Brief Nr. 110 · 10. März 1933

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Berlin

254

110

D. l. L.!

Ich bin da, und d. bl. H.2 ist auch da!! Es ist hier Alles «so raum- und zeitlos», wie du sagen würdest. Auf dem Schiff wurde ich ans Radio-Telephon gerufen, meinte schon, die größte Unglücksnachricht entgegennehmen zu müssen: es war dann aber nur der erste eifrige Journalist von Kopenhagen, der mich so interviewen wollte. |255 Auf dem Bahnhof Blitzlichtaufnahme, im Hotel noch zwei, außerdem zwei «Künstler», die mich zeichneten, und sechs Reporter von allen großen Zeitungen, die mich ausfragten, aber nur um theologische Dinge! Heute steht das nun schon alles lang und breit in allen Morgenblättern.3 Nun habe ich heute morgen im Auto Kopenhagen und Umgebung etwas kennen gelernt. Vor mir stehen zwei Einladungen bei Olsen Larsen4 und nachher bei Prof. Geismar5. Und dann also der Vortrag, den ich auf der Reise noch etwas verbessert habe. Ich fahre nun doch schon morgen Samstag 10 Uhr nach Aarhus. Gadeberg6 ist hier, um mich abzuholen. Es fehlt mir hier jemand. Wie mag es ihm gehen? Es war doch so schön. Aber was ich in den Zeitungen lese, ist wenig beruhigend.7 Die Dänen sind wie echte Neutrale verwundert, dat so wat möglich is!8

256 Grüße Gertrud9 und sag ihr alles Gute von mir! Am Dienstag komme ich.

Dein
K.

Grüße auch Punktum10, wenn du ihn siehst.
Eine Einladung, durch den Rundfunk noch besonders zum dänischen Volk zu reden, habe ich eben abgelehnt.

Sachfußnoten

1
Die erste Reise Barths nach Dänemark führte ihn nach Kopenhagen und Aarhus, wo er am 10.3. bzw. 12.3.1933 seinen Vortrag Das erste Gebot als theologisches Axiom  hielt (ZZ, Jg.11 [1933], S. 297–314 📖; wieder abgedruckt in: K. Barth, Theologische Fragen und Antworten, Gesammelte Vorträge, Bd. 3, Zürich 19862, S. 127–143 📖). Bereits 1929 hatte W. Baur in der Reformierten Kirchenzeitung (Jg.79 [1929], S. 383) Ein kirchliches Augenblicksbild 📖 aus Dänemark gegeben: «Man kann zurzeit kaum eine Zeitung zur Hand nehmen, ohne daß etwas von dem modernen ‹Johannes dem Täufer›, von Karl Barth, drin stünde. Er hat hier eine sehr rührige Partei, […] die den Namen Karl Barths gebraucht und mißbraucht, um gegen das konfessionelle Christentum Sturm zu laufen. […] Man spricht schon – sehr verfrüht – von einer Sprengung der dänischen Volkskirche durch den reformierten barthischen Dynamit und diskutiert die Frage, ob Barthianer überhaupt noch Lutheraner und in der Volkskirche als Verkündiger des Wortes zu dulden seien, und man interviewt über diese Fragen den Kirchenminister, der glücklicherweise ein vernünftiger Mann und absolut kein Freund von Ketzerprozessen ist. Daß aber überhaupt derlei diskutiert wird, zeigt, wie sehr barthische Gedanken in der Luft liegen.»↩
2
Bedeutung nicht geklärt.↩
3
Am 10.3.1933 berichtete «Kristeligt Dagblad» auf Seite 3 über Barths Besuch mit der Überschrift Karl Barth i København. Et Interview med den berømte Teolog. Ebenso berichtete «Politiken»: Karl Barth i København: «Jeg er Teolog, ikke Profet!». Die Berichte enthalten Photos bzw. Zeichnungen von Barth. Gleichentags veröffentlichte die Tageszeitung «Berlingske Tidende» einen Artikel mit der Überschrift «Karl Barth ist nicht Barthianer» und nannte ihn «den berühmtesten Mann der modernen Theologie». Daß Barth nicht «Barthianer» sei, war in Dänemark zu dieser Zeit besonders bemerkenswert, weil die 1926 von K. O. Larsen gegründete «Tidehverv»(Zeitwende)-Bewegung als die dänische Vertretung der «Barthianer» galt.↩
4
Kristoffer Olsen Larsen (1899–1964), 1932-1964 Pfarrer an der Esaias-Kirche in Kopenhagen. Larsen hatte Barth auf der Ostseetagung der Christlichen Studenten-Vereinigung am 9./10.6.1927 in Putbus auf Rügen kennengelernt (s. Briefe 1933, S. 77f. 📖).↩
5
Eduard Geismar (1871–1939), Dr. theol., seit 1921 Professor für Systematische Theologie an der Universität Kopenhagen, wurde von der «Tidehverv»-Bewegung (s. Anm. 3) wegen seiner idealistischen Gewissenstheologie und wegen seiner Auffassung von Kierkegaards Theologie scharf kritisiert.↩
6
Peter Eduard Christensen Gadeberg (1904–1975), Pfarrer in Nørre Årslev-Hørning, übersetzte mehrere Schriften Barths ins Dänische.↩
7
Die NSDAP hatte zwar bei den Reichstagswahlen am 5.3.1933 nur zusammen mit der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot eine knappe absolute Mehrheit erhalten. Dennoch wurden in den folgenden Tagen die noch nicht nationalsozialistisch geführten Länderregierungen abgesetzt, SA und SS übten Terror gegen politische Gegner, und es kam zu ersten Bücherverbrennungen.↩
8
= daß so etwas möglich ist! (Berliner Mundart).↩
9
Von Kirschbaum hielt sich während dieser Zeit bei ihrer Freundin G. Staewen in Berlin auf.↩
10
Nicht ermittelt.↩