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Barth an v.K. in München
Du kannst nicht wissen, was es für mich für eine Befreiung bedeutete, als
gestern abend endlich, endlich – ich hatte ja seit fast einer Woche nichts mehr
bekommen – dein Brief eintraf und mir sagte, daß du noch lebest, gesund und mir
noch gut seist. Ich kann es dir ja nicht erklären – wie man es wohl in allen
solchen Lagen überhaupt nicht erklären kann – warum es mir eigentlich die ganze
Zeit so schwer ums Herz war.
Aber wie dem auch sei: daß nun auch noch deine Briefe in dieser Weise
ausblieben, das hatte nur noch gefehlt, um bei Tag und besonders in schlaflosen
Nachtstunden einen traurigen und bösen Gedanken um den anderen in mir
wachzurufen. Nun bin ich so froh, wenigstens wieder zu wissen, daß du da bist,
und so viele gute hoffnungsvolle Töne aus deinem Brief zu mir reden lassen zu
können. Weißt du, wenn ich mir Alles überlege, so glaube ich ja auch, daß meine
Aufregung wegen dem heutigen Deutschland zu ihrem Gegenstand
in keinem rationalen Verhältnis steht bzw. daß Papen1 mit sei|246nem mich durch alle illustrierten Zeitungen bis in die
Träume verfolgenden langen
Gesicht in meiner Bekümmerung nur eine Vordergrundsfigur oder gar nur ein Symbol
ist. Für was? Ja eben, wenn ich das wüßte! Du fragst mich, ob ich mit dir «nicht
zufrieden» sei. Ach, so kann man auch das nicht nennen. Wenn ich mich ganz
ehrlich frage und wenn ich dir ganz ehrlich antworten soll, so drängt sich mir
freilich auf, daß ich schwer daran trage, daß du mir gegenüber in der
Geltendmachung deines Rechtes so oft so heftig und ausfällig werden mußt und
mich andererseits oft so scharf bedrängst in Dingen, in denen ich lieber meinem
eigenen Instinkt folgen würde. Es ist da irgendwo in
mir eine gewisse Betrübnis in mir angesammelt, weil ich dich nun einmal gerne
anders hätte: weiser, gütiger, lockerer oder wie man es nennen will, und weil
ich nie oder nur so selten ruhig mit dir darüber reden kann, ohne gerade damit
gerade das aufs Neue bei dir hervorzurufen, wovor ich mich so fürchte, wie sich nur ein
Kind vor etwas fürchten kann. Aber wenn ich dann weiter über Alles nachdenke,
dann sage ich mir sicher, daß auch das nicht das Eigentliche ist, was mich
bedrückt. Ich weiß, ich verstehe doch die Not der Lage, in die ich selber dich
gebracht habe. Ich habe dich doch lieb, so wie du bist, d. h. so wie ich dich
nun kenne, und nicht nur als die stille feine Krankenschwester von 1925,
die ich wohl naiverweise «eigentlich» meine und die ja doch übrigens wahrlich
auch noch auf dem Plane ist. Ich sehe und anerkenne doch gewiß, daß du selber
auch im Streite mit dir selber bist und Alles, was ich dir sagen könnte, dir
selber sagst und also wohl auch darin recht hast, wenn du mich nicht anhören
willst. Und ich zweifle auch wirklich nicht, daß wir über Alles, was sich da an
«Betrübnissen» fernerhin unvermeidlich noch ereignen mag, weil wir uns so lieb
haben, hinwegkommen
werden, wie es bisher noch immer geschehen ist. Also darüber traurig zu sein,
wäre wirklich auch nicht lohnend und nicht recht. Denke ich dann weiter, so
komme ich darauf, daß mir so richtig bange ist in der schweren und gefährlichen
Arbeit, in der ich nun einmal stehe: Wegen der fast totalen Einsamkeit, in der ich mich
sehen muß, wegen meines schlechten Gedächtnisses, meines ungenügenden Wissens,
meiner geringen Arbeitsintensität, wegen der überall – man kann wohl sagen –
hoffnungslosen Zerfahrenheit des Protestantismus, zu der ich vielleicht auch nur noch beitrage, wegen
der heillosen Relativität alles menschlichen Tuns, die |247
wohl in der ganzen Welt nirgends so kraß an den Tag tritt, wie in dem
theologischen Denken, Reden, Streiten, Aufbauen, dem ich nun meine Lebenstage
verschrieben habe. Ich gehe so mutlos an das cyklopische Programm dieses
Winters2 heran, Lollo. Wieder hinter dem allem mag dann wohl auch
einfach das Physiologische stehen, das dem Menschen gesetzt ist, einmal zu
sterben, und daß man – ja du magst sagen, was du willst – mit 47 Jahren anfängt,
ein älterer Kauz zu werden, dem man mit Recht «die Jungen» entgegenhält und
vorzieht, dessen Grenzen mehr und mehr sichtbar werden, dessen Zeit und Kräfte
bemessen sind.
Selbstverständlichkeiten, mit Humor zu ertragen? Ja, aber es drückt irgendwo,
auch wenn man Alles weiß, was dazu zu sagen ist. Vielleicht drückt es mich hier
in Bern, wo mich Alles, Alles so lebhaft
an meine Kindheit, Bubenzeit und Studentenzeit erinnert, besonders lebhaft. Aber
warum gerade jetzt? Transite3? Vielleicht, aber das bin dann doch auch irgendwie ich
selber mit meiner ganzen unübersichtlichen Schuld und Not.
