Brief Nr. 81 · 30. März 1931

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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Liebste Lollo!

Ich habe dir schon wieder für so viel treues Gedenken zu danken, und wer weiß, ob du nicht schon wieder in Unruhe und Verzweiflung bist, so lange nichts von mir zu hören. Schreiben ist ja irgendwie gar nicht mehr das Mögliche zwischen uns. Aber du mußt nun doch wieder einen Gruß von mir haben. Was ich mache? Ich bin an der Dogmatik, die mich nun wieder ganz gefangen hat und die ich für die 2. Auflage wirklich besser machen möchte. Das Werk ist in gutem Fluß. Der § 1 mußte wirklich noch ganz anders anders werden und wird es nun auch. Was leisten mir nun die vielen, vielen von uns gemeinsam erstellten Kärtlein1 für gute Dienste! Wären ihrer nur noch mehr und wäre ich nur für die späteren Teile der Dogmatik auch so gut versehen wie gerade für diese Grundfragen! Freilich, der Fluß ist ein langsamer! Wie das werden soll im Semester, ist noch nicht abzusehen! Der Entschluß, die Enzyklopädie2 abzuhängen, verfestigt sich doch ziemlich bei mir. Willst du einmal bei Goeters anfragen, ob das ein großes Unglück wäre? Ich könnte einfach bei freiem Mittwoch und Samstag alles Übrige soviel besser machen. Und etwas schwappelig3 werde ich das Semester ja sicher anfangen. Und sicher würden die Studenten nicht nur zum Weinen Anlaß haben, wenn dann dafür |172 die Dogmatik umso gründlicher und interessanter wird. Es kommt nun z. B. doch schon im § 1 zum Gespräch mit unserem Freund Heinrich4 und zu allerhand anderen Nebenwegen.

Wir waren also gestern in Madiswil. Ich hätte dich wegen zweier Dinge gern dabei gehabt: Wegen der Konfirmation selber, bei der es mir wieder einmal wohl war in einer Kirche, weil Alles nüchtern und sachlich zuging und mein Bruder sich trotz seiner ihm nun einmal anhaftenden gewissen Undialektik von seiner besten Seite zeigte. Und wegen eines klugen Bernischen Landwirts namens Schnyder5, der mein Mitpate von Uli6 ist und den ich da kennen lernte und der sich über Gott, Welt und Kirche in einer sehr erfreulichen, wissenden, offenen und überlegenen Weise aussprach; er kennt Amerika und Deutschland gut und aus eigener Anschauung und marschiert, behäbig, wie nur ein Berner marschieren kann, aber auch unentwegt und unabhängig, wie es gewiß nicht alle Großbauern aller Länder (vielleicht mit Ausschluß Bayerns?!) tun. Das war eine gute Begegnung. Er seinerseits steckte nachher den 2. Band meiner Vorträge7 in die Tasche und wird sie nun sicher gründlich verspeisen und verdauen. Ob ich nicht eine «Volksausgabe» meiner Schriften veranlassen könnte?, fragte er mich. Ich konnte ihm leider nicht verraten, wer schon eine solche unternommen!8 Im Übrigen war der Tag ein bißchen – langweilig. Es war kalt im Haus, und Karl fror, und man saß immer in derselben Zusammensetzung im selben Zimmer viele Stunden lang. Du würdest wohl auch das Vorhandensein verschiedener «Kühe in der Luft»9 gemerkt haben (Mama – Lenchen – ich – die etwas verschlafenen Kinder!) mit deinem feinen Näslein für solche Imponderabilien. Kurz, man kehrte gerne wieder hieher zurück. Morgen hat Kari Lindt Geburtstag. Er bekommt eine italienische Madonna von mir, die er sich wünscht.

173Ja, aber was machst denn du? Denk, mein zarter Liebling sollte dickere Briefe jeweilen entsprechend reichlicher frankieren. Der liebe Karl mußte neulich viel Strafporto bezahlen. Aber du darfst sie auch so abschicken. Du darfst Alles. Nun bist du allein im Haus mit Ella und den drei Buben. Ob die Sterne über Sonntag richtig schienen trotz der vielen Unruhe? Ich kann mir ja Alles, was du beschreibst, nur zu gut vorstellen. Hast du den netten Brief von Gollwitzer10 und den Klageschrei von Prof. Gut11 in Zürich gelesen? Du sollst doch Alles auch lesen, was kommt, ich lese es nachher viel lieber. Ach du, meinst du, ich sehne mich nicht auch nach dir? Ich denke doch immer, wie gemütlich es wäre, wenn du eben auch (aber unter den richtigen Voraussetzungen und Bedingungen!) da wärest. Ist vom Bergli nichts laut geworden? Wissen sie eigentlich, daß ich hier bin? Doch wir haben ja in 14 Tagen den 12.12 vor (oder schon hinter) uns, und das wird auch schön. Immerhin habe ich mir hier die Möglichkeit im voraus gesichert, auf Mittwoch nach Ostern noch ein paar Tage aufs Bergli zu gehen. Mein Bruder aus Basel13 kommt dann hieher. Es wäre ja schon schön gewesen. Aber ich möchte dich in keine Unruhe stürzen durch einen Aufruf zu kommen. Und ich zögere, «uns» Rudis ohne Aufforderung aufzudrängen.

Nun wird wieder das «Gänglein» fällig, eine richtige Störung jeden Tag! Grüße Alle! Und wenn du abends ganz allein bist, dann grüße auch noch Alles, was ich l. habe, und denk daran, wie gern ich dort wäre. Unsere Trennung ist ein abnormaler Zustand. Bist du mir gut?

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 87, Anm. 11. ↩
2
Siehe unten S. 178, Anm. 3. ↩
3
= schwankend, unsicher.↩
4
Heinrich Scholz, vgl. im § 1 von KD/1 bes. S. 7.17 📖.↩
5
Walter Schnyder, Landwirt in Uttewil bei Laupen (Kt. Bern).↩
6
Martin Ulrich Barth.↩
7
Th. u. K. 📖 ↩
8
Von Kirschbaum hatte bereits Auszüge oder eine Auswahl aus Barths Veröffentlichungen zu einer privaten Sammlung zusammengestellt. Das Ansinnen von G. Merz, diese Sammlung zu publizieren, wies sie aber später als Versuch, «mich nun gewaltsam der Anonymität [zu] entreißen», ab (Brief an G. Merz vom 21.2.1932 [KBA 9232.74]).↩
9
= eine bedrückende Stimmung.↩
10
Brief vom 24.3.1931 (KBA 9331.195). Helmut Gollwitzer (1908–1993), studierte 1930/31 bei Barth in Bonn.↩
11
Walter Gut forderte in seinem Schreiben vom 27.3.1931 Barth im Blick auf die unbefriedigende theologische Situation in der Schweiz auf, seine Absage zu überdenken und den geplanten Hauptvortrag an der Tagung der schweizerischen Pfarrerschaft im September 1931 doch zu halten (KBA 9331.205). – Walter Gut (1885–1961), Dr. med., Dr. theol. h. c., 1923-1955 o. Professor für Dogmatik, Dogmengeschichte und Religionspsychologie in Zürich.↩
12
Am 11.4.1931 kehrte Barth nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Basel nach Bonn zurück, wo ihn von Kirschbaum erwartete.↩
13
Heinrich Barth.↩