Die Theologie und der heutige Mensch
DIE THEOLOGIE UND DER HEUTIGE MENSCH
Am 7. Mai 1930 – das Sommersemester hatte
gerade begonnen – wandte sich der Frankfurter Hochschulpfarrer
Sowohl Fricke als auch Hegel ließen Barth bei der Wahl von Thema und Termin freie
Hand. Otto Fricke, den Barth bereits zu seinen
Schülern rechnen konnte,6 muss diesen im
Laufe der folgenden 14 Tage in
Barth war daran gelegen, die Reise nach Frankfurt mit derjenigen nach
Mit der Wahl des Themas «Die Theologie und der heutige Mensch» griff Barth auf
einen Vortrag zurück, den er am 8. Oktober 1927 auf der
10 Der vorliegende Vortrag geht über eine bloße Überarbeitung des Vortrags von
1927 deutlich hinaus. Zwar hat
Wie mit den Einladenden verabredet, hielt Barth den Vortrag zuerst am Abend des
4. Juli in
11 Noch am späten Abend kehrte
Barths Darlegungen müssen die Zuhörer ebenso beeindruckt wie provoziert haben.
12 Noch ein anderer prominenter Gesprächspartner reagierte unverzüglich auf die
Zusendung des Textes:
Barth hat den Vortrag inZZ 8 (1930), S. 374–396
Die Theologie und der heutige Mensch
Was ich mit meinen heutigen Ausführungen beabsichtige, ist zunächst einfach die Darstellung einer Beziehung: der Beziehung einer bestimmten Wissenschaft zu uns selbst. Wir brauchen diese Beziehung |13 und wir brauchen auch die verschiedenen Möglichkeiten ihrer Gestaltung nicht erst zu schaffen. Indem diese Wissenschaft, die Theologie, was man auch von ihr denken möge, tatsächlich, teils vor unseren Augen, teils durch uns selbst, bejaht oder auch verneint wird, konsequent oder auch inkonsequent, gut oder auch schlecht, getrieben und wiederum konsequent oder inkonsequent, gut oder schlecht, bekämpft wird, ist die bewusste Beziehung, von der die Rede sein soll, sind auch die verschiedenen Möglichkeiten ihrer Gestaltung Ereignis. Nur um Darstellung kann es sich handeln. Aber freilich: wo dargestellt wird, entsteht irgendwie Klärung. Und wo Klärung entsteht, werden wir irgendwie vor eine Frage gestellt. Und wo wir wirklich vor eine Frage gestellt werden, da sind wir zur Entscheidung aufgerufen. Auch die Beziehung zwischen der Theologie und dem heutigen Menschen wird letztlich so oder so die Tat unserer Entscheidung sein. In ihr erst wird das, wovon wir reden, leibhaftig. Und gerade sie kann keine Darstel375lung vorwegnehmen. Sie kann sie nur anzeigen. Sie kann und will auf das Leibhaftige nur hinweisen.
Wir beginnen mit einer vorläufigen Feststellung über den Begriff der Theologie. Theologie ist jedenfalls nicht irgend eine empirisch oder spekulativ oder kritisch betriebene Besinnung auf letzten Sinn, letzten Grund, letzte Größe. Man könnte die ganze Geschichte der Theologie verstehen als eine Reihe von immer wieder nötig werdenden Versuchen, sich aus den Schlingen dieses allzu naheliegenden Selbstmissverständnisses zu befreien. Theologie musste immer wieder zurückkehren zu ihrem Anfang in der Erkenntnis, dass wir Menschen uns auf den letzten, tiefsten, eigentlichsten Sinn unseres Daseins gerade nicht besinnen können, weil unser Dasein seinen Sinn unrettbar verloren hat. Mit dem Anfang in dieser Erkenntnis bekennt sich die Theologie zur Kirche. Denn das ist die Kirche – sie ist nicht nur das, aber sie ist auch das – der Ort, wo jede Beantwortung der Sinnfrage als solche unglaubwürdig geworden, weil in ihrer grundsätzlichen Unmöglichkeit eingesehen ist. Und das darum, weil hier der Mensch sich selber eingesehen weiß auf Grund eines Wortes, das er sich nie und nimmer selber sagen, das er nur als zu sich selber gesagt vernehmen und verstehen kann, eines Wortes, das seinem Leben letzten Sinn und letzten Grund, letzte Größe gerade