Brief Nr. 102 · 17. September 1932

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

235

102

Meine Liebe Lollo!

In einer Stunde erwartet mich drüben im Dählhölzli1 wer? Martin Werner2! Bis dahin noch auf ein halbes Stündchen zu dir. Wie bin ich erschrocken, als ich von eurem Autounfall las!3 Habe ich es nicht |236 gleich gesagt, daß er nicht fahren kann? Und wäre es nicht viel besser, du würdest dir vornehmen, nicht ohne mich Auto zu fahren, damit wir, wenn denn schon, wenigstens zusammen verunglücken? Nein, die Geschichte gefällt mir gar nicht. Und was mag denn Träublein angestellt haben? Ich würde mich eigentlich schon freuen, etwas ausführlichere Nachrichten von dir zu haben, aber wiederum kann ich mir denken, daß du in München, wo Luft und Bäume bekanntlich so herrlich sind, nicht so recht dazu kommst.

Mir geht es fortgesetzt so gut, als es unter den nun einmal bestehenden Umständen gehen kann. Heiner und Gertrud sind am Donnerstag wieder nach Basel zurückgekehrt, ohne daß sich etwas Bemerkenswertes zwischen ihnen und mir zugetragen hätte. Gestern abend war Kari da, und wir hatten gute Gespräche zusammen. Der gute Peter muß seine Angelegenheit mit «Dorli»4 merkwürdig ungeschickt durchführen nach außen. Denn während er meint, kein Mensch wisse oder nehme Anstoß, scheint doch schon ein ziemliches Grinsen durch die Pfarrerschaft zu gehen. Denk, ich habe fast die ganzen Briefe der Mutter von Goethe5 gelesen und bin sehr froh darum, erstens weil man Goethe selbst von da aus erst so recht versteht, und zweitens darum, weil das eine ganz ausgezeichnete Frau gewesen sein muß: unter reichlichen Schicksalsschlägen immer ver|237gnügt, friedlich und fröhlich, nach allen Seiten offen und niemals schlechter Laune. Es war mir eine richtige Erbauung. Meine Mutter findet sie oberflächlich, aber ich kann das nicht gelten lassen. Gestern Vreneli Stadler6. Der Mann wirklich ein bißchen troddelhaft hinter ihr her. Sie selbst forsch wie immer, aber doch ein ganz klein wenig geprüft und vielleicht diesmal nicht ganz verschlossen für die Lehren, mit denen ich sie bedachte. Sie haben ein Kind, und sie (Vreneli) hat acht Tage vor dem Eintreffen dieses Erdenbürgers noch gepredigt oder vielmehr «verchündigt»7, was dann bei der Gemeinde Anstoß erregt haben soll. Und nun meint sie immer wieder, diese «Sache» rechtfertigen und heiligen zu müssen, und das war es, was ich ihr, nicht ohne Hinweis auf «Mütter und Amazonen»8, ausreden wollte. Meine Mutter ist gut zu mir. Sie sagte einmal schwermütig, sie hätte mir viel zu sagen, aber sie wolle jetzt die «Gemütlichkeit» nicht stören. Ich habe wirklich dann nicht insistiert und werde es auch in Zukunft nicht tun. Hier kommen Briefe, aus deren Zahl du sehen magst, daß ich nicht untätig bin. Aber die blaue Mappe9 wird nicht merklich dünner. Der Gedanke an das Semester und besonders an die Vorlesung liegt mir wie ein Stein im Magen.10 Warum habe ich mir nur das |238 aufgeladen? Überhaupt wandle ich etwas bedrückt umher, ich weiß nicht konkret zu sagen warum, aber es ist irgendwie Alles so schwer. Was sie in Berlin machen11, verfolge ich von einer Zeitung zur anderen mit schärfster Ablehnung, und nun muß ich in dieses Deutschland zurück, und du verstehst mich da auch nicht.

Laß mich doch bald wieder von dir hören. Es kommt mir vor, es sei so lange her seit dem Dienstag und seit dem ganzen Bergli. Ob du von dort etwas gehört hast seither? Grüße Emmy Lentrodt, Träublein und alle guten Menschen. Ich muß gehen. Was mag mir an jenem Waldesrand bevorstehen heute nachmittag?

Ob dies dich noch erreicht morgen Sonntag? Ach du liebe Lollo, wenn du wüßtest …!

Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Tierpark an der Aare in Bern mit einem Restaurant.↩
2
Martin Werner (1887–1964), 1916-1928 Pfarrer in Krauchthal (Kt. Bern), 1921 Privatdozent für Neues Testament, 1928-1958 o. Professor für Systematische Theologie, Dogmengeschichte und Geschichte der Philosophie in Bern. Nachdem sich 1927 Barths Berufung zerschlagen hatte, wurde 1928 an dessen Stelle der liberale M. Werner Nachfolger von H. Lüdemann (vgl. Bw.Th. II, S. 512–514.522f.533f.553.555 📖). Er hatte «sich für diesen Posten mit einem groben Pamphlet gegen Barth empfohlen» (Busch, S. 188 f. 📖).↩
3
Brief nicht erhalten. – Am 18.9.1932 schrieb Barth an E. Thurneysen: «Lollo wäre ums Haar Opfer eines Autounfalls geworden. Ihr Bruder, der jetzt in der Nähe von Lindau wohnt, holte sie auf ihrer Heimreise dort ab, behauptend, daß er Auto fahren könne, und stieß unterwegs mit einem Lastauto zusammen. Zum Glück ging nur ein Kotflügel zu Schanden» (s. Bw.Th. III, S. 279 📖).↩
4
Peter Barth hatte im Jahre 1927 die damals noch Theologie studierende Dora Scheuner für die wissenschaftliche Mitarbeit an den von ihm herausgegebenen «Opera Selecta» Calvins gewinnen können. Nach dem Tod P. Barths hat sie zusammen mit Wilhelm Niesel die Calvin-Ausgabe «vollenden und ergänzen helfen». Insgesamt brachte die Begegnung mit P. Barth, wie es in der Gedenkschrift nach ihrem Tode heißt, «ein gegenseitiges Geben und Nehmen im Austausch über Kirchengeschichte und Arbeit am Alten Testament». – Dora Scheuner (1904–1979), 1929 Abschluß des Theologiestudiums, danach wurde sie – nicht als Pfarrerin, sondern – als Vikarin an die Johannesgemeinde in Bern gewählt. Während dieser Zeit war sie aktives Mitglied der theologischen Arbeitsgemeinschaft des Kantons Bern, 1942-1972 Religionslehrerin an der Mädchenschule Monbijou in Bern, 1950 Übernahme des neu errichteten Lektorats für Hebräisch an der Universität Bern, 1954 Ehrendoktorat der Evangelisch-Theologischen Fakultät Bern, 1964 Ernennung zur Honorarprofessorin (vgl. Dora Scheuner zum Gedenken, Privatdruck, o. J. 📖).↩
5
Die Briefe der Frau Rath Goethe, gesammelt und hrsg. von A. Köster, 2 Bde., Leipzig 1923 📖. – Zum Leben der Katharina Elisabetha Goethe, geb. Textor (1731–1808), vgl. die Einleitung, a.a.O., Bd. I, S. V-XIX. ↩
6
Siehe oben S. 234, Anm. 9. ↩
7
= verkündigt.↩
8
In ihrem als Hauptwerk geltenden Buch «Mütter und Amazonen» (1932) propagierte Bertha Eckstein 📖 (geb. Diener, Pseudonyme: Sir Galahad, Helen Diner) die Überlegenheit des Matriarchats (vgl. zur Bedeutung des Buches auf dem Bergli: Ein Leben, S. 288 📖). – B. Eckstein (1874–1948), Schriftstellerin und Übersetzerin, lebte seit 1920 in der Schweiz; neben Romanen und Erzählungen schrieb sie kultur- und literaturhistorische Werke.↩
9
In dieser Mappe wurden die von Barth zu beantwortenden Briefe gesammelt.↩
10
Im Wintersemester 1932/33 las Barth über die «Vorgeschichte der neueren protestantischen Theologie», wofür er die umfangreichen Paragraphen zum 18. Jahrhundert neu erarbeitete. Dem Seminar lag Calvins Institutio Buch III 📖 zugrunde; in der Sozietät behandelte Barth Luthers Großen Katechismus 📖; an den Offenen Abenden wurde Emil Brunners Ethik besprochen (E. Brunner, Das Gebot und die Ordnungen. Entwurf einer protestantisch-theologischen Ethik, Tübingen 1932 📖); zusätzlich wurden mit 110 Teilnehmern «Übungen in der Predigtvorbereitung» veranstaltet (s. die Edition der Protokolle aus dem Wintersemester 1932/33 und dem Sommersemester 1933: K. Barth,Homiletik. Wesen und Vorbereitung der Predigt, Zürich 19852 📖). Vgl. Busch, S. 232-234 📖.↩
11
In seiner ersten Arbeitssitzung nach den Wahlen vom 31.7.1932 hatte der Reichstag am 12.9. die Aufhebung der Notverordnung vom 4.9. verlangt und der Regierung von Papen mit 512 gegen 42 Stimmen das Mißtrauen ausgesprochen. Noch während der Abstimmung ließ Fr. von Papen mittels einer vorbereiteten Order des Reichspräsidenten den Reichstag wieder auflösen. Vgl. zu weiteren Kritikpunkten Barths Bw.Th. III, S. 273–275 📖.↩