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Barth an v.K. in München
Gelt, es ist allerhöchste Zeit, daß ich mich melde. Aber die zwei Tage sind, in
der Hauptsache erfüllt von allerlei freundlichem Zusammensein, im Nu und doch
sehr ausgefüllt dahingegangen, und ich mußte schon diese stille Abendstunde
abwarten, um wirklich ungestört zu dir zu kommen. – Ja nun ist es eben wieder
so, und das Beste ist, daß es nicht allzu lange so sein wird. Wie mag es dir
ergangen sein und ergehen? Ich denke doch immer wieder hinüber nach dem fernen
München, in das dich der
enteilende Schnellzug gestern morgen geführt hat.1 Wie mag es mit dem Bruder2 gegangen sein? Und
wie nun gehen bei der Mutter? Was
mich betrifft, so war ich ja schnell genug am Ziel, unterwegs wie du dir denken
kannst heftig bewegt von den eben in den Zeitungen erschienenen Nachrichten aus
Deutschland3 …! …! …! …!!!!! Am Bahnhof
erwarteten mich meine Mutter und Kari Lindt, und auf dem Gurten fand ich dann auch noch
Heiner und
seine Frau Gertrud vor. Seitdem fließt das Leben in sehr ebenmäßigem
Familienverkehr fort, ohne daß ich eigentlich etwas allzu Wichtiges darüber zu
erzählen wüßte. Immerhin: ist es dir klar, daß meine Schwester Trudi im
Oktober ihr sechstes Kind erwartet? Man behauptet, man habe mir dies schon im
Frühjahr gesagt, und mir dämmert so etwas, aber ich habe es wahrlich vergessen.
Heiner
schreibt an einem Buch über Augustin.4 Er ist gegen meinen |233
Anselm
📖
in der Tat recht eingenommen, aber ich komme leider nicht hinter den
Sinn seines Widerspruchs. Was ich von seinen dunklen Worten darüber verstehe,
leuchtet mir wirklich nicht ein. Aber ich will es morgen noch einmal versuchen.
Verkehr unter erwachsenen Geschwistern scheint wirklich eine ganz besonders
schwierige und belastete Aufgabe zu sein! Mit meiner Mutter war ich noch nie
allein, und es ist darum auch noch zu keinem «uns» angehenden Gesprächlein
gekommen. Ich habe nur den Eindruck, als herrsche die Absicht, den ganzen Bezirk
in ein halb schonendes, halb strafendes Schweigen einzuhüllen, was mir denn auch
von Trudi, mit der ich heute allein reden konnte, ein gutes Stück weit
bestätigt wurde. Aber ich will nun das Weitere erwarten, vielleicht mir
vornehmen, alles Diesbezügliche nicht zu sehr zu beachten. Ich habe ja wahrlich
Anderes zu tun, als immer wieder über alle die hier möglichen oder wirklichen
Schwankungen und ihre Gründe und Wirkungen nachzudenken und über das in sich
Unklare dann auch noch klare Berichte zu geben. Gelt, du verlangst das nicht von
mir? Es ist ja auch wirklich nicht so wichtig. Denk, zum Coiffeur wurde ich
nicht geschickt, sondern meine Mutter fand an meinem
Schopf sogar Gefallen, so daß er nun doch noch eine Weile stehen und wachsen
darf. Und die Sache mit meiner Ernährung nimmt sie auch ganz unerwartet ernst,
serviert mir kein Schwein, hat sofort Grahambrot kommen lassen usw., kurz du
könntest und würdest wenigstens in dieser Hinsicht ganz zufrieden mit ihr sein.
Ach, wenn du doch da wärest! Heute abend kam eine große Sendung Korrekturen, der Schluß der Fahnen und
allerlei anderes.5 Ich lasse sie morgen verarbeitet an dich weitergehen.
Nächste Woche soll allerlei passieren. Am Montag vormittag will ein Prof. Clavier6 aus Montpellier bei mir erscheinen,
am Abend soll es einen |234 kleinen offenen Abend geben, den Röthlisberger7 zusammentrommeln will. Am Dienstag erscheint Peter. Am Mittwoch ist kantonal
bernischer Pfarrerverein, den
ich mitmachen will.8 Und wer weiß, was sich noch
alles anreiht. Ein gemächliches Abseits gibt es für mich eben nur auf dem Bergli, und das liegt nun wie ein
schöner Traum dahinten. Wer kommt morgen? Vreneli Stadler9 mit Mann! Ach, wenn das doch
schon überstanden wäre! So, das ist mein Bericht über das, was man berichten
kann. Daß heute ein Vetter und eine Cousine aus Solothurn10 da waren und auch eine Weile
unterhalten sein wollten, kann dich ja kaum sehr bewegen. – Was aber wird mich
sehr bewegen? Von dir zu hören, wie es dir sowohl nach der seelischen als nach
der leiblichen Seite ergeht? Eine gewisse Entspannung bedeutet es doch sicher
für dich, nicht beständig mit mir zu tun haben zu müssen, sondern, «ganz wie es dich fein und gut dünkt»11, deiner Wege zu gehen, «uneingesehen von
außen»12. Es
wäre ziemlich scheußlich von mir, wenn ich dieses Bedürfnis nicht verstünde, und
du mußt dich über alles Dahinzielende, was etwa bei mir sichtbar geworden ist,
hinwegsetzen. Aber gelt, irgend einmal kehrst du ja dann auch wieder zu deinem
dich einsehenden Karl zurück zu einem Leben in jener Eintracht, nach der er, der
Alternde und von so vielen anderen Sorgen Beanspruchte, so begierig ist.
Gelt, das ist ein schönes neues Farbband13? Und
schau, wie schön auch das Rote ist! Magst du das? Und magst du mich auch noch
ein wenig? Und denkst du freundliche Gedanken über mich?
235 Denk, mein zarter Liebling hat
das Rasiermittel aus Paris in der Weise eingepackt, daß er den Deckel
unangeschraubt daraufsetzte, was zur Folge hatte, daß mir beim Öffnen jenes
Säckleins ein weißer Brei schaurig entgegenquoll. Aber auch da habe ich nur
freundliche Gedanken über dich gedacht.
Ich bin im Grunde so allein hier. Wenn ich niese, so ruft niemand «Gesundheit!» etc. Ach, warum
ist nicht Alles ganz, ganz anders!
Genug heute. Ich gehe nun schlafen …!
Grüße Emmy Lentrodt und Träublein und
Lempps und die Knäblein im
Seminar14
und sage deiner Mutter, daß
ich mich ihr zu Füßen lege!! Wie schade, daß du es ihr nicht sagen wirst!
Ach ja, so is es!