Brief Nr. 79 · 26. März 1931

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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Du liebe Lollo!

Ich komme eben vom Telephon, aus dem mir deine Stimme so beunruhigend traurig entgegenklang. Wie leid ist es mir, daß du dir nun solche Sorge um mich gemacht hast. Aber ich kann wirklich nichts dafür. Die Karte meiner Mutter hatte ich ja nicht gelesen. Erst heute morgen erfuhr ich dann aus dem Brief Nellys, welchen Eindruck sie dir gemacht hat. Ich meldete dann in einem vor ein paar Stunden abgegangenen Brief an Markus, daß es mir gut gehe, und wollte dir abmachungsgemäß auf den Sonntag schreiben. Und nun hast du die ganze Zeit «gewartet und gewartet»! Aber gelt, du bist nun wieder ruhig? Du darfst es wirklich sein. Was meine Mutter vermutlich gemeldet hat, war die Nachwirkung der Reise, aus der ich selbst kein großes Aufheben machen wollte: die erste Nacht war nicht eben gut, und den ersten Tag über war ich etwas müde. Dr. Lindt1 hat mich dann untersucht und Alles in bester Ordnung befunden.2 Wenn ich meiner Mutter gehorchen wollte, müßte ich dich jetzt sogar ein bißchen schelten. Sie sagt, ich soll dir sagen, du sollest «nicht so aufgeregt» sein. «Das isch nüt!»3 Aber eben, das versteht sie nun nicht richtig, und überdies hat sie ja damals auch sofort telegraphiert, als ich krank wurde: das muß und werde ich ihr noch vorhalten. Nun sei du jetzt wieder getrost und freudig: es sieht vorderhand Alles danach aus, als sollte ich dir erhalten bleiben.

Große Sprünge kann ich freilich noch nicht tun, weder auf den «Gänglein», zu denen mich Mama regelmäßig abholt, noch bei der Arbeit. Aber ich bin an der Arbeit. Denk, die schon getippten sechs Blätter4 müssen dahinfallen, weil ich nochmals von vorne anfangen |168 mußte. Der Anfang gefiel mir bei näherer Betrachtung nicht mehr. Auch das Tippen an jenem Abend geschah ja nicht unter der allergünstigsten Bestrahlung. Vielleicht schicke ich dir dann den § 1 gleich zu zur Vertippung und damit du siehst, wie es nun wird. Ich habe Frau Pfr. Kutter einen Brief direkt geschrieben5 und die zwei Entwürfe6, die Markus dir überreichen wird zum Durchlauf durch das Maschinlein, weil ich die Durchschläge haben möchte und meine [hand]geschriebenen Briefe den Empfängern (außer dir!) doch zuviel Qual bereiten7. Die Vorträge von F. W. Schmidt8 sind schwache Erzeugnisse.

Gestern nachmittag war ich bei Lindts. Kari war selbst krank und darf noch nicht ausgehen. Sonst habe ich noch niemand gesehen, bleibe auch gern im Häuschen. Es ist wohl frischer hier als in Bonn. Als ich kam, war Föhn (vermutlich hat mir auch dieser berühmte Wind am Anfang so zugesetzt), jetzt Bise, aber ich fühle mich munter und wohl und werde treulichst gepflegt. Das Halma nimmt auch hier eine bedeutsame Rolle im Tageslauf ein.

Über deine guten Nachrichten war ich so froh. Hab Dank für das Brieflein und auch für die verschiedenen Zusendungen, nicht zuletzt für das Mistol9, dessen Geruch mich nun an so manchen freundlichen Abendaugenblick erinnern wird. Auch von Nelly kam heute ein guter, ruhiger Brief, der mir zu bestätigen scheint, daß ihr bis jetzt von den Engeln des Friedens und der Geduld begleitet wart. Weißt du eigentlich, daß du mich am Telephon fast nur geschimpft hast, statt mir etwas Tröstliches und Mildes zuzurufen, wie ich es so gerne von |169 dir höre? Aber in deinem Brief hast du ja wirklich so geredet, wie ich es gerne höre und wie ein Kind des Friedens [Lk 10,6] reden muß. Und das bist du ja eigentlich und im Grunde: «von Natur ein sanftes Mädchen»10, wie du mir selber versichert hast, nur manchmal… Aber eben: ich habe ja auch manchmal einen «Lotz»!11

So, nun wird es noch einen Streit geben über die Frage, ob ich den Brief im Omnibus auf den Bahnhof bringen darf. Mama will es durchaus übernehmen. Aber weil sie so von unnötiger Aufregung spricht und weil es für sie überhaupt mühsamer ist als für mich, werde ich das Äußerste tun, selber gehen zu dürfen. Ach, wie ist es mir beschieden, so zwischen besorgten Frauen meinen schmalen Weg zu gehen.

