Brief Nr. 107 · 4. Oktober 1932

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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107

L.L.!

Ich bin in Koblenz1 und in dem seltsamen Examenbetrieb schon wieder ganz eingelebt. Wieder ist meine Wohnung über dem Rhein sehr schön und zu allerhand Betrachtungen einladend. Frl. K.2 und |251 R.3 kommen vielleicht doch durch, mehrere andere Zeitgenossen sind schwer gefährdet oder vielmehr schon sicher erledigt. Am Donnerstag kommen Schotte4 und Rott5 an die Reihe. Von Eichholzens6 märchenhaften Erfolgen sind noch aller Münder voll! Wie habe ich den gestrigen Tag beschlossen? Mit W.7 und Pf.8 (!!) im «Träumenden Mund»9. Pf. sagte nachher furchtbare Dinge, wogegen Weber sich durchaus auf der Höhe der Situation zeigte. Heute abend werden wir in derselben interessanten Zusammenstellung die Hermannsschlacht von Kleist hören. Am Mittwoch nachmittag bin ich frei… Heute vormittag prüfe ich NT (über Römer 12) und (stoische) Philosophie. Grüße Nelly und alle Kinder!

K.

Sachfußnoten

1
Entsprechend der Mitteilung in einem Brief von Kirschbaums vom 6.9.1932 an Nelly Barth reiste Barth am 3.10. nach Koblenz.↩
2
Anna Kaufmann (1903–1991), 1928-1931/32 Studium in Marburg, Göttingen und Bonn, im Oktober 1932 erstes theologisches Examen, 1934 Vikariat in Essen-Altstadt, im März 1935 zweites theologisches Examen in der rheinischen BK.↩
3
Hannelotte Reiffen (1906–1985), 1926-1932 Studium in Marburg, Rostock und Bonn, im Oktober 1932 erstes theologisches Examen, Frühjahr 1935 zweites theologisches Examen in der rheinischen BK, danach diakonische Tätigkeiten in Berlin-Wilmersdorf und Worbis, 1940-1947 Pfarramtsvertretung in Illmersdorf/Mark, 1947-1967 Pfarrstelle in Großneuendorf/Oderbruch.↩
4
Friedrich Wilhelm Schotte (1906–1980), am 22.9.1933 erstes theologisches Examen in Münster, 1936 zweites theologisches Examen in Berlin, 1936-1972 Pfarrstellen u. a. in Berlin.↩
5
Wilhelm Rott (1908–1967), im Herbst 1932 erstes theologisches Examen, im Herbst 1934 zweites theologisches Examen, 1935-1937 Studieninspektor im BK-Predigerseminar in Finkenwalde, 1937-1943 Pfarrer im Dienst der vorläufigen Kirchenleitung, 1941-1943 in der Bethlehem-Gemeinde in Berlin mit gesamtkirchlichen Auftrag tätig, 1943-1945 Kriegsteilnahme, 1945-1946 Lagerpfarrer im «Civil Internment 6» in Moosburg (Oberbayern), 1946-1967 Pfarrer in Koblenz.↩
6
Georg Eichholz (1909–1973), Theologiestudium in Bonn, Lehrer am Seminar der Rheinischen Mission in Wuppertal und ab 1945 zugleich Lehrtätigkeit an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, ab 1961 dort Professor für Neues Testament.↩
7
Hans Emil Weber.↩
8
Emil Pfennigsdorf.↩
9
«Der träumende Mund» 📖 ist ein 1932 von Paul Czinner gedrehter deutscher Spielfilm, in dem Elisabeth Bergner die Frau eines invaliden Musikers darstellt, die nach einer Affäre mit einem anderen Mann Hand an sich legt.↩