Brief Nr. 101 · 14. September 1932

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Du liebe Lollo!

Gelt, es ist allerhöchste Zeit, daß ich mich melde. Aber die zwei Tage sind, in der Hauptsache erfüllt von allerlei freundlichem Zusammensein, im Nu und doch sehr ausgefüllt dahingegangen, und ich mußte schon diese stille Abendstunde abwarten, um wirklich ungestört zu dir zu kommen. – Ja nun ist es eben wieder so, und das Beste ist, daß es nicht allzu lange so sein wird. Wie mag es dir ergangen sein und ergehen? Ich denke doch immer wieder hinüber nach dem fernen München, in das dich der enteilende Schnellzug gestern morgen geführt hat.1 Wie mag es mit dem Bruder2 gegangen sein? Und wie nun gehen bei der Mutter? Was mich betrifft, so war ich ja schnell genug am Ziel, unterwegs wie du dir denken kannst heftig bewegt von den eben in den Zeitungen erschienenen Nachrichten aus Deutschland3 …! …! …! …!!!!! Am Bahnhof erwarteten mich meine Mutter und Kari Lindt, und auf dem Gurten fand ich dann auch noch Heiner und seine Frau Gertrud vor. Seitdem fließt das Leben in sehr ebenmäßigem Familienverkehr fort, ohne daß ich eigentlich etwas allzu Wichtiges darüber zu erzählen wüßte. Immerhin: ist es dir klar, daß meine Schwester Trudi im Oktober ihr sechstes Kind erwartet? Man behauptet, man habe mir dies schon im Frühjahr gesagt, und mir dämmert so etwas, aber ich habe es wahrlich vergessen. Heiner schreibt an einem Buch über Augustin.4 Er ist gegen meinen |233 Anselm 📖 in der Tat recht eingenommen, aber ich komme leider nicht hinter den Sinn seines Widerspruchs. Was ich von seinen dunklen Worten darüber verstehe, leuchtet mir wirklich nicht ein. Aber ich will es morgen noch einmal versuchen. Verkehr unter erwachsenen Geschwistern scheint wirklich eine ganz besonders schwierige und belastete Aufgabe zu sein! Mit meiner Mutter war ich noch nie allein, und es ist darum auch noch zu keinem «uns» angehenden Gesprächlein gekommen. Ich habe nur den Eindruck, als herrsche die Absicht, den ganzen Bezirk in ein halb schonendes, halb strafendes Schweigen einzuhüllen, was mir denn auch von Trudi, mit der ich heute allein reden konnte, ein gutes Stück weit bestätigt wurde. Aber ich will nun das Weitere erwarten, vielleicht mir vornehmen, alles Diesbezügliche nicht zu sehr zu beachten. Ich habe ja wahrlich Anderes zu tun, als immer wieder über alle die hier möglichen oder wirklichen Schwankungen und ihre Gründe und Wirkungen nachzudenken und über das in sich Unklare dann auch noch klare Berichte zu geben. Gelt, du verlangst das nicht von mir? Es ist ja auch wirklich nicht so wichtig. Denk, zum Coiffeur wurde ich nicht geschickt, sondern meine Mutter fand an meinem Schopf sogar Gefallen, so daß er nun doch noch eine Weile stehen und wachsen darf. Und die Sache mit meiner Ernährung nimmt sie auch ganz unerwartet ernst, serviert mir kein Schwein, hat sofort Grahambrot kommen lassen usw., kurz du könntest und würdest wenigstens in dieser Hinsicht ganz zufrieden mit ihr sein. Ach, wenn du doch da wärest! Heute abend kam eine große Sendung Korrekturen, der Schluß der Fahnen und allerlei anderes.5 Ich lasse sie morgen verarbeitet an dich weitergehen. Nächste Woche soll allerlei passieren. Am Montag vormittag will ein Prof. Clavier6 aus Montpellier bei mir erscheinen, am Abend soll es einen |234 kleinen offenen Abend geben, den Röthlisberger7 zusammentrommeln will. Am Dienstag erscheint Peter. Am Mittwoch ist kantonal bernischer Pfarrerverein, den ich mitmachen will.8 Und wer weiß, was sich noch alles anreiht. Ein gemächliches Abseits gibt es für mich eben nur auf dem Bergli, und das liegt nun wie ein schöner Traum dahinten. Wer kommt morgen? Vreneli Stadler9 mit Mann! Ach, wenn das doch schon überstanden wäre! So, das ist mein Bericht über das, was man berichten kann. Daß heute ein Vetter und eine Cousine aus Solothurn10 da waren und auch eine Weile unterhalten sein wollten, kann dich ja kaum sehr bewegen. – Was aber wird mich sehr bewegen? Von dir zu hören, wie es dir sowohl nach der seelischen als nach der leiblichen Seite ergeht? Eine gewisse Entspannung bedeutet es doch sicher für dich, nicht beständig mit mir zu tun haben zu müssen, sondern, «ganz wie es dich fein und gut dünkt»11, deiner Wege zu gehen, «uneingesehen von außen»12. Es wäre ziemlich scheußlich von mir, wenn ich dieses Bedürfnis nicht verstünde, und du mußt dich über alles Dahinzielende, was etwa bei mir sichtbar geworden ist, hinwegsetzen. Aber gelt, irgend einmal kehrst du ja dann auch wieder zu deinem dich einsehenden Karl zurück zu einem Leben in jener Eintracht, nach der er, der Alternde und von so vielen anderen Sorgen Beanspruchte, so begierig ist.

