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Barth an v.K. in München
Die Morgenpost und die Abendpost sind gekommen und haben mir nichts von dir
gebracht. Warum, warum nur nicht? Du bist doch
nicht etwa krank? Oder ebenfalls von einem Berg heruntergefallen? Oder doch mit
Traub
Töff1 gefahren und verunglückt?
Gelt, morgen kommt nun unbedingt etwas? Sonst müßte ich, wer weiß, meine
Mutter durch eine unerwartete Abreise überraschen. Oder bist du mir
nicht mehr gut? Ach gelt, unter allen Umständen schreibst du mir nun wieder! Das
ist ja ein ganz unleidlicher Zustand.
Hier schicke ich dir wieder einige Durchschläge: Meine gestrige Tätigkeit. Du
siehst, daß ich nun schon in die tieferen Schichten der blauen Mappe
vorzudringen beginne.
Gestern ist Peter hergekommen.
Er ist mehr als je erfüllt von Dora Scheuner2, der Mund ging ihm
immer wieder davon über, und ich war fast ein bißchen erstaunt über die fast ein
wenig übermütige Art, in der dies geschah. Aber vorläufig «muß» er nun acht Tage
mit Lenchen3 zu
Rades4 in den Taunus. Heute habe ich Frl. Scheuner übrigens gesehen und
kurz gesprochen. Ich habe sie früher nicht näher betrachtet, muß nun aber sagen,
daß sie wirklich nett und gescheit ist, so daß ich Peter auch in concreto schon verstehen kann. Aber
die Sache ist von einer merkwürdigen Munterkeit umgeben, die wir jedenfalls so
nicht fertig brächten.
Vorgestern abend waren also die Berner Studenten bei mir: Rosin5, Röthlisberger, Stalder6 und Gautschi7. Es war ein sehr
freundlicher |241 und bewegter Abend. Stalder ist wahrscheinlich doch der erheblichste
Kopf unter den vieren, und wir müssen sehen, ihn trotz und in seiner
Bärenhaftigkeit etwas heranzuziehen.
Gestern abend war ich bei Lindts: Schädelin war da, Gilg, Gaugler, Hubacher
und Burri8; auch dieser Abend war offen und gut. Wir haben über die Messe geredet, über Politik und natürlich über allerlei Bernisches.
Heute nun war der Tag durch die Versammlung des
bernischen Pfarrvereins
ausgefüllt, und ich hatte wirklich Gelegenheit, nicht nur die hiesige geistige
und geistliche Situation, sondern auch das ganze Personal wieder einmal
gründlich kennen zu lernen. Denk, die Sitzung fand in einem Saale statt, in
welchem ich genau vor 25 Jahren zum letztenmal gewesen bin: bei dem
«Besenbummel» der Zofingia9, den ich als Präses zu leiten hatte und an dem damals die Sache mit R. M.10 in das
entscheidende Stadium geriet. Und als ob es an
dieser lokalen Erinnerung noch nicht genug gewesen wäre, war natürlich auch
jener Bruder wieder
da und sogar noch eine Schwester (sie soll der Oxfordbewegung11 bereits verfallen
sein!), und beide haben mich |242 unentwegt vorwurfsvoll
angesehen! Ja, so wird man die Vergangenheit eben nicht los und soll es offenbar
auch nicht. Ich will dir nicht alle die Gestalten schildern, die ich da
wiedergesehen habe. Interessieren kann dich jedenfalls das «Trampeltier»,
Pfarrer Rohr12, der alte Onkel von Gertrud Staewen, mit dem, denk nur,
Gertrud, in der Partie um die Augen und Stirn, eine ganz lächerliche Ähnlichkeit
hat! Es ging also um die Anthroposophie. Eymanns13 Vortrag
war schlecht, auch formal, dagegen gab es ein sehr gutes Korreferat von Hans
Burri, wirklich eine zugleich
