Brief Nr. 78 · 24. September 1930

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

165

78

Du l. L.!

Ja, nun steht und klopft das Maschinlein wieder – auf dem blauen Tisch in deinem Zimmer, wo im Übrigen Alles noch öde und leer ist und durchaus auf dich wartet. Meine Rückreise hat sich nach dem letzten sehr freundlichen Sonntag in Bern programmäßig abgewickelt. In Madiswil war es mit Peter sehr gut; ihm gegenüber ist eigentlich Alles in Ordnung – sofern er eben er und nicht der Ehemann ist. Die bewußte Nachrichtenübermittlung nach Marburg1 hatte noch nicht stattgefunden. Dagegen war die Wiederentdeckung eigener alter Essigflaschen (Mama etc. gegenüber) noch tiefgrabender und umfangreicher, als ich gedacht hatte. Und so kam es, daß Lenchen mir einen Kopf machte2, bei meiner Aussprache mit Peter gar nicht dabei sein wollte und aus Allem offenbar den Schluß gezogen hat, für ihre eigene Person aufs Neue gekränkt und mir gegenüber reserviert zu sein. Ich kann dir die Details noch gelegentlich erzählen. Mir war ja die Hauptsache, daß es nun wirklich nicht zu einer neuen Verstimmung zwischen Peter und mir gekommen ist und nun auch schwerlich mehr kommen wird. In Olten sah ich wie erwartet in viel Sorge und auch Konfusion hinein3, zu der ich kaum etwas Förderndes sagen konnte. Dagegen ist es dann in Basel4 noch einmal sehr nett gewesen, obwohl ich alsbald von dem für mich mit Basel unzertrennlich verbundenen Kopfweh und dazu noch mit einer häßlichen Darmstörung heimgesucht wurde (Beides hat sich jetzt wieder verzogen). Ich war abends mit Eduard … im Dreyfusfilm5, einer wirklich guten Sache, über die wir nachher des Lobes voll waren. Gestern morgen habe ich dann die |166 Rheinreise angetreten, versehen mit dem üblichen Wallace, im Übrigen ohne besondere Erlebnisse, und wurde hier freundlich und gut empfangen. Sofort nach dem Nachtessen trafen Ernst Staehelin (Prof. in Basel, Bruder der beiden wilden Schwestern Vischer und Lieb6, er selber aber ganz sanft!) und K. L. Schmidt samt Frau bei uns ein. Entscheidendes ist nicht gesprochen worden. Die Weimarana7 ist also da, und ich habe sie heute morgen aufgestellt.

Und nun eine Nachricht, die ich dir gleichzeitig mit diesem Brief telegraphisch schicke8, weil sie sonst vielleicht zu spät dort einträfe oder doch einen argen Einbruch in die Dispositionen deiner Mutter bedeuten würde: Es ist besser, wenn du erst am Samstag fährst. Eben auf den Freitag abend hat sich nämlich unaufhaltsam mein Onkel Ernst9 (aus Genf) zum Übernachten angemeldet. Er ist ein etwas aufgeregter und lärmender Herr, der mit einem Schwall von Redensarten, die ich seit bald 40 Jahren gehört habe, ins Haus zu fallen pflegt, im Übrigen natürlich ein guter Mensch – aber der Gedanke eines Zusammentreffens deiner und seiner Ankunft ist mir unvollziehbar. Wir werden die 24 Stunden, die uns auf diese Weise entgehen, irgend einmal nachholen. Hoffentlich bringe ich dich nicht in Verlegenheit dort mit dieser Botschaft, aber es schaut mich hier Alles so an, wie wenn es besser wäre, es diesmal so zu halten. Es geht Alles gut und bleibt hoffentlich eine Weile so.

­Liebe Lollo … !

Dein
Karl

Ich freue mich!
Ein Brief aus Berlin10 kann dir nun auch noch nachgeschickt werden!

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 163.↩
2
= mir gegenüber vorwurfsvoll schwieg.↩
3
Vermutlich im Gespräch mit dem befreundeten Pfarrer Adolf Kistler.↩
4
D. h. bei E. Thurneysen.↩
5
Der Film «Dreyfus» (u. a. mit Fritz Kortner und Heinrich George) 📖 wurde im «Capitol», Basels erstem Tonfilmtheater, gezeigt. Der jüdische Hauptmann Alfred Dreyfus (1859–1935) war in Frankreich aufgrund gefälschter Dokumente der Spionage für Deutschland bezichtigt und 1894 militärgerichtlich verurteilt worden. Diese sogenannte «Dreyfus-Affäre» (1894–1906) hatte die französische Nation gespalten. 1906 wurde das Urteil aufgehoben.↩
6
Ernst Staehelin-Kutter (1889–1980), 1924-1961 o. Professor für Kirchengeschichte in Basel. Seine Schwestern waren mit Fritz Lieb bzw. Wilhelm Vischer verheiratet. ­- Fritz Lieb s. oben S. 149, Anm. 11. – Wilhelm Vischer (1895–1988), 1918-1928 Pfarrer in Tenniken-Zunzgen (Kt. Basel-Landschaft), 1928-1934 Dozent für Altes Testament an der Theologischen Schule Bethel, 1934-1936 Pfarrer in Lugano (Kt. Tessin) und 1936-1947 an St. Jakob in Basel, 1936-1946 Privatdozent für Altes Testament in Basel, 1947-1965 o. Professor an der Faculté Libre de Théologie Protestante Montpellier.↩
7
M. Luther, Werke. Kritische Gesamtausgabe, Weimar 1883ff 📖.↩
8
Das Telegramm ist nicht erhalten.↩
9
Ernst Sartorius (1870–1957), Pate der Tochter Barths, Franziska Zellweger-Barth; seit 1910 Sekretär des CVJM in Genf.↩
10
Brief von G. Staewen vom 22.9.1930.↩