Brief Nr. 108 · 11. Oktober 1932

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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Liebe Lollo!

Ich sitze wieder in meinem schönen Zimmer am Rhein, blicke nach Arzheim hinüber, und Alles ist so raum- und zeitlos.

Aber dieser Tag scheint nicht gut bestrahlt zu sein! Warum wollte mir Nelly nicht glauben, daß ich mit meinem Aufbruch ganz schön und richtig allein zurechtkomme und allem Gewimmel abhold sei, obwohl ich es ihr so deutlich gesagt hatte?

Warum warst du plötzlich in der Weise «traurig», daß du wieder von jenen harten Worten ausstoßen mußtest, obwohl sich doch nichts Besonderes ereignet hatte?

Warum mußte ich die kleine Reise nach Koblenz in alleiniger Gesellschaft von Pfennigsdorf machen?

Warum zerbrach mir in unerklärlicher Weise in meiner Tasche meine Pfeifenspitze?

Warum haben die Zigarren keinen Zug, die ich mir als vorläufigen Ersatz eingekauft?

Warum sind die acht Kandidaten, die wir heute und morgen zu prüfen haben, soweit ich sehe, alle ein bißchen beschränkt?

Fragen an das Schicksal!!

Auf der anderen Seite hat es mir doch sehr Freude gemacht, diese beiden guten Briefe von Rudi und von meiner Mutter zu bekommen.

Und den heutigen Abend werde ich gewiß irgendwie genußvoll zu gestalten wissen (bei Stoltenhoff1!!?).

253Und morgen um diese Zeit bin ich schon wieder auf der Rückreise.

Und sicher trittst du mir dann irgendwie innerlich durchaus «blau» entgegen.2

Und gelt, es ist doch nicht wahr, daß die Frau dazu bestimmt ist, Leid, Tränen und Geschrei in das Leben des an sich ruhigen Mannes zu bringen?!

Dies alles sind gewiß Aktivposten, die mit Freude zu begrüßen sind. Sei mir gegrüßt! Gleich werde ich wieder dort sein!

Dein
K.

Aber diese Zigarren ziehen wirklich unglaublich schlecht, und du stellst dir kaum vor, was für eine Belastung des Gemüts das bedeutet! Die Pfeife ist schon in Reparatur gegeben!!
Ich habe Rudi eben einen Antwortbrief geschrieben! Auch meine gute Mutter soll einen Gruß erhalten.

Sachfußnoten

1
Ernst Stoltenhoff (1879–1953), D. theol., 1928-1949 rheinischer Generalsuperintendent (leitete von Amts wegen die theologischen Prüfungen), Juni 1933 vorübergehend kommissarischer Präsident des Evangelischen Oberkirchenrates Berlin, 1.4.1934-25.5.1936 zwangsweise Ruhestandsversetzung (vgl. seine Erinnerungen an Barth als Prüfer und als Gast in seinem Haus: E. Stoltenhoff, Die gute Hand Gottes. Lebenserinnerungen des letzten rheinischen Generalsuperintendenten (1879–1953) [SVRKG 85], Köln 1990, S. 224f. 📖).↩
2
Vielleicht eine Anspielung auf die adlige Herkunft von Kirschbaums, vielleicht auch darauf, daß Blau Barths Lieblingsfarbe war.↩