Brief Nr. 98 · 20. März 1932

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern

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Du lieber Karl, weil es doch Palmsonntag ist und weil ich Sehnsucht habe, muß ich noch ein wenig zu dir kommen. Es war ein bißchen traurig, daß ich nun tagelang mit dem Brieflein von dir leben mußte, das mich doch nicht ganz froh an dich denken läßt. Aber du siehst, ich schreibe schon: es war – so stark hoffe ich, daß morgen früh ein zweites eintrifft. – Wie magst du heute diesen schönen, sonntäglichen Vorfrühlingstag verbracht haben? Lebst du auch ein bißchen entspannter, ein bißchen geruhsamer als im Bonner Getümmel? Sind auch nicht von dort Nachrichten eingetroffen, die wieder zu allen möglichen sorgenvollen Erwägungen Anlaß geben? Ich hoffe so sehr, daß du auf dem Bergli, wenn dann der Vortrag getippt sein wird, noch ein wenig ganz richtige Ferien machen kannst. Du hast es so nötig. Ich freue mich ja so schrecklich darauf, und als ich heute morgen mit Gerty vor die Stadt hinauszog und die schönen Wiesen und Wälder und Höhen des Zürichsees (nun einmal von der anderen Seite aus) sah, da hab ich immer wieder im Stillen daran gedacht, daß wir in zehn Tagen gemeinsam uns an dem allen freuen dürfen. Ach, gelt, du freust dich auch ein bißchen, und ach, gelt, du kommst?? – Hier geht es mir anhaltend gut, und ich wüßte keinen Ort, wo ich gelöster und sinnvoller Ferien machen dürfte als hier bei Ruedi und Gerty. – Die Tage mit Gerty allein sind in wohltuender Harmonie verlaufen. Am Freitag abend besuchten wir den Vortrag des Leiters der anthroposophischen Schule hier, eines in seiner Weise einleuchtenden Menschen, darum einleuchtend, weil er jung und lebendig und an seine pädagogische Aufgabe hingegeben ist, methodisch gewiß sehr gute Einsichten hat, |222 so wenig ich natürlich die Hintergründe, die aber kaum gestreift wurden, anerkennen kann. Im Anschluß daran hatte ich ein erstes Gesprächlein mit Gerty, dem gestern ein zweites bis spät in die Nacht hinein folgte. Es beschäftigt sie die Frage der theologischen Diskussion und gerade auch der von Laien auszuübenden. Von da kamen wir natürlich bald auf sehr zentrale Fragen und stießen schließlich bis zur Prädestination vor, ein Begriff, der von ihr leidenschaftlich abgelehnt wird. Ich fürchte, ich war auch nicht im Geringsten ermächtigt, ihr hier ein Licht anzuzünden. Gerty wirkt in ihrem Sosein ja so notwendig und überzeugend auf mich, daß sie mich wie kaum Jemand aus dem Sattel heben kann, besonders wenn der «Sattel» wie in diesem Fall ein fast nicht zu diskutierendes Problem ist. Aber ich muß dir dann mündlich doch noch ein paar Fragen stellen, die mich im Anschluß daran dann noch eine ganze Weile im Bett wachhielten. – Gestern nachmittag war ich mit den Zwillingen1 auf dem Zürichberg, sah Krähbühl und all die mir dem Namen nach bekannten Stätten. Wir spielten oben auf einem sonnigen Waldfleck ein Ballspiel, und ich ergötzte mich an dem urwüchsigen Humor, den besonders Urseli aufzuweisen hatte. Heimwärts stieß ich dann auf einen ganz müden Wanderburschen, der ein ganzes Stück Wegs mit uns ging, ein arbeitsloser Zimmermann, der viel herumkam und trübste Zukunftserwartungen hat für Europa. Es war mir bewegend bei ihm, wie er sein Einzelschicksal fast nicht mehr wichtig nahm, nur irgendwie müde, namenlos müde war vom Arbeitsuchen und nicht Finden. – Heute war Ruedis und Gertys Hochzeitstag, der damit begann, daß wir um ½11 Uhr (!) in Ruedis sonnendurchstrahltem Zimmer den Morgentee tranken – Ruedi etwas müde und mit Migräne aus Lugano heimgekehrt – und dann Gerty mit mir drei Stunden loszog eben auf jene schon erwähnten Höhen über zum Teil noch verschneite und vereiste Wege (die schwierigste Strecke legte ich wider Willen und in großer Eile auf einem Körperteil zurück, auf dem man sonst nicht zu gehen pflegt!), heimwärts über das reizende Kirchlein von Wytikon2, in dem sie damals getraut wurden3. Wir haben uns beide gefreut an der schö|223nen Luft und der noch schöneren Vorfrühlingslandschaft und sind – ein wenig zu Ruedis Verdruß – erst um 2 Uhr heimgekehrt. Der Nachmittag verlief still – ich las Werthers Leiden4 (!) –, sämtliche Kinder waren eingeladen, und wir genossen die Ruhe. Eben wurde ein gemütliches Abendessen beendet, bei dem was? besprochen wurde? Die Reise nach Berlin5!! Ich hatte gar nie gewagt anzufragen, und nun fing Ruedi ganz unvermutet davon zu sprechen an, und zwar unter der selbstverständlichen Voraussetzung, daß wir fahren. Es stand nur noch die Tageseinteilung zur Diskussion, die für Ruedis darum nicht leicht ist, weil viele Menschen dort auf sie warten. Ruedi läßt dir sagen, du sollest doch nicht im Hospiz wohnen, sondern mit uns in einem nahegelegenen Hotel, und dich bei Prof. Richter6 einfach erst zum Sonntag nachmittag bei ihm anmelden. Geht das wohl? Wir würden am Samstag nachmittag hier abfahren und Sonntag morgen in Berlin sein «unter glücklichen Umständen». Was meinst du? Ich habe Ruedi gesagt, daß du wahrscheinlich volle Bewegungsfreiheit haben mußt für die Missionsleute, aber umso schöner wäre es, wenn man am Abend noch ein wenig beisammen sein dürfte. Aber du mußt das ganz entscheiden, wie es dich möglich und gut dünkt.

