Brief Nr. 91 · 27. September 1931

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

206

91

Hochgeehrter Herr Amtsgerichtsrat1

Mitnichten, sondern:
Liebste Lollo!

Wo klappert jetzt das treue Maschinlein, wo raucht jetzt die unvermeidliche Pfeife und wo sitzt jetzt dein lieber Karl wieder? Am |207 blauen Tisch in deinem ach so unbewohnten Zimmer, in dem ich heute zum Zweck eines letzten ungestörten Ferienschlafs sogar die Nacht zubringen werde. Ja, so ist es nun wieder, und es bleibt nun nur noch übrig, daß die zum Glück nicht mehr vollen 14 Tage auch noch umgehen, damit Alles wieder so ist, wie es, da es nicht ganz anders sein darf, wenigstens sein muß. Dank für deinen heute morgen eingetroffenen Brief, über dessen gute oder doch beruhigende Nachrichten ich mich ja so gefreut habe. Laß dir rasch erzählen, was meine letzten Tage brachten. Der Tag in Basel verlief sehr freundlich. Als ich damals aufbrechen mußte, ging es zuerst zu Pfr. Dieterle, der seinen Sohn2 für ein Semester hieherschickt: er ist Sozialist, Antimilitarist und alles Mögliche, was die meisten unserer Studenten nicht sind, ein frischer gesunder Junge, der vielleicht allerlei Leben in die Situation bringt (außer ihm und Frey3 kommen übrigens noch zwei andere Basler, und Alle sind lebhaft mit Vorbereitungen auf das gefürchtete Aufnahmsexamen beschäftigt). Nachher sah ich Eduards Mutter und war dann zum Mittagessen bei Heiners, die sich ihr Heim in eigenwilliger Altväterlichkeit zurecht gemacht haben. Wir waren gut und munter beieinander, nur daß die Berufungsangelegenheit4 ihre Schatten über die Szene ausbreitete, weil die Basler eben im Begriff standen, ein drittes Mal über den Kopf meines Bruders hinweg einen Deutschen zu berufen: Schmalenbach5 in Göttingen, der, weil selber Privatdozent, nun sicher annehmen wird. Ich hatte viel Mühe, Heiner von gewissen Kampf- bzw. Rachemaßnahmen, an denen er nun brütet, abzuraten, und hoffe durch ein privates Gespräch, das ich dann am Abend noch mit seiner Frau hatte, doch einigen Eindruck bei ihm gemacht zu haben. Meine Mutter konnte mir gerade noch telephonisch dafür danken, daß ich sie in ihren diesbezüglichen Bestrebungen unterstützte. |208 Am Nachmittag war ich dann mit Eduard und dem eben in Basel anwesenden Pfr. Wieser6 (dem Biographen7 Gogartens, ich wollte ihn damals in Wattwil besuchen) in Pratteln, sah Lukas Christs erloschene Pfeife8, mein Gottenkind 9 (ein herziges blondes Käferlein, das aber abgesehen von der mitgebrachten Schokolade noch nicht viel von mir wissen wollte) und Herrn Sutz10 als Pratteler Vikar (diesen natürlich wieder beladen mit vielen Fragen, Einwänden und Bedenken, übrigens gerade seinen 25. Geburtstag feiernd!). Am Abend waren dann die Ehepaare Christ11, Barth-Helbing12 und Sartorius-Zellweger13 (jener Vetter, mit dem wir damals auf Rolandseck14 waren) noch einmal bei Thurneysens vereinigt. Du würdest wahrscheinlich einiges über Haus- und Ehefrauen und dein besonderes Verhältnis zu solchen zu bemerken gehabt haben. Aber auch das nahm sein friedliches Ende, und nachher saßen Eduard und ich noch eine Weile sinnend auf dem Schauplatz. Gestern habe ich dann also die Reise zurück angetreten, wirklich nicht ohne Wehmut im Gedenken an unsere fröhliche Ausfahrt – der zum Gedächtnis ich hier etwas beilege, was sich unterdessen die ganze Zeit in meinem Geldbeutel aufgehalten hat. Ja, nun sang eben niemand mit mir: «Geh aus, mein Herz, und suche Freud»15, niemand ging mit mir in den Speisewagen (ich ging zwar allein, aber ohne weißen Burgunder zu trinken und überhaupt freudlos), niemand hinderte mich, zu rauchen, so viel ich nur wollte, und zwei Ullsteinbände16, die ich konsumierte, konnten mich über die ganze klaffende |209 Lücke nicht hinwegtrösten. Am wenigsten der polnische Bildhauer, mit dem ich mich zuletzt in ein Gespräch verwickelte!

