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Barth an v.K. in München
Ich denke unablässig daran, daß du nun in München bist, und suche mir die Situationen
auszumalen, in denen du dich da, so gut es gehen will, bewegen mußt. Wie würde
ich mich freuen, wenn du mir melden könntest, daß du dort unerwartet oder gegen
alle Erwartung doch auch noch eine gute Zeit habest! So fügen sich ja manchmal
die Dinge. Jedenfalls sehe ich deinem mich in Basel erwartenden Brief mit
größter Spannung entgegen. Du hast mich am Telephon gefragt, ob ich an deinen
Briefen Freude habe. Liebste, ich habe größte Freude an deinen Briefen. Sie sind
alle so lieb und warm und – ich weiß nicht, ob das mit dem 7. September
zusammenhängt1 –
irgendwie alle voll Weisheit und Reife, jenem Idealzustand2 irgendwie
entgegenstrebend. Gelt, das hast du nicht gerne, wenn ich Derartiges so
beschreie. Aber was wahr ist, muß man sagen, und es ist wirklich wahr, daß deine
Briefe mich diesmal immer ganz besonders erquicken. Den letzten, der mir gestern
zukam, als ich dich schon in München angekommen wußte, habe ich zwar mit
vermehrter Wehmut gelesen. Ich meinte deinen Aufbruch vom Bergli im herbstlichen Morgengrauen von Weitem mit zu
erleben und sah dich dann um den Bodensee herum in das geliebte Bayern hinein
entschwinden. Das mußte nun Alles so sein, und einmal wird ja dann auch der
Abend des 8. Oktober anbrechen, an dem ein anderer D-Zug den Rhein
hinunterfahren und jemand ihm auf |201 Bahnsteig I in Bonn
unruhig entgegenwarten wird. Dein letzter
einsamer Spaziergang durch den
Wald ist gewiß sehr schön gewesen, und deine Schilderung davon habe ich wirklich
intensiv nacherlebt. Immerhin: offenkundiger Ungehorsam.3 Und
darum: … wie sagte doch Gerty damals zu Frieder4? … «Weil die Füßlein es diesmal vergessen
haben, muß ich es jetzt dem … sagen!» Du hättest es eben
wirklich nicht tun sollen. Ach,
was machst du mir immer wieder für Kummer!
Wie sich nun die Dinge zwischen Gerty und dir gewendet haben,
kann ich ja nach deinen Briefen erst ein wenig ahnen, aber ich bin doch sehr
froh um das, was du mir andeutest. Das Leben ist ja so viel besser, wenn man in
klaren Beziehungen steht, und ich wünschte ja nichts sehnlicher in dieser
Hinsicht, als daß Alles in dieser Richtung weiterlaufen würde. Ja, wenn ich es
doch meinem Rehlein ganz und gar abgewöhnen könnte, sich plötzlich doch wieder
mit «ungreifbaren Dingen» herumzuschlagen. Ich glaube, mit den verschiedenen
Wirklichkeiten wollten und könnten wir allmählich schon fertig werden. Aber die
Vorstellungen, die Vorstellungen!|
Denk, eben hat mir meine Mutter beim Schwarzen
Kaffee5 und Belagerungsspiel ganz unvermittelt
gesagt,
ich sei ein Pascha. «Was, ich ein Pascha?» – «Ja, ich kann das jetzt nicht
beschönigen!» – «Aber liebe Mama, wieso denn? Etwa
gegen dich?» – «Nein, ich habe mich nicht zu beklagen. Aber gegen deine
Frauen!» – Weitere Aufschlüsse waren nicht zu erlangen: es handle sich um einen
Gesamteindruck, und wir wollten jetzt weiterspielen. Liebe Lollo, bin ich
wirklich ein Pascha? Ist damit etwa dasselbe gemeint, wie wenn du mich «Hausvater» oder «Bürgermeister» oder
Ähnliches nennst? Wenn du mich so «sicher» in meinem Lehnstuhl sitzen und lachen
siehst? Ich bin wirklich ganz verwirrt und hilflos gegenüber dieser Anklage und
muß bald annehmen, daß irgend etwas daran richtig sei. Und dann wird es ja nur zu berechtigt
sein, wenn mein Rehlein mich auch in Zukunft gelegentlich durch einige unerwartete
Sprünge erschreckt, über nahe und ferne Freunde in heftige Worte ausbricht und
bei Allem eigentlich mich meint und anders haben möchte. Ach du, ich habe dich
doch |202 einfach ganz lieb und werde mich ja gerne von dir
erschrecken lassen, wenn du nur wieder bei mir bist. Aber wer weiß, ob nun nicht
eine große Ära des Friedens und der Ruhe anbricht, in der der «Hausvater» oder
Pascha ein wenig jenseits wenigstens einiger persönlicher Probleme rüstig an
seinem Dogmatikturm
bauen kann, Lollo, die liebe Lollo (dem Idealzustand immer mehr sich nähernd) ebenso
rüstig und ohne Schaden an der Liebe zu leiden, neben ihm. Aber ich höre dich schon:
Karl, ich mag den Gockelhahn nicht leiden! und will darum das «Beschreien», in
das ich wahrhaftig schon wieder verfallen bin, rasch abbrechen. Du kennst ja den «alten Schmarren»!
