Brief Nr. 85 · 11. September 1931

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum auf dem Bergli

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Du liebe Lollo!

Es geht natürlich unmöglich an, daß du etwa auf den Sonntag ohne Nachrichten von mir bist, und darum will ich mich in später Abendstunde – angemessener Weise das rote Band benützend – noch einmal ans Maschinlein, das bekannte, treue setzen, nachdem ich es heute, wie du aus den Beilagen siehst, schon rüstig benützt habe. Ja gelt, nun ist es eben wieder so …, so daß einem unablässig gerade das Entscheidende fehlt. Das will nun offenbar ausgehalten sein. Wie mag es dir gehen dabei? Es ist so merkwürdig, dich in der unbekannten Ferne zu wissen und sich nur deines Überhauptdaseins trösten zu können ohne alle Konkretion. Geht es dir auch so? Wie freue ich mich auf das erste Lebenszeichen von dir!

Meine Reise1 ging gut von statten. Am Bahnhof in Bern erwarteten mich Mama und Heiner. Wir brachten mein Gepäck in einem Auto rasch an seinen Ort, und dann ging es gleich an die Schwarztorstraße, wo Trudi selber erst quasi zum Besuch eingetroffen war. Sie ist nämlich, was mir bis jetzt nicht klar war, den ganzen Sommer auf dem Beatenberg2 mit allen (von der Schule beurlaubten) Kindern und kam nun nur für ein paar Tage herunter, um mich zu sehen. Am Abend trafen dann noch Schädelin und Pfr. Oettli3 mit ihren Frauen ein, und so umfing mich sehr bald und gründlich die ganz andere Berner Welt. Heute habe ich nun nichts Anderes getan, als die beiliegenden Briefe geschrieben, denen du noch allerlei entnehmen kannst, was ich jetzt nicht wiederholen will, z. B. die Aufklärung des Rätsels von Goeters4. |184 Ich mag mich wegen seiner Schlamperei nun wirklich nicht hetzen lassen, sondern werde mich an die Arbeiten machen, wenn es mir paßt. Gelt, einige von diesen Briefen wären unter deiner Leitung entweder gar nicht geschrieben worden, oder sie hätten mir ein ernstes: «Du Schwetzerle!» eingetragen. Aber es durfte nun sicher auch einmal sein, inklusive des Briefes an Schmidt5, von dem also in den ersten 24 Stunden schon zwei Briefe hier eingetroffen sind6, denen gewiß weitere folgen werden.

Meine Mutter war den ganzen Sommer sehr in Anspruch genommen, und daraus ist ihre Haltung wenigstens zum Teil zu erklären. Gerade in der letzten Zeit haben sich offenbar die Gäste fast in berglimäßiger Weise bei ihr abgelöst. Ob sie noch irgend etwas Besonderes gegen «uns» hat, wird sich zeigen. Sie betrachtete die Photographien von der Reise7 mit einer gewissen Bedenklichkeit, die nicht als ausgeschlossen erscheinen läßt, daß nach Heiners Abreise (morgen Samstag) die eine oder andere Anfrage erfolgen wird. Aber zum Töten wird es auf keinen Fall gehen. Und ganz lieb ist wie immer Trudi. Sie fragte gleich, ob du nicht auch kommest, und wollte dich nun auf den Beatenberg zu sich einladen. Ich nehme an, daß es in deinem Sinn war, wenn ich, natürlich sehr freundlich, abgewinkt habe. Aber sie denkt sehr im Guten an uns und hat sich deine Bilder lange und lieb angesehen … so wie man deine Bilder ansehen muß: ich weiß ganz bestimmt, was ich da zu verlangen habe, wenn man es mir in dieser Hinsicht recht machen will, und das trat hier ein. Ja und nun ist unterdessen das Berglileben seinen Gang weitergegangen ohne mich. Das Auto hat dich zurückgebracht8. Du hast im Törli die letzten Trümmer unserer Existenz, wie Heinrich Scholz sagen würde, aufgeräumt, und ich versuche es, mir dich als Bewohnerin der Seewinde9 |185 einigermaßen vorzustellen. Ich weiß wirklich schon nicht mehr genau, wie du aussiehst, und das soll nun vier Wochen so weitergehen?! Ach du, es ist doch so schön gewesen, und es soll in anderer Weise im Oktober und im Winter überhaupt auch wieder schön werden, und dein Satürnlein soll immer mehr arbeitslos werden. Freust du dich nicht doch auch ein wenig, weiter zu leben und allerlei Tagen und Jahren, was sie auch bringen mögen, entgegen zu gehen?

