Brief Nr. 89 · 22. September 1931

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Mein liebstes Löllchen!

Ich denke unablässig daran, daß du nun in München bist, und suche mir die Situationen auszumalen, in denen du dich da, so gut es gehen will, bewegen mußt. Wie würde ich mich freuen, wenn du mir melden könntest, daß du dort unerwartet oder gegen alle Erwartung doch auch noch eine gute Zeit habest! So fügen sich ja manchmal die Dinge. Jedenfalls sehe ich deinem mich in Basel erwartenden Brief mit größter Spannung entgegen. Du hast mich am Telephon gefragt, ob ich an deinen Briefen Freude habe. Liebste, ich habe größte Freude an deinen Briefen. Sie sind alle so lieb und warm und – ich weiß nicht, ob das mit dem 7. September zusammenhängt1 – irgendwie alle voll Weisheit und Reife, jenem Idealzustand2 irgendwie entgegenstrebend. Gelt, das hast du nicht gerne, wenn ich Derartiges so beschreie. Aber was wahr ist, muß man sagen, und es ist wirklich wahr, daß deine Briefe mich diesmal immer ganz besonders erquicken. Den letzten, der mir gestern zukam, als ich dich schon in München angekommen wußte, habe ich zwar mit vermehrter Wehmut gelesen. Ich meinte deinen Aufbruch vom Bergli im herbstlichen Morgengrauen von Weitem mit zu erleben und sah dich dann um den Bodensee herum in das geliebte Bayern hinein entschwinden. Das mußte nun Alles so sein, und einmal wird ja dann auch der Abend des 8. Oktober anbrechen, an dem ein anderer D-Zug den Rhein hinunterfahren und jemand ihm auf |201 Bahnsteig I in Bonn unruhig entgegenwarten wird. Dein letzter einsamer Spaziergang durch den Wald ist gewiß sehr schön gewesen, und deine Schilderung davon habe ich wirklich intensiv nacherlebt. Immerhin: offenkundiger Ungehorsam.3 Und darum: … wie sagte doch Gerty damals zu Frieder4? … «Weil die Füßlein es diesmal vergessen haben, muß ich es jetzt dem … sagen!» Du hättest es eben wirklich nicht tun sollen. Ach, was machst du mir immer wieder für Kummer!

Wie sich nun die Dinge zwischen Gerty und dir gewendet haben, kann ich ja nach deinen Briefen erst ein wenig ahnen, aber ich bin doch sehr froh um das, was du mir andeutest. Das Leben ist ja so viel besser, wenn man in klaren Beziehungen steht, und ich wünschte ja nichts sehnlicher in dieser Hinsicht, als daß Alles in dieser Richtung weiterlaufen würde. Ja, wenn ich es doch meinem Rehlein ganz und gar abgewöhnen könnte, sich plötzlich doch wieder mit «ungreifbaren Dingen» herumzuschlagen. Ich glaube, mit den verschiedenen Wirklichkeiten wollten und könnten wir allmählich schon fertig werden. Aber die Vorstellungen, die Vorstellungen!|