saubere und vornehme Leistung. In der Diskussion drohte es dann trotzdem einen Brei
zu geben. Als letzter Votant meldete auch ich mich zu Wort und konnte glaub (auf
dem eindrucksvollen Hintergrund einer tiefen Verbeugung vor - Goethe!) doch zur
Klarheit bringen, daß man als Theologe hier nur schroff Nein sagen dürfe.14 Über
Tisch und nachher gab es noch manches Heitere und Gemütliche, und ich weiß nun
wieder einmal gründlich, wie die Berner sind und dran sind. Aber ich kann nicht
genug froh sein, daß ich damals nicht mehr hiehergekommen bin. Du glaubst nicht,
was für ein enges, übersichtliches Bassin das ist, in dem sich die Fische hier
tummeln müssen, und was für eine Mentalität das erzeugt. Die Professoren Hoffmann15, Haller16, Werner, Schädelin, Lienhard17, |243 die auch
da waren, dauerten mich wirklich. Daß man da irgend etwas Verkniffenes bekommt,
ist wohl gar nicht zu vermeiden, und dabei handelt es sich doch zweifellos um
einen sehr tüchtigen und gesunden Menschenschlag, der vor manchem anderen viel
voraus hat. Aber es liegt irgend etwas auf ihnen von dem Druck der gewissermaßen
tragischen Berner Geschichte (die du nicht studieren willst, obwohl ich dich so
darum gebeten habe), die nach einem glänzenden jahrhundertelangen Aufstieg dann
doch nicht gehalten hat, was sie versprochen hatte.
Sage Traub, daß
ich ihm vorläufig danken lasse für den Brief, den er mir hieher geschrieben hat
über Goethe.18 Ich
kenne die Dokumente, auf die er sich bezieht, oder doch Parallelen dazu. Aber
ich weiß noch nicht, ob diese Stellen genügen, um die Gogartensche These vom «Privatmann»19 wirklich zu
entkräften. Ich weiß auch noch nicht einmal, ob alles das, was G. in der
Richtung jener Äußerung des 10jährigen20 gesagt hat (ich kannte das Diktum),
entscheidend dagegen |244 spricht. Es kann sein. Aber
vielleicht kann man doch auch nur sagen, daß Gogarten besser getan hätte, seine
These nur als Frage vorzutragen. Es könnte wohl sein, daß es das, was Gogarten meint (das Du,
nicht nur der Gegenstand!), bei Goethe nicht gibt, nur daß man ihn
vielleicht nicht so inquirieren sollte. Aber ich muß über das alles noch weiter
nachdenken.
Wenn du mir nun nur wieder schreiben wolltest. Ich muß doch noch einmal darauf
zurückkommen, daß ich in richtiger Unruhe bin.
Heute zum Nachtessen war mein Vetter Karl Sartorius21 aus
Basel hier. Ich erfuhr dabei das Merkwürdige, daß die Familie Sartorius nicht,
wie ich immer meinte und angegeben habe, aus Dobrilugk22 stammt, sondern daß nach neueren
Darstellungen der älteste erreichbare Vorfahre23
Pfarrer in Egloffstein24 – – – – – in Franken gewesen
ist, zur Zeit des 30jährigen Krieges!! Also, also, auch ich zur Hälfte aus dem
gelobten Lande Franken! Was wird Georg sagen! Und so sind wir damals, ohne daß ich es wußte, in
meiner halben Heimat gewesen.25
245Lollo, gelt, du schreibst mir nun wieder. Es geht mir irgendwie die Luft aus,
wenn ich so gar nicht um dich weiß, und die schwärzesten Gedanken wollen über
mich kommen.
Langweilig, daß unser Briefkasten da oben erst morgen um 8 Uhr geleert wird. Ich
wollte diesem Brief wohl Flügel geben können, damit er dich rasch erreiche.
Ach du, wir wollen uns jetzt dann so bald nicht mehr trennen.
Grüße Alle, die es verdienen. I. h. d. s. l.