abspricht, indem es ihm das ganz Andere zuspricht: Existenz, Vergebung, Hoffnung. Dieses Wort ist |14 das Wort Gottes. Man kann die Wirklichkeit dieses Grundes der Kirche in Abrede stellen. Oder man kann versuchen, diese Instanz, von der aus in der Kirche gedacht und geredet wird, philosophisch zu überbieten und einzuklammern. Man kann aber jedenfalls Theologie nicht anders als von hier aus begründen wollen. Theologie ist in der Tat Besinnung, und zwar kritische Besinnung, aber eben nicht auf irgend einen Sinn, sondern auf das die Kirche begründende Wort. Sinn ist Wahrheit, die wir finden. Wort ist Wahrheit, die sich uns zu finden gibt. Das ist der Unterschied. Indem die Kirche die Besinnung auf das Wort als einen nicht nur gelegentlich, sondern fort und fort und regelmäßig – mit der Regelmäßigkeit jeder anderen menschlichen Wissenschaft – zu vollziehenden Akt für notwendig und möglich hält und als solchen tatsächlich will, bringt sie die Theologie hervor. Theologie ist also eine Funktion der Kirche. Nicht die Begründung der Kirche: die ist ein für allemal gegeben und muss immer wieder Ereignis werden in der Offenbarung und im Glauben an 376 die Offenbarung. Die Offenbarung ist in sich selber wahr und der Glaube ist in sich selber gewiss. Die beste Theologie kann hier nichts schaffen und die schlechteste Theologie kann hier nichts zerstören. Wahrheit und Gewissheit des Wortes Gottes ist der Ort, von dem mit der Kirche selbst auch die Theologie nur herkommen, zu dem sie aber in keiner Weise hinstreben kann. Aber die Kirche ist in der Welt. Sie verkündigt das Wort Gottes ganz und gar unter den Bedingungen menschlichen Denkens und menschlicher Rede. Hier droht und hier waltet Irrtum und Lüge. Die Kirche kann das Wort Gottes nicht sagen, sie kann ihm nur dienen und sie dient ihm immer in Torheit und Bosheit. Hier ist also kritische Besinnung nötig, in der Richtung auftragsgemäßen, verantwortlichen und glaubwürdigen Dienstes. Auch die gründlichste kritische Besinnung kann freilich den Irrtum und die Lüge in der Kirche nicht ausschalten und den Dienst der Kirche nicht wirksam machen. Auch in ihrer wissenschaftlichen Funktion kann die Kirche nicht über ihre menschliche Bedingtheit hinausgreifen, kann sie einen archimedischen Punkt oberhalb der drohenden Gefahr und des schon hereingebrochenen Unheils nicht beziehen. Die Kirche bezeugt das Wort Gottes mit oder ohne Theologie dann wirklich, wenn das Wort Gottes sich selbst bezeugt. Aber die Reinheit dieses ihres Zeugnisses bleibt Aufgabe, auch wenn sie als sinnvoller Zweck außerhalb des Bereichs |15 menschlichen Wollens und Könnens liegt. Es gibt auch hier einen Gehorsam, der weit davon entfernt ist, jemals Genugtuung zu werden, jemals gutes Werk zu sein, und der nun dennoch gefordert ist. Um der geforderten Reinigung ihres Zeugnisses willen bringt die Kirche die Theologie hervor. Theologie ist diejenige Wissenschaft, in der sich die Kirche über die entscheidende Voraussetzung ihres Tuns begrifflich Rechenschaft gibt,27 um, ohne letzte Ansprüche und Erwartungen, vielleicht besser wissend vielleicht besser zu tun, was sie tut. Theologie wird Ereignis sein, solange immer die Kirche demütig und furchtlos genug ist, sich dieser Rechenschaftsablage zu unterziehen und solange immer die Wissenschaft ihrerseits in dieser Rechenschaftsablage eine ernste Aufgabe erkennen wird.
Mit dem Ereignis dieser Wissenschaft sind wir heutigen Menschen konfrontiert. Und die hier entstehende Beziehung soll jetzt dargestellt werden. Wir sprechen zuerst von der Frage, vor die wir durch die Theologie gestellt sind, dann von den Antworten, die wir darauf geben können.
I.