Ich will Schluß machen. Meine Mutter hört drüben mein Tippen, und weil sie morgen früh in die Stadt geht und den Brief mitnimmt, wird sie wissen, was hier los war. Das geht nun eben nicht anders, gelt. Wenn der Brief bei dir eintrifft – hoffentlich doch noch vor Sonntag –, dann werden wohl Georg und die liebe Line schon eingetroffen sein. Ich möchte von Weitem lauschen und gucken können. Aber du wirst mir ja Alles erzählen. Gelt, du wirst mir weder selten noch kärglich schreiben. Grüße Alle, Alle, ganz besonders doch die gute Gertrud, deren Lebensschicksal10 mir in diesen Wochen doch sehr nahe getreten ist. Möchte euch allen schönes Wetter beschert sein zu guten Taten und Fahrten und dazu eine Atmosphäre ohne Komplexe und Mikoxe11, ohne Senti- und Ressentiments, ohne Kühe in der Luft, sondern so richtig gelöst und getrost, wie wenn Pfarrer Baumgartner12, der nun wieder in seine Heimat zurückgekehrt ist, noch immer mitten unter euch weilte und euch jederzeit beraten und trösten könnte. (Diese Stelle kannst du Gertrud vielleicht vorlesen.) Du sollst ihr aber nicht vorlesen, was ich dir jetzt nur ins Ohr sage: … Gelt? Eben gerade so! Eben gerade das! Schlußpunkt, in jeder Hinsicht und im verwegensten Sinne des Wortes Schlußpunkt.

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Am 10.9.1931 verließ Barth das Bergli, nachdem er sich dort seit dem 1.8. mit von Kirschbaum aufgehalten hatte.↩
2
Im als Feriendomizil genutzten Chalet «Schmockli» des Ehepaares Karl und Gertrud Lindt auf dem Beatenberg am Thunersee (Kt. Bern).↩
3
Samuel Oettli (1877–1964), 1913-1946 Pfarrer am Münster in Bern.↩
4
Es handelt sich dabei um die von Goeters zu spät an Barth gesandten neun Prüfungsarbeiten, die nach den entsprechenden «Laufzeddeln» bereits am 15. bzw. am 12.8.1931 in Barths Händen hätten sein sollen (s. Barths Brief an Konsistorialrat Greeven vom 11.9.1931 [KBA 9231.253]).↩
5
Brief an K. L. Schmidt vom 11.9.1931 (KBA 9231.251) mit einer Klage über «diese verwünschte ‹Fakultätsarbeit› mit ihrem Ratsch, Klatsch und Tratsch. Aber ich meine Ihre Belehrung schon zu hören».↩
6
Briefe von K. L. Schmidt vom 9. und 10.9.1931 (KBA 9331.476 und KBA 9331.478).↩
7
Vom 20.-23.8. waren Barth und von Kirschbaum gemeinsam mit dem Ehepaar Pestalozzi in Aosta und Mailand (Album mit 51 Photographien: KBA 17600).↩
8
Von Kirschbaum hielt sich noch bis zum 21.9. mit einer Unterbrechung durch eine Reise nach Basel (s. unten S. 186, Anm. 4) auf dem Bergli auf.↩
9
«Winde» ist ein schweizerdeutsches Wort für «Dachboden». Die «Seewinde» und die «Waldwinde» waren zwei kleine Schlafzimmer mit Dachschräge und kleinem Fenster, die «Seewinde» mit Blick zum Zürichsee.↩
10
Bezieht sich auf die im Jahre 1927 erfolgte Scheidung Gertrud Staewens und ihre langjährige Freundschaft mit Günther Dehn.↩
11
= Minderwertigkeitskomplexe.↩
12
Vermutlich wird auf Albert Baumgartner (1847–1937) angespielt, Pfarrer der Minoritätsgemeinde an der Heiliggeistkirche in Bern, Religions- und Geschichtslehrer am Freien Gymnasium in Bern, an dem auch Barths Vater Fritz Barth unterrichtete. Barth tauschte mit Gertrud Staewen Anekdoten über ihn aus (vgl. Briefe 1961-1968, S. 141 📖) und unterzeichnete Briefe an sie gelegentlich mit «Onkel Baumgartner». Anscheinend hatte er sich während des vorangehenden Bergliaufenthalts auch in der Rolle «Pfarrer Baumgartner» präsentiert.↩