Brief Nr. 80 · 28. März 1931

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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L. L.!

Gestern traf Fränzeli ein und brachte mir deine Post, und heute kam dein Brief. Dank für Alles! Von mir ist kaum etwas zu erzählen. Es geht mir fortgesetzt gut, wenn ich auch offenkundig noch nicht hergestellt bin. Aber das Ohr hält sich ruhig, das Gehör verbessert sich sogar, und das Allgemeinbefinden ist auch zufriedenstellend. Wir sind heute alle drei bei Lindts zum Mittagessen, und morgen fahre ich mit Mama nach Madiswil zur Konfirmation von Uli1. Die Arbeit an der Dogmatik geht langsam, aber dafür gründlich und mich befriedigend ihren Weg. Ich erwäge den Gedanken, ob ich nicht die Anzeige der Enzyklopädie2 zurückziehen soll, um dann die eine große Sache3 gut zu machen. Aber darüber schreibe ich dir noch. Mein Arbeitstempo ist mir wirklich eine Qual. Gelt, du nimmst, wenn nichts von mir kommt, immer ohne weiteres an, daß Alles in Ordnung ist. Das Schreibenmüssen ist irgendwie so beunruhigend, und ich denke jetzt eigentlich von früh bis spät nur an die Dogmatik, die doch einfach gut werden muß. Nein, ich denke auch noch an einige andere Dinge!! Aber … doch du verstehst schon. Frl. Simon bekommt ihren Schein.4 Fahsel ist erschütternd.5 |171 Hörst du nichts vom Bergli? Ich gar nichts. Sie haben wohl kein Verlangen nach uns?!

Zwischengruß von
K.

Karte, weil es eilt!!

Sachfußnoten

1
Martin Ulrich ("Ueli") Barth (1916–1994), Sohn von Peter und Helene Barth, Patenkind vonKarl Barth.↩
2
Siehe unten S. 178, Anm. 3.↩
3
Die Arbeit an der Kirchlichen Dogmatik, deren erster Band (KD I/1 📖) im November 1932 veröffentlicht wurde.↩
4
Lili Simon (1908–1989), Studentin Barths in Bonn, hatte offenbar um einen Seminar- oder einen Hörerschein gebeten.↩
5
Bezieht sich wahrscheinlich auf den Bericht des Bonner General-Anzeigers (Nr. 13985 von 26.3.1931, S. 3) über den Vortrag, den Kaplan Helmut Fahsel (1891–1983) aus Berlin am 25.3.1931 in Bonn zur Deutung des «auch in nichts anzuzweifelnden Tatsachenbestand[es]» um die «Stigmatisationen und Visionen» der Therese Neumann hielt. Später faßte er seine Vorträge zu diesem Thema zusammen: H. Fahsel, Konnersreuth: Tatsachen und Gedanken. Ein Beitrag zur mystischen Theologie und Religionsphilosophie (Kaplan-Fahsel-Vorträge, Bd. 1), Berlin 1931 📖.↩