377 Die Theologie ist von altersher gern mit der Sphinx verglichen worden.28 Sie hat mit der Sphinx jedenfalls das gemeinsam, dass sie zu der erstaunten Frage: Was ist das eigentlich? immer wieder Anlass gibt. |16 Und zwar so, dass diese Frage sich in dem Maß schwerer, dringlicher, unbeantwortbarer stellt, je mehr sich der Betrachter und Fragende in ihrer Nähe befindet. Ich meine mit «Nähe» das Maß von Wissen um ihre Aufgabe, von eigenem Aufgerufensein zu dieser Aufgabe, von Sorge um ihre Leistung. Man kann also sehr wohl Theologe sein, vielleicht seiner Lebtage Theologe gewesen sein und sich doch gar nicht in der Nähe der Theologie befinden. Und man kann umgekehrt etwas ganz Anderes sein als Theologe und sich nun dennoch in größter Nähe der Theologie befinden. Und je näher jemand der Theologie ist, desto schwerer wird ihm die Frage: Was ist Theologie? Die Eindeutigkeit, Sicherheit und Abgeschlossenheit eines präzisen Wissens um die Theologie denkt und redet fast immer von ferne her, von dort her, wo ihre Aufgabe nicht oder nur undeutlich gesehen ist, oder nicht gesehen als irgendwie eigene Aufgabe, oder nicht gesehen mit den Augen des Verantwortlichen für diese eigene Aufgabe. Die wirklichen Theologen innerhalb und außerhalb der Zunft haben zu allen Zeiten am radikalsten gefragt: Was ist Theologie? Am wenigsten im Besitz einer befriedigenden Antwort, am klarsten über die letzte Unauflöslichkeit dieser Frage. Es wird wohl so sein, dass dieser Sphinxcharakter der Theologie, der gerade ihren besten Freunden am besten bewusst ist, seine Analogien im Charakter ein wenig aller Wissenschaften hat. Weiß denn etwa der Mediziner, was Medizin, oder weiß denn etwa der Historiker, was Geschichtswissenschaft ist? Wird es nicht so sein, dass gerade die Bewegtesten auf allen Gebieten am bestimmtesten wissen, dass sie im letzten Grunde nicht wissen, was sie tun? Aber es wird nun doch nicht zufällig sein, wenn das Wesen der Theologie von noch dunkleren Wolken umgeben ist als das Wesen anderer Wissenschaften – wenn man sich bei diesen die Augen vor der letzten Frage zur Not verhüllen kann, während sie einem hier, aus der Nähe wie aus der Ferne gesehen, unweigerlich störend oder auch fördernd, in die Augen springt. Es wird nicht zufällig sein, wenn die |17 Frage: Was ist Theologie? für die Theologie selbst eine konstitutive Bedeutung hat, die die Frage: Was ist Geologie? oder auch: Was ist Philosophie? für diese so nicht haben kann und auch faktisch so nicht hat. Das Nachdenken 378 über die Frage: Was tun wir eigentlich? kann in den anderen Wissenschaften den Charakter einer sinnvollen Sonntagsbeschäftigung haben. In der Theologie ist sie die Frage des Alltags. Unter allen Wissenschaften ist faktisch nur sie durch die Frage nach ihrem Wesen dauernd vor Sein oder Nicht-Sein gestellt,29 durchgreifend in ihrer Arbeit selbst bestimmt durch die Art, wie diese Frage gestellt und beantwortet wird. Eben darum ist nun unter den Wissenschaften doch nur die Theologie mit der Sphinx verglichen worden, so sinnvoll dieses Zeichen an sich auch über dem Tun der anderen Fakultäten stehen könnte. – Ich versuche es im Folgenden, dieses Rätselhafte im Wesen der Theologie an drei entscheidenden Punkten aufzuzeigen.
1. Theologie ist kritische Selbstbesinnung der Kirche, sagten wir. In dieser Allgemeinheit definiert,
könnte sie mit den anderen Wissenschaften in
einer Reihe stehen. Ihr Wesen wird problematisch, wenn wir nach dem Kriterium dieser
Selbstbesinnung fragen. Die Theologie misst die Verkündigung der Kirche am Maßstab des Wortes Gottes. Sofern dieses Kriterium
seinem Begriff nach seine Gültigkeit in sich selbst hat, keinem höheren Kriterium
unterliegt, scheint es zu den Axiomen zu gehören, wie sie die Voraussetzung auch anderer Wissenschaften
bilden.30 Aber was ist das für ein Axiom, von dem nun weiter zu sagen ist, dass seine
Gültigkeit nur je und je im Ereignis seiner eigenen Tat sich bewährt, dass also gar nicht
unter allen Umständen mit ihr gerechnet werden kann, dass sie jedenfalls nicht anders als im
Gebet in Anspruch zu nehmen ist – «orent ut intelligant»