Eben trifft Emmy Bloch7 ein. Gute Nacht, lieber Karl. Morgen früh kommt hoffentlich dein Brief, ich warte sehr auf ihn. ­-

Montag früh. Der Brief ist nicht gekommen, und ich bin traurig und unruhig. Liegt etwas Besonderes vor, oder magst du mir einfach nicht schreiben? – Nun will ich Gerty packen helfen, morgen am 22. März |224 (ausgerechnet am Todestage Goethes!!) geht es aufs Bergli. – Bist du sehr bedrängt vom Missionsvortrag8? Schreib mir doch nur ein paar Zeilen, aber nein, wenn es dir nicht drum ist, auch nicht. Wir wollen uns nicht quälen. –

Auf dem Bergli, Mittwoch, 23. März 1932. – Ich sitze vor dem Häuschen in der Sonne in einen warmen Mantel gehüllt, den Heizteppich unter den Füßen. Und es ist schön, schön, schön, der Wald und der See, der Grasweg, das Mäuerchen, Alles, was man lieb hat und was einem vertraut ist. Gestern sind wir heraufgezogen. Es war ein trotz allem Herumstehen, Frieren und Hungern (wir aßen um 5 h nachmittags zu Mittag!) fröhlicher Tag. Gerty ist in solchen Situationen schlechthin einzigartig. Wir frühstückten des Morgens ganz gemütlich mit Verdi-Musik, und es war höchstens so, als ob im Nachbarhaus Umzug wäre – trotzdem sie doch Alles nahezu allein bewältigt! Keine auch nur etwas nervöse Geste, kein unruhiges Wort, trotzdem der unvermutete Schneeregen eine völlige Umänderung des geplanten Transportes nötig machte. Ich erlebte staunend und bewundernd diese Beherrschung einer Situation mit, die unablässig Anlaß geboten hätte, sie zu verlieren. Als dann Alles hier ausgeladen war, vereinigten wir uns mit den drei Packern, Frau Landherr9 und Herrn Weibel10 zu einem fröhlichen Mahl: Berner Platte mit Sauerkraut und Neufchâteler und einem starken guten Kaffee, und Alle waren fröhlich, und sogar Herr Weibel erzählte einige nicht schlechte Witzlein. Ja, Gerty kann leben. Als ich ihr heute morgen meine Bewunderung aussprach, zitierte sie mit leisem Spott dich: «Ja, gelt, immer was mir gut tut»!! Ich konnte nicht umhin zu sagen: «Ja, nur daß das auch den Anderen gut tut.» – – Und nun wohne ich also im «Törli» – in der Birnbaumstube und habe diese erste Nacht schandbar gefroren. Es ist sehr kalt hier und im Törli noch ganz besonders. Aber wir wollen es schon warm bekommen!! – Es ist ja so schön, daß du am Montag kommen willst. Ruedi und Gerty haben sich beide so gefreut, als ich ihnen das mitteilte. Und es wird sicher, sicher schön sein. Mit Ruedis lebe ich ganz einfach und pro|225blemlos gut und nah. Ich hätte nie gedacht, daß ich mit Gerty je wieder so würde dran sein können, so selbstverständlich und gesprächslos. Wir sind gestern abend im Mondschein – hu, es war kalt!! – noch ein Stück zum Wald hinauf gewandert, so unbeschwert freudig uns an «unserem Bergli» freuend. Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag und dann…

