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Barth an v.K. in München
z.Z. Wabern bei Bern, Bellevuestraße 152
12. September 1931 Hochgeehrter Herr Amtsgerichtsrat1
Mitnichten, sondern:
Wo klappert jetzt das treue Maschinlein, wo raucht jetzt die unvermeidliche
Pfeife und wo sitzt jetzt dein
lieber Karl wieder? Am |207 blauen Tisch in deinem ach so
unbewohnten Zimmer, in dem ich heute zum Zweck eines letzten ungestörten
Ferienschlafs sogar die Nacht zubringen werde. Ja, so ist es nun wieder, und es
bleibt nun nur noch übrig, daß die zum Glück nicht mehr vollen 14 Tage auch noch
umgehen, damit Alles wieder so ist, wie es, da es nicht ganz anders sein darf,
wenigstens sein muß. Dank für deinen heute morgen eingetroffenen Brief, über
dessen gute oder doch beruhigende Nachrichten ich mich ja so gefreut habe. Laß
dir rasch erzählen, was meine letzten Tage brachten. Der Tag in Basel verlief sehr freundlich. Als ich
damals aufbrechen mußte, ging es zuerst zu Pfr. Dieterle, der seinen Sohn2 für ein Semester hieherschickt: er ist Sozialist,
Antimilitarist und alles Mögliche, was die meisten unserer Studenten nicht sind,
ein frischer gesunder Junge, der vielleicht allerlei Leben in die Situation
bringt (außer ihm und Frey3 kommen übrigens noch zwei andere Basler, und
Alle sind lebhaft mit Vorbereitungen auf das gefürchtete Aufnahmsexamen
beschäftigt). Nachher sah ich Eduards Mutter und war dann zum
Mittagessen bei Heiners, die sich ihr Heim in eigenwilliger Altväterlichkeit zurecht
gemacht haben. Wir waren gut und munter beieinander, nur daß die
Berufungsangelegenheit4 ihre Schatten über
die Szene ausbreitete, weil die Basler eben im Begriff standen, ein drittes Mal
über den Kopf meines Bruders hinweg einen Deutschen zu berufen: Schmalenbach5 in Göttingen, der,
weil selber Privatdozent, nun sicher annehmen wird. Ich hatte viel Mühe, Heiner von gewissen
Kampf- bzw. Rachemaßnahmen, an denen er nun brütet, abzuraten, und hoffe durch
ein privates Gespräch, das ich dann am Abend noch mit seiner Frau hatte, doch
einigen Eindruck bei ihm gemacht zu haben. Meine Mutter konnte mir gerade
noch telephonisch dafür danken, daß ich sie in ihren diesbezüglichen
Bestrebungen unterstützte. |208 Am Nachmittag war ich dann
mit Eduard und dem eben in
Basel anwesenden Pfr. Wieser6 (dem Biographen7
Gogartens, ich wollte ihn
damals in Wattwil besuchen) in Pratteln, sah Lukas Christs erloschene Pfeife8, mein Gottenkind
9 (ein herziges blondes Käferlein, das aber abgesehen von der
mitgebrachten Schokolade noch nicht viel von mir wissen wollte) und Herrn Sutz10 als Pratteler Vikar (diesen natürlich wieder beladen mit
vielen Fragen, Einwänden und Bedenken, übrigens gerade seinen 25. Geburtstag
feiernd!). Am Abend waren dann die Ehepaare Christ11, Barth-Helbing12 und Sartorius-Zellweger13 (jener Vetter,
mit dem wir damals auf Rolandseck14 waren) noch einmal bei Thurneysens vereinigt. Du
würdest wahrscheinlich einiges über Haus- und Ehefrauen und dein besonderes Verhältnis zu solchen zu
bemerken gehabt haben. Aber auch das nahm sein friedliches Ende, und nachher
saßen Eduard und ich noch
eine Weile sinnend auf dem Schauplatz. Gestern habe ich dann also die Reise
zurück angetreten, wirklich nicht ohne Wehmut im Gedenken an unsere fröhliche
Ausfahrt – der zum Gedächtnis ich hier etwas beilege, was sich unterdessen die
ganze Zeit in meinem Geldbeutel aufgehalten hat. Ja, nun sang eben niemand mit mir: «Geh aus, mein Herz, und
suche Freud»15,
niemand ging mit mir in den Speisewagen (ich ging zwar allein, aber ohne weißen
Burgunder zu trinken und
überhaupt freudlos), niemand hinderte mich, zu rauchen, so viel ich nur wollte, und zwei Ullsteinbände16, die ich
konsumierte, konnten mich über die ganze klaffende |209 Lücke
nicht hinwegtrösten. Am wenigsten der polnische Bildhauer, mit dem ich mich
zuletzt in ein Gespräch verwickelte!
