Brief Nr. 84 · 8. April 1931

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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Liebste Lollo!

Dein Brief von gestern traf ein und brachte mir viel Liebe und Freude. Ach du, ich bin ja mit dir traurig und möchte doch auch mit dir mutig und hoffnungsvoll und ein bißchen zufrieden sein und Alles recht zu machen suchen. Es steht wirklich nichts in Aussicht, was meine Reise am Samstag hindern könnte. O, ich werde schon kommen, wenn kein Erdbeben oder dergl. mich aufhält. Gestern telephonierte mir – Rudi! Ob ich nicht noch aufs Bergli komme? Nein, diesmal nun eben nicht! Deine Mitteilung, du habest bei uns das Haus zu hüten, ist offenbar dort um einen Grad zu tragisch genommen worden, als daß sie dich eben auch gerufen hätten. Aber Rudi wird nun (hoffentlich allein!) am Freitag nach Basel kommen zur Abhaltung einer kleinen Männergemeinschaft. Darauf freue ich mich. Gelt, Gerty wird nun nicht doch mitauftauchen in ihrem dicken Mantel. Aber was auch komme, ich werde am Samstag morgen unaufhaltsam zum Badischen Bahnhof1 eilen.

Mit der Arbeit war es leider in der letzten Zeit nicht mehr allzu weit her. Es gab allerhand Besuche und Begegnungen: G. Ludwig2, Gilg, Schädelin, Hubacher, Burri, L. Christ3 – natürlich, ich mußte sie doch alle einmal grüßen -, gestern auf einen Tag Peter und nun dauernd Heiner und Gertrud. Mit Peter war es diesmal weniger glücklich: wir gerieten theologisch wieder einmal hart aneinander (Anlaß: das Weglassen des «natus ex virgine» im Apostolikum in Madiswil4!!), und der muntere Liberalismus, in dem der gute Peter im Grunde steckt, kam |181 erschreckend an den Tag. Wobei übrigens auch Heiner sich auf seine Seite schlug, so daß ich mich unter meinen Brüdern nicht eben gemütlich fühlte. Sie stehen mir doch beide etwas vergrämt gegenüber und scheinen irgendwie entschlossen, von mir lieber nichts weiter anzunehmen. Mama leidet sehr unter diesem Zustand und sucht nach Kräften zu vermitteln.

Ich habe übrigens meiner Mutter die sie angehende Stelle aus deinem Brief vorgelesen: sie läßt dir sagen, dem sei nicht so, wie du denkst, und sie sei durchaus nicht die Person, einen auch nur «leichten» Druck auf sich ausüben zu lassen. Es stimmt tatsächlich, daß das Brieflein ohne mein Wissen und Zutun geschrieben wurde. Allerhand Gesprächlein sind freilich in dieser Woche geführt worden. Ich erzähle dir dann mündlich davon, kann dir aber jetzt schon sagen, daß des Rätsels Lösung (in Bez[ug] auf ihre Haltung zu dir) in mehreren sie sehr beunruhigenden Briefen von Nelly besteht (im Januar geschrieben), die einerseits ihr Mitleid mit N. ganz neu erregten und damit andererseits (dir gegenüber) ihr auf eine Weile den Atem nahmen. Ich hoffe sehr und glaube es eigentlich, daß ihr nun Alles wieder durchsichtiger und übersichtlicher ist. Daß sie dich aufrichtig lieb hat, daran ist gar kein Zweifel, aber in Bez[ug] auf die einzunehmende Haltung fühlt sie sich einfach unsicher. Sie sagt selber, daß sie sich eben unserem Dreieck gegenüber nur mit größter Mühe und oft gar nicht zurechtfinde. Wir können uns schließlich nicht wundern darüber. [Eine Nebenszene: N. hat sich zur Weihnacht das bekannte Buch von der Kollontay5 als von dir lebhaft empfohlen von Mama |182 gewünscht. Sie bestellte es, las es und war schlechterdings entsetzt über den Inhalt; sie begreife das nicht von dir usf.* Es ist mir nicht eindrücklich geworden, ob du das Buch tatsächlich so hoch schätzest, habe es selber nur einmal ein bißchen angelesen und konnte also nicht viel sagen. Ich wollte wohl wissen, wie sich das verhält.]6 Nimm das alles gerade nicht allzu gedankenvoll, sondern etwas à la légère auf! Wir wollen in Zukunft noch mehr als in der Vergangenheit alles irgendwie überflüssige Spinnen über die Einstellung dieser und jener Mitmenschen auf der Seite lassen. Es ist so zeitraubend und führt ja zu doch nichts als zu Seufzern, Tränen, Aufregungen und Saturnstunden aller Art – und nicht zuletzt zu verderblichen Versäumnissen N. gegenüber. Es sollte immer mehr dazu kommen, daß man sich innerhalb der Vatikanstadt nur noch von Herzen lieb hat, mit keinen Selbstquälereien und selbstauferlegten Schikanen zu tun hat, sondern frei ist a) für die Dogmatik und viel Schleiermacher, b) für eine wirkliche [?] pflegliche Haltung N. gegenüber, c) für eine überlegene geistige und geistliche Leitung des übrigen Hauses. Gelt, dafür willst du nun auch («Beständigkeit verleihe!»7) immer mehr zu haben sein?

