Brief Nr. 86 · 13. September 1931

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum auf dem Bergli

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Liebste Lollo!

Auch diesmal ist es späte Nacht, und es kann nur noch ein kurzer Gruß werden. Aber der muß sein. Denn denk, morgen vormittag fahre ich mit Kari Lindt an eine Pfarrerkonferenz in Konolfingen1 und am Abend dann auf den Beatenberg2 zu Trudi, von wo wir erst am Dienstag wieder zurückkehren. So ist es heute abend beschlossen worden. Das bedeutet, daß die Koblenzer3 noch etwas länger warten müssen, aber die Welt wird deswegen nicht untergehen. Gelt, das Telephongespräch vorgestern war nicht gerade befriedigend? Aber wie sollte es anders sein, da wir eben in dem dir bekannten Hausflur beim Mittagessen saßen: Mama, Heiner, Kari, Trudi und ich und eben daselbst auch der Apparat, so daß der ganze Kreis jedes Wort mitanhören mußte, und als ich nach dem Gespräch mit Rudi plötzlich zum Hochdeutschen überging, natürlich genau wußte, was die Glocke geschlagen habe!! Aber ich war doch sehr froh, zu wissen, daß du nach Basel fuhrst, und dich in Gedanken begleiten zu können. Wie mag es gewesen sein? Hat dir der Basler Geist und die Pfarrhausluft4 im Besonderen nicht zu arg zugesetzt? Wirst du morgen einigermaßen fröhlich wieder aufs Bergli zurückkehren können? Dort wirst du dann also meinen Brief vom Freitag5 finden. Wer weiß, erreicht dich dieser auch noch morgen.

187 Ich hatte heute einen ganz der Familie gewidmeten Tag. D. h. am Morgen bin ich bei Kari in der Predigt und beim Abendmahl gewesen. Nachher mußte er noch Radio-Predigen, und unterdessen hatte ich ein gutes Stündlein mit Trudi. Dann versammelte sich Alles (zu den Allen gesellte sich unerwartet noch der gute, aber etwas langweilige Uli6) hier oben, und der Nachmittag verlief dann mit Gesprächen, Halmaspielen und einem kleinen Gänglein bis in die Nacht hinein. (Heiner ist gestern nach Basel zurückgekehrt – ob du ihn erblickt hast?) Die Gespräche liefen bis jetzt gar nicht über «uns», sondern meine Mutter ist ganz beschäftigt mit der Sorge einerseits um Heiner wegen seiner Berufungssache7, die andauernd verdrießlich steht, und andererseits um Peter, der scheint’s diesen Sommer oft sehr deprimiert war wegen seiner Buben und wegen Lenchen, die an Krankheiten leidet, von denen kein Mensch weiß, was sie eigentlich bedeuten, nur daß sie sicher irgend eine hysterische Komponente haben. Man steht beiden Fällen wirklich verlegen gegenüber, weil wenigstens ich in beiden den Eindruck nicht los werde, daß es sich um schicksalsmäßige Grenzen aller Beteiligten handelt. Wie würde das Bergli gestaunt haben, wenn es mich gestern gehört hätte, wie ich meiner Mutter von der Astrologie und ihrem möglicherweise friedlichen und guten Sinn erzählte und ihre zuerst heftige Abneigung nicht ohne Erfolg zu beschwichtigen wußte! Ja, hier muß ich nun eben diese Seite8 vertreten!

Daß ich gestern rüstig weitergetippt habe, magst du aus den Beilagen9 ersehen. Über die Sache Elberfeld10 mußt du auf dem Bergli |188 nicht reden. Es war merkwürdig genug, daß Kari und Trudi, als ich ihnen zuerst fast im Scherz den Brief der Niederländer zeigte, alsbald ernsthaft wurden. So bekam der Brief, mir selbst unerwartet genug, nun diese Wendung. Und nachdem ich heute Kari wieder habe predigen hören, denke ich noch einmal, die Leute könnten eigentlich keinen Besseren finden. Seine Predigt (über das Sorgen) war nämlich ganz ausgezeichnet nach Inhalt und Form. Ich kann mir nicht denken, wie man diesen Text besser auslegen könnte, als es da geschehen ist. Hätte ich den Brief11 heute geschrieben, so wäre er wohl noch lebhafter geworden. Aber ich denke, sie merken auch so, daß das als dringende Empfehlung gemeint ist. Es lohnt sich noch nicht, sich auszumalen, was es bedeuten würde, wenn daraus etwas würde. Aber Kari und Trudi scheinen gestern doch ein langes gründliches Nachtgespräch über Bern, Deutschland und die Welt im Allgemeinen gehabt zu haben. Die anderen Beilagen sprechen wiederum für sich selbst. Aus den beiden Briefen von Nelly – ich vergaß vorgestern, den ersten beizulegen – siehst du, daß auch in Bonn der Horizont soweit hell ist, daß kein Anlaß zur Sorge besteht. Gewisse Redewendungen wirst du ja so verstehen, wie sie aus der Feder Nellys kommend verstanden werden müssen.

