Brief Nr. 104 · 21. September 1932

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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104

Meine Liebe Lollo!

Die Morgenpost und die Abendpost sind gekommen und haben mir nichts von dir gebracht. Warum, warum nur nicht? Du bist doch nicht etwa krank? Oder ebenfalls von einem Berg heruntergefallen? Oder doch mit Traub Töff1 gefahren und verunglückt? Gelt, morgen kommt nun unbedingt etwas? Sonst müßte ich, wer weiß, meine Mutter durch eine unerwartete Abreise überraschen. Oder bist du mir nicht mehr gut? Ach gelt, unter allen Umständen schreibst du mir nun wieder! Das ist ja ein ganz unleidlicher Zustand.

Hier schicke ich dir wieder einige Durchschläge: Meine gestrige Tätigkeit. Du siehst, daß ich nun schon in die tieferen Schichten der blauen Mappe vorzudringen beginne.

Gestern ist Peter hergekommen. Er ist mehr als je erfüllt von Dora Scheuner2, der Mund ging ihm immer wieder davon über, und ich war fast ein bißchen erstaunt über die fast ein wenig übermütige Art, in der dies geschah. Aber vorläufig «muß» er nun acht Tage mit Lenchen3 zu Rades4 in den Taunus. Heute habe ich Frl. Scheuner übrigens gesehen und kurz gesprochen. Ich habe sie früher nicht näher betrachtet, muß nun aber sagen, daß sie wirklich nett und gescheit ist, so daß ich Peter auch in concreto schon verstehen kann. Aber die Sache ist von einer merkwürdigen Munterkeit umgeben, die wir jedenfalls so nicht fertig brächten.

Vorgestern abend waren also die Berner Studenten bei mir: Rosin5, Röthlisberger, Stalder6 und Gautschi7. Es war ein sehr freundlicher |241 und bewegter Abend. Stalder ist wahrscheinlich doch der erheblichste Kopf unter den vieren, und wir müssen sehen, ihn trotz und in seiner Bärenhaftigkeit etwas heranzuziehen.

Gestern abend war ich bei Lindts: Schädelin war da, Gilg, Gaugler, Hubacher und Burri8; auch dieser Abend war offen und gut. Wir haben über die Messe geredet, über Politik und natürlich über allerlei Bernisches.

Heute nun war der Tag durch die Versammlung des bernischen Pfarrvereins ausgefüllt, und ich hatte wirklich Gelegenheit, nicht nur die hiesige geistige und geistliche Situation, sondern auch das ganze Personal wieder einmal gründlich kennen zu lernen. Denk, die Sitzung fand in einem Saale statt, in welchem ich genau vor 25 Jahren zum letztenmal gewesen bin: bei dem «Besenbummel» der Zofingia9, den ich als Präses zu leiten hatte und an dem damals die Sache mit R. M.10 in das entscheidende Stadium geriet. Und als ob es an dieser lokalen Erinnerung noch nicht genug gewesen wäre, war natürlich auch jener Bruder wieder da und sogar noch eine Schwester (sie soll der Oxfordbewegung11 bereits verfallen sein!), und beide haben mich |242 unentwegt vorwurfsvoll angesehen! Ja, so wird man die Vergangenheit eben nicht los und soll es offenbar auch nicht. Ich will dir nicht alle die Gestalten schildern, die ich da wiedergesehen habe. Interessieren kann dich jedenfalls das «Trampeltier», Pfarrer Rohr12, der alte Onkel von Gertrud Staewen, mit dem, denk nur, Gertrud, in der Partie um die Augen und Stirn, eine ganz lächerliche Ähnlichkeit hat! Es ging also um die Anthroposophie. Eymanns13 Vortrag war schlecht, auch formal, dagegen gab es ein sehr gutes Korreferat von Hans Burri, wirklich eine zugleich saubere und vornehme Leistung. In der Diskussion drohte es dann trotzdem einen Brei zu geben. Als letzter Votant meldete auch ich mich zu Wort und konnte glaub (auf dem eindrucksvollen Hintergrund einer tiefen Verbeugung vor ­- Goethe!) doch zur Klarheit bringen, daß man als Theologe hier nur schroff Nein sagen dürfe.14 Über Tisch und nachher gab es noch manches Heitere und Gemütliche, und ich weiß nun wieder einmal gründlich, wie die Berner sind und dran sind. Aber ich kann nicht genug froh sein, daß ich damals nicht mehr hiehergekommen bin. Du glaubst nicht, was für ein enges, übersichtliches Bassin das ist, in dem sich die Fische hier tummeln müssen, und was für eine Mentalität das erzeugt. Die Professoren Hoffmann15, Haller16, Werner, Schädelin, Lienhard17, |243 die auch da waren, dauerten mich wirklich. Daß man da irgend etwas Verkniffenes bekommt, ist wohl gar nicht zu vermeiden, und dabei handelt es sich doch zweifellos um einen sehr tüchtigen und gesunden Menschenschlag, der vor manchem anderen viel voraus hat. Aber es liegt irgend etwas auf ihnen von dem Druck der gewissermaßen tragischen Berner Geschichte (die du nicht studieren willst, obwohl ich dich so darum gebeten habe), die nach einem glänzenden jahrhundertelangen Aufstieg dann doch nicht gehalten hat, was sie versprochen hatte.

