Brief Nr. 88 · 18. September 1931

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum auf dem Bergli

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Liebste Lollo!

Du sollst heute doch noch einen Gruß haben: weil nachher der Sonntag kommt, weil morgen der Einbruch von Georg erfolgt, infolgedessen ein Schreiben morgen doch unmöglich sein wird, und auch weil heute ein zweiter Brief von Nelly eingetroffen ist, den ich eben beantwortet habe und von dem du doch sofort Kunde haben mußt. Du siehst ja, wie alles liegt, und ich hoffe, daß du mit meiner Antwort zufrieden bist. Auch sonst sind wieder einige Briefe geschrieben und beizulegen. Dank für deinen heute morgen eingetroffenen Brief! Du Liebe, ich kann mich wirklich in deine Situation und in deren ganze Wehmut versetzen. Nein, ich möchte wirklich auch nicht unter diesen Umständen auf dem Bergli zurückgeblieben sein1, und wir müssen zusehen, daß wir das ein anderes Jahr anders deichseln. Aber wer weiß, ist es nun unterdessen doch noch ein wenig schön für dich geworden, so daß du nachher mit einiger Freude auch an diese letzten Tage zurückdenkst. Ach du, es ist mir ja, ich wittere förmlich die Luft und die Situationen, die dich in dieser Woche dort bedrückt haben. Aber schon die Annäherung an Gerty, die sie noch mit sich gebracht |197 hat, ist sicher «der Mühe wert» auch für später. Laß dir die Wogen nun auch am Sonntag, der ja unter Umständen besonders kritisch werden könnte, nicht über den Kopf gehen, sondern denk an deinen lieben Karl, wie er auch an dich denkt, wenn ihm das Herz schwer wird.|

Du siehst, daß ich dem Herrn Jacobi2 sofort ein wenig eingeheizt habe. Ich mochte keinen tragischeren Ton anschlagen als diesen und hoffe, er werde auch so verstehen, was er zu tun hat. Und nun sehe ich also Georg entgegen, der ja wohl dafür sorgen wird, daß ich an diesen zwei Tagen nicht zu Atem kommen werde. Mit den Koblenzer Arbeiten bin ich, wie du wohl ahnst, noch arg im Rückstand. Aber den notwendigen Bescheid, nach dem Greeven verlangte, habe ich ihm, wie du siehst, heute gegeben.3 Die Sache Elberfeld4 hat sich, wie du siehst, auch sofort verwickelt. De Quervain5 ist eine Heuschrecke, mit der den Niederländern sicher nicht gedient sein wird. Aber das konnte und wollte ich ihnen nicht so direkt sagen, schon im Hinblick auf meinen eigenen Vorschlag, und muß es nun darauf ankommen lassen, ob sie merken, daß, was ich ihnen schreibe6, ein Abraten sein soll. Und |198 weiter habe ich also auch Trillhaas auf die drohende Konkurrenz mit Erica aufmerksam gemacht.7 Wäre es nicht ganz gut, wenn du eine entsprechende Mitteilung an Erica abgehen lassen würdest? Vielleicht ist es ihr nach dem ersten Erschrecken ganz gut, wenn sie durch diese Tatsache etwas unter Dampf gesetzt wird. Hat sie nicht, ihre Krankheit eingerechnet, doch ein wenig gedröselt in ihrer Bonner Zeit? Vielleicht wie ich jetzt zu viele Briefe geschrieben, die nicht eben notwendig waren? Wie dem auch sei, schreib ihr doch mit einem Gruß von mir ein Wort dazu! Hier sende ich dir auch die fehlenden Bogen zum Anselm, die jetzt wieder aus Tübingen8 zurück sind. Ob man die Dogmatik Gertrud nun dennoch schicken soll? Ich schwanke wirklich. Vielleicht wollen wir sie nun doch nicht büßen lassen, aber du könntest ihr doch schreiben, daß sie sie nur bekomme gegen das heilige Versprechen, sie auch nicht an Günther Dehn weiterzugeben, und könntest zur Verstärkung meines Anrufs an Jacobi starke Entrüstungsworte ausstoßen, die sie ja dann sicher weitergeben wird. Was meinst du? Wenn du überzeugt bist, daß, was man ihr schickt, auch an Dehn geschickt ist, dann soll sie sie nicht bekommen; denn so hatte ich es allerdings nicht gemeint. Dem Trudi kannst du dein Bild ruhig im großen Format schicken; sie wird es gerne so haben.

Und nun wird dies schon mein letzter Brief aufs Bergli an dich sein, und der nächste geht an die Bruderstraße9. Du weißt, wie bekümmert ich dich in Gedanken dorthin begleite. Schreib mir dann bald und oft, schon um dir die nötige Luft zu verschaffen. Ich erzählte gestern abend meiner Mutter lange von dir und entwarf ein ziemlich düsteres |199 Gemälde von der Familie v. Kirschbaum, auf dessen Hintergrunde du dich dann um so lichter abhobst. Gelt, das hast du gar nicht gerne, aber das muß jetzt so sein. Aber bevor du das Bergli verlässest, möchte ich dein Stimmlein noch einmal am Telephon vernehmen. Die Zeit der Mahlzeiten ist ja schon die, wo du mich am sichersten triffst, vielleicht ein bißchen vorher oder nachher, damit es nicht gerade wieder in eine Vollversammlung hineintrifft. In der Weise vielleicht am Sonntag? Ach du, das ist ja dann erst die große Trennung und der Übergang in eine mir ganz fremde Welt. Aber das will nun so sein und wird ja auch einmal vorüber gehen. Ich freue mich namenlos aufs Wiedersehen, obwohl dann alle Schranken, Fragen und Aufgaben wieder da sind und beachtet sein wollen. Und gelt, es war doch ein schöner, schöner Feriensommer diesmal? Und vielleicht dürfen wir nächstes Jahr wieder kommen? Meinst du? Du, sollte dich meine besorgte Frage von gestern geärgert oder doch zu dem stillen Ausruf: J’aime les hommes courageux! veranlaßt haben? Du weißt schon, wie ich es meine. Es hatte mich nur im Telephon plötzlich so erschreckt, daß du ein paar mal sagtest, daß es dir «nach Umständen» gut gehe. Das war so ein wenig eine problematische Formel.