2. Als kritische Selbstbesinnung der Kirche bekennt sich die Theologie von Haus aus und als solche zur Kontingenz ihres Kriteriums. Wenn sie vom Worte Gottes redet, so meint sie damit Offenbarung, d. h. aber nicht zeitlose, sondern zeitwerdende und zeitgewordene Wahrheit. Zeitgewordene – darauf ist nun der Nachdruck zu legen. Theologie wagt es, in der Gegenwart und also ohne Erfüllung, ohne Sicherung, damit zu rechnen, dass Gott sein Wort sprechen wird, weil sie anerkennt, dass er es schon gesprochen hat. Sie traut der Verheißung auf Grund von Zusage, weil sie die Verheißung empfangen hat. Sie arbeitet nach Befehl, ohne gegenwärtige Unterlage dafür, dass der Befehl sinnvoll und zweckmäßig ist. Der Befehl als solcher ist die Unterlage. Der Ursprung der Kirche ist Gottes geschehene Offenbarung in der in der Bibel bezeugten Erscheinung Christi. So ist theologisches Denken immer auch und zuerst Gedenken, Erinnerung. Ohne Erinnerung kein 381 Glaube, kein Gehorsam, keine Hoffnung. Schon das unterscheidet theologisches von allem spekulativen Denken. Es ist freies Denken, aber immer auch Gedenken und insofern doch auch gebundenes Denken. Wo es ungebundenes, durch Erinnerung nicht gebundenes Denken ist, da ist es noch nicht oder nicht mehr theologisches Denken. Und diese Erinnerung ist konkret gebundene Erinnerung. Theologie schweift nicht in irgendwelche Vorzeit. Die Frage, von welcher Vorzeit her sie zu denken hat, ist beantwortet, indem sie, die Theologie, sie aufwirft. Die Vorzeit, die sie angeht, ist die Vorzeit der Kirche und keine andere Vorzeit. Wo sie sich mehrerer Vorzeiten nebeneinander zu erinnern in der Lage ist, wo sie betrachtend und wählend vielen Offenbarungen gegenüber stehen zu können meint, da ist sie noch nicht oder nicht mehr Theologie. Und wiederum vollzieht sich diese Erinnerung bestimmter Vorzeit im theologischen Denken nicht ohne Weisung durch konkrete Autorität, durch vorangegangene Einsicht und Entscheidung der Kirche. Um mehr als Weisung, um mehr als relative, vorläufige Autorität kann es sich hier, kann es sich z. B. bei der Voraussetzung des biblischen Ka|21nons oder des kirchlichen Dogmas nicht handeln. Dass diese Weisung mehr als Spiegelung des göttlichen Befehls und dass sie als solche nicht fragwürdig, ergänzungsbedürftig und veränderungsfähig sei, das wird protestantische Theologie jedenfalls nie zugeben können. Die Leugnung oder Ignorierung solcher Weisung aber dürfte doch ebenso unvollziehbar sein: Ist Offenbarung nicht erst zeitwerdende, sondern schon zeitgewordene Wahrheit, dann bedingt sie nicht nur absolute, sondern auch relative Bindung, dann ist mit dem Befehl auch Weisung auf dem Plane. Wiederum wäre zu sagen, dass eine Theologie, die von hervorgehobenen Einsichten und Entscheidungen der Kirche grundsätzlich nichts wissen wollte, noch nicht oder nicht mehr Theologie wäre. – Und das dürfte nun der zweite Anstoß sein, den die Theologie dem heutigen Menschen unvermeidlich bereitet, dem Theologen selbst vor allem, aber gewiss auch dem Nicht-Theologen. Es ist merkwürdig genug: Wenn die Theologie einerseits, im Blick auf den Erwählungsgedanken gesehen, allen Idealismus an Nicht-Gegenständlichkeit ihres Prinzips übertrifft, so muss sie andererseits, im Blick auf die Christologie gesehen, an harter Gegenständlichkeit desselben Prinzips auch den schärfsten philosophischen Realismus überbieten.33 Sie relativiert auf der einen Seite die Wissenschaft als solche, auf der anderen Seite doch auch wieder den Relativis382mus der Wissenschaft. Ihr Denken ist ganz Erwartung und doch als solches Denken eines konkret Vorausgegebenen, ganz Schritt in die Zukunft, aber als solches Schritt aus der Vergangenheit. Auch von dieser zweiten Seite aus gesehen bleibt gerade die Gegenwart leer: sie ist nur Empfangen der Verheißung, wie sie nur Sichausstrecken nach der Erfüllung ist. Der Inhalt dieses leeren Raumes der Gegenwart kann nur der Gehorsam sein. Gehorsam fragt nicht: warum gerade das? Gehorsam erwägt keine Möglichkeiten, Gehorsam wählt nicht. Gehorsam ist Tun eines Gehörten. Und das ist Theologie. Sie ist Gehorsam, Gehorsam des Freien, der, indem er nachdenkt, selber