Brief Nr. 90 · 24. September 1931

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Liebste Lollo!

Es war mir bei meinem letzten Brief nicht klar, daß es wohl von Bern aus nicht mehr zum Schreiben kommen werde. Nun will ich diese Basler Morgenstunde erwischen. Die Pause, in der du ganz ohne Briefe von deinem lieben Karl in München leben mußt, wird sonst allzu lang. Ja, nun bin ich also auch wieder an der Schweizergrenze angelangt, die wir vor sieben Wochen so fröhlich miteinander überschritten haben, und morgen will die lange Reise – und diesmal so einsam! – angetreten und in Bonn das Haus ohne dich betreten sein. Nein, diese Trennungen sind nicht gut. Ich ertrage es diesmal irgendwie weniger gut als andere Male, war auch in Bern immer ein wenig still betrübt, mochte nicht essen und nie so ganz vergnügt werden. |205 Zum eigentlichen Leben gehört halt Lollo. Sonst ist Alles gewissermaßen dilettantisch und vorläufig. Wie gut, daß die Hälfte dieser Zeit nun erreicht und wohl schon überschritten ist! Ich war froh, gestern hier dein Brieflein vorzufinden und zu hören, daß wenigstens der Anfang in München nicht schlimm gewesen ist. Und wieder ist dieser dein Brief so voll Ruhe, Reife und Rüstigkeit, daß ich mir ganz klein und häßlich vorkomme neben dir. Ach du, wie bin ich froh, daß du so dran bist und Alles ansehen kannst. Wenn ich mir vorstelle, daß du so nach Bonn kommen wirst, so kann ich es mir nicht anders denken, als daß dort bei allem Schweren ein kleiner Vorhimmel entstehen muß. Gelt, schon wieder «beschreie» ich es, aber was soll ich denn tun, als dich beschreien, wenn ich so Freude an dir habe? Möchte nun dort Alles gut weiter gehen…

Bern liegt nun also wieder für einmal dahinten. Wir hatten noch ruhige letzte Tage und Stunden. Kari war viel da, und Alles war gut. Ganz zuletzt tat ich einen Spruch – er hat meiner Mutter mit Recht einigen Eindruck gemacht: «Wo ich ganz Freude haben soll, da muß man Lollo sehr lieb haben!» – Und nun bin ich also in der guten Umgebung Eduards und habe meinen Basler Tag vor mir. Wir hatten gestern abend nachdenkliche Unterhaltungen anläßlich des Todes seines Vaters1. Ich erzähle dir dann mündlich davon. Eben war jener Student, jetzt Vikar Eberhard2 da, der nächstens Pfarrer wird und heiratet. Er hat sich offenbar sehr erfreulich entwickelt. Zunächst mache ich nun Besuche bei Pfr. Dieterle3 und bei Eduards Mutter4. Dann soll ich bei Heiners zu Mittag essen. Dann geht’s nach Pratteln zu Lukas Christ und den Abend werden wir wieder für uns haben. |206 Morgen 1045 fahre ich und komme abends ½8 Uhr in Bonn an. Vielleicht erreicht dich dieser Brief noch so rechtzeitig, daß du an mich denken kannst. Eben erhalte ich aus Bern nachgeschickt einen Brief von Jacobi, in dem er Alles in Abrede stellt.5 Dein Besuch hier ist auch bei Eduards in bester Erinnerung. Dein Bild steht auf Eduards Schreibtisch in der erlesenen Zahl derer, die dort stehen dürfen. So habe ich es gerne.

­Liebes Löllchen, Eduard wartet auf mich, und ich muß abbrechen. Wenn der Brief fort sein wird, wird mir ganz viel einfallen, was ich dir noch schreiben wollte. Ich weiß nicht, wie bald es in den nächsten Tagen wieder dazu kommen wird. Gelt, du wirst mir nicht traurig. Irgend einmal kommt dann sicher wieder etwas. Aber ich stelle mir vor, daß mich in Bonn ein großes Getümmel erwarten wird, und ich muß dann in großer Eile auch in einige Bücher hineinblicken, weil ich in Koblenz6 ganze fünf Fächer: Dogmatik, Symbolik, Ethik, Neues Testament und Philosophie zu prüfen habe.

Jetzt sollten wir doch gehen!, sagt Eduard. Also!

Du! Liebes!

Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Vater Eduard Thurneysen (geb. 1856), 1892-1924 Pfarrer am Bürgerspital Basel, war am 19.9.1931 verstorben.↩
2
Rolf Eberhard (1908–1966), studierte u. a. bei Barth und war nach einem Lernvikariat 1931 bei Thurneysen Pfarrer in Bubendorf (Kt. Basel-Landschaft), ab 1939 Militärdienst, 1942 Nachrichtenoffizier im Armeestab für das Ressort Deutschland, nach dem Krieg Redaktor der Zeitschrift «Volk und Armee», 1951 Berufung in die Redaktion der National-Zeitung (Basel) als Redaktor in Bern.↩
3
Samuel Dieterle (1882–1950), 1929-1948 Pfarrer der Petersgemeinde in Basel, Mitglied der Friedensbewegung, führendes Mitglied beim Blauen Kreuz, Freund von E. Thurneysen (vgl. Bw.Th. I, S. 388 📖).↩
4
Emilie Thurneysen-Hindermann (1860–1934) in Basel.↩
5
Vgl. oben S. 197, Anm. 2 ↩
6
Siehe oben S. 202, Anm. 7, und S. 186, Anm. 3. ↩