Denk, eben hat mir meine Mutter beim Schwarzen Kaffee5 und Belagerungsspiel ganz unvermittelt gesagt, ich sei ein Pascha. «Was, ich ein Pascha?» – «Ja, ich kann das jetzt nicht beschönigen!» – «Aber liebe Mama, wieso denn? Etwa gegen dich?» – «Nein, ich habe mich nicht zu beklagen. Aber gegen deine Frauen!» – Weitere Aufschlüsse waren nicht zu erlangen: es handle sich um einen Gesamteindruck, und wir wollten jetzt weiterspielen. Liebe Lollo, bin ich wirklich ein Pascha? Ist damit etwa dasselbe gemeint, wie wenn du mich «Hausvater» oder «Bürgermeister» oder Ähnliches nennst? Wenn du mich so «sicher» in meinem Lehnstuhl sitzen und lachen siehst? Ich bin wirklich ganz verwirrt und hilflos gegenüber dieser Anklage und muß bald annehmen, daß irgend etwas daran richtig sei. Und dann wird es ja nur zu berechtigt sein, wenn mein Rehlein mich auch in Zukunft gelegentlich durch einige unerwartete Sprünge erschreckt, über nahe und ferne Freunde in heftige Worte ausbricht und bei Allem eigentlich mich meint und anders haben möchte. Ach du, ich habe dich doch |202 einfach ganz lieb und werde mich ja gerne von dir erschrecken lassen, wenn du nur wieder bei mir bist. Aber wer weiß, ob nun nicht eine große Ära des Friedens und der Ruhe anbricht, in der der «Hausvater» oder Pascha ein wenig jenseits wenigstens einiger persönlicher Probleme rüstig an seinem Dogmatikturm bauen kann, Lollo, die liebe Lollo (dem Idealzustand immer mehr sich nähernd) ebenso rüstig und ohne Schaden an der Liebe zu leiden, neben ihm. Aber ich höre dich schon: Karl, ich mag den Gockelhahn nicht leiden! und will darum das «Beschreien», in das ich wahrhaftig schon wieder verfallen bin, rasch abbrechen. Du kennst ja den «alten Schmarren»!

Ohnehin sollte ja dieser Brief ein richtiger Trostbrief werden! Wenn er dich erreicht, hast du bald drei Tage München hinter dir, und was das bedeutet, weiß ich nach deinen Beschreibungen des Laufs der Dinge an der Bruderstraße6 allzu gut. Ja, wie soll ich da trösten? Ich kann ja nur von weitem hoffen und wünschen, sie möchten doch nun alle wirklich ein bißchen lieb mit dir sein, dich weder direkt noch indirekt beschweren und bekümmern. Aber ich kann ja nicht verhehlen, daß ich bei dem allem von weitem ein wenig oder sogar sehr kräftig die Faust mache, wenn ich an alle die Möglichkeiten denke, denen du nun wieder ausgesetzt sein magst, ohne daß ich dir helfen kann. Weißt du, wenn es gar nicht geht, kommst du halt doch ein paar Tage früher, machst irgendwo in der Nähe von Koblenz7 halt und rufst mir. Gelt, du gehst keine Bindungen oder Verpflichtungen ein, von denen ich dann erst nachträglich erfahre? Ich traue ihnen nachgerade ein wenig Alles zu und deiner Gutmütigkeit auch. Aber gelt, das sind keine Trostworte? Und vielleicht geht ja zunächst Alles viel besser, als ich denke. Ach du …!

Noch muß ich dir von Georg8 erzählen. Ich hatte gute, ungetrübte Tage mit ihm. Es ist wirklich anstrengend, ihm so zwei ganze Tage lang zuzuhören. Ich habe es aber gerne getan und viel Interessantes und Lustiges vernommen. Am letzten Abend noch eine ganze Reproduktion des in München gehörten Spieles des Komikers Valentin9! |203 Auf das Bergli schien er mit milder Heiterkeit hinüberzublicken. Noch als der Zug, der ihn wieder wegführte, schon in Bewegung war, trug er mir heftigst irgend eine Erklärung über die Augustana10 vor. Man muß ihn gerne haben und genau so wie uns alle so konsumieren, wie er nun einmal ist.

Ich sagte dir im Telephon, daß wir am Sonntag eine sehr schlechte Predigt von Greyerz11 gehört haben. Leider ist zu ergänzen, daß wir an jenem Abend dann noch ins Münster gingen und Schädelin nicht minder trostlos fanden: schlecht vorbereitet, chaotisch in der Gedankenführung, inhaltlich dürftig und nicht einmal reine Lehre, sondern eine ganz trübe Geschichte von «Gewissensmenschen», die die Träger der Gerechtigkeit eines Volkes seien. Ich war am Abend ganz geschlagen von allen diesen Eindrücken.