denkt, aber Nachdenken, Ge|22horsam. Oder sie ist nicht Theologie. Und darum, auch darum bedeutet sie Verlegenheit. Alle historische, psychologische, philosophische Nebenarbeit, die im Rahmen und unter dem Namen der Theologie auch getrieben werden kann und getrieben wird, ändert nichts daran, dass Theologie, da, wo sie wirklich Theologie wird, gebundene Wissenschaft ist. Auch und gerade von der protestantischen Theologie gilt das. Es ist eine fatale Sache, unter diesem Zeichen Theologe zu sein. Es ist verständlich genug, wenn liberale Theologie sich bemüht, dieses Zeichen wegzudeuten. Und es ist verständlich, wenn der übrigen Wissenschaft die Nachbarschaft dieser Wissenschaft nicht immer angenehm ist. Wiederum wirft sie ja durch ihre Existenz – die freidenkerische Propaganda für die Abschaffung der theologischen Fakultäten34 hat darin ganz recht – einen Schatten auf die ganze universitas literarum. Wenn Theologie eine Möglichkeit ist, dann könnte das eine letzte Bindung aller Wissenschaft und letztlich des Menschen als solchen bedeuten.35 Das Geheimnis am Rande unseres Gesichtsfeldes könnte dann auch das besagen, dass wir fortwährend in der Entscheidung zwischen Gehorsam und Ungehorsam stehen. Gerade der Theologe wird sich wohl hüten, das prinzipiell zu behaupten. Gerade er kennt ja keine prinzipielle, sondern nur konkrete, besondere Bindung. Aber wie er sich selber zur Frage wird, indem er in dieser konkreten besonderen Bindung denkt, so wird er es offenbar schon durch seine Existenz auch für seine Umgebung.
3. Als kritische Selbstbesinnung der Kirche muss die Theologie Glaubenswissenschaft sein. Das ist ihr drittes Charakteristikum und Skandalum. Auf die Frage, wie menschliches
Denken dazu kommt, mit einem Wort Gottes zu rechnen, muss nämlich geantwortet werden: Allein
durch den Glauben, d. h. aber: es kommt über383haupt nicht dazu, sondern das Wort Gottes ist zu ihm gekommen. Es ist ihm so gegenwärtig, wie uns eben ein uns
gesagtes Wort gegenwärtig ist. So
|23 weiß die Kirche um ihren Ursprung, so und nicht anders. Der Theologe ist also, indem er mit dem Worte Gottes, mit seinem Zugesagtsein und mit seiner Verheißung rechnet, nicht etwa in der Lage, den Historiker zu überbieten durch eine
besondere Kunst, in der Geschichte Tatsachen
nachzuweisen, die dem Nicht-Theologen verborgen wären. Die Geschichte als solche ist ihm
gegenüber nicht stummer aber auch nicht beredter als jenem. Er wird nur sagen können, dass
an bestimmter Stelle dieselben Geschichtstatsachen, z. B. der Komplex der neutestamentlichen
Literatur für ihn zugleich Zeugnis vom Worte Gottes sind. Er verfügt auch nicht über eine
besondere Psychologie, die ihn befähigen würde, auf
Tatbestände des menschlichen Seelenlebens hinzuweisen, die sich nicht auch anderswie denn
als Offenbarung des Wortes Gottes erklären ließen. Die Theologie36 weiß um keine besonderen Organe für das Göttliche im
Menschen. Sondern wenn sie Gott und Mensch in Beziehung
sieht, so traut sie dem Unvermögen des Menschen ein Vermögen zu oder vielmehr: so traut sie
Gott einen Weg zu, wo vom Menschen aus kein Weg ist. Und so kann die Theologie auch die
Philosophie durch keine Abstraktionen und
Konstruktionen überraschen, die diese nicht ohne die Voraussetzung von Glauben und Wort auch aufzunehmen wüsste und vielleicht auch
längst aufgenommen hat. Ich zitiere eines der wenigen verhältnismäßig sicheren, bzw.
allgemeinen Ergebnisse der theologischen Auseinandersetzungen der letzten Jahre, wenn ich
sage, dass Theologie und Philosophie nicht prinzipiell,
nicht systematisch zu unterscheiden sind, gerade weil sie faktisch so tief voneinander
verschieden sind, als menschliches Wissen von menschlichem Wissen nur immer verschieden sein
kann.37 Die Theologie hat im Lande der Wissenschaft tatsächlich «keine bleibende Stätte»
[vgl.
II.
Wir fragen uns nun nach den Möglichkeiten, die uns Menschen von heute der Theologie gegenüber allenfalls offenstehen. Ich meine wiederum ihrer drei zu sehen. Eine vierte, von der dann nicht weiter die Rede sein soll, dürfte wesentlich darin bestehen, dass man von den drei ersten keinen Gebrauch macht.