Gelt, das ist ein schönes neues Farbband13? Und schau, wie schön auch das Rote ist! Magst du das? Und magst du mich auch noch ein wenig? Und denkst du freundliche Gedanken über mich?

235 Denk, mein zarter Liebling hat das Rasiermittel aus Paris in der Weise eingepackt, daß er den Deckel unangeschraubt daraufsetzte, was zur Folge hatte, daß mir beim Öffnen jenes Säckleins ein weißer Brei schaurig entgegenquoll. Aber auch da habe ich nur freundliche Gedanken über dich gedacht.

Ich bin im Grunde so allein hier. Wenn ich niese, so ruft niemand «Gesundheit!» etc. Ach, warum ist nicht Alles ganz, ganz anders!

Genug heute. Ich gehe nun schlafen …!

Grüße Emmy Lentrodt und Träublein und Lempps und die Knäblein im Seminar14 und sage deiner Mutter, daß ich mich ihr zu Füßen lege!! Wie schade, daß du es ihr nicht sagen wirst!

Ach ja, so is es!

Dein lieber
Karl

Sachfußnoten

1
Nach ihrem gemeinsamen Bergli-Aufenthalt seit dem 1.8.1932 waren Barth und von Kirschbaum am 13.9. abgereist. Von Kirschbaum beabsichtigte entsprechend der Mitteilung in ihrem Brief vom 6.9.1932 an Nelly Barth, «vielleicht mit einer kl. Rast im Allgäu, wohin mein verheirateter Bruder mit seiner Familie inzwischen weggezogen ist», nach München zu fahren.↩
2
Maximilian Eduard Karl von Kirschbaum (1897–1974) lebte seit dem Sommer 1932 in Weiler bei Lindau.↩
3
Am 12.9.1932 war zum zweiten Mal im Jahre 1932 die Auflösung des Reichstags erfolgt. Der Reichstag hatte die Aufhebung der Notverordnung der Regierung von Papen vom 4.9. verlangt und der Regierung das Mißtrauen ausgesprochen (vgl. unten S. 238, Anm. 11).↩
4
H. Barth, Die Freiheit der Entscheidung im Denken Augustins, Basel 1935. 📖 ↩
5
Für den Druck von KD I/1 📖. Die Arbeit an den Registern hatte Anfang August begonnen (Brief Barths an Lempp vom 7.8.1932 [KBA 9232.233]) und wurde unter großem Zeitdruck durch Barth und von Kirschbaum Mitte Oktober beendet (Brief von Kirschbaums an E. Küppers vom 20.10.1932 [KBA 9232.298]).↩
6
Emile François Henri Clavier (1892–1987), 1925-1938 Professor für Neues Testament in Montpellier, anschließend in Straßburg. Clavier hatte in Études théologiques et religieuses, Jg. 5 (1930), S. 106-109 📖, drei Bücher über Barth rezensiert (B. Dörries, Am Scheidewege. Ein Wort zu Karl Barths Dogmatik, Gotha 1928 📖; ders., Der ferne und der nahe Gott. Eine Auseinandersetzung mit der Theologie Karl Barths, Gotha 1927 📖; A. Oepke, Karl Barth und die Mystik, Leipzig 1928 📖).↩
7
 Siehe oben S. 193, Anm. 21. ↩
8
 Siehe unten S. 241-243. ↩
9
Verena Pfenninger, geb. Stadler (1904–1995), die ein Semester bei Barth in Münster studiert hatte, unterstützte – auch im Predigtdienst – ihren Mann Walter (1904–1962), der 1930-1939 von Brig (Kt. Wallis) aus die weitverzweigte Diaspora im Oberwallis betreute.↩
10
Wahrscheinlich Karl Eduard Liechtenhan (1883–1955) mit seiner Frau Helene, geb. Barth (1883–1971).↩
11
Nach Aussage von Fr. Zellweger-Barth eine typische Redeweise von Kirschbaums: «Es dünkt mich fein und gut.»↩
12
Wenn von Kirschbaum sich zurückzog, erklärte sie gelegentlich – so Fr. Zellweger-Barth –, sie wolle «uneingesehen von außen» sein.↩
13
Barth hat den Rest dieses Abschnitts mit rotem Farbband geschrieben.↩
14
H. Gollwitzer, G. Lanzenstiel und K. G. Steck, die sich im Predigerseminar München auf den kirchlichen Dienst vorbereiteten.↩