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von Kirschbaum an B. in Bern
Zürich, Palmsonntag [20.3.] 1932
Du lieber Karl, weil es doch Palmsonntag ist und weil ich Sehnsucht habe, muß ich noch ein wenig zu dir
kommen. Es war ein bißchen traurig, daß ich nun tagelang mit dem Brieflein von dir leben mußte,
das mich doch nicht ganz froh an dich denken läßt. Aber du siehst, ich schreibe schon: es
war – so stark hoffe ich, daß morgen früh ein zweites eintrifft. – Wie magst du
heute diesen schönen, sonntäglichen Vorfrühlingstag verbracht haben? Lebst du auch ein bißchen
entspannter, ein bißchen geruhsamer als im Bonner Getümmel? Sind auch nicht von dort Nachrichten eingetroffen, die wieder zu allen
möglichen sorgenvollen Erwägungen Anlaß geben? Ich hoffe so sehr, daß du auf dem Bergli, wenn dann der Vortrag getippt sein wird, noch ein wenig ganz richtige Ferien machen kannst. Du hast es so nötig. Ich freue mich ja
so schrecklich darauf, und als ich heute morgen mit Gerty vor die Stadt hinauszog und die schönen
Wiesen und Wälder und Höhen des Zürichsees (nun einmal von der anderen Seite aus)
sah, da hab ich immer wieder im Stillen daran gedacht, daß wir in zehn Tagen gemeinsam uns an
dem allen freuen dürfen. Ach, gelt, du freust dich auch ein bißchen, und ach, gelt, du
kommst?? – Hier geht es mir anhaltend gut, und ich wüßte keinen Ort,
wo ich gelöster und sinnvoller Ferien machen dürfte als hier bei Ruedi und Gerty. – Die Tage mit Gerty allein sind in wohltuender Harmonie
verlaufen. Am Freitag abend besuchten wir den Vortrag des Leiters der anthroposophischen Schule hier, eines in seiner Weise
einleuchtenden Menschen, darum einleuchtend, weil er jung und lebendig und an seine
pädagogische Aufgabe hingegeben ist, methodisch gewiß sehr gute Einsichten hat,
|222 so wenig ich natürlich die Hintergründe, die aber kaum gestreift
wurden, anerkennen kann. Im Anschluß daran hatte ich ein erstes Gesprächlein mit Gerty, dem gestern ein zweites
bis spät in die Nacht hinein folgte. Es beschäftigt sie die Frage der theologischen Diskussion und gerade auch der von Laien
auszuübenden. Von da kamen wir natürlich bald auf sehr zentrale Fragen und stießen schließlich
bis zur Prädestination vor, ein Begriff, der
von ihr leidenschaftlich abgelehnt wird. Ich fürchte, ich war auch nicht im Geringsten
ermächtigt, ihr hier ein Licht anzuzünden. Gerty wirkt in ihrem Sosein ja so notwendig und
überzeugend auf mich, daß sie mich wie kaum Jemand aus dem Sattel heben kann, besonders wenn
der «Sattel» wie in diesem Fall ein fast nicht zu diskutierendes Problem ist. Aber ich muß dir
dann mündlich doch noch ein paar Fragen stellen, die mich im Anschluß daran dann noch eine
ganze Weile im Bett wachhielten. – Gestern nachmittag war ich mit den
Zwillingen1 auf dem Zürichberg, sah
Krähbühl und all die mir dem Namen nach bekannten Stätten. Wir spielten oben auf einem sonnigen
Waldfleck ein Ballspiel, und ich ergötzte mich an dem urwüchsigen Humor, den besonders
Urseli aufzuweisen hatte. Heimwärts
stieß ich dann auf einen ganz müden Wanderburschen, der ein ganzes Stück Wegs mit uns ging, ein
arbeitsloser Zimmermann, der viel herumkam und trübste Zukunftserwartungen hat für
Europa. Es war mir bewegend bei ihm, wie er sein Einzelschicksal fast nicht mehr wichtig nahm,
nur irgendwie müde, namenlos müde war vom Arbeitsuchen und nicht Finden. – Heute war Ruedis und Gertys Hochzeitstag, der damit
begann, daß wir um ½11 Uhr (!) in Ruedis sonnendurchstrahltem Zimmer den Morgentee tranken –
Ruedi etwas müde und
mit Migräne aus Lugano heimgekehrt – und dann Gerty mit mir drei Stunden
loszog eben auf jene schon erwähnten Höhen über zum
Teil noch verschneite und vereiste Wege (die schwierigste Strecke legte ich wider Willen und in
großer Eile auf einem Körperteil zurück, auf dem man sonst nicht zu gehen
pflegt!), heimwärts über das reizende Kirchlein von Wytikon2, in dem sie
damals getraut wurden3. Wir haben uns beide
gefreut an der schö|223nen Luft und der noch schöneren
Vorfrühlingslandschaft und sind – ein wenig zu Ruedis Verdruß – erst um 2 Uhr heimgekehrt.