1. Ich nenne die primitivste und doch vielleicht tiefsinnigste zuerst:
Man kann die Theologie als eine Unmöglichkeit ablehnen. Wir werden nach der vorangegangenen
Schilderung ihrer bezeichnendsten Eigentümlichkeiten diese Haltung kaum unbegreiflich finden
können. Die meisten Nicht-Theologen und Theologen wissen nur zu
wenig, um was es geht in der Theologie. Ein gewisser wohltätiger |26 Schleier liegt für sie über diesen ihren Eigentümlichkeiten. Nur gelegentlich bekommen
sie mit leisem Schreck etwas davon zu spüren. Aber es gibt neben der bewussten und
gänzlichen Ablehnung ja auch noch andere Möglichkeiten sich mit ihren Anstößen
auseinanderzusetzen. Und so ist diese erste Haltung faktisch jedenfalls sichtbar nicht so
verbreitet wie man wohl denken sollte. In einiger Reinheit wird sie vielleicht nur von
gewissen gründlich enttäuschten und verbitterten ehemaligen Theologen vertreten. Also gerade nicht etwa von dem üblichen Typus des bürgerlichen
oder proletarischen Freidenkers, der wohl allerhand ihm
Unerfreuliches über die Theologie hat läuten hören, der aber doch lange nicht gut genug zu
wissen pflegt, zu was man hier in der Tat aus Herzensgrund und ingrimmig Nein sagen kann.
Man muss vielleicht schon selber einmal dabei gewesen sein, um das zu wissen.
2. Man kann sich mit der Theologie auch so auseinandersetzen, dass man
sie verharmlost, aus der Fanfare eine Chamade macht,48 dem durch sie gestellten
Problem mit mehr oder weniger Kunst und 389 Gründlichkeit die Spitze
abbricht. Hier lehnt man also nicht die Theologie überhaupt und als solche ab, sondern eine
bestimmte Gestalt der Theologie, die man durch eine bessere ersetzt zu sehen wünscht und
ersetzen zu können meint. Hier sagt man sogar Ja zur Theologie unter der Voraussetzung, dass
sie sich eine bestimmte In|31terpretation ihrer Aufgabe gefallen
lasse. Und der Sinn dieser Interpretation ist der: Verharmlosung, Domestizierung,
Angleichung der Theologie –
Angleichung des theologischen Denkens an die besten, bewährtesten, sichersten Wege des
sonstigen Denkens. In dieser Angeglichenheit soll Theologie dann möglich werden. Hier, hier
in diesem Wunsch und in dieser Absicht, begegnen wir nun der Hauptmasse unserer gebildeten
und ungebildeten Zeitgenossen. Sie meinen es im Ganzen so schlimm nicht mit Kirche und
Theologie, wie man es oft darstellen hört. Es lohnt sich nicht, sie bei ihrer
Gleichgültigkeit oder auch Polemik in dieser Hinsicht allzu streng zu behaften, allzu
tragisch von einer aller Theologie entfremdeten modernen Profanität zu sprechen. Sie sind gar nicht aller Theologie entfremdet. Sie möchten
nur die bekannte Theologie ein bisschen anders haben. Sie haben bloß ein Ressentiment, eine
Art Vaterkomplex, gegen das, was sie unter «Orthodoxie» verstehen, und wären längst getröstet und beruhigt,
wenn sie bei den Theologen der Universität und der Kirche, auch
bei den liberalen, nicht noch immer so schmerzliche Reste eben von «Orthodoxie» zu beklagen
fänden. – Fragen wir uns wiederum, welche Seite im Wesen der Theologie etwa zu dieser Art
von Auseinandersetzung, zur Verharmlosung des an sich nicht Harmlosen einladen möchte, so
scheint es mir gerade im Blick auf das Stichwort «Orthodoxie» ratsam, auf das zu achten, was wir an zweiter Stelle
als den kontingenten Charakter des theologischen Wahrheitsbegriffs bezeichnet haben. Was man in
weitesten Kreisen als «orthodox» und als störend in der Theologie empfindet, das ist, von
allen Inhalten abgesehen, etwas Formales, nämlich ihre auch von einer liberalen Theologie in der Regel nur teilweise zu verleugnende Bindung: Bindung an Christus, Bindung an die Bibel,
Bindung an das Dogma, die exklusiv gemeinte Bindung,
also die Kirchlichkeit der Theologie, das Gegebensein,
das Gesprochensein des Wortes Gottes, mit dem in der Theologie gerechnet wird, ihr striktes
Herkommen von dorther und nun also nicht von anderswoher, die nicht ohne konkrete Weisung
und Autorität vorausgesetzte und bedachte Offenbarung
hinter uns, die seltsame Ausnahme, die 390 das theologische Denken sich an
bestimmter Stelle damit erlaubt, dass es sich weigert, von einem Reden aus
dem Gehörten zu einem Reden über das Gehörte überzugehen, sich weigert,
seinen Gehorsam gegenüber diesem Gehörten allge|32mein, d. h. anders als mit der Tat seines Gehorsams selbst zu
begründen und sich vor irgend einem höheren Forum wegen seines Gehorsams und wegen der
Bestimmtheit seines Gehorsams zu rechtfertigen. Solange
und sofern bloß hier der Kummer sitzt, braucht man offenbar nicht den radikalen Weg zu
wählen, die Theologie als solche und in globo abzulehnen. Hier sind Verhandlungen möglich.