Gestern war dann Peter da, diesmal munter und ohne daß es zu Streitgesprächen kam, obwohl ich ihm meinen Unwillen über seine neueste Zwingliproduktion12 nicht verhehlte. Ich habe mit ihm (wie am vorhergehenden Tag mit Georg) den Gurten bestiegen und mir die Schweiz, soweit sie von dort aus zu sehen ist, noch einmal angesehen. Zwischenhinaus besuchte mich jener andere Berner Student, der im Winter in Bonn war – wie heißt er doch?

Bitte liebe Lollo, geh doch mit der Beilage eilig zu Herrn Lempp und erkläre ihm besonders die Sache auf der zweiten Seite. Magst du? Die doppelten Texte gehören jeweils zum Folgenden, und das muß deutlich gemacht werden.13

204 Ich muß abbrechen, damit der Brief mit der 4-Uhr-Post zu Tal geht. Der Brief gefällt mir selbst nicht. Sei nicht traurig über ihn. Ich wollte dir sehr lieb schreiben, so lieb, wie ich dich habe, aber es gelang wohl diesmal nicht so recht. Sei nur gewiß, daß auch ich mit größter Freude und Dankbarkeit an das Bergli 1931 zurückdenke. Wir werden noch viel davon zu reden und uns zu erzählen haben – NB auch und gerade von den Dingen, bei denen wir beide dabei waren. Grüße Hertha, unsern Paradiesvogel, und Emmy Lentrodt, für die ich eben keinen zoologischen Vergleich weiß. Lempps nicht zu vergessen!

Was soll ich dir noch von dem sagen, was ich dir sagen möchte? Es geht eben nicht aufs Papier. Ich denke immer an dich und habe dich viel, noch viel lieber als z. B. am 1. August14. Obwohl ich dich doch auch damals schon ziemlich gut mochte.

Du!

Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Nicht ermittelt.↩
2
Siehe oben S. 135, Anm. 9. ↩
3
Vgl. unten S. 210.↩
4
Frieder Pestalozzi (geb. 1922), Sohn von Rudolf und Gerty Pestalozzi.↩
5
Der «Schwarze Kaffee» schloß sich nach Schweizer Sitte an das Mittagessen an.↩
6
Siehe oben S. 198, Anm. 9. ↩
7
In Koblenz fanden die theologischen Abschlußprüfungen statt, zu denen sich Barth vom 28.9. bis zum 7.10.1931 dort aufhielt. Siehe oben S. 186, Anm. 3. ↩
8
Siehe oben S. 196, Anm. 31.↩
9
Karl Valentin (1882–1948), Münchner Volkskomiker.↩
10
Confessio Augustana (CA), von Melanchthon für den Reichstag zu Augsburg (1530) 📖 verfaßte evangelisch-lutherische Bekenntnisschrift.↩
11
Karl von Greyerz (1870–1949), 1918-1935 Pfarrer der Johanneskirche Bern, s. unten S. 386, Anm. 10. ↩
12
P. Barth,Zwinglis Beitrag zum Verständnis der biblischen Botschaft (RKZ, Jg. 81 [1931], S. 220f.260f.267f.298–300). 📖 ↩
13
Vermutlich handelt es sich um zwei Satzproben, die Barth am 16.9.1931 von A. Lempp erbeten hatte (KBA 9231.260). Die zweite betraf die Anordnung der «doppelten Texte» (Original und Übersetzung) in der Auslegung von Proslogion 2-4, die durch entsprechende Zwischenräume deutlich machen sollte, daß die Texte mit dem jeweils folgenden Kommentar zusammen einen Abschnitt bilden (s. K. Barth, Fides quaerens intellectum. Anselms Beweis der Existenz Gottes im Zusammenhang seines theologischen Programms.1931, hrsg. von E. Jüngel und I. U. Dalferth [Gesamtausgabe, Abt. II], Zürich 20023, S. 103-174 📖).↩
14
Am 1.8.1931 fuhren Barth und von Kirschbaum gemeinsam nach Basel und trafen am 2.8. auf dem Bergli ein.↩