Brief Nr. 97 · 20. März 1932

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Zürich

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Liebste Lollo!

Ich habe dich schmählich im Stich gelassen über den Sonntag und kann eigentlich nicht einmal einen anderen vernünftigen Grund dafür angeben als den, daß ich, wenn ich hier auf meinem Stühlchen saß, dauernd, von einer gewissen Angst verfolgt, an meinen Missions|219­sachen war. Es ist mir alles so neu und unübersichtlich, und noch sehe ich gar nicht, was ich dazu nun in einem feierlichen Vortrag1 zu sagen haben soll. Gelt, es wird mir im Lauf dieser Woche «irgendwie» einfallen! Aber mehr als einen Anfang werde ich dir nächsten Montag sicher nicht mitbringen und muß mich dann unter deiner Aufsicht und Mitwirkung noch tüchtig daran halten, bevor wir ans Tippen kommen und reisen können. Ich wollte, ich hätte richtige, das heißt zu nichts verpflichtende Ferien (und dazu irgendwo einsam mit dir)! Aber damit ist es jedenfalls diesmal nichts. K. Lindt forderte mich heute auf, für ihn die Osterpredigt zu halten. Ich würde es eigentlich sehr gerne tun. Aber ich glaube, es geht nicht auch noch. Meine Mutter redet energisch dagegen, und ich werde es wohl ablehnen. Aber eigentlich ungern.

Von Nelly kam ein Brief mit der Nachricht, daß der Sohn von Herrn Koennecke2 sich bei Honnef3 mit einem Mädchen zusammen vor einen Zug geworfen hätte. Was ist das für ein armer Mann, unser Herr Koennecke. Ich habe ihm einige Zeilen geschrieben.4 Aber was kann man da schon schreiben? Die andere Nachricht lautete, daß Herr Traub5 das freistehende Zimmer bei Landgrebes6 gemietet hat!! Man |220 könnte lachen und weinen dazu, nicht? Im Übrigen scheint dort Alles in Ordnung zu gehen, und ich habe entsprechend geantwortet.

Wie bin ich froh, von dir so zufriedene Briefe zu haben. Lieberes könnte ich wirklich nicht hören als das, daß du etwas zum Atemholen kommst und aufblühen darfst. Möchte das in der nun noch bevorstehenden zweiten Woche so weitergehen und dann durch mein Auftreten auf jenem Schauplatz nicht gestört werden! Ich freue mich ja so zu dir, darf es aber vor meiner in dieser Hinsicht eifersüchtigen Mutter ja nicht verraten! Ich habe auch Alles, was du von Rudis und ihren Kindern schreibst, so gerne gelesen und freue mich darauf, sie alle selber wieder zu sehen. Ach, es wird gewiß schön werden auf dem Bergli, meinst du nicht auch? Gelt, du meinst es auch?

Mir geht es ordentlich. Nur augenblicklich ist mir etwas übel, weil ich in Gedanken zuviel zu Nacht gegessen habe (Schinken, Butter, Tee und Osterfladen, den ich sehr liebe und so nur hier bekomme!). Gestern abend war ich bei Kari mit Schädelin, Gilg, Hubacher u. A. zusammen. Gilg hat verständig und eingehend über das Anselmbuch 📖 geredet und wird auch etwas darüber schreiben. Heute früh hörte ich eine Predigt von Schädelin, viel besser als die im Herbst, aber doch auch nicht so recht befriedigend. Morgen vormittag erscheint der unvermeidliche de Quervain, Pfarrer von Elberfeld und von Neuenstadt am Bielersee und zwischen beiden noch nicht entschieden!! Und Trudis Kinder entwickeln sich sehr munter nach allen Richtungen. Zwei liegen zwar eben zu Bett. Ach du, ich weiß auch ganz genau, was mit Eva Maria7 oder Samuel gemeint sein könnte!

Das Übelsein dauert an. Ich will den Brief abschließen und zum Einwurf bringen und dann zu Bett gehen. Weißt du, was ich im Bett jeweilen lese? Die Forsyte-Saga8! Das ist doch eine sehr eindrückliche Sache.

221 Sei nicht traurig, daß ich dir so wenig schreibe. Ich weiß nicht, Schreiben ist irgendwie überholt zwischen uns, nicht? Aber viel Anderes ist nicht überholt und in Bez[ug] auf die 6,5,4,3,2,1 Jahre habe ich es wirklich auch so wie du. Du Gute, Liebe!

Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 213, Anm. 1. ↩
2
Ernst Koennecke, Hauseigentümer der Siebengebirgstr. 18 in Bonn (Wohnsitz der Familie Barth).↩
3
Stadt am Rhein, in der Nähe von Bonn.↩
4
Am 18.3.1932 kondolierte Barth seinem Hauswirt: «Die Nachricht von dem schweren Schlag, der Sie durch den plötzlichen Tod Ihres Sohnes betroffen, hat mich aufrichtig bewegt, und ich möchte Ihnen sagen dürfen, daß ich in großer Teilnahme an Sie denke. […]» (KBA 9232.103)↩
5
Hellmut Traub (1904–1994), seit 1931 Theologiestudium bei Barth in Bonn, 1934 erstes theologisches Examen in Wuppertal-Elberfeld, 1935 Vikar in Bad Honnef, 1936 Assistent bei E. Wolf in Halle, März 1937 zweites theologisches Examen in Wuppertal-Barmen, 1937 Pfarrer in Fürstenwalde, 1938-1939 BK-Pfarrstelle in Potsdam, 1939 Vertreter von Bonhoeffer in Sigurdshof, 1940 eingezogen, Eidesverweigerung, 1942 Kriegsdienst bei IG Farben, 1950-1969 Pfarrer der Evangelisch-reformierten Gemeinde Stuttgart. Vgl. H.-G. Ulrichs (Hrsg.), Hellmut Traub. «Unerschrocken zur Zeit oder zur Unzeit». Beobachtungen eines Predigers, Zeugen und Lehrers zur kirchlichen Zeitgeschichte. Mit Beiträgen von G. Sauter und H. Stoevesandt, Wuppertal 1997 📖.↩
6
Karl Wilhelm Theodor und Elfriede Hermine Helene Landgrebe bewohnten die über Barths Wohnung liegende Etage in der Siebengebirgstraße 18. K. W. Th. Landgrebe (1870–1932) war von 1905-1931 Pfarrer in Aachen. Ihr Sohn, Hans Wilhelm Landgrebe (geb. 1910), war gut bekannt mit dem ebenfalls in der Siebengebirgstraße wohnenden Otto Bleibtreu und hat diesen gemeinsam mit H. Traub in dem Prozeß gegen Barth unterstützt (vgl. unten S. 414).↩
7
Vgl. oben S. 215 und unten S. 389.↩
8
Die Forsyte Saga (1922, dt. 1925) 📖 von John Galsworthy (1867–1933), Familienchronik über vier Generationen. Galsworthy schildert sozialkritisch das Besitzstreben des viktorianischen Bürgertums.↩