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Barth an v.K. auf dem Bergli
Heute früh ist, sehnlichst genug erwartet, dein langer lieber Brief gekommen. Und
da auch ich wieder einen ganzen kleinen Korb voll zu erzählen habe, will ich
gleich antworten. Die beiliegenden Postsachen mögen dir die nötigen Ergänzungen
geben.
Also ich fuhr am Montag mit Kari nach dem Schloß Hünigen bei Stalden im Emmental, einem alten
Berner Patriziergut, das jetzt in ein |190 christliches
Hospiz verwandelt ist, und war dort einen ganzen Tag1 mit 25-30 Pfarrern «positiver» Richtung2
zusammen. Die Guten hatten ahnungslos gerade einen ziemlich lebhaft
gegen mich gerichteten Vortrag über das Buch von Köberle3
auf den Traktanden, und ich bekam ausgiebig Gelegenheit zu zeigen, daß
außer Frl. Beatrice von Menkenstern4 doch auch ich einige
Begabung für Diskussionen
habe. Die Leute gefielen mir mit einigen pointierten Ausnahmen nicht schlecht,
einige ältere Herren sogar geradezu gut, ich fand mich rasch wieder in das
eigentümliche Berner Milieu und Tempo. Wer war auch da? Mein Freund Karl Huber5. Und denk, er gefiel mir aus der Nähe eigentlich recht gut.
Er votierte mit Abstand am besten, jedenfalls am bewegtesten, und hatte auch in
den Pausen eine Art zu fragen, die mich richtig freute, so daß es mich nun gar
nicht reut, ihn je und je aus der Ferne begrüßt zu haben. Aber wer war auch da?
Ein unterdessen zu einem schrecklichen dicken Pfarrer ausgewachsener Heinrich
Münger6,
der mir den ganzen Tag lang ein finsteres Gesicht machte |191
und von dem ich erst nachher erfuhr, daß er das gewesen sei.7 Und wer war auch
noch da? Ein in seiner Art ebenso schrecklicher uralter Pfarrer Güder8,
früher in unserem lieben Biglen9, der den Tee aus der Untertasse trank und dazu meckerte:
«Dä (nämlich dein lieber Karl) cha sich selber wehre, dä het es guets
Muul!»10 Und wer präsidierte das Ganze? Der geradezu
grauenhafte Pfarrer Benjamin Pfister11 von
der hiesigen Länggasskirche, dem es seinerzeit in ZdZ mit seinen Predigten noch viel zu gut
gegangen ist12, ein Mann, der salbungsvolle Gebete und
nichtssagende Präsidialphrasen hervorsprudeln kann wie ein Bach und ein hohler
Schwätzer ist, wo ihn die Haut anrührt13. Wahrscheinlich stammt von ihm die
beiliegende Zeitungsmeldung.14 Ich freute mich aber sehr an einigen
älteren Herren, z. T. noch ältesten Schülern meines Vaters, an einem ganz jungen
Pfr. Lindenmeyer15
und |192 schließlich doch an dem Tenor des Ganzen …
hoffentlich nicht etwa heimlich an mir selber, weil ich eben doch am Vormittag
und Nachmittag je eine geschlagene halbe Stunde redete und die Geschichte wohl
etwas geformt habe, so daß es nicht ganz unverdächtig ist, wenn sie mir am
Schluß gefiel!! Aber du kennst mich ja!
Am Abend fuhr ich dann mit Kari nach Thun und über den See nach Beatenberg. Im Schmockli16 ist es
noch immer gemütlich, wenn auch der Kinderlärm groß ist und meine Sehnsucht nach
Familienferien dieser Art nicht eben vermehrte. Wir haben Weglein gemacht und
viel baltisches Halma17 gespielt und uns gut verstanden.
Gestern nachmittag sind wir dann, Kari und ich, wieder hieher
zurückgekommen. Und kaum war ich fünf Minuten im Hause, so klingelte Gertrud
Staewen18 zum dritten
Mal und nun erfolgreich bei uns an. Ich konnte dann gerade noch dreiviertel
Stunden auf dem Bahnhof mit ihr verbringen und das Nötigste hören über den
Einzug von Georgs19, über den
letzten Brief von Günther Dehn
und vor Allem über dein Ergehen. Von deiner Rede an jenem Damentee entwarf sie
eine geradezu begeisterte Schilderung, die mich meinerseits besorgt machte in
der Richtung, ob du nicht doch durch meine ständige Nachbarschaft und sozusagen
durch meinen Schatten ganz fatal in der Auswirkung deiner besten Gaben und
Kräfte gelähmt wirst. Du
solltest doch, auch wenn ich dabei bin, viel mehr in dieser Weise loslegen, wie
du es offenbar dort getan hast. Es ist keine Frage, daß die Menschheit sich
daran regelmäßig freut und daß du in unerlaubter Weise ein Pfund vergräbst [vgl.