Und die ganze Geschichte der protestantischen Theologie in den letzten zweihundert Jahren49 stand und steht noch im Zeichen der
Verhandlungen über diesen Punkt. Es ging und geht dabei um die verhältnismäßig einfache
Frage, ob es nicht etwa möglich sei, jene Bindung an Christus, Bibel und Dogma so zu interpretieren, dass der Mensch als Subjekt des theologischen Denkens
nicht etwa gebunden werde und sei, sondern nach eigenem
Ermessen sich selber binde. Das 18. Jahrhundert schon hatte die Formel
gefunden, unsere großen Idealisten ohne Ausnahme haben ihm in ihrer Anwendung Folge
geleistet und eine lange Reihe glänzender Gelehrtengestalten von
3. Die dritte Möglichkeit, die wir der Theologie gegenüber haben, ist von
allen die kühnste und vielleicht eben darum die gefährlichste. Sie besteht darin, dass man
auf ihr Rätsel und ihren Anstoß keineswegs mit Abscheu und auch keineswegs mit dem Versuch,
etwas davon abzumarkten, reagiert, sondern mit dem getrosten Beifall dessen, der sich dieser
Sache durchaus gewachsen, der 393 durchaus etwas damit anzufangen weiß,
der sich an einem so sicheren Ort befindet, dass er die Theologie gar nicht zu bestreiten
und gar nicht umzudeuten braucht, sondern vielmehr in der Lage ist, sie, wie sie nun einmal
ist, gutzuheißen, sich ihrer, wie sie nun einmal ist, zu bemächtigen und sie als notwendiges
Requisit eines befriedigenden menschlichen Weltbildes und einer echten menschlichen
Lebenskunst zu verwenden. Wie man ja einem wild und bedrohlich einhergaloppierenden Pferd
statt ihm angstvoll auszuweichen oder statt es mit freundlichen Worten besänftigen zu
wollen, wenn man das nötige Selbstvertrauen hätte, allenfalls auch auf den Rücken springen
und so zu seinem Reiter und Herrn werden könnte. Wenn die Versuchung, in der wir uns der Theo|37logie gegenüber befinden, ihre verhältnismäßig harmlosen
Stadien, das Stadium des brutalen Atheismus und das des
sentimentalen Liberalismus überschritten hat, wenn sie
ganz ernsthaft wird, dann nimmt sie diese Form an. Ich will offen sagen, dass der Typus, der
mir hier vor Augen steht, kein anderer ist als die Möglichkeit römisch-katholischer Theologie im besonderen Zeichen ihrer Gegenwart, also im
Zeichen des Thomismus.56 Wobei ich doch sofort hinzufügen muss, dass sie so viele und starke
Analogien auf protestantischer Seite hat, bis tief hinein in die Reihen auch unserer
neuesten protestantischen Theologie, dass ich
auch hier über den Rahmen einer Auseinandersetzung mit den uns zunächst liegenden
Möglichkeiten nicht hinaus zu gehen brauche. – Wir haben das Wesen der Theologie an dritter
Stelle dahin beschrieben, dass sie Glaubenswissenschaft ist. Und wir haben den Glauben verstanden als das Wagnis eines
durch keine Begründung des ergangenen Befehls gesicherten Gehorsams. Dieser Seite des Wesens der Theologie gegenüber besteht offenbar die
Möglichkeit: Nicht sowohl den Gehorsam zu verweigern, nicht sowohl ihn in Eigenwillen
umzudenken, wohl aber ihn von einem sicheren Ort aus zu sichern durch Begründung des
ergangenen Befehls. Es wäre doch offenbar so schön, es wird sogar als eine einfach
unumgängliche Notwendigkeit bezeichnet, den Glauben, ohne ihn zu
verweigern oder seinem Gehorsamscharakter etwas abzubrechen, und mit ihm die Theologie, ohne
sie abzulehnen oder zu domestizieren, als eine sinnvolle Möglichkeit aufweisen zu können.