Es läutet zum Essen drunten. Wie freue ich mich über Alles, was du von Hansjoggeli, von Ella (grüße beide!), von der Universität usf. schreibst. Und wie freue ich mich, mich wieder zu dir zu gesellen! Ich gehe – aber ich bleibe ununterbrochen bei dir.

Dein
K.

Heute nacht erwachte ich, machte Licht, stand auf und holte deine Bildlein hervor. Ich habe vergessen, wie du aussiehst, und weiß es trotz der Bildlein nicht!

* N. bekam es dann nicht, sondern es wanderte in die Buchhandlung zurück!

Sachfußnoten

1
Von diesem Basler Bahnhof fuhren die Züge nach Deutschland ab.↩
2
Gottfried Ludwig (1889–1970), 1914-1929 Pfarrer in Diessbach, 1929-1961 an der Stadtkirche in Biel (Kt. Bern).↩
3
Lukas Christ (1881–1958), 1911-1948 Pfarrer in Pratteln-Augst (Kt. Basel-Landschaft), D. 1939 (Basel).↩
4
Peter Barth pflegte bei der gottesdienstlichen Rezitation des Apostolikums den Passus über die Jungfrauengeburt auszulassen (vgl. Bw.Th. II, S. 357 Anm. 9). 📖↩
5
A. Kollontay, Wege der Liebe. Drei Erzählungen, Übertragung aus dem Russischen von E. Federn-Kohlhaas, Berlin 1925 📖. – Alexandra Kollontay (Kollontai) (1872–1952), immatrikulierte sich, nachdem sie mit 26 Jahren Mann und Sohn verlassen hatte, 1898 an der Universität Zürich für die Fächer Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, schloß sich 1917 Lenin an, war als erste Frau Mitglied im revolutionären sowjetischen Kabinett, übernahm 1919 den Vorsitz der Frauenabteilung beim Zentralkomitee der Kommunistischen Partei, war 1922-1945 im diplomatischen Dienst. In ihren Schriften forderte sie die Gleichberechtigung der Geschlechter und propagierte so genannte «Kommunenhäuser», freie Liebe und Sexualität (vgl. A. Kollontai, Mein Leben in der Diplomatie. Aufzeichnungen aus den Jahren 1922 bis 1945, aus dem Russischen von R. und H. Deutschland [Schriften der Rosa Luxemburg Stiftung, Bd. 12], Berlin 2003 📖).↩
6
Eckige Klammern im Original.↩
7
Aus der Schlußstrophe von «Ach bleib mit deiner Gnade» von J. Stegmann (RG [1998] 342,6; EG 347,6) 🎵↩