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Barth an v.K. in Bonn
Ich komme eben vom Telephon, aus dem mir deine Stimme so beunruhigend traurig
entgegenklang. Wie leid ist es mir, daß du dir nun solche Sorge um
mich gemacht hast. Aber ich
kann wirklich nichts dafür. Die Karte meiner Mutter hatte ich ja nicht
gelesen. Erst heute morgen erfuhr ich dann aus dem Brief Nellys, welchen Eindruck sie dir
gemacht hat. Ich meldete dann in einem vor ein paar Stunden abgegangenen Brief
an Markus, daß es mir gut
gehe, und wollte dir abmachungsgemäß auf den Sonntag
schreiben. Und nun hast du die ganze Zeit «gewartet und gewartet»! Aber gelt, du
bist nun wieder ruhig? Du darfst es wirklich sein. Was meine Mutter
vermutlich gemeldet hat, war die Nachwirkung der Reise, aus der ich selbst kein
großes Aufheben machen wollte: die erste Nacht war nicht eben gut, und den
ersten Tag über war ich etwas müde. Dr. Lindt1 hat mich dann untersucht und Alles in bester Ordnung
befunden.2 Wenn ich meiner Mutter gehorchen wollte,
müßte ich dich jetzt sogar ein bißchen schelten. Sie sagt, ich soll dir sagen,
du sollest «nicht so aufgeregt» sein. «Das isch nüt!»3 Aber eben, das versteht sie nun nicht
richtig, und überdies hat sie ja damals auch sofort telegraphiert, als ich krank
wurde: das muß und
werde ich ihr noch vorhalten. Nun sei du jetzt wieder getrost und freudig: es
sieht vorderhand Alles danach aus, als sollte ich dir erhalten bleiben.
Große Sprünge kann ich freilich noch nicht tun, weder auf den «Gänglein», zu denen mich Mama
regelmäßig abholt, noch bei der Arbeit. Aber ich bin an der Arbeit.
Denk, die schon getippten sechs Blätter4
müssen dahinfallen, weil ich nochmals von vorne anfangen |168
mußte. Der Anfang gefiel mir bei näherer Betrachtung nicht mehr. Auch das Tippen
an jenem Abend geschah ja nicht unter der allergünstigsten Bestrahlung.
Vielleicht schicke ich dir dann den § 1 gleich zu zur Vertippung und damit du
siehst, wie es nun wird. Ich habe Frau Pfr. Kutter einen Brief direkt
geschrieben5 und die zwei
Entwürfe6, die Markus dir überreichen wird zum Durchlauf
durch das Maschinlein, weil ich die Durchschläge haben möchte und meine
[hand]geschriebenen Briefe den Empfängern (außer dir!) doch zuviel Qual
bereiten7. Die
Vorträge von F. W. Schmidt8 sind schwache Erzeugnisse.
Gestern nachmittag war ich bei Lindts. Kari war selbst krank und darf noch nicht
ausgehen. Sonst habe ich noch niemand gesehen, bleibe auch gern im Häuschen. Es
ist wohl frischer hier als in Bonn. Als
ich kam, war Föhn (vermutlich hat mir
auch dieser berühmte Wind am Anfang so zugesetzt), jetzt Bise, aber ich fühle mich munter und wohl und werde
treulichst gepflegt.
Das Halma nimmt auch hier eine
bedeutsame Rolle im Tageslauf ein.
Über deine guten Nachrichten war ich so froh. Hab Dank für das Brieflein und auch
für die verschiedenen Zusendungen, nicht zuletzt für das Mistol9, dessen Geruch
mich nun an so manchen freundlichen Abendaugenblick erinnern wird. Auch von
Nelly kam
heute ein guter, ruhiger Brief, der mir zu bestätigen scheint, daß ihr bis jetzt
von den Engeln des Friedens und der Geduld begleitet wart. Weißt du eigentlich,
daß du mich am Telephon fast nur geschimpft hast, statt mir etwas Tröstliches
und Mildes zuzurufen, wie ich es so gerne von |169 dir höre?
Aber in deinem Brief hast du ja wirklich so geredet, wie ich es gerne höre und
wie ein Kind des Friedens [Lk 10,6] reden muß. Und das bist du ja eigentlich
und im Grunde: «von Natur ein sanftes Mädchen»10, wie du mir selber versichert hast, nur manchmal… Aber eben:
ich habe ja auch manchmal einen «Lotz»!11
So, nun wird es noch einen Streit geben über die Frage, ob ich den Brief im
Omnibus auf den Bahnhof bringen darf. Mama will es durchaus
übernehmen. Aber weil sie so von unnötiger Aufregung spricht und weil es für sie
überhaupt mühsamer ist als für mich, werde ich das Äußerste tun, selber gehen zu
dürfen. Ach, wie ist es mir beschieden, so zwischen besorgten Frauen meinen schmalen
Weg zu gehen.
Die Beilagen hatte ich eben für dich herausgeschnitten, als das Telephon kam. Du
siehst, wie harmlos ich dran war.
Grüße Nelly und
sag ihr meinen Dank für ihren Brief. Ich hätte ihr am liebsten auch noch gleich
geschrieben, aber es ist jetzt keine Zeit mehr. Es geschieht dann morgen.
Wirst du nun wieder getrost sein und nicht mehr verzweifelt?
Bedenke, daß sonst bei mir auch alles aus den Fugen geht!
Das Selbstverständliche sei diesmal nur in Punkten angedeutet: …