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Barth an v.K. auf dem Bergli
Auch diesmal ist es späte Nacht, und es kann nur noch ein kurzer Gruß werden.
Aber der muß sein. Denn denk, morgen vormittag fahre ich mit Kari Lindt an eine
Pfarrerkonferenz in Konolfingen1 und am Abend dann
auf den Beatenberg2
zu Trudi, von wo wir erst am Dienstag wieder zurückkehren. So ist es heute
abend beschlossen worden. Das bedeutet, daß die Koblenzer3 noch
etwas länger warten müssen, aber die Welt wird deswegen nicht untergehen. Gelt,
das Telephongespräch vorgestern war nicht gerade befriedigend? Aber wie sollte
es anders sein, da wir eben in dem dir bekannten Hausflur beim Mittagessen
saßen: Mama, Heiner, Kari, Trudi und ich und eben daselbst auch der Apparat, so daß der ganze
Kreis jedes Wort mitanhören mußte, und als ich nach dem Gespräch mit Rudi
plötzlich zum Hochdeutschen überging, natürlich genau wußte, was die Glocke
geschlagen habe!! Aber ich war doch sehr froh, zu wissen, daß du nach Basel fuhrst, und dich in Gedanken
begleiten zu können. Wie mag es gewesen sein? Hat dir der Basler Geist und die
Pfarrhausluft4 im Besonderen nicht zu arg zugesetzt? Wirst du
morgen einigermaßen fröhlich wieder aufs Bergli zurückkehren können? Dort wirst du dann also meinen Brief vom
Freitag5 finden. Wer weiß, erreicht dich
dieser auch noch morgen.
187 Ich hatte heute einen ganz der Familie gewidmeten Tag. D. h. am Morgen bin ich
bei Kari in der Predigt
und beim Abendmahl gewesen. Nachher
mußte er noch Radio-Predigen, und unterdessen hatte ich ein gutes Stündlein mit
Trudi. Dann versammelte sich Alles (zu den Allen gesellte sich
unerwartet noch der gute, aber etwas langweilige Uli6) hier oben, und der Nachmittag verlief dann mit
Gesprächen, Halmaspielen und
einem kleinen Gänglein bis in die
Nacht hinein. (Heiner ist gestern nach Basel zurückgekehrt – ob du ihn erblickt hast?) Die Gespräche liefen
bis jetzt gar nicht über «uns», sondern meine Mutter ist ganz
beschäftigt mit der Sorge einerseits um Heiner wegen seiner
Berufungssache7, die andauernd
verdrießlich steht, und andererseits um Peter, der scheint’s diesen Sommer oft sehr deprimiert war wegen
seiner Buben und wegen Lenchen, die an
Krankheiten leidet, von denen kein Mensch weiß, was sie eigentlich bedeuten, nur
daß sie sicher irgend eine hysterische Komponente haben. Man steht beiden Fällen
wirklich verlegen gegenüber, weil wenigstens ich in beiden den Eindruck nicht
los werde, daß es sich um schicksalsmäßige Grenzen aller Beteiligten handelt.
Wie würde das Bergli gestaunt haben,
wenn es mich gestern gehört hätte, wie ich meiner Mutter von der Astrologie und ihrem möglicherweise
friedlichen und guten Sinn erzählte und ihre zuerst heftige Abneigung nicht ohne
Erfolg zu beschwichtigen wußte! Ja, hier muß ich nun eben diese Seite8 vertreten!
Daß ich gestern rüstig weitergetippt habe, magst du aus den Beilagen9 ersehen. Über die Sache Elberfeld10 mußt du auf dem Bergli
|188 nicht reden. Es war merkwürdig genug, daß Kari und Trudi, als
ich ihnen zuerst fast im Scherz den Brief der Niederländer zeigte, alsbald
ernsthaft wurden. So bekam der Brief, mir selbst unerwartet genug, nun diese
Wendung. Und nachdem ich heute Kari wieder habe predigen hören, denke ich noch einmal, die Leute
könnten eigentlich keinen Besseren finden. Seine Predigt (über das Sorgen) war
nämlich ganz ausgezeichnet nach
Inhalt und Form. Ich kann mir nicht denken, wie man diesen Text besser auslegen
könnte, als es da geschehen ist. Hätte ich den Brief11 heute geschrieben, so wäre er wohl noch
lebhafter geworden. Aber ich denke, sie merken auch so, daß das als dringende
Empfehlung gemeint ist. Es lohnt sich noch nicht, sich auszumalen, was es
bedeuten würde, wenn daraus etwas würde. Aber Kari und Trudi scheinen gestern
doch ein langes gründliches Nachtgespräch über Bern, Deutschland und die Welt im Allgemeinen
gehabt zu haben. Die anderen Beilagen sprechen wiederum für sich selbst. Aus den
beiden Briefen von Nelly – ich vergaß vorgestern, den ersten beizulegen – siehst du,
daß auch in Bonn der Horizont soweit hell ist, daß kein Anlaß zur Sorge besteht.
Gewisse Redewendungen wirst du ja so verstehen, wie sie aus der Feder Nellys kommend
verstanden werden müssen.
Ich will bzw. muß aufhören. Am Dienstag, wenn ich wieder zurückkomme, hoffe ich
eigentlich mehr als einen Brief von dir vorzufinden. Ach du, es ist nichts mit
den acht Tagen, in denen man es wohl aushalten könne, von denen ich dir einmal
schrieb.12 Es zieht bei
Tag und besonders bei Nacht unablässig an mir. Bei Allem fehlt das
Eigentliche. Die vier Wochen sollen doch recht schnell umgehen. Es ist
viel besser, wenn wir beieinander sind. Von Hinderer habe ich noch
keinen Bescheid, ob mein Vorschlag angenommen ist.13
189 Mit Heiner ging es
diesmal ordentlich. Aber es ist doch eine ganz besonders schwierige Sache mit
Brüdern. (Du hast keine Schwestern und bist darum nicht ganz kompetent; ich weiß
nicht so recht, wie es wäre, dich über eventuelle Schwestern dich aussprechen zu
hören.) Mit Kari und
Trudi ist es so schön wie nur möglich. Ich weiß, daß dir wegen Heiner und wohl
besonders Peter eine kleine
Predigt auf den Lippen schwebt, und ich meine, ihren Inhalt zu kennen. Aber du,
die du mich so oft mit Verweisen auf Unaussprechlichkeiten beunruhigst, mußt
verstehen, daß es dergleichen in etwas gedämpfteren Formen auch in der
Männerwelt gibt und daß dann alles Predigen wenig hilft. Ach du!
Schluß! Es hat dich sehr lieb und es denkt in allen
möglichen Weisen an dich:
Trudi möchte gerne von deinen Bildern das, auf dem du ein wenig lächelst
und das mir auch das liebste ist, besitzen. Sie sagte, sie möchte dir vom
Beatenberg aus schreiben.
Vielleicht schickst du es ihr auch so. Sie reist auch morgen früh dorthin
ab, und abends treffen wir sie dann wieder.