Sollte der Glaube, sollte die Theologie, vorausgesetzt in der ganzen Schärfe ihrer
Bestimmung durch den Erwählungsgedanken und durch die
Kontingenz ihres Wahrheitsbegriffes nun nicht doch einen festen Ort in der menschlichen Wissenschaft und im mensch394lichen Leben haben, so dass |38 der ergangene Befehl insofern als
begründet zu verstehen wäre? Sollte es nicht eine Metaphysik geben, die aufzeigt, dass das Wissen notwendig vom Glauben, die natürliche notwendig von der übernatürlichen
Tugend gekrönt werden muss, um
echtes Wissen, echte Tugend zu sein?57 Vielleicht eine negative Metaphysik, eine
scheinbar sehr unthomistische
Metaphysik nicht der Vollendung, sondern gerade der
Aporien menschlichen Erkennens,58 eine Ontologie des Hohlraums, dessen Ausmaße denen des Glaubens und der
Theologie genau entsprechen und insofern auf deren Wahrheit deutlich hinweisen würden?59
Eine «eristische» Theologie, die die Aufgabe hätte, dem mo|39dernen Menschen mit väterlicher Klugheit
klar zu machen, dass er, indem er sich ohne den christlichen Glauben behelfen zu können
meint, in üble Selbstwidersprüche notwendig sich verwickeln müsse?60 Oder eine Lehre von
der Geschichte, deren Wahrheit genau dem entsprechen
würde, was die biblische Darstellung des Verhältnisses von Gott und Mensch als Wirklichkeit beschreibt?61
Oder eine Anthropologie, als deren innerster Kern sich
wiederum wenigstens das Negativ der Christologie
enthüllen würde?62 Das ist’s, was hier in der
Tat möglich ist. Was kann der Gewinn solcher Unternehmung sein? Offenbar der, dass der
Befehl, dem der Glaube gehorcht, nun wenigstens insofern als
begründet erscheint, als, vielleicht positiv, vielleicht nur apagogisch gezeigt ist, dass so
etwas wie dieser Befehl und also auch der Gehorsam
gegen einen solchen Befehl, von einem eindringenden Verständnis des Menschen aus gesehen,
allgemein möglich und sinnvoll ist. Sofern sie sich auf die allgemeine Wahrheit dieser
Möglichkeit und dieses Sinnes stützen könnte, wäre nun die Theologie Glaubenswissenschaft und doch nicht nur
Glaubenswissenschaft, sondern auch Metaphysik, Apologetik, Anthropologie, Lehre von der Geschichte,
Eristik oder wie
man die Sache immer nennen will. Sie hätte außer dem Standbein sozusagen noch ein Spielbein
bekommen. Und aus dem rüstigen Stehen auf der Erde, das ihr |40 nun
sichtlich ermöglicht wäre, würden dann allerlei vielleicht sehr wünschenswerte
Konsolidierungen folgen: der Glaube brauchte nun nicht mehr bloß als je und je zu wagender
Akt, er könnte nun auch als ein habitus, als eine
mögliche Haltung neben anderen verstanden werden. Auch die Beziehung zwischen Christus und seiner Kirche wäre63 nun jedenfalls nicht mehr bloß
Ereignis, sondern vielleicht doch auch Zustand, geschichtlich kontinuierliche Beziehung.
Bestimmte Erscheinungen geschichtlichen Lebens 395 wären nun zugleich
göttliche Ordnungen. Theologie hätte nun ihren bestimmt
abgrenzbaren Raum neben der Philosophie, der Geschichtswissenschaft und der Psychologie. Sie wäre nun kein Fremdling mehr unter den Wissenschaften. Es ließe sich wieder reinlich
zeigen, wo sie anfängt und wo sie aufhört. Und sie könnte sich nun auf dem für sie
freigewordenen Gebiet mit derselben Sicherheit bewegen, wie andere Wissenschaften in ihrem
Raum. Das ist’s, was hier zu gewinnen ist. – Wir stehen heute in Bezug auf diese
gefährlichste Möglichkeit in einem gefährlichsten Augenblick. Wenn nicht alle Zeichen
trügen, so ist gerade der heutige Mensch,
vielfach nicht wissend, was er tut [vgl.
Ich sagte schon, dass die vierte Möglichkeit einer Stellungnahme zur Theologie darin besteht, von den drei ersten keinen Gebrauch zu machen. Das Positive, was damit gesagt ist, soll in der kurzen Einladung zusammengefasst sein: der heutige Mensch soll so klug und so gut sein, die durch die Theologie gestellte Frage stehen zu lassen, wie sie nun einmal gestellt ist. Alles Weitere dürfte sich nicht mehr bereden, sondern nur noch tun lassen.