Brief Nr. 83 · 6. April 1931

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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Liebste Lollo!

Eben kam, sehnlichst erwartet, dein Brief an, und du sollst gleich Antwort haben! Ich freue mich doch auch an dem Gedanken, heute in acht Tagen wieder in der Vatikanstadt zu sein bei dir. Alle deine Briefe sind so lieb und friedlich und gut, wie ich es so gerne habe und wie es die sonnigste Zukunft verheißt. Wir werden sie dann am Samstag abend sehr freundlich miteinander antreten. Am Freitag nachmittag fahre ich nach Basel, übernachte bei Eduards und fahre am Samstag1 früh los. Irgend einmal treffe ich dann an der Siebengebirgstraße und bei Lolli ein.

Ich freue mich über die guten Nachrichten und hoffe so sehr, daß Nelly irgendwie zufrieden ihrem Paris entgegenrollt. Das ist nun einmal so bei ihren Aufbrüchen, ich weiß schon, warum ich mich bei solchen Anlässen drücke, wo ich nur kann. Umso besser, wenn schließlich doch noch Alles mit relativen Harmonien endigt. Matthislein scheint wirklich vergnügt zu sein. Er schrieb mir, daß er mit dem Fang von Kaulquappen beschäftigt sei und daß er welche nach Bonn mitbringen werde! – Auch von Münster kam eine Karte von Stöffeli mit gutem Bericht. Nun wirst also du den kleinen Tisch präsidieren und wirst das sicher mit Würde und Gehalt und zu aller Freude tun, bis ich auch wieder komme. An Goeters habe ich geschrieben.2 Er wird dich noch einmal antelephonieren, und dann willst du so freundlich sein, für einen neuen Anschlag am Schwarzen Brett zu sorgen.

1. Dogmatik,

2. Seminar,

3. Sozietät.

178Die im Vorlesungsverzeichnis angekündigte Vorlesung über Theologische Enzyklopädie muß ich leider ausfallen lassen.3

…

sign. Barth

(ich brauche nicht persönlich zu unterschreiben!)

Von Fränzeli habe ich ganz ähnliche Nachrichten und Eindrücke. Genf ist ein Ort mit einer Atmosphäre, die zum Bluffen wie geschaffen scheint: ich wundere mich über nichts. Auch mein lieber Onkel Ernst4 war von jeher geblufft und bluffend. Vielleicht muß man dem guten Fränzeli noch Zeit lassen, älter zu werden und dann gelegentlich auch sich selbst und einige andere Realitäten zu entdecken. Weißt du, in diesem ihrem Alter hast du doch auch noch «Heil dir, Haus Wittelsbach!»5 gerufen, die drei Blicke am Jahreswechsel getan usw., wenn auch sicher etwas anders!! (Gestern abend hatte unser Marieli6 an einem Jungfrauenfest ein Gedicht von Gerok aufzusagen mit dem Refrain: «Was weinest du?»7, wozu ich ihr mit ernstem Gesicht einige rhetorische Ratschläge gab.)

Ich habe hier am Karfreitag von Kari und gestern von Pfr. Burri8 in der Johanneskirche gute Predigten gehört. Der reformierte Gottes|179dienst hat doch viel für sich; ich dachte seufzend daran, wie sehr ich mich in den deutschen Kirchen immer gestört fühle. Meine heimliche Meinung ist sogar die, daß eine Predigt nur in dem «gebrochenen» Schweizer Hochdeutsch ganz das Richtige sein kann. Es ist das sicher eine besonders gute und Gott wohlgefällige Sprache, meinst du nicht auch? Auch ich bin am Karfreitag abend zum Abendmahl gegangen. Kari macht eine gesonderte Abendmahlsfeier nur mit Bibelverlesung, Gebet und Gesang, was viel für sich hat.

Denk, meine Mutter und Lindts haben mir ein schönes großes Buch «700 Jahre Bern»9 zur Ostern überreicht mit vielen alten und neuen Bildern, die wir dann am nächsten Sonntag zusammen anschauen wollen. Ich habe es gestern bis nachts ½2 Uhr in einem Zug gelesen und für mein historisch-heimatliches Gemüt eine Menge Nahrung daraus gesogen. Hier, hier, sollten wir in einem gemütvollen Landhäuslein mit einem alten Garten und Ausblick auf die Schneeberge zusammen endgültig «fernab» sein dürfen!

Ich freue mich ja so, daß du an dem § 1 Freude hast!! – Aber liebes gnädiges Fräulein10, nun sehen Sie sich einmal die Beilage mit den Folgen ihrer andauernd ungenügenden Frankierung an!! Ein Franken fünfundsechzig Rappen!!11 Gelt, du siehst ein, daß dies noch eine andere Folge haben muß, gelt, du siehst es ein? Unannehmlichkeiten müssen nun einmal ertragen sein, besonders wenn man es selber so toll getrieben hat. Und besonders angesichts der herzlichen Liebe, in der auch und gerade diese kleine Unannehmlichkeit dich treffen wird. Ich muß zu meiner Arbeit zurück. I. h. d. s. l., nein du weißt nicht, wie l. und wie ich mich freue.

Dein
K.

Sachfußnoten

1
11.4.1931.↩
2
Nicht erhalten.↩
3
D. h. 1. die «Prolegomena zur Dogmatik» (vierstündig), 2. das systematische Seminar über «Schleiermachers Einleitung zur Glaubenslehre» und 3. die Sozietät über Schleiermachers «Kurze Darstellung des Theologiestudiums». Die abgesagte Vorlesung war zweistündig unter dem Titel «Theologische Enzyklopädie (Was heißt und zu welchem Ende studiert man Theologie?)» vorgesehen (Barth hatte hier offensichtlich den Titel von Schillers Jenaer Antrittsvorlesung vom 26.5.1789 aufgenommen: «Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?»).↩
4
Siehe oben S. 166, Anm.9. ↩
5
Das nach der Stammburg Wittelsbach in Oberbayern benannte bayerische Königshaus, das bis 1918 regierte.↩
6
Haushaltshilfe bei Anna Barth-Sartorius.↩
7
Karl Gerok (1815–1890), Theologe und Dichter, zuletzt Oberhofprediger und Prälat in Stuttgart. Der Refrain «Was weinest du?» entstammt dem Gedicht «Ostergruß» (1854): K. Gerok, Palmblätter, Stuttgart 1865, S. 124-126. 📖 Es nimmt Bezug auf Joh. 20,15. Die zehn Strophen beginnen und enden jeweils mit der Frage Jesu: «Was weinest du?»↩
8
Eduard Burri (1892–1985), 1930-1958 Pfarrer an der Johanneskirche in Bern.↩
9
 H. Bloesch, 700 Jahre Bern, Bern 1931. 📖 ↩
10
Heinrich Scholz sprach von Kirschbaum gern mit «liebes gnädiges Fräulein» an.↩
11
Das von Barth gezahlte Strafporto.↩