196
88
Barth an v.K. auf dem Bergli
Du sollst heute doch noch einen Gruß haben: weil nachher der Sonntag kommt, weil
morgen der Einbruch von Georg
erfolgt, infolgedessen ein Schreiben morgen doch unmöglich sein wird, und auch
weil heute ein zweiter Brief von Nelly eingetroffen ist, den ich
eben beantwortet habe und von dem du doch sofort Kunde haben mußt. Du siehst ja,
wie alles liegt, und ich hoffe, daß du mit meiner Antwort zufrieden bist. Auch
sonst sind wieder einige Briefe geschrieben und beizulegen. Dank für deinen
heute morgen eingetroffenen Brief! Du Liebe, ich kann mich wirklich in deine
Situation und in deren ganze Wehmut versetzen. Nein, ich möchte wirklich auch
nicht unter diesen Umständen auf dem Bergli zurückgeblieben sein1,
und wir müssen zusehen, daß wir das ein anderes Jahr anders deichseln. Aber wer
weiß, ist es nun unterdessen doch noch ein wenig schön für dich geworden, so daß
du nachher mit einiger Freude auch an diese letzten Tage zurückdenkst. Ach du,
es ist mir ja, ich wittere förmlich die Luft und die Situationen, die dich in
dieser Woche dort bedrückt haben. Aber schon die Annäherung an Gerty, die
sie noch mit sich gebracht |197 hat, ist sicher «der Mühe
wert» auch für später. Laß dir die Wogen nun auch am Sonntag, der ja unter
Umständen besonders kritisch werden könnte, nicht über den Kopf gehen, sondern
denk an deinen lieben Karl, wie er auch an dich denkt, wenn ihm das Herz schwer
wird.|
Du siehst, daß ich dem Herrn Jacobi2 sofort ein wenig
eingeheizt habe. Ich mochte keinen tragischeren Ton anschlagen als diesen und
hoffe, er werde auch so verstehen, was er zu tun hat. Und nun sehe ich also
Georg entgegen, der ja wohl
dafür sorgen wird, daß ich an diesen zwei Tagen nicht zu Atem kommen werde. Mit
den Koblenzer Arbeiten bin ich,
wie du wohl ahnst, noch arg im Rückstand. Aber den notwendigen Bescheid, nach
dem Greeven verlangte,
habe ich ihm, wie du siehst, heute gegeben.3 Die Sache Elberfeld4
hat sich, wie du siehst, auch sofort verwickelt. De Quervain5 ist eine Heuschrecke, mit der den
Niederländern sicher nicht gedient sein wird. Aber das konnte und wollte ich
ihnen nicht so direkt sagen, schon im Hinblick auf meinen eigenen Vorschlag, und
muß es nun darauf ankommen lassen, ob sie merken, daß, was ich ihnen
schreibe6, ein Abraten sein soll. Und |198 weiter
habe ich also auch Trillhaas auf die drohende Konkurrenz mit Erica aufmerksam gemacht.7 Wäre es nicht ganz gut, wenn du eine
entsprechende Mitteilung an Erica abgehen lassen würdest? Vielleicht ist es ihr nach dem ersten
Erschrecken ganz gut, wenn sie durch diese Tatsache etwas unter Dampf gesetzt
wird. Hat sie nicht, ihre Krankheit eingerechnet, doch ein wenig gedröselt in
ihrer Bonner Zeit? Vielleicht wie ich jetzt zu viele Briefe geschrieben, die
nicht eben notwendig waren? Wie dem auch sei, schreib ihr doch mit einem Gruß von mir ein
Wort dazu! Hier sende ich dir auch die fehlenden Bogen zum Anselm, die jetzt wieder aus Tübingen8 zurück sind. Ob
man die Dogmatik
Gertrud nun
dennoch schicken soll? Ich schwanke wirklich. Vielleicht wollen wir sie nun doch
nicht büßen lassen, aber du könntest ihr doch schreiben, daß sie sie
nur bekomme gegen das heilige Versprechen, sie auch
nicht an Günther Dehn weiterzugeben, und könntest zur Verstärkung meines Anrufs an
Jacobi starke
Entrüstungsworte ausstoßen, die sie ja dann sicher weitergeben wird. Was meinst
du? Wenn du überzeugt bist, daß, was man ihr schickt, auch an Dehn geschickt ist, dann soll sie
sie nicht bekommen; denn so hatte ich es allerdings nicht gemeint. Dem Trudi
kannst du dein Bild ruhig im
großen Format schicken; sie wird es gerne so haben.