Sage Traub, daß ich ihm vorläufig danken lasse für den Brief, den er mir hieher geschrieben hat über Goethe.18 Ich kenne die Dokumente, auf die er sich bezieht, oder doch Parallelen dazu. Aber ich weiß noch nicht, ob diese Stellen genügen, um die Gogartensche These vom «Privatmann»19 wirklich zu entkräften. Ich weiß auch noch nicht einmal, ob alles das, was G. in der Richtung jener Äußerung des 10jährigen20 gesagt hat (ich kannte das Diktum), entscheidend dagegen |244 spricht. Es kann sein. Aber vielleicht kann man doch auch nur sagen, daß Gogarten besser getan hätte, seine These nur als Frage vorzutragen. Es könnte wohl sein, daß es das, was Gogarten meint (das Du, nicht nur der Gegenstand!), bei Goethe nicht gibt, nur daß man ihn vielleicht nicht so inquirieren sollte. Aber ich muß über das alles noch weiter nachdenken.

Wenn du mir nun nur wieder schreiben wolltest. Ich muß doch noch einmal darauf zurückkommen, daß ich in richtiger Unruhe bin.

Heute zum Nachtessen war mein Vetter Karl Sartorius21 aus Basel hier. Ich erfuhr dabei das Merkwürdige, daß die Familie Sartorius nicht, wie ich immer meinte und angegeben habe, aus Dobrilugk22 stammt, sondern daß nach neueren Darstellungen der älteste erreichbare Vorfahre23 Pfarrer in Egloffstein24 – – – – – in Franken gewesen ist, zur Zeit des 30jährigen Krieges!! Also, also, auch ich zur Hälfte aus dem gelobten Lande Franken! Was wird Georg sagen! Und so sind wir damals, ohne daß ich es wußte, in meiner halben Heimat gewesen.25

245Lollo, gelt, du schreibst mir nun wieder. Es geht mir irgendwie die Luft aus, wenn ich so gar nicht um dich weiß, und die schwärzesten Gedanken wollen über mich kommen.

Langweilig, daß unser Briefkasten da oben erst morgen um 8 Uhr geleert wird. Ich wollte diesem Brief wohl Flügel geben können, damit er dich rasch erreiche.

Ach du, wir wollen uns jetzt dann so bald nicht mehr trennen.

Grüße Alle, die es verdienen. I. h. d. s. l.

Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Motorrad.↩
2
Siehe oben S. 236, Anm. 4. ↩
3
Helene Barth. ↩
4
Martin Rade (1857–1940), 1882-1892 Pfarrer in Schönbach, 1892-1899 Pfarrer an der Paulskirche in Frankfurt/M., 1904 a. o. Professor, 1921-1924 o. Professor für Systematische Theologie in Marburg, 1886-1931 Schriftleitung der «Christlichen Welt». – Ehefrau Dora Rade (1868–1945), geb. Naumann (Schwester von Friedrich Naumann).↩
5
Helmut Rosin (1908–1993), Student bei Barth in Bonn, 1934-1947 Pfarrer in Rüeggisberg (Kt. Bern), 1947-1953 Dozent für Altes Testament und Ökumenica an der Theologischen Hochschule in Djakarta, später für Missionswissenschaften und Ökumenica in Groningen.↩
6
 Fritz Stalder (1907–1972), Student bei Barth in Bonn, später Pfarrer in Gsteig bei Saanen, Kirchdorf (Kt. Bern), Rheinfelden (Kt. Aargau) und Affoltern (Kt. Bern).↩
7
 Robert Gautschi (1909–2003), Student bei Barth in Bonn, 1938-1953 Pfarrer in Saanen-Gstaad (Kt. Bern), 1953-1975 an der Petruskirche in Bern.↩
8
 Hans Burri (1893–1980), 1922-1927 Pfarrer in Blumenstein, 1927-1941 Pfarrer in Büren an der Aare, 1941-1963 in Ostermundigen (Kt. Bern), Mitglied der Prüfungskommission an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bern.↩
9
 Ausflug von Verbindungsstudenten mit ihren Balldamen am 6.6.1907 (s. zu Barths Mitwirkung in der Berner Studentenverbindung «Zofingia» und besonders zum «Besenbummel»: V.u.kl.A. 1905-1909, S. 61–99, bes. S. 63, Anm. 7 📖; zu Barths Funktion als Präses der «Zofingia»: a.a.O., S. 67ff.; s. auch die Abbildungen bei Busch, S. 59 📖).↩
10
Siehe oben S. 191, Anm. 7. ↩
11
Die 1921 von dem Amerikaner Frank N. D. Buchman (1878–1961) gegründete religiöse Erneuerungsbewegung («Moral Rearmament»). Zu Beginn der 30er Jahre hatte sie u. a. in den USA, Südafrika, China, Deutschland, Holland und in der Schweiz (E. Brunner!) an Bedeutung gewonnen.↩
12
Ernst Rohr (1859–1944), 1886-1930 Pfarrer in Hilterfingen-Oberhofen am Thunersee (Kt. Bern), seit 1912 Mitglied im Synodalrat der Reformierten Berner Kirche, seit 1930 Präsident des Synodalrates, Mitglied der «Theologischen Arbeitsgemeinschaft» in Bern.↩
13
Ernst Friedrich Eymann (1887–1954), 1913-1928 Pfarrer in Eggiwil im Emmental (Kt. Bern), Berührung mit der «Geisteswissenschaft Rudolf Steiners», Religionsunterricht am Seminar Hofwil (Kt. Bern) (bis zu seiner Abberufung wegen Unvereinbarkeit seiner anthroposophischen Lehre mit dem Auftrag des christlichen Unterrichtes) und am städtischen Gymnasium Bern, 1928-1944 a. o. Professor für Ethik in Bern, freie Vortragstätigkeit in der Volkshochschule und anthroposophischen Arbeitsgruppen und Vereinigungen, Begründer der Rudolf-Steiner-Schule in Bern.↩
14
Vgl. Bw.Th. III, S. 272, Anm. 11 📖.↩
15
Heinrich Hoffmann (1874–1951), 1912-1944 Professor für Kirchengeschichte in Bern.↩
16
Max Haller (1879–1949), 1906 Privatdozent, seit 1922 Professor für Altes Testament und Kirchengeschichte in Bern.↩
17
Fritz Lienhard (1874–1945), bis 1941 a. o. Professor für Religionsphilosophie und Systematische Theologie an der Universität Bern.↩
18
