230
100
Barth an v.K. auf dem Bergli
Ich danke dir für deinen schönen langen Brief, der mich nicht lange nach dem
Abgang meines letzten erreicht hat und den ich mit Freude und immer wieder
gelesen habe. Aus den Beilagen siehst du, daß ich mich immer wieder nicht mit
dem beschäftige, womit ich mich beschäftigen sollte, so daß ich in höchster
Unklarheit hinsichtlich der Mission1 bei dir eintreffen
werde. «Man kann das nicht so machen, Karl!», pflegst du in solchen Fällen unter
Hinweis auf die Sterne und andere
Schicksalsfaktoren zu sagen. Gelt, du nimmst mich dann trotzdem liebevoll auf.
Heute morgen war ich im Gottesdienst der Altkatholiken, in dem Gilg die Messe und Gaugler die Predigt hielt, und hatte eigentlich einen recht guten
Eindruck, nur daß eben
sozusagen keine Gemeinde da war. Denk, an der Schwarztorstraße2 haben sie andauernd
allerlei Krankheit, und auch in Madiswil ist einer der Buben im Bett. Das ist ein Moment ständiger
Beunruhigung für meine gute Mutter.
Es bleibt dabei, daß ich am Montag komme. Dürrenroth, wo Schild3 wohnt, wird für diesmal noch verschoben; es ist
nämlich fast nicht zu erreichen. Auch Madiswil lasse ich nun eben links liegen, werde, wenn ihr nichts
Anderes berichtet, 1726 hier abfahren und 1930 in Zürich eintreffen. Hier im Auto abgeholt zu werden,
wäre freilich auch eine schöne Sache. Ich habe meiner Mutter mitgeteilt, welche
Möglichkeiten da in Betracht kommen könnten und habe festgestellt, daß sie zwar
zum Sichmitnehmenlassen den nötigen seelischen Auftrieb nicht hat, daß sie es
aber wohl zufrieden wäre, wenn ihr euch z. B. zum Tee oder auch schon zum
Schwarzen Kaffee hier einfinden würdet, und daß sie dem kritischen Moment, wo
ich mit euch davonrollen |231 würde, mit Fassung
entgegensehen würde. Diese psychisch naturgemäß belastete Situation müßte
(besonders auch von dir!) gut vorbereitet und mit Liebe und Eleganz gestaltet
werden. Wenn das unter Vermeidung aller Kühe in der Luft4
geschehen könnte, wäre diese Lösung wirklich eine schöne Lösung, der ich mit
großem Vergnügen entgegensehen würde. Aber darüber müßt ihr euch nun dort
verständigen. Wenn du mir keine Nachricht mehr gibst, nehme ich an, ich solle
mit der Eisenbahn kommen.
Der Plan bezüglich Berlin gefällt mir ausnehmend.5 Wir ordnen dann
alles Nötige vom Bergli aus. Ich höre
aber, solange es mit meinem Vortrag noch so mies steht, noch gar nicht gerne von Berlin
reden.
Ja, ist es denn wahr, daß es nun nur noch drei Tage geht? Du weißt ja gar nicht,
wie ich mich freue. Du dich gar nicht, gelt? Oder doch auch ein bißchen?
Wenn die Abholung im Auto zustande käme, so wäre es günstig, wenn die
Einrichtung für das Gepäck mitgenommen würde, weil ich soviel Zeug bei mir
habe. Aber ihr dürft es nur tun, wenn nicht nur die Sterne einwandfrei gut stehen, sondern auch der
Himmel von Rudis Gemüt völlig unbewölkt ist.