Brief Nr. 100 · 25. März 1932

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum auf dem Bergli

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Du liebe Lollo!

Ich danke dir für deinen schönen langen Brief, der mich nicht lange nach dem Abgang meines letzten erreicht hat und den ich mit Freude und immer wieder gelesen habe. Aus den Beilagen siehst du, daß ich mich immer wieder nicht mit dem beschäftige, womit ich mich beschäftigen sollte, so daß ich in höchster Unklarheit hinsichtlich der Mission1 bei dir eintreffen werde. «Man kann das nicht so machen, Karl!», pflegst du in solchen Fällen unter Hinweis auf die Sterne und andere Schicksalsfaktoren zu sagen. Gelt, du nimmst mich dann trotzdem liebevoll auf. Heute morgen war ich im Gottesdienst der Altkatholiken, in dem Gilg die Messe und Gaugler die Predigt hielt, und hatte eigentlich einen recht guten Eindruck, nur daß eben sozusagen keine Gemeinde da war. Denk, an der Schwarztorstraße2 haben sie andauernd allerlei Krankheit, und auch in Madiswil ist einer der Buben im Bett. Das ist ein Moment ständiger Beunruhigung für meine gute Mutter.

Es bleibt dabei, daß ich am Montag komme. Dürrenroth, wo Schild3 wohnt, wird für diesmal noch verschoben; es ist nämlich fast nicht zu erreichen. Auch Madiswil lasse ich nun eben links liegen, werde, wenn ihr nichts Anderes berichtet, 1726 hier abfahren und 1930 in Zürich eintreffen. Hier im Auto abgeholt zu werden, wäre freilich auch eine schöne Sache. Ich habe meiner Mutter mitgeteilt, welche Möglichkeiten da in Betracht kommen könnten und habe festgestellt, daß sie zwar zum Sichmitnehmenlassen den nötigen seelischen Auftrieb nicht hat, daß sie es aber wohl zufrieden wäre, wenn ihr euch z. B. zum Tee oder auch schon zum Schwarzen Kaffee hier einfinden würdet, und daß sie dem kritischen Moment, wo ich mit euch davonrollen |231 würde, mit Fassung entgegensehen würde. Diese psychisch naturgemäß belastete Situation müßte (besonders auch von dir!) gut vorbereitet und mit Liebe und Eleganz gestaltet werden. Wenn das unter Vermeidung aller Kühe in der Luft4 geschehen könnte, wäre diese Lösung wirklich eine schöne Lösung, der ich mit großem Vergnügen entgegensehen würde. Aber darüber müßt ihr euch nun dort verständigen. Wenn du mir keine Nachricht mehr gibst, nehme ich an, ich solle mit der Eisenbahn kommen.

Der Plan bezüglich Berlin gefällt mir ausnehmend.5 Wir ordnen dann alles Nötige vom Bergli aus. Ich höre aber, solange es mit meinem Vortrag noch so mies steht, noch gar nicht gerne von Berlin reden.

Ja, ist es denn wahr, daß es nun nur noch drei Tage geht? Du weißt ja gar nicht, wie ich mich freue. Du dich gar nicht, gelt? Oder doch auch ein bißchen?

Dein
Karl

Wenn die Abholung im Auto zustande käme, so wäre es günstig, wenn die Einrichtung für das Gepäck mitgenommen würde, weil ich soviel Zeug bei mir habe. Aber ihr dürft es nur tun, wenn nicht nur die Sterne einwandfrei gut stehen, sondern auch der Himmel von Rudis Gemüt völlig unbewölkt ist.

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 213, Anm. 1. ↩
2
D. h. bei der Familie Lindt.↩
3
Paul Alexander Schild (1884–1966), 1907-1930 Pfarrer in Uerkheim (Nachbarort von Safenwil, Kt. Aargau), 1930-1950 in Dürrenroth (Kt. Bern); die Ehefrau Hedwig Schild, geb. Mauch, war Patin von Hans Jakob Barth.↩
4
Siehe oben S. 172, Anm. 9. ↩
5
Vom 9.-13.4.1932 reiste Barth mit von Kirschbaum und dem Ehepaar Pestalozzi vom Bergli aus nach Berlin, um dort am 11.4. seinen Vortrag an der Brandenburgischen Missionskonferenz zu halten (s. oben S. 213, Anm. 1). Während seines Aufenthaltes in Berlin traf er mit Otto Dibelius, dem Missionsdirektor S. Knak und mit D. Bonhoeffer zusammen (s. Busch, S. 231f. 📖; zur Begegnung mit Bonhoeffer s. Bonhoeffers Brief vom 24.12.1932 an Barth, in: D. Bonhoeffer, Berlin 1932-1933, hrsg. von C. Nicolaisen und E.-A. Scharffenorth, Dietrich Bonhoeffer Werke, Bd. 12, Gütersloh 1997, S. 37f. 📖, und den kurzen Bericht über Barths Aufenthalt in Berlin in Bonhoeffers Brief vom 17.5.1932 an E. Sutz, in: D. Bonhoeffer, Ökumene, Universität, Pfarramt 1931-1932, hrsg. von E. Amelung und Chr. Strohm, Dietrich Bonhoeffer Werke, Bd. 11, Gütersloh 1994, S. 87-91 📖).↩