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Barth an v.K. in Bonn
Ich habe dir schon wieder für so viel treues Gedenken zu danken, und wer weiß,
ob du nicht schon wieder in Unruhe und Verzweiflung bist, so lange nichts von mir zu hören.
Schreiben ist ja irgendwie gar nicht mehr das Mögliche zwischen uns. Aber du
mußt nun doch wieder einen Gruß von mir haben. Was ich mache? Ich bin an der
Dogmatik, die mich nun wieder ganz gefangen hat und die ich für die
2. Auflage wirklich besser machen möchte. Das Werk ist
in gutem Fluß. Der § 1 mußte wirklich noch ganz anders anders
werden und wird es nun auch. Was leisten mir nun die vielen, vielen von uns
gemeinsam erstellten Kärtlein1 für gute Dienste!
Wären ihrer nur noch mehr und wäre ich nur für die späteren Teile
der Dogmatik auch so gut versehen wie gerade für diese Grundfragen! Freilich,
der Fluß ist ein langsamer!
Wie das werden soll im Semester, ist noch nicht abzusehen! Der Entschluß, die
Enzyklopädie2 abzuhängen,
verfestigt sich doch ziemlich bei mir. Willst du einmal bei Goeters anfragen, ob
das ein großes Unglück wäre? Ich könnte einfach bei freiem Mittwoch und Samstag
alles Übrige soviel besser machen. Und etwas schwappelig3 werde ich das Semester ja sicher
anfangen. Und sicher würden die Studenten nicht nur zum Weinen Anlaß haben, wenn
dann dafür |172 die Dogmatik umso gründlicher und
interessanter wird. Es kommt nun z. B. doch schon im § 1 zum Gespräch mit
unserem Freund Heinrich4 und zu allerhand anderen
Nebenwegen.
Wir waren also gestern in Madiswil. Ich hätte dich wegen zweier Dinge gern dabei
gehabt: Wegen der Konfirmation
selber, bei der es mir wieder einmal wohl war in einer Kirche, weil Alles
nüchtern und sachlich zuging und mein Bruder sich trotz seiner ihm nun einmal anhaftenden gewissen
Undialektik von seiner besten Seite zeigte. Und wegen eines
klugen Bernischen Landwirts namens
Schnyder5, der
mein Mitpate von Uli6
ist und den ich da kennen lernte und der sich über Gott, Welt und Kirche in
einer sehr erfreulichen, wissenden, offenen und überlegenen Weise aussprach; er
kennt Amerika und Deutschland gut und aus eigener
Anschauung und marschiert, behäbig, wie nur ein Berner marschieren kann, aber
auch unentwegt und unabhängig, wie es gewiß nicht alle Großbauern aller Länder (vielleicht mit Ausschluß
Bayerns?!) tun. Das war eine gute Begegnung. Er seinerseits steckte nachher den
2. Band meiner Vorträge7 in die Tasche und wird sie nun sicher gründlich
verspeisen und verdauen. Ob ich nicht eine «Volksausgabe» meiner Schriften veranlassen
könnte?, fragte er mich. Ich konnte ihm leider nicht verraten, wer
schon eine solche unternommen!8 Im Übrigen war
der Tag ein bißchen – langweilig. Es war kalt im Haus, und Karl fror, und man
saß immer in derselben Zusammensetzung im selben Zimmer viele Stunden lang. Du
würdest wohl auch das Vorhandensein verschiedener «Kühe in der Luft»9 gemerkt haben (Mama – Lenchen – ich – die etwas verschlafenen Kinder!) mit deinem feinen
Näslein für solche Imponderabilien. Kurz, man kehrte gerne wieder hieher zurück.
Morgen hat
Kari Lindt Geburtstag. Er bekommt eine
italienische Madonna von mir, die er sich wünscht.
173Ja, aber was machst denn du? Denk, mein zarter Liebling
sollte dickere Briefe jeweilen entsprechend reichlicher frankieren. Der liebe
Karl mußte neulich viel Strafporto bezahlen. Aber du darfst sie auch so
abschicken. Du darfst Alles. Nun bist du allein im Haus mit Ella
und den drei Buben. Ob
die Sterne über Sonntag richtig
schienen trotz der vielen Unruhe? Ich
kann mir ja Alles, was du beschreibst, nur zu gut vorstellen. Hast du den netten
Brief von Gollwitzer10 und den Klageschrei von
Prof. Gut11 in Zürich gelesen? Du sollst doch
Alles auch lesen, was kommt, ich lese es nachher viel lieber. Ach du, meinst du, ich sehne
mich nicht auch nach dir? Ich denke doch
immer, wie gemütlich es wäre, wenn du eben auch (aber unter den
richtigen Voraussetzungen und Bedingungen!) da wärest. Ist vom
Bergli nichts laut geworden? Wissen
sie
eigentlich, daß ich hier bin? Doch wir haben ja in 14 Tagen den 12.12 vor (oder schon hinter) uns, und das wird auch schön.
Immerhin habe ich mir hier die Möglichkeit im voraus gesichert, auf
Mittwoch nach Ostern noch ein paar Tage aufs Bergli zu gehen. Mein Bruder aus
Basel13 kommt dann hieher. Es wäre ja schon schön gewesen.
Aber ich möchte dich in keine Unruhe stürzen durch einen Aufruf zu kommen. Und
ich zögere, «uns» Rudis ohne Aufforderung
aufzudrängen.
Nun wird wieder das «Gänglein»
fällig, eine richtige Störung jeden Tag! Grüße Alle! Und wenn du abends ganz
allein bist, dann grüße auch noch Alles, was ich l. habe, und denk daran, wie gern
ich dort wäre. Unsere Trennung ist ein abnormaler Zustand. Bist du
mir gut?