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Barth an v.K. in München
In einer Stunde erwartet mich drüben im Dählhölzli1 wer? Martin Werner2!
Bis dahin noch auf ein halbes Stündchen zu dir. Wie bin ich erschrocken, als ich
von eurem Autounfall las!3 Habe ich es nicht |236 gleich gesagt, daß
er
nicht fahren kann? Und wäre es nicht viel besser, du würdest dir vornehmen,
nicht ohne mich Auto zu fahren, damit wir, wenn denn schon, wenigstens zusammen
verunglücken? Nein, die Geschichte gefällt mir gar nicht. Und was mag denn Träublein
angestellt haben? Ich würde mich eigentlich schon freuen, etwas ausführlichere
Nachrichten von dir zu haben, aber wiederum kann ich mir denken, daß du in München, wo Luft und Bäume
bekanntlich so herrlich sind, nicht so recht dazu kommst.
Mir geht es fortgesetzt so gut, als es unter den nun einmal bestehenden
Umständen gehen kann. Heiner und Gertrud sind am Donnerstag wieder nach Basel zurückgekehrt, ohne daß sich etwas Bemerkenswertes
zwischen ihnen und mir zugetragen hätte. Gestern abend war Kari da, und wir hatten gute Gespräche
zusammen. Der gute Peter muß
seine Angelegenheit mit «Dorli»4 merkwürdig ungeschickt durchführen nach außen.
Denn während er meint, kein Mensch wisse oder nehme Anstoß, scheint doch schon
ein ziemliches Grinsen durch die Pfarrerschaft zu gehen. Denk, ich habe fast die
ganzen Briefe der Mutter von
Goethe5
gelesen und bin sehr froh darum, erstens weil man Goethe selbst von da
aus erst so recht versteht, und zweitens darum, weil das eine ganz
ausgezeichnete Frau gewesen sein muß: unter reichlichen Schicksalsschlägen immer
ver|237gnügt, friedlich und fröhlich, nach allen Seiten
offen und niemals schlechter Laune. Es war mir
eine richtige Erbauung. Meine Mutter findet sie
oberflächlich, aber ich kann das nicht gelten lassen. Gestern Vreneli Stadler6. Der Mann wirklich ein bißchen
troddelhaft hinter ihr her. Sie selbst forsch wie immer, aber doch ein ganz
klein wenig geprüft und vielleicht diesmal nicht ganz verschlossen
für die Lehren, mit denen ich sie bedachte. Sie haben ein Kind, und sie
(Vreneli) hat acht Tage vor dem Eintreffen dieses Erdenbürgers noch gepredigt
oder vielmehr «verchündigt»7,
was dann bei der Gemeinde Anstoß erregt haben soll. Und nun meint sie immer
wieder, diese «Sache» rechtfertigen und heiligen zu müssen, und das war es, was
ich ihr, nicht ohne Hinweis auf «Mütter und Amazonen»8, ausreden wollte.
Meine Mutter ist gut zu mir. Sie sagte einmal schwermütig, sie hätte mir
viel zu sagen, aber sie wolle jetzt die «Gemütlichkeit» nicht stören. Ich habe
wirklich dann nicht insistiert und werde es auch in Zukunft nicht tun. Hier
kommen Briefe, aus deren Zahl du sehen magst, daß ich nicht untätig bin. Aber die blaue
Mappe9 wird nicht merklich dünner. Der
Gedanke an das Semester und besonders an die Vorlesung liegt mir wie ein Stein im Magen.10 Warum habe ich mir nur das |238 aufgeladen? Überhaupt wandle ich etwas bedrückt umher, ich weiß nicht konkret zu
sagen warum, aber es ist irgendwie Alles so schwer. Was sie in Berlin machen11,
verfolge ich von einer Zeitung zur anderen mit schärfster Ablehnung, und nun muß
ich in dieses Deutschland zurück, und du verstehst mich da auch nicht.
Laß mich doch bald wieder von dir hören. Es kommt mir vor, es sei so lange her
seit dem Dienstag und seit dem ganzen Bergli. Ob du von dort etwas gehört hast seither? Grüße Emmy Lentrodt, Träublein und alle guten Menschen.
Ich muß gehen. Was mag mir an jenem Waldesrand bevorstehen heute nachmittag?
Ob dies dich noch erreicht morgen Sonntag? Ach du liebe Lollo, wenn du
wüßtest …!