Die Beilagen hatte ich eben für dich herausgeschnitten, als das Telephon kam. Du siehst, wie harmlos ich dran war.

Grüße Nelly und sag ihr meinen Dank für ihren Brief. Ich hätte ihr am liebsten auch noch gleich geschrieben, aber es ist jetzt keine Zeit mehr. Es geschieht dann morgen.

Wirst du nun wieder getrost sein und nicht mehr verzweifelt? Bedenke, daß sonst bei mir auch alles aus den Fugen geht!

Das Selbstverständliche sei diesmal nur in Punkten angedeutet: …

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Wilhelm Lindt (1892–1985), Bruder von Karl Lindt, Hausarzt der Mutter Barths in Bern.↩
2
Seit etwa Januar litt Barth an einer Ohrendiphterie, die ihn für einige Wochen arbeitsunfähig machte und von der er sich bei seiner Mutter in Bern erholte (Busch, S. 221f. 📖).↩
3
= Das ist nichts!↩
4
Vorläufige Typoskriptblätter zu KD I/1 📖.↩
5
Kondolenzbrief Barths an Lydia Kutter-Rohner, die Witwe Hermann Kutters (1863–1931), der am 22.3.1931 in St. Gallen verstorben war (KBA 9231.121). E. Thurneysen hatte Barth in dessen Safenwiler Pfarrzeit persönlich mit Kutter bekannt gemacht, worauf es zu Besuchen und Gegenbesuchen sowie «zu vielen, ausgiebigen, ja tagelangen Gesprächen» kam (Busch, S. 88 📖).↩
6
Konzepte für Briefe Barths an Missionsdirektor S. Knak (KBA 9231.123) und Fr. W. Schmidt (KBA 9231.125), dem Barth für die Zusendung der in Anm. 8 genannten Aufsätze dankte.↩
7
Häufig fungierte von Kirschbaum bezüglich der schwer leserlichen Briefe Barths geradezu als «Übersetzerin». Selbst Barths Kinder hatten oft Mühe beim Lesen von handgeschriebenen Briefen ihres Vaters.↩
8
Siehe Fr. W. Schmidt, Das Dogma und die Kirche des Glaubens, Gütersloh 1931 📖; ders., Der Primat des Wortes in der Evangelischen Kirche, Gütersloh 1931 📖; ders., Die theologische Begründung der Ethik, Gütersloh 1931 📖.↩
9
Medikament gegen Schnupfen.↩
10
Fr. von Schiller, Don Carlos. Infant von Spanien. Ein dramatisches Gedicht, IV. Akt, 15. Auftritt 📖:
Carlos:
Ich bin gekommen,
Weil du ein sanftes Mädchen bist, weil ich
Auf deine gute, schöne Seele baue.
↩
11
D. h.: einen richtigen Zorn, benannt nach Barths Urgroßvater Peter Friedrich Lotz (1787–1841), Seidenfärber und Träger verschiedener öffentlicher Ämter. Dazu erklärt Barth: «Es gab […] eine besondere Art des Zornes, bei dessen Ausbruch der Mensch stechend grüne Augen bekommt und dann gewiß nicht immer in den Grenzen dessen bleibt, was vor Gott recht ist und was ihn bei den Mitmenschen beliebt zu machen geeignet ist. Er wurde unter dem Namen ‹Lotzenzorn› fast sprichwörtlich bekannt. […] Und ich selbst habe ihm sicher nicht nur, als ich das berüchtigte ‹Nein!› gegen Emil Brunner in die Welt schleuderte, sondern auch bei anderen Anlässen (leider bis in mein hohes Alter hinein) gelegentlich Raum gegeben. […] Beschönigend darf ich hinzufügen, daß der ‹Lotzenzorn›, nachdem er wieder einmal ausgebrochen ist, ziemlich rasch wieder zu verfliegen und humaneren Regungen und Verhaltensweisen Raum zu geben pflegt.» (Manuskript zu einer Autobiographie [1966. Fragment – KBA 11303], S. 6f.)↩