Wieder wartet drunten meine Mutter, die mir in ihrer Besorgnis um mein Wohl und mein Vergnügen die … Berliner Illustrierte aus der Stadt mitgebracht hat. Es geht jetzt Alles sehr gut mit ihr. Auf den Georg10 freut sie sich förmlich. Heute habe ich ihr ein Gemälde von … Hertha und dann als Gegenstück gleich auch noch eines von Vreneli entworfen. Du siehst, daß wir in unserer Weise rüstig dabei sind, unser Verhältnis zu den Zeitgenossen zu klären.

Also wieder muß nun Abschied genommen sein. Aber jeweilen wenn ein Brief geschlossen und fort ist, habe ich dich nur umso lieber und freue mich am Gedanken, wie er morgen früh den Berg hinunter gebracht werden und dann im Nu die Reise nach Zürich machen wird. Könnte ich nur mit. Aber nein, ich muß morgen zur Bahn, um den lieben Georg in Empfang zu nehmen.

­Liebe Lollo … nein man kann das, was ich sagen wollte, nicht so ausschreiben. Ich sage es dir dann einmal ins Öhrlein. Das liebe Öhrlein. Die liebe totale Lollo. Punkt.

Dein
Karl

200Gelt, du hast meinen vorletzten Brief, den ganz dicken, auch erhalten? Du hast jeweilen viel und lange zu lesen, wenn meine Briefe eintreffen. Gelt, du bist ein wenig zufrieden in dieser Hinsicht? Und gelt, du hast mich lieb?

Sachfußnoten

1
Von Kirschbaum hielt sich noch bis zum 21.9.1931 auf dem Bergli auf.↩
2
In seinem Brief vom 18.9.1931 an Pfarrer Gerhard Jacobi, Berlin, erklärte sich Barth nach einer Nachricht «von glaubwürdigster Seite» «einigermaßen alarmiert» darüber, daß Jacobi eines der für einige Freunde Barths «hergestellten maschinenschriftlichen Exemplare» seiner «Ethikvorlesung weiterhin abschreiben» lasse und «geradezu zum Verkauf» bringe (KBA 9231.266). Jacobi dementierte das Gerücht sofort am 19.9. mit einem Telegramm (KBA 9331.503) und am 22.9. in einem Brief (KBA 9331.509).↩
3
Barth teilte dem Konsistorialrat D. Wilhelm Greeven im Evangelischen Konsistorium der Rheinprovinz, Koblenz, am 18.9.1931 sein Votum zu einer Examensarbeit mit (KBA 9231.268).↩
4
Siehe oben S. 187f., Anm. 10. ↩
5
Alfred de Quervain (1896–1968), Pfarrer der Französisch-reformierten Gemeinden von Frankfurt und Stuttgart, Sekretär des deutschen Hugenottenvereins, 1928-1932 Pfarrer in Neuenburg/Schweiz, seit 1930 Privatdozent für Dogmatik und Ethik in Basel, 1932-1938 Pfarrer in Wuppertal-Elberfeld und 1935 Dozent an der dortigen Theologischen Schule, ab 1938 Seelsorger in Laufen (damals Kt. Bern) und zugleich Privatdozent in Basel, ab 1944 Professor für Ethik in Basel, ab 1948 in Bern.↩
6
In einem Schreiben vom 17.9.1931 wurde Barth von H. Langen (vgl. oben S. 187f., Anm. 10) nach de Quervain gefragt (KBA 9331.499). Barth antwortete ihm am 18.9.1931 mit dem Hinweis, daß er de Quervain wegen dessen bekannter Absicht auf eine weitere akademische Tätigkeit nicht vorgeschlagen habe. Nehme de Quervain dennoch an, «so ist ja Alles gut» (KBA 9231.265). Langen teilte am 21.9.1931 mit, daß de Quervain seinerseits habe wissen lassen: «Die theologisch-wissenschaftliche Arbeit, zu der mein hiesiges Amt mir reichlich Zeit ließ, stand immer im Dienste der christlichen Gemeinde und war für mich nicht Selbstzweck. Darum könnte ich auch ohne Schmerz und Hintergedanken sie aufgeben, wenn eine Gemeinde mich ruft» (KBA 9331.507). – Am 18.10.1931 wurde A. de Quervain in Wuppertal-Elberfeld gewählt und am 13.12. in sein Amt eingeführt.↩
7
Am 18.9.1931 wies Barth Wolfgang Trillhaas, der sich «an einer Arbeit über Schleiermachers Predigten» befand, darauf hin, daß «ich Ihnen dasselbe von einer Licentiandin [scil. Erica Küppers] melden muß, die nun seit drei Semestern in Bonn an diesem Stoff gearbeitet hat und die sich soeben im Endspurt ihrer Bemühungen darum befindet.» (KBA 9231.267)↩
8
Siehe oben S. 195, Anm. 29.↩
9
Der Wohnsitz der Mutter von Kirschbaums in München.↩
10
Siehe oben S. 196, Anm. 31. ↩