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Barth an v.K. in München
Es war mir bei meinem letzten Brief nicht klar, daß es wohl von Bern aus nicht
mehr zum Schreiben kommen werde. Nun will ich diese Basler Morgenstunde
erwischen. Die Pause, in der du ganz ohne Briefe von deinem lieben Karl in München leben mußt, wird sonst
allzu lang. Ja, nun bin ich also auch wieder an der Schweizergrenze angelangt,
die wir vor sieben Wochen so fröhlich miteinander überschritten haben, und
morgen will die lange Reise – und diesmal so
einsam! – angetreten und in
Bonn das Haus ohne dich betreten sein. Nein, diese Trennungen sind nicht gut.
Ich ertrage es diesmal irgendwie weniger gut als andere Male, war auch in Bern immer ein wenig still betrübt, mochte nicht essen
und nie so ganz vergnügt werden. |205 Zum eigentlichen Leben
gehört halt Lollo. Sonst ist Alles gewissermaßen dilettantisch und vorläufig.
Wie gut, daß die Hälfte dieser Zeit nun erreicht und wohl schon überschritten
ist! Ich war froh, gestern hier dein Brieflein vorzufinden und zu hören, daß
wenigstens der Anfang in München
nicht schlimm gewesen ist. Und wieder ist dieser dein Brief so voll Ruhe, Reife
und Rüstigkeit, daß ich mir ganz klein und häßlich vorkomme neben dir. Ach du,
wie bin ich froh, daß du so dran bist und Alles ansehen kannst. Wenn ich mir
vorstelle, daß du so nach Bonn kommen wirst, so kann ich es mir nicht anders
denken, als daß dort bei allem Schweren ein kleiner Vorhimmel entstehen muß.
Gelt, schon wieder «beschreie» ich es, aber was soll ich denn tun,
als dich beschreien, wenn ich so Freude an dir habe? Möchte nun
dort Alles gut weiter gehen…
Bern liegt nun also wieder für einmal
dahinten. Wir hatten noch ruhige letzte Tage und Stunden. Kari war viel da, und Alles war gut. Ganz
zuletzt tat ich einen Spruch – er hat meiner Mutter mit Recht einigen
Eindruck gemacht: «Wo ich ganz Freude haben soll, da muß man Lollo
sehr lieb haben!» – Und nun bin ich also
in der guten Umgebung Eduards und habe meinen Basler Tag vor mir. Wir hatten gestern abend nachdenkliche
Unterhaltungen anläßlich des Todes seines Vaters1. Ich erzähle dir dann mündlich davon.
Eben war jener Student,
jetzt Vikar Eberhard2 da, der nächstens
Pfarrer wird und heiratet. Er hat sich offenbar sehr erfreulich entwickelt.
Zunächst mache ich nun Besuche bei Pfr. Dieterle3 und bei Eduards Mutter4. Dann soll ich bei Heiners zu Mittag essen. Dann geht’s
nach Pratteln zu Lukas Christ
und den Abend werden wir wieder für uns haben. |206 Morgen
1045 fahre ich und komme abends ½8 Uhr in Bonn an.
Vielleicht erreicht dich dieser Brief noch so rechtzeitig, daß du an mich denken
kannst. Eben erhalte ich aus Bern nachgeschickt einen Brief von Jacobi, in dem er Alles in
Abrede stellt.5 Dein Besuch hier ist
auch bei Eduards in bester
Erinnerung. Dein Bild steht auf
Eduards Schreibtisch
in der erlesenen Zahl derer, die dort stehen dürfen. So habe ich es gerne.
Liebes Löllchen, Eduard wartet auf mich, und ich muß abbrechen. Wenn der Brief fort
sein wird, wird mir ganz viel einfallen, was ich dir noch schreiben wollte. Ich
weiß nicht, wie bald es in den nächsten Tagen wieder dazu kommen wird. Gelt, du
wirst mir nicht traurig. Irgend einmal kommt dann sicher wieder etwas. Aber ich
stelle mir vor, daß mich in Bonn ein großes Getümmel erwarten wird, und ich muß
dann in großer Eile auch in einige Bücher hineinblicken, weil ich in
Koblenz6 ganze fünf Fächer:
Dogmatik, Symbolik, Ethik, Neues Testament und Philosophie zu prüfen habe.
Jetzt sollten wir doch gehen!, sagt Eduard. Also!
Du! Liebes!