Brief Nr. 103 · 19. September 1932

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Meine Liebe Lollo!

Ich war so froh über deinen guten Brief, der heute morgen ankam. Denk, ich hatte gerade heute nacht auch von einem Streit mit dir geträumt. Wir wollen das doch nicht einmal im Traum mehr tun, geschweige denn wachend. Das Leben ist viel zu kurz, und Streiten ist etwas viel zu Häßliches.

Ich sende dir hier wieder allerlei Briefdurchschläge, in denen du so ziemlich Alles findest, was seither über mein hiesiges Leben zu berichten ist. Gelt, einigen dieser Briefe merkt man es an, daß das gute Maschinlein jetzt ganz nach den zweifelhaften Eingebungen meines Gemütes läuft, ohne daß auf Grund der Warnungen oder Vorschläge |239 der lieben Lollo Einiges anders zu laufen genötigt wäre! Das Gespräch mit dem Franzosen1 heute war eines jener ausführlichen, aber sicher im Grunde unnützen Interviews, wie du sie kennst. Er brachte alle blöden Einwürfe vor, die wir seit zehn Jahren gut genug kennen. Ich habe sie ihm aber gutmütig der Reihe nach beantwortet, und er schied dann scheinbar sehr zufrieden. Nun erwarte ich die Studenten. Von Tscharner2 wird leider nicht dabei sein. Er ist im «Dienst», d. h. im Militärdienst. Ich hatte eine Korrespondenz mit Nelly wegen des Antrags von Schilds3, Hansjoggeli noch einige weitere Monate dort zu behalten. Ich habe nun negativ entschieden. Er kann doch, so gesund es dort sein mag, nicht ewig im Emmental sein, und es müßte dann eine eigene Abholungsexpedition inszeniert werden. So habe ich es nun Nelly und Schilds geschrieben, daß ich ihn am Dienstag abholen und heimbringen werde (Nelly auf einer Karte, nur damit du den Durchschlag nicht vermissest – die Karten, auf denen ich mich zu den Zeitgenossen äußere, kommen dir eben überhaupt nicht zu Gesicht, gelt, das ist schade!). Karis gestrige Predigt war weniger gut als andere, die ich von ihm hörte. Was war denn das für ein geheimnisvoller Absturz Träubleins? 20 Meter tief abstürzen ist gewiß schon an sich eine schlimme Sache. Ist ihm darüber hinaus noch ein Bergdämon erschienen, oder was ist nur los? Sag ihm jedenfalls meine volle Teilnahme. Wahrscheinlich hänge das damit zusammen, daß er den Himmel für schwarz halte.

Ich muß abbrechen. Die Knäblein kommen. Es sollte nur ein Gruß sein, und in den Beilagen hast du ja noch eine Menge Kundgebungen meines Inneren.

Grüße alle guten Menschen und denke liebreich an deinen liebreich an dich denkenden

K.

Heute ging wieder ein Schock Korrekturen4 an dich ab. Hast du mit Lempp schon Fühlung genommen? Und über den Einband geredet?