Der Nachmittag verlief still – ich las Werthers Leiden4 (!) –, sämtliche Kinder waren
eingeladen, und wir genossen die Ruhe. Eben wurde ein gemütliches Abendessen beendet, bei dem
was? besprochen wurde? Die Reise nach Berlin5!! Ich hatte gar nie gewagt anzufragen, und
nun fing Ruedi ganz
unvermutet davon zu sprechen an, und zwar unter der selbstverständlichen Voraussetzung,
daß wir fahren. Es stand nur noch die Tageseinteilung zur Diskussion, die für
Ruedis darum nicht
leicht ist, weil viele Menschen dort auf sie warten. Ruedi läßt dir sagen, du sollest doch nicht
im Hospiz wohnen, sondern mit uns in einem nahegelegenen Hotel, und dich bei Prof. Richter6 einfach erst zum Sonntag nachmittag bei ihm anmelden. Geht das
wohl? Wir würden am Samstag nachmittag hier abfahren und Sonntag morgen in Berlin sein «unter glücklichen Umständen». Was meinst du?
Ich habe Ruedi gesagt,
daß du wahrscheinlich volle Bewegungsfreiheit haben mußt für die Missionsleute, aber umso schöner wäre es, wenn man am Abend noch ein
wenig beisammen sein dürfte. Aber du mußt das ganz entscheiden, wie es dich möglich und gut
dünkt.
Eben trifft Emmy Bloch7 ein. Gute Nacht, lieber Karl. Morgen früh
kommt hoffentlich dein Brief, ich warte sehr auf ihn. -
Montag früh. Der Brief ist nicht gekommen, und ich bin traurig und
unruhig. Liegt etwas Besonderes vor, oder magst du mir einfach nicht schreiben? – Nun will ich
Gerty packen helfen,
morgen am 22. März |224 (ausgerechnet am Todestage Goethes!!) geht es aufs Bergli. – Bist du sehr bedrängt vom Missionsvortrag8? Schreib mir doch nur ein paar Zeilen, aber
nein, wenn es dir nicht drum ist, auch nicht. Wir wollen uns nicht quälen. –
Auf dem Bergli, Mittwoch, 23. März
1932. – Ich sitze vor dem Häuschen in der Sonne in einen warmen Mantel gehüllt, den Heizteppich
unter den Füßen. Und es ist schön, schön, schön, der Wald und der
See, der Grasweg, das Mäuerchen, Alles, was man lieb hat und was einem vertraut ist. Gestern
sind wir heraufgezogen. Es war ein trotz allem Herumstehen, Frieren und Hungern (wir aßen um 5
h nachmittags zu Mittag!) fröhlicher Tag. Gerty ist in solchen Situationen schlechthin
einzigartig. Wir frühstückten des Morgens ganz gemütlich mit Verdi-Musik, und es war höchstens so, als ob im Nachbarhaus Umzug wäre – trotzdem
sie doch Alles nahezu allein bewältigt! Keine auch nur etwas nervöse Geste, kein
unruhiges Wort, trotzdem der unvermutete Schneeregen eine völlige Umänderung des geplanten
Transportes nötig machte. Ich erlebte staunend und bewundernd diese Beherrschung einer
Situation mit, die unablässig Anlaß geboten hätte, sie zu verlieren. Als dann Alles hier
ausgeladen war, vereinigten wir uns mit den drei Packern, Frau Landherr9
und Herrn Weibel10 zu einem fröhlichen Mahl: Berner Platte mit Sauerkraut und
Neufchâteler und einem starken guten Kaffee, und Alle waren fröhlich, und sogar Herr Weibel
erzählte einige nicht schlechte Witzlein. Ja, Gerty
kann leben. Als ich ihr heute morgen meine Bewunderung aussprach, zitierte sie mit
leisem Spott dich: «Ja, gelt, immer was mir gut tut»!! Ich konnte nicht umhin zu sagen: «Ja,
nur daß das auch den Anderen gut tut.» – – Und nun wohne ich also im «Törli» – in der Birnbaumstube und habe diese erste
Nacht schandbar gefroren. Es ist sehr kalt hier und im Törli noch ganz besonders. Aber wir
wollen es schon warm bekommen!! – Es ist ja so schön, daß du am Montag kommen willst. Ruedi und Gerty haben sich beide so
gefreut, als ich ihnen das mitteilte. Und es wird sicher, sicher schön sein. Mit Ruedis
lebe ich ganz einfach und pro|225blemlos gut und nah. Ich hätte