Ohnehin sollte ja dieser Brief ein richtiger Trostbrief werden! Wenn er dich
erreicht, hast du bald drei Tage München hinter dir, und was das bedeutet, weiß ich nach deinen
Beschreibungen des Laufs der Dinge an der Bruderstraße6 allzu
gut. Ja, wie soll ich da trösten? Ich kann ja nur von weitem hoffen und
wünschen, sie möchten doch nun alle wirklich ein bißchen lieb mit dir sein, dich
weder direkt noch indirekt beschweren und bekümmern. Aber ich kann ja nicht
verhehlen, daß ich bei dem allem von weitem ein wenig oder sogar sehr kräftig
die Faust mache, wenn ich an alle die Möglichkeiten denke, denen du nun wieder
ausgesetzt sein magst, ohne daß ich dir helfen kann. Weißt du, wenn es
gar nicht geht, kommst du halt doch ein paar Tage früher,
machst irgendwo in der Nähe von Koblenz7 halt und rufst mir.
Gelt, du gehst keine Bindungen oder Verpflichtungen ein, von denen ich dann erst
nachträglich erfahre? Ich traue ihnen nachgerade ein wenig Alles zu und deiner
Gutmütigkeit auch. Aber gelt, das sind keine Trostworte? Und vielleicht geht ja
zunächst Alles viel besser, als ich denke. Ach du …!
Noch muß ich dir von Georg8 erzählen. Ich hatte gute, ungetrübte Tage mit ihm. Es ist
wirklich anstrengend, ihm so zwei ganze Tage lang zuzuhören. Ich habe es aber
gerne getan und viel Interessantes und Lustiges vernommen. Am letzten Abend noch
eine ganze Reproduktion des in München gehörten Spieles des Komikers Valentin9! |203 Auf das
Bergli schien er mit milder
Heiterkeit hinüberzublicken. Noch als der Zug, der ihn wieder wegführte, schon
in Bewegung war, trug er mir heftigst irgend eine Erklärung über die Augustana10
vor. Man muß ihn gerne haben und genau so wie uns alle so konsumieren, wie er
nun einmal ist.
Ich sagte dir im Telephon, daß wir am Sonntag eine sehr schlechte Predigt von Greyerz11 gehört haben. Leider ist zu ergänzen, daß
wir an jenem Abend dann noch ins Münster gingen und Schädelin nicht minder trostlos fanden: schlecht
vorbereitet, chaotisch in der Gedankenführung, inhaltlich dürftig und nicht
einmal reine Lehre, sondern eine ganz trübe Geschichte von «Gewissensmenschen»,
die die Träger der Gerechtigkeit eines Volkes seien. Ich war am Abend ganz
geschlagen von allen diesen Eindrücken.
Gestern war dann Peter da,
diesmal munter und ohne daß es zu Streitgesprächen kam, obwohl ich ihm meinen
Unwillen über seine neueste Zwingliproduktion12 nicht verhehlte. Ich habe mit ihm (wie am
vorhergehenden Tag mit Georg) den
Gurten bestiegen und mir die
Schweiz, soweit sie von dort aus zu sehen ist, noch einmal angesehen.
Zwischenhinaus besuchte mich jener andere Berner Student, der im Winter in Bonn war – wie
heißt er doch?
Bitte liebe Lollo, geh doch mit der Beilage eilig zu Herrn Lempp und erkläre ihm besonders
die Sache auf der zweiten Seite. Magst du? Die doppelten Texte gehören jeweils
zum Folgenden, und das muß deutlich gemacht werden.13
204 Ich muß abbrechen, damit der Brief mit der 4-Uhr-Post zu Tal geht. Der Brief
gefällt mir selbst nicht. Sei nicht traurig über ihn. Ich wollte dir sehr lieb
schreiben, so lieb, wie ich dich habe, aber es
gelang wohl diesmal nicht so recht. Sei nur gewiß, daß auch ich mit größter
Freude und Dankbarkeit an das Bergli
1931 zurückdenke. Wir
werden noch viel davon zu reden und uns zu erzählen haben – NB auch und gerade
von den Dingen, bei denen wir beide dabei waren. Grüße Hertha, unsern
Paradiesvogel, und Emmy Lentrodt, für die ich eben keinen zoologischen Vergleich weiß. Lempps nicht zu vergessen!
Was soll ich dir noch von dem sagen, was ich dir sagen möchte? Es
geht eben nicht aufs Papier. Ich denke immer an dich und habe dich
viel, noch viel lieber als z. B. am 1. August14. Obwohl ich dich doch auch damals schon
ziemlich gut mochte.
Du!