Brief Nr. 99 · 23. März 1932

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum auf dem Bergli

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99

Liebe Lollo!

Der mir von dir versprochene Brief ist noch nicht in meine Hände gelangt, und so will ich mit dem guten Beispiel vorangehen. Weißt, ich schreibe dir ja gar nicht gern. Wenn man so miteinander lebt und zueinander gehört, ist dieses sich Hinsetzen und «Liebe Lollo …»-Schreiben ein irgendwie künstliches und gezwungenes, jedenfalls gar kein innerlich einleuchtendes Unternehmen. Telephonieren ist schon besser, wenn nur das Telephon hier nicht gar so am Durchgang wäre, so daß jedesmal, wenn man etwas Herzliches sagen möchte, gerade das Mädchen vorbeikommt. Schau, was ich gestern und heute getan habe? Briefe geschrieben – an Leute, denen man Briefe schreiben kann – und dazu noch allerlei Karten, von denen keine Durchschläge sichtbar sind. Rudi und Gerty werden dir erklären, wer Max Gerber1 ist und warum er es verdient hat, eins auf den Hut zu bekommen. Ich habe die Nummer des Aufbau2 an K. L. Schmidt geschickt. Es wäre ganz gut, |228 wenn es in Deutschland bekannt wäre, daß es Leute gibt, die G. Dehn als einen blutrünstigen Kriegstheologen betrachten, der es letztlich auf nichts Anderes abgesehen hat, als auf Bombenabwürfe und ­Gasangriffe. Meine Mutter ist ganz entsetzt über mich, daß ich solche Briefe schreibe, wie den an Gerber3 und heute den an Pauck4. Aber gelt, wir sind eben für deutliche Aussprache. Oder sollte die «edle Frau»5, von der in dem Pauckbrief die Rede ist, dem lieben Karl beim Diktat ins Wort gefallen sein, wenn sie diese Briefe zu tippen gehabt hätte?

229 Ich weiß nicht, wie das mit dem Missionsvortrag6 noch werden soll. Ich muß dann auf dem Bergli noch große und tiefgehende Erleuchtungen haben, wenn die Sache nicht schief gehen soll. Vorläufig sehe ich mich noch immer in allen Weltteilen um und weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Viel mehr bewegte mich eigentlich in diesen Tagen die Lektüre der Forsyte-Saga 📖7, mit deren drittem Band ich gestern abend zu Ende kam. Ich hatte ja keine Ahnung, wenn ich euch davon reden hörte, daß das ein so bewegendes Buch sei. Wieviel besser als die Buddenbrooks 📖8, nicht? Es ist Alles so erschütternd wahr, aber zugleich von einer ganzen Atmosphäre von Mozart umgeben, wie es sein muß, um ganz wahr zu sein.

Gestern kam ein Brief von Nelly, der sichtlich unter dem Eindruck eines jener unseligen Briefe vom anderen Ufer des Zürichsees9 geschrieben war, aber bald darauf dann eine Karte, die wieder besser klang. Matthisli ist versetzt. Das ist eine gute Botschaft. Ich möchte so gerne wissen, was denn mit Markus los ist. Gelt, du schickst mir seinen Brief. Nelly schreibt, daß sie «nach den Osterferien» zu ihrer Mutter fahren wolle. Und ich bin wirklich froh um jede Woche, in der wir dort nicht im Dreieck leben müssen. Obwohl das natürlich keine Lösung ist.

Die Osterpredigt hier habe ich nun doch abgesagt. Ich habe keine große Freudigkeit, gerade in Bern zu predigen. Aber das nächste Mal, wenn Kari es mir anträgt, werde ich es dann wohl tun müssen. Er hat mich nun oft vergeblich angefragt, und ich tue das bekanntlich auf die Länge nicht gerne.

Wie mag’s dir gehen? Nun bist du also auf dem Bergli. Fahrt ihr wohl alle Abende in die Stadt zu einem anthroposophischen Vortrag? Nein, das sollte man nicht unterstützen, so wenig wie die italienischen Stadtzölle.10 Grüße Groß und Klein. Ich freue mich schrecklich. Alles Weitere eignet sich nicht zum Tippen.

Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Max Gerber (1887–1949), Schüler von Leonhard Ragaz, Gründer der Wochenzeitung «Aufbau», Pfarrer in Feldis (Kt. Graubünden), Führer der Bündner Religiös-Sozialen.↩
2
Der Aufbau. Sozialistische Wochenzeitung, Jg. 13 (1932), Nr. 10 vom 4.3.1932 📖. In seinem Artikel Zur Weltlage äußerte sich M. Gerber auf S. 1 auch zum «Fall Dehn» (s. oben S. 226, Anm. 12). Dehn stellte er darin als einen dialektischen Theologen vor, der sich dagegen verwahre, «zu den ‹Pazifisten› gerechnet zu werden». Denn es wäre ja illusionär, «wenn der Christ sich von der Welt des Krieges […] zurückziehen und erklären wollte, daß er schlechterdings mit ihr nichts zu schaffen habe». Gerber unterstellte daraufhin Dehn kriegerische Absichten: «Man wird also auch weiterhin dem Bruder in Christo von jenseits der Grenzen mit Handgranaten den Schädel zerschmettern müssen, um ja nicht in Werk-Gerechtigkeit zu verfallen.» Und Gerber schlußfolgerte: «Man braucht wohl nicht mehr zu wünschen, daß eine solche Theologie der Teufel holen möge, denn sie gehört bereits zu seinen Waffen. ‹Groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist.›» Denn «diese Sorte von Gottlosigkeit im Gewande der dialektischen Theologie […] ist nichts anderes als eine Neuauflage der Kriegstheologie».↩
3
Am 22.3.1932 schrieb Barth an Gerber und fragte ihn, «wie du es vor Gott und Menschen verantworten kannst, solches Zeug zu schreiben und drucken zu lassen?» Er forderte ihn auf, «in Dingen, von denen du nichts verstehst, ein wenig vorsichtig zu sein. Auch euch schweizerischen Pazifisten ist nicht einfach Alles erlaubt». Denn Gerber habe «komplizierte Ereignisse» verzerrt dargestellt und Zitate aus dem Zusammenhang gerissen, was «weder menschlich noch christlich noch pazifistisch, sondern ganz einfach bös und wüst» sei (KBA 9232.107). M. Gerber reagierte in seiner Zeitung nicht auf Barths Brief.↩
4
Wilhelm Pauck hatte Barth sein Buch Karl Barth. Prophet of a new Christianity? (New York/London 1931) 📖 zugeschickt. Barth hatte ihm am 24.12.1931 dazu geschrieben: «Weder haben Sie mich richtig verstanden […]. Noch haben Sie einen verheißungsvollen und lehrreichen Angriff auf mich gemacht.» (KBA 9231.407) Auf Paucks Entgegnung vom 12.2.1932 (KBA 9332.77) wiederholte Barth am 22.3.1932 seine Kritik, daß Pauck aus seiner Theologie, «die sich nachweislich von Anfang an als Exegese gegeben hat, eine Lebensanschauung destilliert» und Barth auf Grund dieser «Umdeutung von Exegese in Lebensanschauung» «drüben präsentabel» zu machen gesucht habe (KBA 9232.104).↩
5
Aufgrund «des Einspruchs einer anwesenden edlen Frau [scil. von Kirschbaum], die besser wußte, was sich ziemt», wurde ein von K. L. Schmidt beabsichtigter Abdruck von Barths Brief an Pauck vom 24.12.1931 in den von Schmidt herausgegebenen «Theologischen Blättern» verhindert, wie Barth in seinem zweiten Brief Pauck mit jener Anspielung auf Goethes «Torquato Tasso» (II/1; V. 1013f.) 📖 wissen ließ.↩
6
Siehe oben S. 213, Anm. 1. ↩
7
Siehe oben S. 220, Anm. 8. ↩
8
Buddenbrooks. Verfall einer Familie (1901) von Thomas Mann (1875–1955) 📖; Geschichte einer Lübecker Kaufmannsfamilie über vier Generationen.↩
9
Stäfa am Zürichsee, Wohnsitz der Mutter von Nelly Barth.↩
10
Anspielung darauf, daß Rudi Pestalozzi «in gewissen italienischen Städten an den Stadtzollämtern trotz Zuruf einfach vorüberbrauste mit der Erklärung: ‹Man muß das nicht unterstützen!›» (Brief Barths an G. Merz vom 29.4.1933, in: Briefe 1933, S. 180 📖).↩