(Inzwischen habe ich ein warmes Bad genommen und dann mit Nelly den Tee getrunken und ihr die Reisephotographien17 gezeigt.) Gestern war es also so, daß Nelly, Markus und Stöffeli mich auf dem Bahnhof abholten. Ich hatte dann den Abend über mit Nachsehen der eingegangenen Post genug zu tun. Auch mit dem ersten Gesprächlein, in dem es sich um die N[elly], wie du vermutet hast, nicht erfreuende Zusendung ihres letzten Briefes an dich handelte. Doch verlief Alles freundlich, und vorläufig wird es wohl zu Fortsetzungen nicht kommen. Die Kinder sind alle munter, sogar Matthis nicht ohne Eifer in der Schule, dafür mit Zahnweh geplagt. Denk, heute früh überraschte mich dieser rätselhafteste unter meinen Söhnen mit der ruhigen Erklärung, er wolle – katholisch werden: die Katholiken seien viel einiger, weniger streitsüchtig und grob, an Maria werde er sich bald gewöhnen, und dann begehre er, Schweizergardist beim Papst zu werden. Was geht in dem Männlein vor? (Er sitzt übrigens neben mir bzw. an deinem Pult und treibt Latein.)|

Heute morgen hatte ich das erste lange Gespräch mit Karl Ludwig Schmidt durchs Telephon. Gut, daß du nicht da warst; es ging mindestens eine halbe Stunde! Und heute abend kommt er samt Fritz Lieb zum gewohnten Wochenschlußfest18. Erinnerst du dich, daß du uns alle einmal als «Elefanten» bezeichnet hast?? Auch deinen lieben Karl!! Ach, was haben meine unschuldigen Kinderohren schon Alles von dir hören müssen! Die Affäre Hamel19 wird uns Mühe machen. Wolf20 hat seine Arbeit zum Gegenstand einer höchst spitzigen Kritik gemacht, und Weber21 hat diese dann freudig aufgenommen und ausgewalzt. |210 Nun scheint er ernstlich bedroht, muß jedenfalls noch einmal ans Werk gehen. Der morgige Tag muß dann der Vorbereitung für Koblenz22 gewidmet sein, und am Abend fahre ich dort hinüber. Wenn du diesen Brief bekommst, werde ich schon in voller Aktion sein. Ich werfe dann noch am Sonntag abend eine Karte ein mit meiner Adresse. Beginn du nur unterdessen einen langen lieben Brief zu schreiben! Ich werde sehnsüchtig darauf warten. Die Briefe von Trudi und von Gollwitzer haben auch mich gefreut. Aber nun hast du ihr doch nicht das Bild von dir geschickt, in dem ich dich in Bern weiterleben sehen möchte. Die anderen sind doch so viel weniger sprechend. Aber Lollo! Schon der zweite offenkundige Ungehorsam!23 Was soll ich nur denken? Was soll ich nur tun, um dich auf den rechten Pfad zu leiten?

Ach du, es wird so viel besser sein, wenn du auch wieder da bist. Besonders dort die Stelle unter der Türe24 der beiden Zimmer sieht so kahl aus, und irgend ein Gerüchlein fehlt auch, und der ganze Vatikan ist eine einzige Frage: Wo, wo, wo ist die Hauptperson? Gelt, sie kommt nun bald wieder?

Die Steuerforderungen haben unser Guthaben bis auf wenige hundert Mark zusammengehauen. So steht Alles unter dem Zeichen der Sparsamkeit. Und schon drohen neue schöne Gehaltsabzüge. Aber davon wirst du in München gerade genug hören, und es geht ja wirklich anderen schlimmer als gerade uns.

Wie geht es dir? Ich möchte dich ja so gerne sehen können. Bist du nun wieder winterlich gekleidet? Und trotz Allem etwas fröhlichen Herzens? Es war so schön auf dem Bergli dies Jahr? Wieso nur? Du hast doch auch zweimal tüchtig gezankt mit mir. Aber es war doch schön. Irgendwie ganz nachhaltig und definitiv schön, nicht? Trägst du die Mütze von Lugano, oder ist sie dir von deiner Mutter abgeschätzt25 worden? Nun werden ja Georg und Line bald dort eintreffen. Grüße einstweilen Hertha und Emmy, wenn diese nicht schon |211 weg ist. Wenn du diesen Brief bekommst, werden es drei Wochen sein seit dem 7. September. Denkst du auch noch gelegentlich daran?