nie gedacht, daß ich mit Gerty je wieder so würde dran sein können, so selbstverständlich und gesprächslos. Wir
sind gestern abend im Mondschein – hu, es war kalt!! – noch ein Stück zum Wald hinauf gewandert, so unbeschwert freudig uns an «unserem
Bergli» freuend. Donnerstag, Freitag, Samstag,
Sonntag und dann…
Hat mein Telefongespräch deine Mutter nicht unangenehm berührt? Ich mußte
wissen, wie es dir geht. Und denk, dein Brief kam mir erst gestern spät abend durch Ruedi zu. – Hoffentlich hast
du dich nicht beschweren lassen durch meine Mitteilungen über Nellys und Markus’ Brief. Ich habe Nelly sofort wieder geschrieben, ziemlich ausführlich
erzählt, und will Markus heute
antworten[*]. Man kann ihn jetzt ja nur auf sich verweisen, was er übrigens auch
selber weiß. Ich kann mir ja so gut vorstellen, wie die Mahlzeiten laufen, wenn Nelly-Fränzeli-Gespräche das Feld beherrschen. Aber er muß da nun durch und hat es ja gut, daß ihm das
nicht als Lebenskonflikt aufgelegt ist, sondern als etwas, von dem er sich frei machen kann,
muß und darf. Es ist für ihn sicher nur ein Durchgang von der infantilen zur selbständigen
Haltung dem Leben und der Familie
gegenüber, ein notwendiger und trotz Allem hoffnungsvoller. – Daß er mir soviel Vertrauen
schenkt, das ist mir eine Freude, wenn auch eine etwas unverdiente. Ich muß ihn und seine
Brüder ja noch ganz anders in mein Leben hereinlassen, als ich bislang gewillt war. – Stöffeli ist ja sicher viel
bedenklicher dran als Markus, viel
verborgener und in sich gerollter. Aber auch er muß seinen Weg machen, ganz zu schweigen von
unserem Matthislein. Gelt,
es ist gut, daß er nun doch versetzt wird? –
Wie steht’s wohl mit deinem Vortrag? Wenn du dann mit deinen Büchern hier bist, dann will ich gern auch noch etwas
Einblick nehmen in das Denken dieser Missionsleute.
Oh, wir werden es so still und ungestört hier haben. – Ein wenig sind wir dran (d. h. noch ohne
Ruedi!), ob wir dich
am Montag mit dem Auto holen und auch deine Mutter über Mittag irgendwohin mitnehmen
sollen! Meinst du, sie würde das tun? Ich würde sie sehr gern sehen. Aber es hängt noch von
Ruedis Lust oder
Unlust zum Autofahren ab, selbst wenn es von deiner Mutter gebilligt würde. – Den Besuch bei
der Schwester Anni11
|226 hab ich zunächst verlegt. Ich weiß nicht, ob nicht Nelly mir das sehr verübeln würde,
und weiß nicht, ob es überhaupt Sinn hätte. Auch diese Leutlein haben ihr Horoskop und müssen es leben. – –
Behüt dich Gott, Karl. Hab gute Ostertage. Die Predigt wäre jetzt wirklich zu
viel für dich, so schön es wäre. Grüße deine Mutter.[**]
Kaum war mein Brief geschlossen, da brachte Ruedi diesen von Dehn an dich12. – Der gute Dehn, gelt? Läßt er sich nicht auch da
wieder zu weit ein? Das ist doch eine Frechheit, dieser Plan mit dem
«Ehrengericht»13? Und
wenn er «Mörder» gesagt hätte, so hätten sie kein Recht, einen
theologischen Gedankengang mit solchen Kriterien zu messen. – Ich schrieb eben
einen langen Brief an Markus, ging gar
nicht auf N. ein, sondern
versuchte nur, ihm zu sagen, daß das so sei und so sein müsse, daß man «unter
Schmerzen» selbständig wird. Und daß er jetzt eben im Begriff stehe, das zu werden. – Über die Karte von N. war ich froh, trotz des hilflosen
Schwankens von Stimmung zu Stimmung. Ich bin ja auch manchmal so dran, und offensichtlich sucht sie doch im Moment
dem Frieden zu dienen.
227Eben kam diese Karte von Nelly!
[*] Ich habe Markus schöne
Abrüstungsmarken und Joggeli Ostereier geschickt.
[**] Ich schreibe jetzt vielleicht nicht mehr. Aber du meldest dich an, gelt? Wenn unser
Plan, dich abzuholen, etwas würde, so würde Ruedi dir am Sonntag sicher telefonieren.
Aber was machst du mit Madiswil und Schilds?