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von Kirschbaum an B. in Bern
[Zürich] Freitag nachmittag [18.3.1932]
heute morgen kam dein Brief mit dem Hochzeitsbrieflein aus dem Jahr 1895.1 Hast du mir
damit sagen wollen, daß du schon vier Jahre vor meiner Geburt um solche «Höhepunkte» des Lebens
wußtest?? Ach du, es wäre so viel besser gewesen, wir hätten es beide gleichzeitig gewußt,
was wann zu geschehen hat, und es wäre um so Vieles leichter, als es jetzt ist.
Aber wir sollen es nun einmal nicht leicht haben. – Und du bist «sehr müde und traurig». Das ist schlimm. Beinahe hätte ich
angerufen, wenn mir nicht der Preis, nämlich die Gunst Deiner Mutter (!), zu hoch gewesen wäre. Aber daß
nun schon |217 wieder ein Brief von «Frl. Lollo» eintrifft, das muß sie nun
eben begreifen. Du
sollst doch nicht «müde und traurig» sein und nun erst noch «sehr». Kann ich dich
nicht trösten?? Ich möchte so gern. Aber gelt, du bist ja nicht zuletzt meinetwegen müde und
traurig? Und hast einen Brief zerrissen. Ich kann dir dazu nicht viel sagen. Ich weiß ja, daß
ich es dir schwer mache und daß im Gewühl des Bonner
Kriegsschauplatzes mir immer wieder die
richtigen Distanzen verloren gehen und ich dann dir und auch den Anderen oft Unrecht tue. Das
Leben dort ist so schwer, und ich
hab oft so gar keine Widerstandskraft mehr gegen diese ganze traurige Armseligkeit. Nein, ich
meine nicht, «du hast es leicht …», oder wenn, dann nur so, weil du nicht so ausgeliefert
bist wie ich und dich mehr behältst. – Ich bin so froh, Karl, hier zu spüren, daß ich doch
irgendwo zuinnerst auch nicht zerrissen bin und unter der Decke all der sauren
Vergrämtheit, die mich dort oft überkommt, doch etwas am Leben bleiben darf, was der «Mühe wert ist», am Leben zu
bleiben, und was mir den Mut gibt, es wieder und wieder von neuem zu versuchen.
Ich hab so gute ruhige Tage und lebe so mit dir und bei dir und hab
dich lieb, viel lieber als vor 6, vor 5, vor 4, vor 3,2,1 und auch als vor ½ Jahr! Und ein wenig muß ich auch lachen, daß es
manchmal nur ein wenig – Schlaf, ein wenig Ruhe braucht, um wieder hellere Augen zu bekommen.
Verlier du jetzt den Mut nicht, bitte nicht, Karlilein, und denk daran, daß wir am Dienstag aufs Bergli zügeln, daß Gerty dort gestern das «Törli»
geputzt hat und daß Alles, Alles wartet. –
Ich höre viel Musik, und bei Mozart muß ich heulen. Ich weiß so gut, was du meinst bei ihm2, und irgendwie dann auch, was du meinst bei
mir – hab Geduld, «irgendeinmal viel später» werde ich es dann wirklich besser verstehen. –
Mit Gerty hab ich es
schön. Gestern abend kehrte sie blühend und frisch vom Bergli heim und bügelte dann noch bis Mitternacht, während ich neben ihr saß und mit
Landkarte und Reisebericht3
Ruedis Aufnahmen von
der Dalmatienreise besah. Das war ein Genuß, und |218 ich meine nun fast
selber das Land zu kennen! – Zwischendurch hatten wir Gesprächlein aller Art und haben uns gut
verstanden. – Heute abend gehe ich mit ihr in einen Vortrag des Leiters der anthroposophischen Schule hier, von dem Gerty einmal sehr erfreut
war. – Für morgen und Sonntag ist Margrith Giess4 erwartet, ein Menschlein, das nach wie
vor nicht gerade Jupiter an seinem Himmel stehen hat, aber treu und aufopfernd Kranke pflegt,
was leicht wertvoller sein kann. – Wenn am Sonntag Brunner predigt, will ich hingehen. –
Heute hab ich einen Morgen lang gebügelt und sehr nachdenklich bei dieser fraulichen Arbeit über Manches nachgedacht. – Vorhin hab ich beide
Illustrierte geholt und schicke sie Markus zum Sonntag. Du mußt nicht meinen, daß ich deine Kinder nicht lieb habe. Ich habe sie sehr lieb, jedes Einzelne, und
Alles, was manchmal an Ablehnung in mir aufsteigt, kommt daher, daß es – nicht deine und meine
sind. Das ist sehr primitiv, aber wie alle primitiven Dinge auch sehr massiv. –
Und nun hab einen guten Sonntag, einen nicht müden und nicht traurigen, gelt? Schau, im
Grunde ist ja Alles gut.
Ich lese täglich die Basler Nachrichten. Man lebt doch stark in Deutschland.