Brief Nr. 82 · 2. April 1931

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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Liebste Lollo!

Gelt, nun habe ich dich unerhört lange allein gelassen, und es kann da in keiner Weise tröstlich sein, daß noch viele andere Leute mit dringlichen Anrufen aller Art umsonst auf eine Nachricht von mir warten. Dafür kann ich nun gleichzeitig mit diesem Brieflein den § 1 an dich abgehen lassen.1 Ich war ununterbrochen damit beschäftigt und hoffe nun so sehr, daß es «der Mühe wert» war und auch für die Hörer und Leser sein wird. Es wird mir freilich katzangst beim Gedanken, daß ich nun wohl oder übel verpflichtet bin, in dieser exakten Weise und auf so breiter Grundlage fortzufahren. Unsere Dogmatik würde so sicher ein schönes Buch, meinst du nicht auch! Aber welche Summe von Arbeit wird das für mich – und dich geben! Zum Abschreiben einiges Technische: 1. Willst du nicht doch für das Hauptexemplar ein etwas besseres Papier anschaffen? 2. Wäre für die Anmerkungen nicht die Anschaffung eines halb schwarz halb roten Farbbandes, wie es welche gibt und für welches unser Maschinlein eingerichtet ist (Hebel rechts!), erfreulich? 3. Willst du und kannst du die sämtlichen W. A.-Zitate als solche ausfindig machen? Beim Galaterbrief mußt du in der E. A.2 festzustellen suchen, zu welcher Bibelstelle die betreffenden Lutherworte gehören. Bediene dich dazu des lateinischen Textes, den du in dem dicken NT auf meinem Schreibtisch oder in deinem eigenen Vulgata-Exemplar findest. In der W. A. stehen ja dann die Stellen oben an den Seiten. Schwieriger werden die Stellen aus De servo arbitrio3 zu finden sein. Aber du bist so klug, daß es dir sicher gelingt. Bitte verifiziere auch den von mir angegebenen Text und setze überall außer den Seitenzahlen auch die erste Zeilenzahl der W. A. hinzu. – Unterdessen gehe ich richtig an den § 2. Mit |175 der Enzyklopädie geht es wirklich nicht. Ich werde Goeters den gewünschten Brief schreiben. Mit dieser Dogmatik werde ich alle Hände voll zu tun haben.

Eben traf dein Brief ein!! Nein, es ist gar nicht schlimm, wenn du mir viel schreibst, und meine Mutter grollt da kein bißchen. Ich berichte dir dann mündlich darüber. Der Eindruck, wie gut du Alles dort machst, ist auch für sie unwiderstehlich!! Und wie dankbar bin ich dir für Alles. Ich habe den Eindruck, daß du in der Engelschule4 rapid vorwärts kommst! Es wird noch so werden, daß du den viel beklagten «Familienblock» im Innersten zusammenhältst5. Natürlich bitte ich dich, den bewußten Regenschirm zu besorgen und Nelly zu überreichen! Ich bin ja so froh über jede derartige Möglichkeit. Die beabsichtigte Art der Einklebung der Ex Libris6 hat auch meinen vollen Beifall. Überhaupt: es ist Alles gut, wie du es machst. Aus einem Frühjahrstörli7 scheint es immer deutlicher nichts zu geben8?! Ich halte hier immer noch die Türe offen, um eventuell nächsten Mittwoch zu reisen. Eduard hätte mich gerne in der Woche nach dem 12. dort. Aber daraus wird nichts, sondern wenn du nicht kommst, gehe ich auch nicht aufs Bergli und komme am 11. nach Hause. Zu wem? Ja zu wem!? Fein, fein, wie du nun sogar mit Schleiermacher vertraut wirst! Bitte sieh dir einmal Wiesner, «Das Offenbarungsproblem in der dialektischen Theologie»9 an (es steht auf der Drehscheibe10 und wartet längst auf Beachtung), und exzerpiere das Entscheidende, |176 wenn solches vorliegt. Ebenso aus Sannwald11 und, wenn es möglich und lohnend ist, aus Grünhut12. Es kommt hauptsächlich auf das an, was die Leute an Wichtigem gegen mich oder an mir vorbei vorbringen. Wir müssen jetzt in aller Eile nachzukommen suchen. Guck vielleicht auch in das kleine blaue Heft von Wobbermin über den Glauben13 hinein. O, du könntest von früh bis spät «in meinem Sinn» lesen und Notizen machen. Aber die Bereitstellung von allerlei gutem Luther-Material ist doch auf die Länge noch wichtiger als das Übrige. Du siehst an § 1, wie die «Alten» die breite Basis bilden werden (wie froh bin ich jetzt über das Bergli 1929!14), Schölzlein15, Hans Michael16 u. a. Zeitgenossen aber auch Erwähnung finden sollen. O, Löllchen, wie werden wir rüstig am Werk sein müssen. Das reduzierte Semester muß nun umso besser werden, auch für die Studenten. Aber du wirst immer fähiger werden, auch in ATlichen Dispositionsfragen kompetente Auskünfte zu erteilen, kommst in die Unterprima der Engelschule, hast mich lieb, und Alles, Alles wird gut werden.