(Inzwischen habe ich ein warmes Bad genommen und dann mit Nelly den Tee getrunken und ihr die
Reisephotographien17 gezeigt.) Gestern war es
also so, daß Nelly, Markus
und Stöffeli
mich auf dem Bahnhof abholten. Ich hatte dann den Abend über mit Nachsehen der
eingegangenen Post genug zu tun. Auch mit dem ersten Gesprächlein, in dem es sich um die N[elly], wie du
vermutet hast, nicht erfreuende Zusendung ihres letzten Briefes an dich
handelte. Doch verlief Alles freundlich, und vorläufig wird es wohl zu
Fortsetzungen nicht kommen. Die Kinder sind alle munter, sogar Matthis nicht ohne Eifer in der Schule, dafür mit Zahnweh geplagt.
Denk, heute früh überraschte mich dieser rätselhafteste unter meinen Söhnen mit
der ruhigen Erklärung, er wolle – katholisch werden: die Katholiken seien viel einiger, weniger
streitsüchtig und grob, an Maria werde er sich bald gewöhnen, und dann begehre er,
Schweizergardist beim Papst zu werden.
Was geht in dem Männlein vor? (Er sitzt übrigens neben mir bzw. an deinem Pult und
treibt Latein.)|
Heute morgen hatte ich das erste lange Gespräch mit Karl Ludwig Schmidt durchs Telephon.
Gut, daß du nicht da warst; es ging mindestens eine halbe Stunde! Und heute
abend kommt er samt Fritz Lieb zum gewohnten
Wochenschlußfest18. Erinnerst du dich, daß du uns
alle einmal als «Elefanten» bezeichnet hast?? Auch deinen lieben
Karl!! Ach, was haben meine unschuldigen Kinderohren schon Alles von dir hören
müssen! Die Affäre Hamel19 wird uns Mühe machen. Wolf20 hat seine Arbeit zum
Gegenstand einer höchst spitzigen Kritik gemacht, und Weber21 hat diese dann freudig aufgenommen und
ausgewalzt. |210 Nun scheint er ernstlich bedroht, muß
jedenfalls noch einmal ans Werk gehen. Der morgige Tag muß dann der Vorbereitung
für Koblenz22 gewidmet sein,
und am Abend fahre ich dort hinüber. Wenn du diesen Brief bekommst, werde ich
schon in voller Aktion sein. Ich werfe dann noch am Sonntag abend eine Karte ein
mit meiner Adresse. Beginn du nur unterdessen einen langen lieben Brief zu
schreiben! Ich werde sehnsüchtig darauf warten. Die Briefe von Trudi und
von Gollwitzer haben auch
mich gefreut. Aber nun hast du ihr doch nicht das Bild von dir geschickt, in dem ich dich in Bern weiterleben sehen möchte. Die anderen
sind doch so viel weniger sprechend. Aber Lollo!
Schon der zweite offenkundige Ungehorsam!23 Was soll ich nur denken? Was
soll ich nur tun, um dich auf den rechten Pfad zu leiten?
Ach du, es wird so viel besser sein, wenn du auch wieder da bist. Besonders dort
die Stelle unter der Türe24 der beiden Zimmer sieht so kahl
aus, und irgend ein Gerüchlein fehlt auch, und der ganze Vatikan ist eine einzige Frage: Wo, wo, wo
ist die Hauptperson? Gelt, sie kommt nun bald wieder?
Die Steuerforderungen haben
unser Guthaben bis auf wenige hundert Mark zusammengehauen. So steht Alles unter
dem Zeichen der Sparsamkeit. Und schon drohen neue schöne Gehaltsabzüge. Aber davon wirst du in München
gerade genug hören, und es geht ja wirklich anderen schlimmer als gerade
uns.
Wie geht es dir? Ich möchte dich ja so gerne sehen können. Bist du nun wieder
winterlich gekleidet? Und trotz Allem etwas fröhlichen Herzens? Es war so schön
auf dem Bergli dies Jahr? Wieso nur? Du hast doch auch
zweimal tüchtig gezankt mit mir. Aber es war doch schön.
Irgendwie ganz nachhaltig und definitiv schön, nicht? Trägst du die Mütze von
Lugano, oder ist sie dir von
deiner Mutter
abgeschätzt25
worden? Nun werden ja Georg und
Line bald dort eintreffen. Grüße einstweilen Hertha und Emmy, wenn diese nicht schon |211 weg ist. Wenn du diesen Brief bekommst, werden es drei
Wochen sein seit dem 7. September. Denkst du auch noch gelegentlich daran?
Ich will schließen. Ich freue mich so darauf, heute hier zu schlafen.
I. h. d. s. l.
Gelt, du gehst nun nicht auch noch allein im englischen Garten, oder wie der
Ort heißt, spazieren?!
Eben erfahre ich meine künftige Adresse: Koblenzer Hof
Koblenz