Am 18.9.1932 teilte H. Traub, der sich in dieser Zeit bei seinen Eltern in München-Solln aufhielt und sich mehrfach mit von Kirschbaum traf, in seinem Brief an Barth einige Gedanken aus «den naturwissenschaftlichen Arbeiten und Aufsätzen» Goethes mit und schrieb dazu: «Nun erzählte mir Frl. v. K., wie Sie, trotz allem, sich nicht der Gogartenschen Kritik des fehlenden ‹Du› [scil. bei Goethe] anschließen könnten, sondern eben doch wohl noch einen Schritt über G[o]g[ar]t[en] hinaus tun würden. Das hat mich so sehr gefreut. Und, obgleich ich wahrlich sehr wenig davon verstehe, so möchte ich Ihnen doch versuchen, meine Gründe anzudeuten. Scheint nicht die – wenn man einmal so sagen will – Erkenntnis-‹theorie› Goethes den erheblichsten Einwand gegen Ggt. zu machen?» (KBA 9332.485).↩
19
Vgl. Fr. Gogarten, Goethes Frömmigkeit, in: Zeitwende, Jg. 8 (1932), S. 161-173. 📖 Gogarten bezeichnet dort «die Selbstbewahrung der sich selbst genugsamen menschlichen Existenz vor ihrer schwersten Bedrohung» als «die ungeheure Leistung der Goetheschen Existenz», «die in der Tat so nur in einer starken Frömmigkeit möglich war». Er kritisiert aber: «Goethes Existenz ist in ihrem eigentlichen Wesen […] die Existenz eines Privatmannes» (S. 172). Noch deutlicher wird die theologische Kritik in Gogartens im September 1932 erschienenen Aufsatz Goethes Frömmigkeit und der evangelische Glaube, in: Schule und Evangelium, Jg. 7 (1932/1933), S. 129-140 📖: Goethe versteht «die menschliche Existenz in Analogie zum Naturgeschehen», während «im evangelischen Glauben […] die menschliche Existenz rein personal», «als ein Geschehen zwischen Personen» verstanden wird (S. 139; s. zu der «Du und Ich»-Theologie Gogartens oben S. 79, Anm. 10).↩
20
Wahrscheinlich ist an die von Bettina von Arnim überlieferte Szene nach dem Tod des Bruders Jacob (1752–1759) zu denken: auf die Frage seiner Mutter, «ob er den Bruder nicht lieb gehabt habe, lief» Johann Wolfgang «in seine Kammer, brachte unter dem Bett hervor eine Menge Papiere, die mit Lektionen und Geschichtchen beschrieben waren; er sagte ihr, daß er dies alles gemacht habe, um es dem Bruder zu lehren» (B. von Arnim, Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, hrsg. und eingeleitet von W. Oehlke, Frankfurt am Main 1985, S. 420, vgl. S. 654 📖). Freilich wird diese «Äußerung des 10jährigen» Goethe weder in den Aufsätzen Gogartens noch in dem Brief Traubs berührt. Vielleicht hat Traub sie aber in die Diskussion eingebracht, als er Barth im August 1932 auf dem Bergli besuchte, der sich dort zu dieser Zeit intensiv mit Goethe beschäftigte.↩
21
Karl Sartorius (1890–1965), Direktor und Herausgeber der «Basler Nachrichten».↩
22
Heute Doberlug-Kirchhain, bis 1937 Dobrilugk, Stadt im Kreis Finsterwalde, Brandenburg.↩
23
Johann Christian Sartorius (1639–1716), Pfarrer in Freienfels und Egloffstein (s. O. Sartorius, Sartorius-Familien-Forschungen, Sonderdruck aus: Ekkehard. Mitteilungsblatt deutscher Genealogischer Abende, Jg. 10 [1934], Nr. 3, 4, 5, 6, Jg. 11 [1935], Nr. 1, 2, 6, und Jg. 12 [1936], Nr. 1, 2, 3 📖).↩
24
Heute bayerischer Luftkurort im Regierungsbezirk Oberfranken in der Fränkischen Schweiz.↩
25
Bei der Wanderung, die Barth am 9.10.1927 nach seinem Vortrag auf der Burg Lauenstein (vgl. V.u.kl.A. 1925-1930, S. 160 📖) mit von Kirschbaum im fränkischen «Gottesgarten» von Lichtenfels (in Oberfranken im Tal des oberen Main) zum Staffelstein unternahm (Bw.Th. II, S. 536 📖; Busch S. 192 📖). Auch die Familie von Kirschbaum hat Wurzeln in Franken.↩