Brief Nr. 105 · 24. September 1932

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Du liebe Lollo!

Du kannst nicht wissen, was es für mich für eine Befreiung bedeutete, als gestern abend endlich, endlich – ich hatte ja seit fast einer Woche nichts mehr bekommen – dein Brief eintraf und mir sagte, daß du noch lebest, gesund und mir noch gut seist. Ich kann es dir ja nicht erklären – wie man es wohl in allen solchen Lagen überhaupt nicht erklären kann – warum es mir eigentlich die ganze Zeit so schwer ums Herz war. Aber wie dem auch sei: daß nun auch noch deine Briefe in dieser Weise ausblieben, das hatte nur noch gefehlt, um bei Tag und besonders in schlaflosen Nachtstunden einen traurigen und bösen Gedanken um den anderen in mir wachzurufen. Nun bin ich so froh, wenigstens wieder zu wissen, daß du da bist, und so viele gute hoffnungsvolle Töne aus deinem Brief zu mir reden lassen zu können. Weißt du, wenn ich mir Alles überlege, so glaube ich ja auch, daß meine Aufregung wegen dem heutigen Deutschland zu ihrem Gegenstand in keinem rationalen Verhältnis steht bzw. daß Papen1 mit sei|246nem mich durch alle illustrierten Zeitungen bis in die Träume verfolgenden langen Gesicht in meiner Bekümmerung nur eine Vordergrundsfigur oder gar nur ein Symbol ist. Für was? Ja eben, wenn ich das wüßte! Du fragst mich, ob ich mit dir «nicht zufrieden» sei. Ach, so kann man auch das nicht nennen. Wenn ich mich ganz ehrlich frage und wenn ich dir ganz ehrlich antworten soll, so drängt sich mir freilich auf, daß ich schwer daran trage, daß du mir gegenüber in der Geltendmachung deines Rechtes so oft so heftig und ausfällig werden mußt und mich andererseits oft so scharf bedrängst in Dingen, in denen ich lieber meinem eigenen Instinkt folgen würde. Es ist da irgendwo in mir eine gewisse Betrübnis in mir angesammelt, weil ich dich nun einmal gerne anders hätte: weiser, gütiger, lockerer oder wie man es nennen will, und weil ich nie oder nur so selten ruhig mit dir darüber reden kann, ohne gerade damit gerade das aufs Neue bei dir hervorzurufen, wovor ich mich so fürchte, wie sich nur ein Kind vor etwas fürchten kann. Aber wenn ich dann weiter über Alles nachdenke, dann sage ich mir sicher, daß auch das nicht das Eigentliche ist, was mich bedrückt. Ich weiß, ich verstehe doch die Not der Lage, in die ich selber dich gebracht habe. Ich habe dich doch lieb, so wie du bist, d. h. so wie ich dich nun kenne, und nicht nur als die stille feine Krankenschwester von 1925, die ich wohl naiverweise «eigentlich» meine und die ja doch übrigens wahrlich auch noch auf dem Plane ist. Ich sehe und anerkenne doch gewiß, daß du selber auch im Streite mit dir selber bist und Alles, was ich dir sagen könnte, dir selber sagst und also wohl auch darin recht hast, wenn du mich nicht anhören willst. Und ich zweifle auch wirklich nicht, daß wir über Alles, was sich da an «Betrübnissen» fernerhin unvermeidlich noch ereignen mag, weil wir uns so lieb haben, hinwegkommen werden, wie es bisher noch immer geschehen ist. Also darüber traurig zu sein, wäre wirklich auch nicht lohnend und nicht recht. Denke ich dann weiter, so komme ich darauf, daß mir so richtig bange ist in der schweren und gefährlichen Arbeit, in der ich nun einmal stehe: Wegen der fast totalen Einsamkeit, in der ich mich sehen muß, wegen meines schlechten Gedächtnisses, meines ungenügenden Wissens, meiner geringen Arbeitsintensität, wegen der überall – man kann wohl sagen – hoffnungslosen Zerfahrenheit des Protestantismus, zu der ich vielleicht auch nur noch beitrage, wegen der heillosen Relativität alles menschlichen Tuns, die |247 wohl in der ganzen Welt nirgends so kraß an den Tag tritt, wie in dem theologischen Denken, Reden, Streiten, Aufbauen, dem ich nun meine Lebenstage verschrieben habe. Ich gehe so mutlos an das cyklopische Programm dieses Winters2 heran, Lollo. Wieder hinter dem allem mag dann wohl auch einfach das Physiologische stehen, das dem Menschen gesetzt ist, einmal zu sterben, und daß man – ja du magst sagen, was du willst – mit 47 Jahren anfängt, ein älterer Kauz zu werden, dem man mit Recht «die Jungen» entgegenhält und vorzieht, dessen Grenzen mehr und mehr sichtbar werden, dessen Zeit und Kräfte bemessen sind. Selbstverständlichkeiten, mit Humor zu ertragen? Ja, aber es drückt irgendwo, auch wenn man Alles weiß, was dazu zu sagen ist. Vielleicht drückt es mich hier in Bern, wo mich Alles, Alles so lebhaft an meine Kindheit, Bubenzeit und Studentenzeit erinnert, besonders lebhaft. Aber warum gerade jetzt? Transite3? Vielleicht, aber das bin dann doch auch irgendwie ich selber mit meiner ganzen unübersichtlichen Schuld und Not. Vielleicht, wahrscheinlich hat auch Eduard recht, der mich im Blick auf deinen Autounfall4 darauf aufmerksam gemacht hat, daß der Teufel es auf die neue Dogmatik abgesehen haben könnte und mich gerade jetzt schachmatt setzen will.5 Und dem Teufel dürfte man ja dann wirklich den Gefallen nicht tun, jetzt wirklich müde zu werden. Aber wie dem auch sei, gelt, ich darf dir das alles sagen, obwohl du dich selber auch als einen Posten auf dieser so wenig erfreulichen Rechnung findest. Und gelt, wir haben uns lieb und da kommt nichts dazwischen!