Mt. 25,14–30], wenn du
das nicht tust. Es war übrigens sehr nett mit Gertrud, und es kam mir doch
vor, als ob sie nun in einer gewissen Klarheit und Fassung ihrem Berliner Leben
und den ihr durch Günther Dehn
bereiteten Peripetien entgegenfahre.|
193 Den Schluß des gestrigen Tages bildete dann noch ein besinnlicher Abend mit
Mama. Aber ganz ruhig wird es zwischen ihr und mir vielleicht erst
heute abend zum Gespräch kommen. Heute den Tag über hatten wir nämlich Besuch
von einem alten Vetter20, einem klugen und sympathischen Greis, der in
Solothurn lebt, und dessen etwas aufgeregter Nichte. Und ich hatte noch einen
besonderen Besuch. Von wem? Von Herrn Röthlisberger21, der inzwischen einen der so
wichtigen schweizerischen Militärkurse absolviert hat und im Übrigen voll seines
bekannten Eifers nunmehr auf dem bernischen Gelände seine in Bonn
gelernten theologischen Künste zu üben sich anschickt. Außerdem kam ein Eilbrief
von Hinderer.22 Er
liegt bei und auch die Antwort23, die
ich ihm darauf geben mußte. Von K. L. Schmidt war nämlich gestern ein langer Brief da – ich habe ihn
verlegt und weiß nicht, ob ich ihn vor Abgang dieses Briefes noch finde und
beilegen kann – des Inhalts, es sei angesichts der Lage des Falles Hamel ungefähr unverantwortlich
von mir, wenn ich meine Heimkehr nicht wenigstens etwas beschleunige, um die
Sache vor Koblenz mit ihm
durchzusprechen.24 Ich werde mich nun einrichten, schon auf Freitag abend
(25.) in |194
Bonn zu sein und dann Zeit für Alles zu
haben. Von Eduard ertönt
also auch ein Ruf und ebenso einer von Lukas Christ, und meinem Bruder Heiner mußte ich versprechen, ihn
endlich nun auch einmal nicht zu übergehen, sondern am 24. bei ihm zu Mittag zu
essen. Das alles wird nun wohl bedeuten, daß ich schon heute in acht Tagen, also
Mittwoch 23. von hier wegfahre. Aber Mama macht noch ein
langes Gesicht dazu. – Darf man nicht sagen: Gertrud von Zezschwitz25 hat etwas an sich von jenem Huhn
in der Bahnhofhalle26? Der Brief wird wegen seiner bayrischen Hintergründe auch Georg interessieren. Die dich und
Rudi
angehende Stelle aus dem Briefe von Lempp27 solltest du beim
Mittagessen mit erhobener Stimme vorlesen. Wie du siehst, habe |195 ich ihm nun selbst so etwas wie einen Waschzeddel28 verfaßt. Heute morgen habe ich übrigens
bereits die Korrektur für den Kattenbuschbeitrag
29 erledigt.
Der Wegfall des Pressevortrags schafft mir nun noch ein bißchen letzte
Ferienluft. Könnte ich sie doch mit dir zusammen genießen. Wie schön wäre es,
wenn du mir auch an diesem Tischlein gegenübersitzen würdest! Du
dürftest sogar einen Saturntag haben – wenn du nur da wärest. Gelt, es geht dir doch
gut? Und ich brauche in keiner Hinsicht besorgt zu sein? Wie mag es dir gehen in
der nun so gründlich erneuerten Bergli-Atmosphäre? Erholst dich noch ein wenig? Und wie schaut dich der
Anselm, der nun
unaufhaltsam laufende, nachträglich an? Zu einem Brief an Gerty mangelt es mir
augenblicklich noch am inneren Auf- und Antrieb. Vorläufig interessiert mich auf
dem ganzen, so lieben Bergli nur
jemand. Weißt du wer? Du errätst es sicher nicht. Aber ich will
dir ins Ohr sagen, daß sie einen «unkleidsamen glatten Scheitel» trägt und die
feinsten Füßlein hat, die ich je gesehen habe, und Äuglein, die einen manchmal
so anschauen können, daß man sie mit der Hand zudecken muß, und eine geradezu
klassische Nase und … Ach du, ich habe dich lieb … Schlußpunkt.
Ich lasse Alle grüßen.
196Der Brief von K. L. Schmidt hat sich soeben
gefunden. Ich habe noch die Botschaft an Georg auszurichten, daß meine Mutter sich sehr freuen würde (trotz der seinerzeit von ihm
ausgestreuten Nachricht über meine dunkle Geburt30), wenn er hieher kommen
würde. Für ihn, aber eventuell auch für Rudi sei durchaus ein
Bett bereit. Am passendsten wäre hier der Sonntag.31