Votum [in der Aussprache über: O. Bauhofer, «Das theologische Problem des Naturrechts»]
VOTUM
[IN DER AUSSPRACHE ÜBER: O. BAUHOFER,
«DAS THEOLOGISCHE PROBLEM DES
NATURRECHTS»]
Während der Sommerferien 1930 verbrachte
An der dortigen
Am darauffolgenden Montag, dem 8. September, wurden Barth und sein Bruder
Ein Bericht auch über diesen Ausspracheabend erschien als Nachtrag in ThBl 10
(1931), Sp. 23–26
Zum besseren Verständnis des Barthschen Votums wird zunächst die
Zusammenfassung der Ausführungen Bauhofers
(a.a.O., Sp. 23f.
1. Die traditionelle protestantische Ethik kennt nur die «unsichtbare», aus dem Glauben und aus der Rechtfertigung fließende «Heiligung» (oder auch Bewährung) des Ich vor Gott auf dem Untergrund einer schließlich die ganze Weite des kulturellen, wirtschaftlich-sozialen und politischen Lebens umspan|46nenden Sphäre der Profanität. Die heutige theologisch-eschatologische Ethik kennt diese Sphäre der Profanität auch nur als den hinzunehmenden «Widerstand» in den personhaften Begegnungen von Ich und Du und unterstellt sie, wie alles Menschliche, dem «Gericht Gottes». – Es scheint außer Zweifel, dass weder auf dem Boden der traditionellen noch auch im besonderen der heutigen eschatologischen Ethik die protestantische Kirche zu den großen sozialen Problemen der heutigen Zeit verantwortlich und maßgeblich Stellung zu nehmen in der Lage ist. Wenn die theologische Ethik nicht weiterhin «ipso facto» zu einer Sanktion der Säkularisation werden soll, so muss sie – das ist unsere These – in einer grundsätzlichen Besinnung auf den Gedanken des Naturrechts zurückgreifen.
2. Das erfordert in erster Linie eine theologische Besinnung über Wesen und Tragweite dieser Idee im Ganzen einer christlichen Theologie. Das theologische Problem des Naturrechts zentriert in dem Problem des Verhältnisses von Natur und Gnade. Es kann sich für uns nicht um das verfälschte Naturrecht von Aufklärung und Idealismus handeln, das von Schöpfung und Fall, von Inkarnation und Erlösung nichts weiß. Die Dämonisierung der «Welt» durch eine jeden Korrektivs bare Eigengesetzlichkeit ist das Fazit einer rein säkularen Ethik; aber auch die protestantische Theologie hat durch ihren ethischen Rückzug – bestenfalls – auf die rein personhaften Beziehungen und ihren Verzicht darauf, die Probleme des Gesamtlebens verantwortlich zu durchdenken, dieser Dämonisierung in jeder Weise Vorschub geleistet.
3. Demgegenüber gilt es, das was als Welt schlechthin der christlichen Forderung gegenüber sich auf seine Eigengesetzlichkeit zurückzieht, als Teil der Schöpfung Gottes neu zu verstehen. Das ist die theologische Funktion des Naturrechts; der Gedanke des Naturrechts besagt theologisch nichts anderes als dies, dass die «Welt» unter die Schöpfungsordnung einbegriffen ist. Das Naturrecht ist die «Vergegenwärtigung» der Schöpfungsordnung in einer gefallenen Welt: auch der Fall hebt das Gebot Gottes nicht auf. Durch das Naturrecht wird die Sphäre der Profanität unter die Forderung Gottes gestellt, aus ihrer dämonisierten Eigengesetzlichkeit in die Schöpfungsordnung zurückgefordert.
4. Das Naturrecht wird von der protestantischen Theologie häufig manichäisch missdeutet: als ob mit ihm Schöpfung und Gnade, der Schöpfergott und der Erlösergott auseinandergerissen würden. Durch das Naturrecht wird im Gegenteil wie mit einer mächtigen Klammer das Reich der Schöpfung und das Reich der Erlösung zusammengehalten. Der Schöpfungsplan erfüllt sich in der Erlösung, und so die Gerechtigkeit, die Forderung des «Gesetzes», im Gebot der Liebe. Wenn das Naturrecht die dem Menschen sichtbar werdende Schöpfungsordnung ist, so heißt das, dass kein Teil der Schöpfung sich dem Herrschaftsanspruch Gottes entziehen kann; und es heißt zugleich, dass die ganze Schöpfung – weil sie Schöpfung ist, die im Naturrecht die lebendige Erinnerung an den Schöpfungswillen Gottes in sich trägt – der Erlösung harrt. Solange aber der neue Himmel und die neue Erde nicht angebrochen |47 sind, wird das Naturrecht seine zugleich richtende und ausrichtende Funktion für die Gestaltung des Lebens der menschlichen Gesellschaft nie verlieren können.
Aussprache / Votum Barths
K. Barth,
Die christliche Ethik darf sich nicht
darauf beschränken, diejenigen Normen herauszuarbeiten, die sich aus der Versöhnung in Christus,
aus dem Verhältnis von Sünde und Gnade, aus der «theologia crucis» ergeben, sondern muss auf die Schöpfungsordnung zurückgreifen. Übrigens ist dieses Problem
gerade auch in der protestantischen Ethik schon
empfunden und bearbeitet worden. Man braucht nur an die Gliederung etwa der Ethik bei