Hat mein Telefongespräch deine Mutter nicht unangenehm berührt? Ich mußte wissen, wie es dir geht. Und denk, dein Brief kam mir erst gestern spät abend durch Ruedi zu. – Hoffentlich hast du dich nicht beschweren lassen durch meine Mitteilungen über Nellys und Markus’ Brief. Ich habe Nelly sofort wieder geschrieben, ziemlich ausführlich erzählt, und will Markus heute antworten[*]. Man kann ihn jetzt ja nur auf sich verweisen, was er übrigens auch selber weiß. Ich kann mir ja so gut vorstellen, wie die Mahlzeiten laufen, wenn Nelly-Fränzeli-Gespräche das Feld beherrschen. Aber er muß da nun durch und hat es ja gut, daß ihm das nicht als Lebenskonflikt aufgelegt ist, sondern als etwas, von dem er sich frei machen kann, muß und darf. Es ist für ihn sicher nur ein Durchgang von der infantilen zur selbständigen Haltung dem Leben und der Familie gegenüber, ein notwendiger und trotz Allem hoffnungsvoller. – Daß er mir soviel Vertrauen schenkt, das ist mir eine Freude, wenn auch eine etwas unverdiente. Ich muß ihn und seine Brüder ja noch ganz anders in mein Leben hereinlassen, als ich bislang gewillt war. – Stöffeli ist ja sicher viel bedenklicher dran als Markus, viel verborgener und in sich gerollter. Aber auch er muß seinen Weg machen, ganz zu schweigen von unserem Matthislein. Gelt, es ist gut, daß er nun doch versetzt wird? –

Wie steht’s wohl mit deinem Vortrag? Wenn du dann mit deinen Büchern hier bist, dann will ich gern auch noch etwas Einblick nehmen in das Denken dieser Missionsleute. Oh, wir werden es so still und ungestört hier haben. – Ein wenig sind wir dran (d. h. noch ohne Ruedi!), ob wir dich am Montag mit dem Auto holen und auch deine Mutter über Mittag irgendwohin mitnehmen sollen! Meinst du, sie würde das tun? Ich würde sie sehr gern sehen. Aber es hängt noch von Ruedis Lust oder Unlust zum Autofahren ab, selbst wenn es von deiner Mutter gebilligt würde. – Den Besuch bei der Schwester Anni11 |226 hab ich zunächst verlegt. Ich weiß nicht, ob nicht Nelly mir das sehr verübeln würde, und weiß nicht, ob es überhaupt Sinn hätte. Auch diese Leutlein haben ihr Horoskop und müssen es leben. – –

Behüt dich Gott, Karl. Hab gute Ostertage. Die Predigt wäre jetzt wirklich zu viel für dich, so schön es wäre. Grüße deine Mutter.[**]

Kaum war mein Brief geschlossen, da brachte Ruedi diesen von Dehn an dich12. – Der gute Dehn, gelt? Läßt er sich nicht auch da wieder zu weit ein? Das ist doch eine Frechheit, dieser Plan mit dem «Ehrengericht»13? Und wenn er «Mörder» gesagt hätte, so hätten sie kein Recht, einen theologischen Gedankengang mit solchen Kriterien zu messen. – Ich schrieb eben einen langen Brief an Markus, ging gar nicht auf N. ein, sondern versuchte nur, ihm zu sagen, daß das so sei und so sein müsse, daß man «unter Schmerzen» selbständig wird. Und daß er jetzt eben im Begriff stehe, das zu werden. – Über die Karte von N. war ich froh, trotz des hilflosen Schwankens von Stimmung zu Stimmung. Ich bin ja auch manchmal so dran, und offensichtlich sucht sie doch im Moment dem Frieden zu dienen.