Von den letzten Tagen ist äußerlich wenig zu berichten und auch außer dem Brief an Rudis6 – einen an Pfarrer Jäckh in der Schützangelegenheit7 habe ich zunächst direkt an Eduard aufs Bergli ge|248schickt – nichts beizulegen. Immerhin den Brief von Eduard8 und die Zeilen von Rudi und Gerty wirst du auch gerne lesen.

Meiner Mutter habe ich deinen Gruß ausgerichtet, und diesmal läßt sie ihn sogar betont erwidern. Sie werde dir, wenn die Zeit da sei, schon auch wieder schreiben. Die Gründe ihres Verhaltens in den letzten Zeiten kamen ziemlich deutlich an den Tag inzwischen. Es sind in der Hauptsache zwei: Einmal ist sie eben seit einem Jahr sehr betroffen und beschäftigt durch die seither eingetretene Wiederholung unseres Falles bei Peter9. Verstehen der Söhne, Bedauern mit den Schwiegertöchtern und dann … großes Rätseln an dem Geheimnis der «beiden Fräulein» (!!), das geht in ihr Alles durcheinander, und wie sollte das einer 69jährigen nicht schwierig fallen, wo ja uns selbst Alles so unlösbar schwierig ist. Das andere ist der bei ihrem Besuch an der letzten Weihnacht unauslöschlich empfangene (und durch Peter und … Onkel Ernst10 bestätigte) Eindruck, du und ich machten es mit Nelly auch unter Voraussetzung der Lage als solcher nicht gut, sondern seien notorisch «ungattig»11 mit ihr, hart, spöttisch, abweisend usw., so daß Nelly auch unter Voraussetzung der Lage als solcher ein trauriges und bedauernswertes Leben habe. Also diese zwei Dinge seien es, die sie dir bzw. «uns» gegenüber in der letzten Zeit gehemmt hätten.

Auch sie meint übrigens, daß sich bei Nelly eine Veränderung zum Guten vollzogen habe und daß wir es leichter haben würden in dieser Beziehung. Ich konnte ihr nicht sagen, daß unser Schwerdransein ja zum Wenigsten (wahrscheinlich eben viel zu wenig) durch Nellys So- oder Andersdransein bedingt sei, sondern viel mehr durch uns selbst in unserem Verhältnis zu ihrem Dasein. Ja, da wird noch Vieles auf uns warten, dem gut und d. h. anders, besser zu begegnen wäre und dem |249 ich mich – wirklich sogar, wenn du ein Engel oder sagen wir: nur ein Engel wärest (du bist es ja auch!) – so gar nicht gewachsen weiß.

Da, eben bringt mir die Post dein Brieflein und damit Sonnenschein ins Herz hinein! Nach Bern wirst du mir nun also nicht mehr schreiben? Aber vielleicht nach Basel, wo ich am Dienstag abend eintreffen werde? Magst du für Rudis, wie ich es ihnen verheißen, aus den dir gesandten Durchschlägen eine Auswahlsendung zusammenstellen? Gestern war ich zum Tee bei unserem alten Kinder- und Familienarzt Prof. Stooss. Am Abend waren Kari und der eine von den zwei Pfr. Burri12 da. Wir sprachen bis ½1 Uhr zusammen.

