Brief Nr. 95 · 17. März 1932

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern

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Mein lieber Karl,

es ist morgens 10 Uhr. Ich bin ganz allein in der Trittligasse. Gerty fuhr aufs Bergli, um das Häuslein zu putzen (der berühmte «Frühjahrsputz», sagte sie lachend!). – Ruedi ist für zwei Tage nach Lugano, die Kinder sind alle in der Schule. Warum bist du nicht da?? – Ich sitze an einem kleinen Frühstückstischlein mit lauter schönen Dingen, die dich auch freuen würden (besonders der Buttenmost1!), und habe eben was getan? Mozarts Violinkonzert «eingelegt». Es ist so still und gut Alles, nur mit dem leisen wehen Unterton, den das Leben ohne dich nun immer hat. – Wie geht es dir? Während ich nun so sorglos faul sein darf, bist du sicher nicht ohne Sorgen am Missionsvortrag2. Kommst du denn hinein in Alles, in was du da hineinkommen mußt? Es ist gut, daß Hartenstein3 dir noch ein wenig erzählen konnte. Das Telefongesprächlein gestern war so ein unerwartetes Geschenklein und daß Deine Mutter harmlos und froh schien, auch. Sie soll doch nach Griechenland reisen. Das tut ihr wohl. Ich habe gestern abend Ruedis Aufnahmen von ihrer kleinen Italienfahrt im letzten Herbst |215 gesehen. Alle die Stätten, an denen wir auch waren!4 Und so schöne, wirklich mitunter vollkommen schöne Bilder. – Gestern mittag war Walthardt5 da und noch ein österreichischer Maler, die schwelgten förmlich in Ruedis Schätzen, und der Österreicher sagte mir so treuherzig: «I hab mi so gfreut, wies mi wieder eingladen habn, i finds so schö da.»6 Ich hab nur sagen können: «ich auch». Übrigens haben er und ich Ruedi gestern irgendwie zum Photographieren gelockt, und es sind schon ganz viele Aufnahmen entstanden. – Ich bin schon wieder so viel besser dran und habe diesmal den Alltag der Siebengebirgstraße viel schneller hinter mir lassen können. (Ich meine im guten Sinn: dieser Alltag ist dein und mein Alltag, und ich will ihn nicht abschütteln.) Aber es ist fast wie ein Zeichen von Gesundung, daß ich ihn nicht mehr so mitschleppen muß an andere Orte. – –

Die Kinder hier werden erstaunlich -, reife ruhige, schöne Menschen. Das kleine Fränzeli7 fast in einer erschreckenden Weise wissend. Sie kam mir das erstemal mit einem ganz lieben ernsten Gesichtlein entgegen: Grüezi, T. L. Und was macht der Onkel Karl? – Bei Tisch sitzt sie neben mir. Gestern abend flüsterte sie mir zu: «Bitte nit essen, ehe ich gebetet hab». Und dann mußten wir uns alle an den Händen fassen, und sie sagte mit ihrem (jetzt gar nicht schrillen!) Stimmchen: «Herr Jesus, segne unseren Abend» und gab der links von ihr sitzenden Esther und mir einen Kuß auf die Hand. Und da war nichts gemacht und nichts gewollt, sondern es kam zuinnerst aus ihr heraus. Wie muß Gerty glücklich sein! [das meine ich mit Eva-Maria.­- –]8 Ruth plagt sich mit einer Broschüre von M. Scheler über den «Frieden»9. Ich bin heute mittag allein mit ihr, und es ist gut mit ihr sein. –

216 Das Mozart-Konzert ist zu Ende. Ich muß jetzt an E. Lentrodt einen Geburtstagsbrief schreiben. Den «Kant»10 kann ich doch nicht abschreiben. Es ist zu viel. –

Lieber Karl, ich habe heute nacht von dir geträumt. Es ist Alles so, wie es ist, und ist gut so.

Behüt dich Gott.

Deine
L.

Grüße deine Mutter. Wie war es wohl noch mit Heiner? Das Lächeln, zu dem er sich zwang, als er mir die Hand gab, rührt mich immer noch. Und auch irgend eine Ähnlichkeit mit dir. – Karl Lindt hat hier ein freudiges Andenken.
Dehn muß in Aarau gut geredet haben, besonders in der Diskussion.11 Sogar Ruedi war erfreut davon. Während Sutz (im Privatgespräch) zu einer Enttäuschung für Gerty wurde.

Sachfußnoten

1
Marmelade aus Hagebuttenpüree.↩
2
Siehe oben S. 213, Anm. 1.↩
3
Karl Hartenstein (1894–1952), 1926-1939 Direktor der Basler Missionsgesellschaft, ab 1933 auch Dozent für Religionswissenschaft und Missionskunde in Basel, Freund von E. Thurneysen. Vgl. W. Metzger (Hrsg.), Karl Hartenstein. Ein Leben für Kirche und Mission, Stuttgart 19562. 📖 ↩
4
Von Kirschbaum und Barth waren vom 8.6.-26.6.1929 und vom 20.-23.8.1931 gemeinsam mit dem Ehepaar Pestalozzi in Italien (vgl. Busch, S. 200 📖).↩
5
Wahrscheinlich Fritz Waldhard, Maler und Zeichner für den Familien- und Freundeskreis des Ehepaares Pestalozzi.↩
6
= Ich habe mich so gefreut, als sie mich wieder eingeladen haben, ich finde es so schön da.↩
7
Franziska Pestalozzi (geb. 1923).↩
8
Eckige Klammern im Original.↩
9
Max Scheler, Die Idee des Friedens und der Pazifismus, Berlin 1931. 📖 ↩
10
Vermutlich handelt es sich um eine Bitte Barths, die Aufzeichnungen von Kirschbaums aus den von ihr besuchten Vorlesungen bei H. Scholz über Kant (s. Bw.Th. II, S. 693 📖) abzuschreiben.↩
11
Günther Dehn hatte am 12.3.1932 bei der 35. Aarauer Studentenkonferenz über «Die Stellung des Christen im Klassenkampf» gesprochen.↩