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Barth an v.K. in Bonn
Dein Brief von gestern traf ein und brachte mir viel Liebe und Freude. Ach du,
ich bin ja mit dir traurig und möchte doch auch mit
dir mutig und hoffnungsvoll und ein bißchen zufrieden sein und Alles recht zu
machen suchen. Es steht wirklich nichts in Aussicht, was meine Reise am Samstag
hindern könnte. O, ich werde schon kommen, wenn kein Erdbeben oder dergl. mich
aufhält. Gestern telephonierte mir – Rudi! Ob ich nicht noch
aufs Bergli komme? Nein, diesmal nun
eben nicht! Deine Mitteilung, du habest bei uns das Haus zu hüten, ist offenbar
dort um einen Grad zu tragisch genommen worden, als daß sie dich eben
auch gerufen hätten. Aber Rudi wird nun
(hoffentlich allein!) am Freitag nach Basel kommen zur Abhaltung einer kleinen
Männergemeinschaft. Darauf freue ich mich. Gelt, Gerty wird
nun nicht doch mitauftauchen in ihrem dicken Mantel. Aber was auch
komme, ich werde am Samstag morgen unaufhaltsam zum Badischen Bahnhof1 eilen.
Mit der Arbeit war es
leider in der letzten Zeit nicht mehr allzu weit her. Es gab allerhand Besuche
und Begegnungen: G. Ludwig2, Gilg, Schädelin, Hubacher, Burri, L. Christ3 – natürlich,
ich mußte sie doch alle einmal grüßen -, gestern auf einen Tag Peter und nun dauernd Heiner und Gertrud. Mit Peter war es diesmal weniger
glücklich: wir gerieten theologisch wieder einmal hart aneinander (Anlaß: das
Weglassen des «natus ex virgine» im Apostolikum in Madiswil4!!), und der
muntere Liberalismus, in dem der
gute Peter im Grunde steckt, kam
|181 erschreckend an den Tag. Wobei übrigens auch Heiner sich auf
seine Seite schlug, so daß ich mich unter meinen Brüdern nicht eben gemütlich
fühlte. Sie stehen mir
doch beide etwas vergrämt gegenüber und scheinen irgendwie entschlossen, von mir
lieber nichts weiter anzunehmen. Mama leidet sehr unter
diesem Zustand und sucht nach Kräften zu vermitteln.
Ich habe übrigens meiner Mutter die sie angehende
Stelle aus deinem Brief vorgelesen: sie läßt dir sagen, dem sei nicht so, wie du
denkst, und sie sei durchaus nicht die Person, einen auch nur «leichten» Druck
auf sich ausüben zu lassen. Es stimmt tatsächlich, daß das Brieflein ohne mein
Wissen und Zutun geschrieben wurde. Allerhand Gesprächlein sind freilich in
dieser Woche geführt worden. Ich erzähle dir dann mündlich davon,
kann dir aber jetzt schon sagen, daß des Rätsels Lösung (in Bez[ug] auf ihre
Haltung zu dir) in mehreren sie sehr beunruhigenden Briefen von Nelly besteht (im Januar
geschrieben), die einerseits ihr Mitleid mit N. ganz neu erregten und damit
andererseits (dir gegenüber) ihr auf eine Weile den Atem nahmen. Ich hoffe sehr
und glaube es eigentlich, daß ihr nun Alles wieder durchsichtiger und
übersichtlicher ist. Daß sie dich aufrichtig lieb hat, daran ist gar kein Zweifel,
aber in Bez[ug] auf die einzunehmende Haltung fühlt sie sich einfach
unsicher. Sie sagt selber, daß sie sich eben unserem Dreieck
gegenüber nur mit größter Mühe und oft gar nicht zurechtfinde. Wir können uns
schließlich nicht wundern darüber. [Eine Nebenszene: N. hat sich zur
Weihnacht das bekannte Buch von der Kollontay5
als von dir lebhaft empfohlen von Mama
|182 gewünscht. Sie bestellte es, las es und war
schlechterdings entsetzt über den Inhalt; sie begreife das nicht von dir usf.* Es ist
mir nicht eindrücklich geworden, ob du das Buch tatsächlich so hoch schätzest,
habe es selber nur einmal ein bißchen angelesen und konnte also nicht viel
sagen. Ich wollte wohl wissen, wie sich das verhält.]6 Nimm das alles gerade
nicht allzu gedankenvoll, sondern etwas à la légère auf! Wir
wollen in Zukunft noch mehr als in der Vergangenheit alles irgendwie
überflüssige Spinnen über die Einstellung dieser und jener Mitmenschen auf der
Seite lassen. Es ist so zeitraubend und führt ja zu doch nichts als zu Seufzern,
Tränen, Aufregungen und Saturnstunden aller Art – und nicht zuletzt zu verderblichen
Versäumnissen N.
gegenüber. Es sollte immer mehr dazu kommen, daß man sich innerhalb
der Vatikanstadt nur noch
von Herzen lieb hat, mit keinen Selbstquälereien und selbstauferlegten Schikanen
zu tun hat, sondern frei ist a) für die Dogmatik und viel Schleiermacher, b) für
eine wirkliche [?] pflegliche Haltung N. gegenüber, c) für
eine überlegene geistige und geistliche Leitung des übrigen Hauses. Gelt, dafür willst du nun
auch («Beständigkeit verleihe!»7) immer mehr zu haben sein?
Es läutet zum Essen drunten. Wie freue ich mich über Alles, was du von Hansjoggeli, von Ella
(grüße beide!), von der Universität usf. schreibst. Und
wie freue ich mich, mich wieder zu dir zu gesellen! Ich gehe –
aber ich bleibe ununterbrochen bei dir.
Heute nacht erwachte ich, machte Licht, stand auf und holte deine Bildlein hervor. Ich habe
vergessen, wie du aussiehst, und weiß es trotz der Bildlein
nicht!
* N. bekam es
dann nicht, sondern es wanderte in die Buchhandlung zurück!