Ich will schließen. Ich freue mich so darauf, heute hier zu schlafen. I. h. d. s. l.

Dein
Karl

Gelt, du gehst nun nicht auch noch allein im englischen Garten, oder wie der Ort heißt, spazieren?!
Eben erfahre ich meine künftige Adresse: Koblenzer Hof
Koblenz

Sachfußnoten

1
Barth benutzte einen Bogen mit einem kassierten Briefanfang.↩
2
Paul Dieterle (1909–1997), Sohn von Samuel Dieterle (s. oben S. 205, Anm. 3), war im Sommersemester 1932 in Barths Seminar, ab 1933 Pfarrer u. a. in Oltingen (Kt. Basel-Landschaft) und Oberentfelden (Kt. Aargau).↩
3
Paul Frey (1910–1995), im Sommersemester 1931 und im Wintersemester 1931/32 Mitglied in Barths Seminar, 1933 Lernvikariat bei L. Christ in Pratteln, ab 1933 Pfarrer u. a. in Tenniken (Kt. Basel-Landschaft), Bassersdorf und Rüschlikon (Kt. Zürich).↩
4
Siehe oben S. 162, Anm. 7. ↩
5
Hermann Schmalenbach (1885–1950), 1923-1931 a. o. Professor für Philosophie in Göttingen, 1931-1950 o. Professor für Philosophie in Basel.↩
6
 Gottlob Wieser (1888–1973), 1920-1937 Pfarrer in Wattwil (Kt. St. Gallen), 1937-1954 in Riehen-Bettingen (Kt. Basel-Stadt), 1937-1970 Redaktor des KBRS.↩
7
 Siehe G. Wieser, Friedrich Gogarten, Jena 1930 📖.↩
8
 Lukas Christ hatte trotz Barths beschwörendem Gegenrat den Entschluß gefaßt, nicht mehr zu rauchen.↩
9
 Patenkind Anna Dorothea Christ (geb. 1929).↩
10
Erwin Sutz (1906–1987), 1933-1940 Pfarrer in Wiesendangen (Kt. Zürich), 1940-1946 in Rapperswil (Kt. St. Gallen), 1946-1969 in Zürich-Hottingen, Schüler Barths und Brunners, Schweizer Freund von D. Bonhoeffer.↩
11
Lukas und Katharina Christ-Wackernagel.↩
12
Heinrich und Gertrud Barth-Helbing.↩
13
Karl und Marie Anne Sartorius-Zellweger.↩
14
Ausflugsziel; Stadtteil von Remagen, südlich von Bonn.↩
15
Siehe RG [1998] 537; EG 503. 🎵 ↩
16
Gemeint sind wahrscheinlich Titel aus der Reihe «Die gelben Ullstein-Bücher», in der z. B. Kriminalromane von E. Wallace erschienen.↩
17
Vermutlich von der Italienfahrt, die Barth vom 20. bis zum 23.8.1931 gemeinsam mit von Kirschbaum und dem Ehepaar Pestalozzi unternommen hatte.↩
18
«Treffen in kleinem Kollegenkreis», zu dem man am Samstag Abend in Barths Haus zusammenzukommen pflegte (vgl. Briefe 1933, S. 209 📖).↩
19
Siehe oben S. 193, Anm. 24. ↩
20
Ernst Wolf (1902–1971), nach Privatdozenturen in Rostock und Tübingen 1931-1935 o. Professor für Kirchengeschichte und christliche Archäologie in Bonn, von 1935 an (Strafversetzung) in Halle/Saale, 1945 in Göttingen, dort seit 1957 o. Professor für Systematische Theologie.↩
21
Hans Emil Weber (1882–1950), 1907 Privatdozent in Halle, 1912-1935 o. Professor für Neues Testament und Systematische Theologie in Bonn, 1935-1946 (Strafversetzung) in Münster, 1946 Wiedereinsetzung in Bonn.↩
22
Barth reiste am Montag, dem 28.9.1931, für zehn Tage zur Abnahme von Prüfungen nach Koblenz.↩
23
Vgl. oben S. 201.↩
24
Zwischen den beiden Studierzimmern befand sich eine (in der Regel nicht geschlossene) Zwischentür. Die «Stelle unter der Türe» meint den Lichtschein der Lampe des Nebenzimmers bei geschlossener Tür.↩
25
= für minderwertig erklärt.↩