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Barth an v.K. auf dem Bergli
Der mir von dir versprochene Brief ist noch nicht in meine Hände gelangt, und so
will ich mit dem guten Beispiel vorangehen. Weißt, ich schreibe dir ja gar nicht
gern. Wenn man so miteinander lebt und zueinander gehört, ist dieses sich
Hinsetzen und «Liebe Lollo …»-Schreiben ein irgendwie künstliches und
gezwungenes, jedenfalls gar kein innerlich einleuchtendes Unternehmen.
Telephonieren ist schon besser, wenn nur das Telephon hier nicht gar so am
Durchgang wäre, so daß jedesmal, wenn man etwas Herzliches sagen möchte, gerade
das Mädchen vorbeikommt. Schau, was ich gestern und heute getan habe? Briefe
geschrieben – an
Leute, denen man Briefe schreiben kann – und dazu noch allerlei
Karten, von denen keine Durchschläge sichtbar sind. Rudi und Gerty werden
dir erklären, wer Max Gerber1 ist und warum er es verdient hat, eins auf den Hut
zu bekommen. Ich habe die
Nummer des Aufbau2 an K. L. Schmidt geschickt.
Es wäre ganz gut, |228 wenn es in Deutschland bekannt wäre,
daß es Leute gibt, die G. Dehn
als einen blutrünstigen Kriegstheologen betrachten, der es letztlich auf nichts Anderes
abgesehen hat, als auf Bombenabwürfe und Gasangriffe. Meine Mutter
ist ganz entsetzt über mich, daß ich solche Briefe schreibe, wie den an Gerber3 und heute den an Pauck4. Aber gelt, wir sind eben für deutliche Aussprache.
Oder sollte die «edle Frau»5, von der in dem Pauckbrief die Rede
ist, dem lieben Karl beim Diktat ins Wort gefallen sein, wenn sie diese Briefe
zu tippen gehabt hätte?
229 Ich weiß nicht, wie das mit dem Missionsvortrag6 noch werden soll. Ich muß dann auf dem Bergli noch große und tiefgehende
Erleuchtungen haben, wenn die Sache nicht schief gehen soll. Vorläufig sehe ich
mich noch immer in allen Weltteilen um und weiß nicht, was ich dazu sagen soll.
Viel mehr bewegte mich eigentlich in diesen Tagen die Lektüre der
Forsyte-Saga
📖7, mit deren drittem
Band ich gestern abend zu Ende kam. Ich hatte ja keine Ahnung, wenn ich euch
davon reden hörte, daß das ein so bewegendes Buch sei. Wieviel besser als die
Buddenbrooks
📖8, nicht? Es ist Alles so
erschütternd wahr, aber zugleich von einer ganzen Atmosphäre von Mozart umgeben, wie es
sein muß, um ganz wahr zu sein.
Gestern kam ein Brief von Nelly, der sichtlich unter dem
Eindruck eines jener unseligen Briefe vom anderen Ufer des Zürichsees9 geschrieben war, aber bald darauf dann eine Karte, die
wieder besser klang. Matthisli ist versetzt. Das ist eine gute Botschaft. Ich möchte so
gerne wissen, was denn mit Markus los ist. Gelt, du schickst mir seinen Brief. Nelly schreibt, daß
sie «nach den Osterferien» zu ihrer Mutter fahren wolle. Und ich bin wirklich
froh um jede Woche, in der wir dort nicht im Dreieck leben müssen. Obwohl das natürlich
keine Lösung ist.
Die Osterpredigt hier habe ich nun doch abgesagt. Ich habe keine große
Freudigkeit, gerade in Bern zu predigen.
Aber das nächste Mal, wenn Kari es mir anträgt, werde ich es dann wohl tun müssen. Er hat mich
nun oft vergeblich angefragt, und ich tue das bekanntlich auf die Länge nicht
gerne.
Wie mag’s dir gehen? Nun bist du also auf dem Bergli. Fahrt ihr wohl alle Abende in die Stadt zu einem
anthroposophischen Vortrag?
Nein, das sollte man nicht unterstützen, so wenig wie die italienischen
Stadtzölle.10 Grüße Groß und Klein. Ich freue mich
schrecklich. Alles Weitere eignet sich nicht zum Tippen.