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von Kirschbaum an B. in
Bern
es ist morgens 10 Uhr. Ich bin ganz allein in der Trittligasse. Gerty fuhr aufs Bergli, um das Häuslein zu putzen (der
berühmte «Frühjahrsputz», sagte sie lachend!). – Ruedi ist für zwei Tage
nach Lugano, die Kinder sind alle in
der Schule. Warum bist du nicht da?? – Ich sitze an einem kleinen
Frühstückstischlein mit lauter schönen Dingen, die dich auch freuen würden
(besonders der Buttenmost1!), und habe eben was getan? Mozarts Violinkonzert «eingelegt». Es ist so still und gut
Alles, nur mit dem leisen wehen Unterton, den das Leben ohne dich nun
immer
hat. – Wie geht es
dir? Während ich nun so sorglos faul sein darf, bist du sicher nicht ohne Sorgen
am Missionsvortrag2. Kommst du denn
hinein in Alles, in was du da hineinkommen mußt? Es ist gut, daß Hartenstein3 dir noch ein wenig erzählen
konnte. Das Telefongesprächlein gestern war so ein unerwartetes Geschenklein und
daß Deine Mutter harmlos und froh schien, auch. Sie soll doch nach Griechenland reisen. Das tut ihr
wohl. Ich habe gestern abend Ruedis Aufnahmen von ihrer
kleinen Italienfahrt im letzten
Herbst |215 gesehen. Alle die Stätten, an denen wir auch
waren!4 Und so
schöne, wirklich mitunter vollkommen schöne Bilder. – Gestern
mittag war Walthardt5 da und noch
ein österreichischer Maler, die schwelgten förmlich in Ruedis Schätzen, und der
Österreicher sagte mir so treuherzig: «I hab mi so gfreut, wies mi wieder
eingladen habn, i finds so schö da.»6 Ich hab nur sagen können: «ich auch». Übrigens haben er und ich
Ruedi gestern irgendwie zum Photographieren gelockt, und es sind
schon ganz viele Aufnahmen entstanden. – Ich bin schon wieder so viel besser
dran und habe diesmal den Alltag der Siebengebirgstraße viel schneller hinter mir lassen können. (Ich
meine im guten Sinn: dieser Alltag ist dein und mein
Alltag, und ich will ihn nicht abschütteln.) Aber es ist fast wie ein Zeichen
von Gesundung, daß ich ihn nicht mehr so mitschleppen muß an andere
Orte. – –
Die Kinder hier werden erstaunlich -, reife ruhige, schöne Menschen.
Das kleine Fränzeli7 fast in einer erschreckenden Weise wissend. Sie
kam mir das erstemal mit einem ganz lieben ernsten Gesichtlein entgegen: Grüezi,
T. L. Und was macht der Onkel Karl? – Bei Tisch sitzt sie neben
mir. Gestern abend flüsterte sie mir zu: «Bitte nit essen, ehe ich
gebetet hab». Und dann mußten wir
uns alle an den Händen fassen, und sie sagte mit ihrem (jetzt gar nicht
schrillen!) Stimmchen: «Herr Jesus, segne unseren Abend» und gab der links von
ihr sitzenden Esther und
mir einen Kuß auf die Hand. Und da war nichts gemacht und nichts gewollt,
sondern es kam zuinnerst aus ihr heraus. Wie muß
Gerty
glücklich sein! [das meine ich mit Eva-Maria.- –]8
Ruth plagt sich mit einer
Broschüre von M. Scheler über den «Frieden»9. Ich bin heute mittag
allein mit ihr, und es ist gut mit ihr sein. –
216 Das Mozart-Konzert
ist zu Ende. Ich muß jetzt an E. Lentrodt einen Geburtstagsbrief schreiben. Den «Kant»10 kann ich doch nicht abschreiben. Es ist zu viel. –
Lieber Karl, ich habe heute nacht von dir geträumt. Es ist Alles so,
wie es ist, und ist gut so.
Behüt dich Gott.
Grüße deine Mutter. Wie war es
wohl noch mit Heiner? Das Lächeln, zu dem er sich zwang, als er mir die Hand
gab, rührt mich immer noch. Und auch irgend eine Ähnlichkeit mit dir. – Karl
Lindt hat hier
ein freudiges Andenken.
Dehn muß in Aarau
gut geredet haben, besonders in der Diskussion.11 Sogar Ruedi war
erfreut davon. Während Sutz
(im Privatgespräch) zu einer Enttäuschung für Gerty wurde.