227Eben kam diese Karte von Nelly!

[*] Ich habe Markus schöne Abrüstungsmarken und Joggeli Ostereier geschickt.

[**] Ich schreibe jetzt vielleicht nicht mehr. Aber du meldest dich an, gelt? Wenn unser Plan, dich abzuholen, etwas würde, so würde Ruedi dir am Sonntag sicher telefonieren. Aber was machst du mit Madiswil und Schilds?

Sachfußnoten

1
Ursula und Franziska Pestalozzi.↩
2
Heute Witikon, seit 1798, nach dem Einmarsch der Franzosen, selbständige Gemeinde «Wytikon», seit 1934 Stadtteil von Zürich.↩
3
Die Trauung am 20.3.1914 wurde von E. Thurneysen vollzogen (Trautext: Ps. 107,1).↩
4
J. W. von Goethe, Die Leiden des jungen Werthers (1774; 2. Fassung 1787) 📖.↩
5
Siehe zur gemeinsamen Reise nach Berlin unten S. 231, Anm. 5. ↩
6
Julius Richter (1862–1940), 1914 a. o. Professor und 1920-1930 o. Professor für Missions- und Religionswissenschaft in Berlin. Aufgrund seiner leitenden Funktionen im Deutschen Evangelischen Missionsausschuß unterhielt er viele ökumenische Kontakte (s. auch Abbildung 27 bei Busch, S. 108 📖).↩
7
Emmy Bloch (1887–1978), arbeitete nach ihrer Ausbildung u. a. in der Töchterschule Zürich von 1911-1916 als Tuberkulose-Fürsorgerin, gründete 1921 die Schweizerische Zentralstelle für Frauenberufe sowie den Berufsverein für Sozialarbeitende Zürich, dem sie bis 1932 als Präsidentin vorstand; seit 1933 publizistische Tätigkeiten u. a. in der «Neuen Zürcher Zeitung», 1934-1944 Chefredaktorin des «Schweizer Frauenblattes».↩
8
 Siehe oben S. 213, Anm. 1. ↩
9
 Haushaltshilfe bei Familie Pestalozzi.↩
10
Gärtner auf dem Bergli.↩
11
Nelly Barths Schwester Anny Schuler, geb. Hoffmann (1889–1964).↩
12
Brief von G. Dehn an Barth vom 21.3.1932. Im Hintergrund steht der sogenannte «Fall Dehn»: Dehn hatte am 6.11.1928 in der Magdeburger Ulrichskirche über das Thema «Kirche und Völkerversöhnung» gesprochen. Dieser Vortrag bildete den Anlaß für die später gegen Dehn erhobenen Vorwürfe und Anklagen, in deren Folge Dehn 1933 seine Professur in Halle verlor. Vgl. G. Dehn, Kirche und Völkerversöhnung. Dokumente zum Halleschen Universitätskonflikt, Berlin o. J. (1931) 📖; ders., Die alte Zeit – die vorigen Jahre, München 1962, S. 247-285 📖; E. Bizer, Der «Fall Dehn», in: Festschrift für Günther Dehn zum 75. Geburtstag am 18.4.1957 dargebracht von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Rheinischen Friedrich Wilhelms-Universität zu Bonn, hrsg. von W. Schneemelcher, Neukirchen 1957, S. 239-261 📖; Chr. Schwöbel (Hrsg.), K. Barth – Martin Rade. Ein Briefwechsel, Gütersloh 1981, S. 250-263 📖; Bw.B.2, S. 128–132 📖; Offene Briefe 1909-1935, S. 170–207 📖. Dehn teilte in seinem Brief mit, daß in Halle «weiter Unheil gebrütet» werde und man mit der (unzutreffenden) «alten Beschuldigung» zum Ausgangspunkt zurückgekommen sei, er «hätte die Gefallenen Mörder genannt». Er bittet um Barths Meinung (KBA 9332.139).↩
13
Dehn erwähnt einen möglichen Plan seiner Fakultät, er solle sich «einem aus hiesigen Professoren gebildeten ‹Ehrengericht› unterwerfen, das den Fall noch einmal untersuchen und dann ein Urteil abgeben soll. Fällt das ungünstig aus, dann wäre ich allerdings wohl erledigt.» Dehn erklärte später, wenngleich mit Bedenken, seine Bereitschaft dazu.↩