Ach du, es ist so gut, daß du da bist, und du darfst und sollst wohl auch bleiben, wie du bist, und jedenfalls habe ich dich gerade so lieb, wie du bist, und wahrscheinlich kommt alles Ungute nur davon her, daß ich so Sehnsucht nach deiner Gegenwart habe, denn wenn wir beieinander sind und in actu ist Alles ganz anders, als wenn es sich so zu einem habitus verdichten kann. Ich erwarte dich also dringend und auf alle Fälle am 29. abends. Heute in acht Tagen um diese Zeit haben wir dann schon wieder zwei Tage miteinander gelebt und Alles wird gut sein. Bei Lempp ist eine Konfusion eingetreten. Er schickt mir soeben Korrekturen von … Ellweins Laiendogmatik13, und der wird wohl unterdessen die meinigen erhalten haben.

Grüß Gott, liebe Lollo. Ich sende den Brief nun eben ab, wie er ist. Du wirst ja das rechte Oberhalb dazu schon zu gewinnen wissen. Ich danke dir für alle deine guten Worte.

Dein
Karl

Als Drucksachen sind heute Korrekturbogen und Rudis Photographien14 an dich abgegangen, unter den letzteren die nur für «reife Menschen» bestimmten in einem besonderen Umschlag zu unterst. Die roten Buchstaben auf der Adresse bezeichnen den Menschen, den ich lieb habe.

Sachfußnoten

1
Franz von Papen (1879–1969), vom 3.7.-2.12.1932 Reichskanzler im «Kabinett der nationalen Konzentration», 1933/34 Hitlers Vizekanzler. Über die Vorgänge bei und nach der Auflösung des Reichstags am 12.9.1931, in denen Barth eine Mißachtung der Reichsverfassung sah, berichteten die Basler Nachrichten fortlaufend (vgl. oben S. 238, Anm. 11).↩
2
Siehe zum Arbeitsprogramm Barths für das Wintersemester 1932/33 oben S. 237, Anm. 10. ↩
3
D. h. «Übergänge» der Planeten über die Himmelskonstellation, auf die sich das Grundhoroskop bezieht. Sie sind für astrologische Überlegungen von besonderer Bedeutung.↩
4
Siehe oben S. 235, Anm. 3. ↩
5
Vgl. Bw.Th. III, S. 284 📖.↩
6
Brief an R. u. G. Pestalozzi vom 23.9.1932 (KBA 9232.277).↩
7
Auf Jäckhs Klage über die Verzeichnung Blumhardts in dem Buch von Paul Schütz «Säkulare Religion». Eine Studie über ihre Erscheinung in der Gegenwart und ihre Idee bei Schleiermacher und Blumhardt dem Jüngeren, Tübingen 1932 📖 (vgl. ZZ, Jg. 10 [1932], S. 541-550 📖), antwortete Barth in Briefen vom 26.7. und vom 22.9.1932 (KBA 9232.228 und KBA 9232.276). – Eugen Jäckh (1877–1954), 1911-1920 Pfarrer, Mitarbeiter und Stellvertreter von Pfarrer Chr. Blumhardt in Bad Boll, seit 1920 Pfarrer in Oehringen, seit 1926 in Göppingen, Verfasser der Blumhardt-Biographie Christoph Blumhardt, ein Zeuge des Reiches Gottes, Stuttgart 1950 📖.↩
8
Brief vom 22.9.1932 (Bw.Th. III, S. 280–285 📖).↩
9
Siehe dazu oben S. 236, Anm. 4 ↩
10
Ernst Sartorius.↩
11
= unangemessen, unpassend, nicht dem erwartbaren Verhalten entsprechend.↩
12
Vermutlich ist Pfarrer Eduard Burri von der Johanneskirche in Bern gemeint.↩
13
Th. Ellwein, Evangelische Lehre. Eine Laiendogmatik, München 1932 📖.↩
14
Vermutlich handelt es sich dabei um Photographien des gemeinsamen Bergli-Aufenthaltes vom 1.8. bis zum 13.9. sowie um Photographien der gemeinsamen Italienfahrt mit dem Ehepaar Pestalozzi vom 17.8. bis zum 20.8.1932.↩