Peter selbst anfänglich, als sie mit ihm über Alles sprach (vor den offenbar in Madiswil gepflogenen Ehepaargesprächen), ganz anders sich gestellt habe. Auch für ihre Aversion gegen Lindts scheinen die Madiswiler aus diesem Fall neue Nahrung gezogen zu haben. Die Guten! Sie meinen es ja nicht schlimm, aber sie erweisen sich aufs Neue als ungemein tappig. Ja, Lollo, so sieht man überall «Herzen im Dreivierteltakt»9 sich bewegen. Vielleicht sollte ich dir das alles gar nicht erzählen. Aber du wirst es dir ja nicht zum inneren Unfrieden dienen lassen. An uns selbst kommt es wirklich nicht mehr heran.

Morgen ist eidgenössischer Bettag10. Wir werden am Abend Kari predigen hören und nachher wohl noch einmal bei ihnen sein. Am Montag in der Frühe erfolgt dann mein Aufbruch.

164 Nun will ich mich noch einmal Anselm zuwenden. Es bedeutet wirklich keine Abwendung von dir. Wie viel habe ich in diesem Stüblein an dich gedacht und immer in großer Liebe! – Ich sehe eben, daß dieser Brief wirklich nicht eben gehaltvoll ist. Gelt, du nimmst ihn nun auch so hin. Du weißt schon ….11!

Dein
Karl

Ob wohl Schölzlein ebenso fleißig an seinem Anselm ist, damit man dann, wenn ich fertig bin, das Büchlein12 auch drucken kann? Wenn du irgendwie ohnehin das Bedürfnis haben solltest, dich nach seinem Ergehen zu erkundigen, so fügst du vielleicht eine kleine Anfrage in dieser Hinsicht hinzu. Ich mußte übrigens neulich den beiden Altkatholiken13, die Schölzleins Bücher kennen, ausführlich von ihm erzählen. Das Schönste und Dramatischste war leider nicht zu erzählen.14
Hubacher sagte mir, etwas vom besten in meinem hl. Geist-Vortrag15 seien die ausgezeichnet ausgewählten Lutherzitate. Ich murmelte dann beschämt, die seien von meiner ausgezeichneten Sekretärin ausgewählt, worauf er dringend fragte, was das für ein selten begabtes und geschultes Wesen sei, worauf ich nur noch etwas ganz Unartikuliertes murmeln konnte ….!16

Sachfußnoten

1
Versehentlich auf den 21.9. datiert. Der Brief wurde am Samstag, dem 20.9., geschrieben.↩
2
Siehe oben S. 127, Anm. 7. Vermutlich antwortet Barth auf einen letzten Brief von Kirschbaums zum Gurten.↩
3
Barth hatte im Sommer 1930 die Weimarer Luther-Ausgabe 📖 erworben (s. unten S. 166; vgl. Bw.Th. III, S. 48, Anm. 6 📖).↩
4
Vgl. zur weiteren Geschichte des «Anselmmanuskriptes» Bw.Th. III, S. 49f.166 📖, sowie K. Barth, Fides quaerens intellectum. Anselms Beweis der Existenz Gottes im Zusammenhang seines theologischen Programms. 1931, hrsg. von E. Jüngel und I. U. Dalferth (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 20023, S. VIIIf. 📖↩
5
J. W. von Goethe, Faust I, V.520 (Nacht) 📖.↩
6
Barth war von Bultmann für Ende Oktober 1930 zu der seit 1927 jährlich stattfindenden «Zusammenkunft alter Marburger in geschlossenem Kreise» und zu einem Referat über die natürliche Theologie mit dem Vorschlag eingeladen worden, sich einmal im kleinen Kreis unter den maßgeblichen Theologen von «Zwischen den Zeiten» zu einer Aussprache zusammenzufinden (s. Bw.B.2, S. 103 📖). Aufgrund von Zeitnot und vor allem wegen der Absage von Gogarten und einer nur partiell möglichen Teilnahme von Brunner zog Barth am 30.9. seine ursprüngliche Zusage zurück (s. Bw.B.2, S. 108–122).↩
7
Zum 31.3.1931 hatte der seit 1902 in Basel lehrende o. Professor für Philosophie, Karl Joël (1864–1934), seinen Rücktritt erklärt. An dem Berufungsverfahren für die Nachfolge Joëls hatte neben dem Kieler Professor für Philosophie Julius Stenzel (1883–1935) auch Heinrich Barth, damals noch a. o. Professor, sein Interesse bekundet. Barth versuchte – so z. B. in einem Brief an H. Scholz vom 19.10.1930 (KBA 9230.248) und in einem Brief an J. Stenzel vom 28.10.1930 (KBA 9230.261) – konstruktiv zu vermitteln und seinem Bruder zu helfen.↩
8
Vermutlich der 57seitige hektographierte Bericht Fahrt nach England. 30. April -­ 31. Mai 1930 (Karl Barth-Archiv).↩
9
«Zwei Herzen im Dreivierteltakt», deutscher Tonfilm (1930) 📖.↩
10
Der eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag, ein kirchlich-patriotischer Festtag, wird seit 1832 in der Schweiz am dritten Sonntag im September begangen.↩
11
Siehe oben S. 82, Anm. 20.↩
12
Am 11.7.1930 hielt H. Scholz in Barths Seminar zu Cur Deus homo? 📖 einen Vortrag über den Gottesbeweis des anselmischen Proslogion. Das bei diesem Anlaß verabredete gemeinsame Buchprojekt wurde ebenso wenig realisiert wie die von Barth in der 1. Auflage (1931) seines Anselmbuches angekündigte und in der 2. Auflage (1958) als «Parallel- oder Gegenschrift» bezeichnete Untersuchung von Scholz (s. K. Barth, Fides quaerens intellectum. Anselms Beweis der Existenz Gottes im Zusammenhang seines theologischen Programms. 1931, hrsg. von E. Jüngel und I. U. Dalferth [Gesamtausgabe, Abt. II], Zürich 20023, S. VIII und S. 1.6 📖).↩
13
A. Gilg und E. Gaugler. ↩
14
Vielleicht der Heiratsantrag, den H. Scholz von Kirschbaum machte, indem er sich im Vortrag des langsamen Satzes von Beethovens Sonate op. 111 unterbrach. Hellmut Traub hat die Szene geschildert (s. Wenig Weitergegebenes von allzuviel Empfangenen. Erinnerungen und Gedichte, [Privatdruck Dr. Andreas Traub] Bietigheim 1995, S. 30 📖).↩
15
Der heilige Geist und das christliche Leben. Vortrag, gehalten an der Theologischen Woche in Wuppertal-Elberfeld am 9.10.1929, in: K. Barth/H. Barth, Zur Lehre vom heiligen Geist (Beiheft Nr. 1 von ZZ), München 1930, S. 39-105 📖; wieder abgedruckt in V.u.kl.A. 1925-1930, S. 458–520 📖.↩
16
Gesamter Absatz am linken Rand angestrichen.↩