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Barth an v.K. auf dem Bergli
Es geht natürlich unmöglich an, daß du etwa auf den Sonntag ohne Nachrichten von
mir bist, und darum will ich mich in später Abendstunde – angemessener Weise das
rote Band benützend – noch einmal ans Maschinlein, das bekannte, treue setzen,
nachdem ich es heute, wie du aus den Beilagen siehst, schon rüstig benützt habe.
Ja gelt, nun ist es eben wieder so …, so daß einem unablässig gerade das
Entscheidende fehlt. Das will nun offenbar ausgehalten sein. Wie mag es dir
gehen dabei? Es ist so merkwürdig, dich in der unbekannten Ferne zu wissen und
sich nur deines Überhauptdaseins trösten zu können ohne alle Konkretion. Geht es
dir auch so? Wie freue ich mich auf das erste Lebenszeichen von dir!
Meine Reise1 ging gut von statten. Am Bahnhof in Bern erwarteten mich Mama und Heiner. Wir brachten
mein Gepäck in einem Auto rasch an seinen Ort, und dann ging es gleich an die
Schwarztorstraße, wo Trudi selber erst quasi
zum Besuch eingetroffen war. Sie ist nämlich, was mir bis jetzt nicht klar war,
den ganzen Sommer auf dem Beatenberg2 mit allen (von der Schule
beurlaubten) Kindern und kam nun nur für ein paar Tage herunter, um mich zu
sehen. Am Abend trafen dann noch Schädelin und Pfr. Oettli3 mit ihren Frauen ein, und so umfing mich sehr bald
und gründlich die ganz andere Berner Welt. Heute habe ich nun nichts Anderes
getan, als die beiliegenden Briefe geschrieben, denen du noch allerlei
entnehmen kannst, was ich jetzt nicht wiederholen will, z. B. die Aufklärung des
Rätsels von Goeters4. |184 Ich mag mich wegen seiner
Schlamperei nun wirklich nicht hetzen lassen, sondern werde mich an die Arbeiten
machen, wenn es mir paßt. Gelt,
einige von diesen Briefen wären unter deiner Leitung entweder gar nicht
geschrieben worden, oder sie hätten mir ein ernstes: «Du Schwetzerle!»
eingetragen. Aber es durfte nun sicher auch einmal sein, inklusive des Briefes
an Schmidt5, von dem also in den ersten 24 Stunden schon zwei Briefe hier
eingetroffen sind6, denen gewiß weitere folgen
werden.
Meine Mutter war den ganzen Sommer sehr in Anspruch genommen, und daraus
ist ihre Haltung wenigstens zum Teil zu erklären. Gerade in der letzten Zeit
haben sich offenbar die Gäste fast in berglimäßiger Weise bei ihr abgelöst. Ob sie noch irgend etwas
Besonderes gegen «uns» hat, wird sich zeigen. Sie betrachtete die Photographien von der Reise7 mit einer
gewissen Bedenklichkeit, die nicht als ausgeschlossen erscheinen läßt, daß nach
Heiners
Abreise (morgen Samstag) die eine oder andere Anfrage erfolgen wird. Aber zum
Töten wird es auf keinen Fall gehen. Und ganz lieb ist wie immer Trudi. Sie
fragte gleich, ob du nicht auch kommest, und wollte dich nun auf den Beatenberg zu sich einladen. Ich
nehme an, daß es in deinem Sinn war, wenn ich, natürlich sehr freundlich,
abgewinkt habe. Aber sie denkt sehr im Guten an uns und hat sich deine Bilder lange und lieb
angesehen … so wie man deine Bilder ansehen muß: ich weiß ganz
bestimmt, was ich da zu verlangen habe, wenn man es mir in dieser Hinsicht recht
machen will, und das trat hier ein. Ja und nun ist unterdessen das Berglileben seinen Gang weitergegangen
ohne mich. Das Auto hat dich zurückgebracht8. Du hast im Törli die letzten Trümmer unserer Existenz,
wie Heinrich Scholz sagen
würde, aufgeräumt, und ich versuche es, mir dich als Bewohnerin der Seewinde9
|185 einigermaßen vorzustellen. Ich weiß wirklich schon nicht
mehr genau, wie du aussiehst, und das soll nun vier Wochen so weitergehen?! Ach
du, es ist doch so schön gewesen, und es soll in anderer Weise im Oktober und im
Winter überhaupt auch wieder schön werden, und dein Satürnlein soll immer mehr
arbeitslos werden. Freust du dich nicht doch auch ein wenig, weiter zu leben und
allerlei Tagen und Jahren, was sie auch bringen mögen, entgegen zu gehen?
Ich will Schluß machen. Meine Mutter hört drüben mein
Tippen, und weil sie morgen früh in die Stadt geht und den Brief mitnimmt, wird
sie wissen, was hier los war. Das geht nun eben nicht anders, gelt. Wenn der
Brief bei dir eintrifft – hoffentlich doch noch vor Sonntag –, dann werden wohl
Georg und die liebe Line
schon eingetroffen sein. Ich möchte von Weitem lauschen und gucken können. Aber
du wirst mir ja Alles erzählen. Gelt, du wirst mir weder selten noch kärglich
schreiben. Grüße Alle, Alle, ganz besonders doch die gute Gertrud, deren
Lebensschicksal10 mir in diesen Wochen doch sehr
nahe getreten ist. Möchte euch allen schönes Wetter beschert sein zu guten Taten
und Fahrten und dazu eine Atmosphäre ohne Komplexe und Mikoxe11, ohne Senti- und Ressentiments, ohne Kühe in der Luft, sondern so
richtig gelöst und getrost, wie wenn Pfarrer Baumgartner12, der nun wieder in seine Heimat zurückgekehrt ist, noch
immer mitten unter euch weilte und euch jederzeit beraten und trösten könnte.
(Diese Stelle kannst du Gertrud vielleicht vorlesen.)
Du sollst ihr aber nicht vorlesen, was ich dir jetzt nur ins Ohr sage: …
Gelt? Eben gerade so! Eben gerade das! Schlußpunkt, in jeder Hinsicht und im
verwegensten Sinne des Wortes Schlußpunkt.