Ich will bzw. muß aufhören. Am Dienstag, wenn ich wieder zurückkomme, hoffe ich eigentlich mehr als einen Brief von dir vorzufinden. Ach du, es ist nichts mit den acht Tagen, in denen man es wohl aushalten könne, von denen ich dir einmal schrieb.12 Es zieht bei Tag und besonders bei Nacht unablässig an mir. Bei Allem fehlt das Eigentliche. Die vier Wochen sollen doch recht schnell umgehen. Es ist viel besser, wenn wir beieinander sind. Von Hinderer habe ich noch keinen Bescheid, ob mein Vorschlag angenommen ist.13

189 Mit Heiner ging es diesmal ordentlich. Aber es ist doch eine ganz besonders schwierige Sache mit Brüdern. (Du hast keine Schwestern und bist darum nicht ganz kompetent; ich weiß nicht so recht, wie es wäre, dich über eventuelle Schwestern dich aussprechen zu hören.) Mit Kari und Trudi ist es so schön wie nur möglich. Ich weiß, daß dir wegen Heiner und wohl besonders Peter eine kleine Predigt auf den Lippen schwebt, und ich meine, ihren Inhalt zu kennen. Aber du, die du mich so oft mit Verweisen auf Unaussprechlichkeiten beunruhigst, mußt verstehen, daß es dergleichen in etwas gedämpfteren Formen auch in der Männerwelt gibt und daß dann alles Predigen wenig hilft. Ach du!

Schluß! Es hat dich sehr lieb und es denkt in allen möglichen Weisen an dich:

Dein
K.

Trudi möchte gerne von deinen Bildern das, auf dem du ein wenig lächelst und das mir auch das liebste ist, besitzen. Sie sagte, sie möchte dir vom Beatenberg aus schreiben. Vielleicht schickst du es ihr auch so. Sie reist auch morgen früh dorthin ab, und abends treffen wir sie dann wieder.

Sachfußnoten

1
Siehe unten S. 190, Anm. 1.↩
2
Laut der Familienchronik der Familie Lindt hielt sich Barth vom 14.-15.9.1931 im «Schmockli» auf dem Beatenberg (Kt. Bern) auf.↩
3
D. h. die Prüfungsbehörde beim Evangelischen Konsistorium der Kirchenprovinz Rheinland in Koblenz, das Barth am 24.9.1930 zum Mitglied der Prüfungskommission ernannt hatte (vgl. Busch, S. 215 📖).↩
4
Im Pfarrhaus bei E. Thurneysen in Basel. Siehe zum angekündigten Besuch von Kirschbaums bei Thurneysens «über nächsten Sonntag» (13.9.1931) Bw.Th. III, S. 171 📖.↩
5
Siehe oben S. 183–185.↩
6
Martin Ulrich Barth.↩
7
Siehe oben S. 162, Anm. 7. ↩
8
D. h. die astrologischen Neigungen von Hertha List, Rudolf und Gerty Pestalozzi, zu denen sich Barth auf dem Bergli eher distanziert äußerte.↩
9
Vermutlich Durchschläge der Briefe vom 12.9.1931, die u. a. an W. Wedekind und Uli Barth gingen (KBA 9231.258 – KBA 9231.259).↩
10
Am 2.9.1931 hatte der Kirchmeister der Niederländisch-reformierten Gemeinde in Wuppertal-Elberfeld, Hans Langen, Barth in einem Brief über die Schwierigkeiten bei der Neubesetzung der verwaisten Pfarrstelle berichtet und gefragt, ob sein von einem Gemeindeglied vorgeschlagener Bruder Peter Barth «für uns als Hirte und Pastor in Frage kommen könnte». Andernfalls wurde Barth um die Nennung geeigneter Pastoren ersucht (KBA 9331.469). – Die Niederländisch-reformierte Gemeinde in Wuppertal-Elberfeld war 1847 auf Betreiben der Elberfelder Gegner der preußischen Union als eine nach weltlichem Recht von Staat und Kirche unabhängige Gemeinde um den Amsterdamer Prediger Hermann Friedrich Kohlbrügge (1803–1875) gegründet worden (vgl. J. Castanyé, Kirchenverständnis in Elberfeld. Hermann Friedrich Kohlbrügge und Alfred de Quervain, in: JGP, Jg. 11 [1985], S. 296-317 📖).↩
11
Brief Barths vom 12.9.1931 an Hans Langen mit einer Empfehlung von Karl Lindt und von Vikar Wilhelm Hermann aus Bremen (KBA 9231.257).↩
12
Nicht erhalten.↩
13
August Hermann Hinderer (1877–1945), 1918-1933 Direktor des Evangelischen Preßverbandes für Deutschland in Berlin, hatte Barth am 2.9.1931 zu einer internen «Berufsarbeiterkonferenz der evangelischen Preßverbände» in Kösen für den 26.9. oder eventuell für den 25.9. eingeladen, in der die «ernsten grundsätzlichen Bedenken» Barths gegen deren Arbeit besprochen werden sollten (KBA 9331.468). Barth hatte Hinderer am 8.9.1931 ein Treffen für den 25.9. in Frankfurt am Main vorgeschlagen (KBA 9231.242).↩