Ich eile noch, einen Brief an Nelly zu schreiben (ach, er wird mir schwerer fallen als dieser), um dann Alles zur Post zu bringen. Sei fröhlich und getrost, der 11. ist nimmer fern.

Dein
K.

Gruß von meiner Mutter!

Sachfußnoten

1
Einige Manuskript-Seiten dieses ersten Anlaufes zur Kirchlichen Dogmatik sind erhalten (KBA).↩
2
W. A. = «Weimarer Ausgabe 📖», E. A. = «Erlanger Ausgabe 📖» der Werke Martin Luthers.↩
3
M. Luther, De servo arbitrio, WA 18, (551) 600-787. 📖 ↩
4
Siehe oben S. 135, Anm. 9. ↩
5
J. W. von Goethe, Faust I, V. 383 (Nacht) 📖.↩
6
H. Gollwitzer notiert in seinen Tagebuchnotizen am 26.5.1931: «Nach dem Essen bei B. Exlibris kleben.» Vgl. H. Gollwitzer, Skizzen eines Lebens. Aus verstreuten Selbstzeugnissen gefunden und verbunden von F.-W. Marquardt, W. Brinkel und M. Weber, Gütersloh 1998, S. 74 📖; freilich hatte nicht, wie dort angegeben, Helmut Gollwitzers Bruder Gerhard, sondern Hertha List für Barth das Exlibris entworfen.↩
7
Siehe oben S. 80, Anm. 12. ↩
8
Schweizerdeutsch: «es git nüt drus» = es kommt nicht zustande.↩
9
W. Wiesner, Das Offenbarungsproblem in der dialektischen Theologie (FGLP 3,2), München 1930 📖 (vgl. auch: W. Wiesner, Offenbarung und Geschichte, in: ZSTh, Jg. 5 [1927], S. 313-346 📖).↩
10
Ein drehbares Bücherregal, das frei in einem der beiden Studierzimmer stand. Sein Grundriß war quadratisch, und es hatte Platz für Bücher auf allen vier Seiten.↩
11
A. Sannwald, Der Begriff der «Dialektik» und die Anthropologie. Eine Untersuchung über das Ich-Verständnis in der Philosophie des deutschen Idealismus und seiner Antipoden (FGLP 3,4), München 1931. 📖 ↩
12
L. Grünhut, Eros und Agape. Eine metaphysisch-religionsphilosophische Untersuchung (Bücher der Kommenden Gemeinde, Nr. 1), Leipzig 1931. 📖 ↩
13
G. Wobbermin, Wort Gottes und evangelischer Glaube (Studien zur systematischen Theologie, H. 6), Göttingen 1931. 📖 ↩
14
Siehe oben S. 77, Anm. 1. ↩
15
Siehe zu Heinrich Scholz das Namensregister von KD I/1 📖.↩
16
Siehe zu H. M. Müller das Namensregister von KD I/1 📖. – Hans Michael Müller (1901–1989), 1928 Privatdozent und ab 1933 o. Professor für Systematische Theologie in Jena, von 1934-1945 in Königsberg; im Sommer/Herbst 1933 «Adjutant» Ludwig Müllers.↩