Und nun wird dies schon mein letzter Brief aufs Bergli an dich sein, und der nächste geht an die
Bruderstraße9. Du weißt, wie bekümmert ich dich
in Gedanken dorthin begleite. Schreib mir dann bald und oft, schon um dir die
nötige Luft zu verschaffen. Ich erzählte gestern abend meiner Mutter
lange von dir und entwarf ein ziemlich düsteres |199 Gemälde
von der Familie v. Kirschbaum,
auf dessen Hintergrunde du dich dann um so lichter abhobst. Gelt, das hast du
gar nicht gerne, aber das muß jetzt so sein. Aber bevor du das Bergli verlässest, möchte ich dein
Stimmlein noch einmal am Telephon vernehmen. Die Zeit der Mahlzeiten ist ja
schon die, wo du mich am sichersten triffst, vielleicht ein bißchen vorher oder
nachher, damit es nicht gerade wieder in eine Vollversammlung hineintrifft. In
der Weise vielleicht am Sonntag? Ach du, das ist ja dann erst die große Trennung
und der Übergang in eine mir ganz fremde Welt. Aber das will nun so sein und
wird ja auch einmal vorüber gehen. Ich freue mich namenlos aufs Wiedersehen,
obwohl dann alle Schranken, Fragen und Aufgaben wieder da sind und beachtet sein
wollen. Und gelt, es war doch ein schöner, schöner Feriensommer diesmal? Und
vielleicht dürfen wir nächstes Jahr wieder kommen? Meinst du? Du, sollte dich
meine besorgte Frage von gestern geärgert oder doch zu dem stillen Ausruf:
J’aime les hommes courageux! veranlaßt haben? Du weißt schon, wie ich es meine.
Es hatte mich nur im Telephon plötzlich so erschreckt, daß du ein paar mal
sagtest, daß es dir «nach Umständen» gut gehe. Das war so ein wenig eine
problematische Formel.
Wieder wartet drunten meine Mutter, die mir in ihrer
Besorgnis um mein Wohl und mein Vergnügen die … Berliner Illustrierte aus der
Stadt mitgebracht hat. Es geht jetzt Alles sehr gut mit ihr. Auf den Georg10 freut sie sich
förmlich. Heute habe ich ihr ein Gemälde von … Hertha und dann
als Gegenstück gleich auch noch eines von Vreneli entworfen. Du siehst,
daß wir in unserer Weise rüstig dabei sind, unser Verhältnis zu den Zeitgenossen
zu klären.
Also wieder muß nun Abschied genommen sein. Aber jeweilen wenn ein Brief
geschlossen und fort ist, habe ich dich nur umso lieber und freue mich am
Gedanken, wie er morgen früh den Berg hinunter gebracht werden und dann im Nu
die Reise nach Zürich machen wird. Könnte ich nur mit. Aber nein, ich muß morgen
zur Bahn, um den lieben Georg in
Empfang zu nehmen.
Liebe Lollo … nein man kann das, was ich sagen wollte, nicht so ausschreiben.
Ich sage es dir dann einmal ins Öhrlein. Das liebe Öhrlein. Die
liebe totale Lollo. Punkt.
200Gelt, du hast meinen vorletzten Brief, den ganz
dicken, auch erhalten? Du hast jeweilen viel und lange zu lesen, wenn meine
Briefe eintreffen. Gelt, du bist ein wenig zufrieden in dieser Hinsicht? Und
gelt, du hast mich lieb?