Vielleicht, wahrscheinlich hat auch Eduard recht, der mich im Blick auf deinen
Autounfall4 darauf aufmerksam gemacht hat, daß der Teufel es auf die neue Dogmatik abgesehen
haben könnte und mich gerade jetzt schachmatt setzen will.5 Und dem Teufel dürfte man ja dann
wirklich den Gefallen nicht tun, jetzt wirklich müde zu werden. Aber wie dem auch sei, gelt,
ich darf dir das alles sagen, obwohl du dich selber auch als einen Posten auf
dieser so wenig erfreulichen Rechnung findest. Und gelt, wir haben uns lieb und
da kommt nichts dazwischen!
Von den letzten Tagen ist äußerlich wenig zu berichten und auch außer dem Brief
an Rudis6 – einen an Pfarrer Jäckh in der Schützangelegenheit7 habe ich zunächst direkt an Eduard aufs Bergli ge|248schickt – nichts beizulegen. Immerhin den Brief von Eduard8 und die Zeilen von Rudi und
Gerty
wirst du auch gerne lesen.
Meiner Mutter habe ich deinen Gruß ausgerichtet, und diesmal läßt sie ihn
sogar betont erwidern. Sie werde dir, wenn die Zeit da sei, schon auch wieder
schreiben. Die Gründe ihres Verhaltens in den letzten Zeiten kamen ziemlich
deutlich an den Tag inzwischen. Es sind in der Hauptsache zwei: Einmal ist sie
eben seit einem Jahr sehr betroffen und beschäftigt durch die seither
eingetretene Wiederholung unseres Falles bei Peter9. Verstehen der Söhne,
Bedauern mit den Schwiegertöchtern und dann … großes Rätseln an dem Geheimnis
der «beiden Fräulein» (!!), das geht in ihr Alles durcheinander, und wie sollte
das einer 69jährigen nicht schwierig fallen, wo ja uns selbst Alles so unlösbar
schwierig ist. Das andere ist der bei ihrem Besuch an der letzten Weihnacht
unauslöschlich empfangene (und durch Peter und … Onkel Ernst10 bestätigte) Eindruck, du und ich machten es
mit Nelly auch
unter Voraussetzung der Lage als solcher nicht gut, sondern seien notorisch
«ungattig»11 mit ihr, hart, spöttisch,
abweisend usw., so daß Nelly auch unter Voraussetzung der
Lage als solcher ein trauriges und bedauernswertes Leben habe. Also diese zwei Dinge seien es, die sie
dir bzw. «uns» gegenüber in der letzten Zeit gehemmt hätten.
Auch sie meint übrigens, daß sich bei Nelly eine Veränderung zum Guten
vollzogen habe und daß wir es leichter haben würden in dieser Beziehung. Ich
konnte ihr nicht sagen, daß unser Schwerdransein ja zum Wenigsten
(wahrscheinlich eben viel zu wenig) durch Nellys So- oder Andersdransein
bedingt sei, sondern viel mehr durch uns selbst in unserem
Verhältnis zu ihrem Dasein. Ja,
da wird noch Vieles auf uns warten, dem gut und d. h. anders, besser zu begegnen
wäre und dem |249 ich mich – wirklich sogar, wenn du ein
Engel oder sagen wir: nur ein Engel wärest (du bist es ja
auch!) – so gar nicht gewachsen weiß.
Da, eben bringt mir die Post dein Brieflein und damit Sonnenschein ins Herz
hinein! Nach Bern wirst du mir nun also nicht mehr schreiben? Aber vielleicht
nach Basel, wo ich am Dienstag abend
eintreffen werde? Magst du für Rudis, wie ich es ihnen
verheißen, aus den dir gesandten Durchschlägen eine Auswahlsendung
zusammenstellen? Gestern war ich zum Tee bei unserem alten Kinder- und
Familienarzt Prof. Stooss. Am Abend
waren Kari und der eine
von den zwei Pfr. Burri12 da. Wir sprachen bis ½1 Uhr zusammen.
Ach du, es ist so gut, daß du da bist, und du darfst und sollst wohl auch
bleiben, wie du bist, und jedenfalls habe ich dich gerade so lieb, wie du bist,
und wahrscheinlich kommt alles Ungute nur davon her, daß ich so Sehnsucht nach
deiner Gegenwart habe, denn wenn wir
beieinander sind und in actu ist Alles ganz anders, als wenn es sich so zu einem
habitus verdichten kann. Ich erwarte dich also dringend und auf alle Fälle am
29. abends. Heute in acht Tagen um diese Zeit haben wir dann schon wieder zwei
Tage miteinander gelebt und Alles wird gut sein. Bei Lempp ist eine Konfusion eingetreten. Er schickt
mir soeben Korrekturen von … Ellweins Laiendogmatik13, und der wird wohl unterdessen die meinigen erhalten haben.
Grüß Gott, liebe Lollo. Ich sende den Brief nun eben ab, wie er ist. Du wirst ja
das rechte Oberhalb dazu schon zu gewinnen wissen. Ich danke dir für alle deine
guten Worte.
Als Drucksachen sind heute Korrekturbogen und Rudis
Photographien14 an dich
abgegangen, unter den letzteren die nur für «reife Menschen» bestimmten in
einem besonderen Umschlag zu unterst. Die roten Buchstaben auf der Adresse
bezeichnen den Menschen, den ich lieb habe.