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Barth an v.K. in Bonn
Eben kam, sehnlichst erwartet, dein Brief an, und du sollst gleich
Antwort haben! Ich freue mich doch auch an dem Gedanken, heute in acht Tagen
wieder in der Vatikanstadt zu sein bei dir. Alle deine Briefe sind so lieb und
friedlich und gut, wie ich es so gerne habe und wie es die sonnigste Zukunft
verheißt. Wir werden sie dann am Samstag abend sehr freundlich miteinander
antreten. Am Freitag nachmittag fahre ich nach Basel, übernachte bei Eduards und fahre am Samstag1 früh los. Irgend einmal treffe ich dann an der
Siebengebirgstraße und bei Lolli ein.
Ich freue mich über die guten Nachrichten und hoffe so sehr, daß Nelly irgendwie
zufrieden ihrem Paris entgegenrollt.
Das ist nun einmal so bei ihren Aufbrüchen, ich weiß schon, warum ich mich bei
solchen Anlässen drücke, wo ich nur kann. Umso besser, wenn schließlich doch
noch Alles mit relativen Harmonien endigt. Matthislein scheint wirklich vergnügt zu sein. Er schrieb mir, daß
er mit dem Fang von Kaulquappen beschäftigt sei und daß er welche nach Bonn
mitbringen werde! – Auch von Münster kam eine Karte von Stöffeli mit gutem Bericht. Nun
wirst also du den kleinen Tisch präsidieren und wirst das sicher mit Würde und
Gehalt und zu aller Freude tun, bis ich auch wieder komme. An Goeters habe ich
geschrieben.2 Er wird
dich noch einmal antelephonieren, und dann willst du so freundlich sein, für
einen neuen Anschlag am Schwarzen Brett zu sorgen.
1. Dogmatik,
2. Seminar,
3. Sozietät.
178Die im Vorlesungsverzeichnis angekündigte Vorlesung über Theologische
Enzyklopädie muß ich leider ausfallen lassen.3
…
sign. Barth
(ich brauche nicht persönlich zu unterschreiben!)
Von Fränzeli habe ich ganz ähnliche Nachrichten und Eindrücke. Genf ist
ein Ort mit einer Atmosphäre, die zum Bluffen wie geschaffen scheint: ich
wundere mich über nichts. Auch mein lieber Onkel Ernst4 war von jeher
geblufft und bluffend. Vielleicht muß man dem guten Fränzeli noch Zeit lassen, älter zu werden und dann gelegentlich
auch sich selbst und einige andere Realitäten zu entdecken. Weißt du, in diesem
ihrem Alter hast du doch auch noch «Heil dir, Haus Wittelsbach!»5 gerufen, die
drei Blicke am Jahreswechsel getan usw., wenn auch sicher etwas anders!!
(Gestern abend hatte unser Marieli6 an einem Jungfrauenfest ein Gedicht von
Gerok aufzusagen mit dem
Refrain: «Was weinest du?»7, wozu ich ihr mit ernstem Gesicht einige
rhetorische Ratschläge gab.)
Ich habe hier am Karfreitag von Kari und gestern von Pfr. Burri8 in der Johanneskirche gute
Predigten gehört. Der
reformierte Gottes|179dienst hat doch
viel für sich; ich dachte seufzend daran, wie sehr
ich mich in den deutschen Kirchen immer gestört fühle. Meine
heimliche Meinung ist sogar die, daß eine Predigt nur in dem
«gebrochenen» Schweizer Hochdeutsch ganz das Richtige sein kann. Es
ist das sicher eine besonders gute und Gott wohlgefällige Sprache, meinst du
nicht auch? Auch ich bin am Karfreitag abend zum Abendmahl gegangen. Kari macht eine gesonderte Abendmahlsfeier
nur mit Bibelverlesung, Gebet und Gesang, was viel für sich hat.
Denk, meine Mutter und Lindts haben mir ein schönes großes Buch «700 Jahre Bern»9 zur
Ostern überreicht mit vielen alten und neuen Bildern, die wir dann am nächsten
Sonntag zusammen anschauen wollen. Ich habe es gestern bis nachts ½2 Uhr in
einem Zug gelesen und für mein historisch-heimatliches Gemüt eine Menge Nahrung
daraus gesogen. Hier, hier, sollten wir in einem gemütvollen
Landhäuslein mit einem alten Garten und Ausblick auf die Schneeberge zusammen endgültig «fernab» sein dürfen!
Ich freue mich ja so, daß du an dem § 1 Freude hast!! – Aber liebes gnädiges
Fräulein10, nun sehen Sie sich einmal die Beilage
mit den Folgen ihrer andauernd ungenügenden Frankierung an!! Ein Franken
fünfundsechzig Rappen!!11 Gelt, du
siehst ein, daß dies noch eine andere Folge haben muß, gelt,
du siehst es ein? Unannehmlichkeiten müssen nun einmal
ertragen sein, besonders wenn man es selber so toll getrieben hat. Und besonders
angesichts der herzlichen Liebe, in der auch und gerade diese
kleine Unannehmlichkeit dich treffen wird. Ich muß zu meiner Arbeit zurück.
I. h. d. s. l., nein du weißt nicht, wie l. und wie ich mich freue.