Brief Nr. 112 · 11. März 1933

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Berlin

256

112

D. l. L.!

Ich schwimme auf dem Meer zwischen Seeland und Jütland und trinke nach einem guten dänischen Frühstück (= Mittagessen) schwarzen Kaffee. Daß du doch auch hier wärest!! Der gestrige Tag |257 war sehr ereignisreich. Ich habe die «Barthianer»1 (O. Larsen etc.) kennen gelernt; aber das sind Fanatiker der Ironie (lauter kleine Kierkegaards!)2, die mir gar nicht gefielen und die mich ihrerseits des «Pietismus»3 verdächtigten!! Nachher hatte ich an einem feierlichen Essen der theologischen Fakultät teilzunehmen, bei dem ich nun freilich auch wieder heimatlos war. Und dann ging also der Vortrag in Szene vor etwa 1200 Menschen4, worunter der Bischof5 und der Bürgermeister6 von Kopenhagen. Daran schloß sich wieder (!! die Dänen essen ununterbrochen) ein Festessen an, bei dem die solennsten Reden auf mich gehalten wurden («Er ist nicht nur ein gewandter Dialektiker, nicht nur ein Mann der Bibel, sondern auch der liebenswürdigste Mensch, den man sich denken kann»!!!). Ich bin dann auch noch zum 3. Mal gezeichnet und zum 6. Mal photographiert worden und habe mindestens 100+xmal mein «Autogramm» geben müssen. Es ist alles sehr anders als in Deutschland, aber die Menschheit ist überall dieselbe. Jetzt fahre ich mit dem netten P. Gadeberg nach Aarhus (man |258 sagt: Orheus), und bald, bald nachher komme ich dann zu dir. Wie mag es dir gestern ergangen sein?!7 Ich habe erst spät in der Nacht daran denken können und hoffe nun Nachricht von dir in Aarhus vorzufinden. Ob du heute in Wahlitz8 bist? Und wie mag es Gertrud gehen? Wie dem auch sei … ich komme und freue mich. Gelt, du sch…st dann nicht gleich wieder? Aber wenn du willst, darfst du ja! Grüße Gertrud!

Dein
Karl

(Dienstag9 1012 Berlin an!)

Sachfußnoten

1
Die 1926 von K. O. Larsen gegründete dialektisch-theologische Bewegung «Tidehverv» (Zeitwende-Bewegung). Siehe oben S. 255, Anm. 3↩
2
K. O. Larsen entwickelte eine eigene Kierkegaard-Interpretation und gilt bis heute als Repräsentant einer radikal-existentialistischen Deutung von Kierkegaard. Vgl. K. O. Larsen, Sören Kierkegaard. Ausgewählte Aufsätze, Gütersloh 1973 📖.↩
3
Barth hatte sich nach intensiver Beschäftigung mit dem «Pietismus» (vgl. Bw.Th. I, S. 200 📖) mit seinem ersten und zweiten «Römerbrief» 📖 von diesem deutlich abgegrenzt. Vgl.E. Busch, Karl Barth und die Pietisten. Die Pietismuskritik des jungen Karl Barth und ihre Erwiderung (BEvTh 82), München 1978 📖.↩
4
Am 11.3.1933 berichtete «Berlingske Tidende» über Barths Vortrag mit dem Titel: Professor Barth i Grundtvigs Hus. 📖 Die Zeitung schrieb u. a., daß der Kopenhagener Bischof «an der Spitze der Pastoren» zur Stelle war. Weiter hieß in diesem Artikel: «Die gesamte theologische Fakultät war dabei, und der Bürgermeister, Dr. Kaper, hatte sich in ihrer Mitte niedergelassen».↩
5
Harald Ostenfeld (1864–1934), Dr. theol. h. c., seit 1911 Bischof über Sjælland (Seeland), seit 1923 nach Teilung des Stifts erster Bischof von Kopenhagen, war geprägt von der «Kirkefond»-Bewegung, die sich besonders für die Gemeindeverhältnisse in Kopenhagen und für die soziale Verantwortung der Kirche interessierte.↩
6
Ernst Christian Kaper (1874–1940), Dr. phil., war kulturell sehr interessiert und auch christlich engagiert. Verfasser mehrere kleiner christlich-pädagogischer Schriften.↩
7
Siehe oben S. 256, Anm. 1.↩
8
Der mögliche Besuch von Kirschbaums in Wahlitz (Ort in Sachsen-Anhalt bei Magdeburg) ist nicht genau zu klären. Vermutlich wohnte dort die von Gertrud Staewen des öfteren in ihren Briefen genannte Freundin von Kirschbaums Grete Naudé.↩
9
D. h. am 14.3.1933.↩