Brief Nr. 113 · 19. März 1933

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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113

L. L.

Ich sitze in Eduards Studierzimmer und an seiner Schreibmaschine sicher und glaubwürdig untergebracht und will dich auf meinen ersten Bericht nicht länger warten lassen. Die Hauptsache: die Gestaltung des durch diese Reise notwendig gemachten Gegenübers mit N. läßt sich zwar in ihrer Mühsal nicht aufs Papier bringen. Aber gerade das kannst du dir ja selbst ausmalen. Es liegt nun für einmal dahinten, und ich will dich1 nur kurz über das Einfachere unterrichten. Die Fahrt ging mit der vorgesehenen Lektüre – der so gepriesene französische Roman2 ist mir freilich nicht eben eindrucksvoll geworden – und mit angemessenen Unterbrechungen durch Gesprächlein und einen Besuch im Speisewagen verhältnismäßig rasch dahin. Und als wir |259 in Basel ankamen: wer hielt da vor dem Bahnhof, um uns abzuholen – Rudi und Gerty samt dem treuen Bergliauto. Sie waren voller Sorge über mein Geschick, über dessen Art sie sich wegen der überraschenden Zusammenstellung – nicht K. und L., sondern … – allerhand Gedanken gemacht hatten, und waren für alle Fälle herbeigeeilt. Nach dem Essen wurde es dann so, daß ich mit Rudi zuerst ein Kino besuchte (Kuhle Wampe3 … eine Sache, mit der es nun in Deutschland auch Schluß sein wird) und dann eine lange Sitzung in der Bayrischen Bierhalle hatte. Die Heimkehr von dort wurde dramatisch, weil wir vor dem Pfarrhaus gerade noch recht kamen, die Abführung eines bösen Buben mitzuerleben, der das daselbst stationierende Auto hatte bestehlen wollen, eine Sache, die Rudi natürlich unmöglich freuen konnte. Unterdessen hatte N. bereits zu einem ersten Gespräch mit Gerty angesetzt, das dann mit mir fortgesetzt werden sollte. Ich schlief aber unaufhaltsam ein. Heute morgen hörten wir eine gute Predigt von Eduard und gingen auch zum Abendmahl. Aber gleich nachher geschah das sehr Ungeschickte, daß N., die sich vorgenommen hatte, zu dieser Stunde Heiner und Gertrud zu besuchen, mich ganz plötzlich und dringlich auch dabei haben wollte, was ich nun ganz einfach nicht auch noch leisten konnte, weil es mir so unwiderstehlich den Eindruck von einer jener vorstoßenden Gebärden machte, die mir fast die Luft nehmen. Hätte sie dies nicht unterlassen können? oder hätte ich ihr nicht auch darin willfahren können? Kurzum, ich verdrückte mich dann, nachdem ich sie noch über die Rheinbrücke begleitet hatte, und machte irgendwo mit Rudi einen kleinen Morgenhalt. Daran anschließend wurde dann von den drei Ehepaaren gemeinsam eines von jenen an sich so ausgezeichneten Rudi-Festmählern eingenommen, und jetzt ist N. mit Rudis nach Zürich weitergefahren, während Eduard und Marguerite zu irgend einer Angelegenheit ins Baselbiet abgeholt worden sind. Ach, es ist wirklich Alles recht schwierig. Aber vorläufig kommt ja nun eine Ruhezeit, die ich sicher ganz hier in Basel zubringen werde. Rudi und Gerty waren |260 sehr lieb, ruhig und verständnisvoll und werden die Sache an ihrem Teil gewiß gut machen. Von p[olitischen] Dingen will ich dir nicht schreiben. Man weiß hier Vieles, wovon dort nur gemunkelt wird, z. B. den ganzen Fall S. in K.4 mit allen Einzelheiten. Die hiesigen Unruhen sind beigelegt.5 Vergiß nicht, gründlich Ordnung zu schaffen in d. und m. Schreibtisch. Ich werde mich nun fleißig hinter Herder6 machen. Magst du mir dann den Kopenhagener Vortrag7 mitbringen und Matthisleins Scherenschnitte, die Rudi gerne sehen will. Denk, Rudi hat die Dogmatik8 von A-Z gelesen … und das 18. Jahrhundert9 gefällt ihnen so gut, daß eben trotz und trotz Allem eine Abschrift auch von diesem Werk bereits im Rollen ist. Gelt, das haben wir eigentlich nicht so gerne, aber es geschah ungefragt, und was wollte ich nachträglich anderes tun als mit dem Kopf nicken?10 Die |261 Guten hatten ja auch schon geplant, am Törli einen Anbau für unsere Bibliothek errichten zu lassen, und sind uns überhaupt so wohlgesinnt, daß man ihnen diesen Spaß mit unseren Manuskripten wohl lassen muß.

Wenn doch nur unsere eigenste Sache nicht so aussichtslos im Dunkeln läge! Dieser Tag gestern und heute war wirklich nicht ermutigend, und wer weiß, was nun in Zürich11 gebraut wird.

Grüß mir meine Buben. Ich schreibe allerhand nicht, was auch ungeschrieben gilt.

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Tskr.: «dir»; Korrektur vom Hrsg.↩
2
Der Titel des Romans ist nicht mehr feststellbar.↩
3
«Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?» 📖 Ein 1932 von dem in Berlin lebenden Bulgaren S. Dudow inszenierter Film nach einem Drehbuch von B. Brecht und E. Ottwalt (Musik: H. Eisler). In dem Film werden selbstbewußte Arbeiter gezeigt, die sich ihrer Situation im Zeichen der Weltwirtschaftskrise bewußt sind und sie verändern wollen.↩
4
Vermutlich bezieht sich Barth auf die Ermordung des Rechtsanwalts Wilhelm Spiegel in Kiel. Er wurde als prominenter jüdischer Sozialdemokrat Ziel des nationalsozialistischen Terrors. In der Nacht zum 12.3.1933 wurde er in seinem Haus von zwei Männern, von denen einer eine SA-Uniform trug, erschossen. Die Basler Nachrichten, Jg. 89, Nr. 72 vom 13.3.1933, S. 3, berichteten über den Hergang unter der Überschrift: Politisches Verbrechen in Kiel? 📖 Vgl. V. Jakob, Wilhelm Spiegel: Jude ­- Anwalt ­- Sozialist. Das erste Mordopfer der antisemitischen Gewalt, in: G. Paul / M. Gillis-Carlebach (Hrsg.), Menora und Hakenkreuz. Zur Geschichte der Juden in und aus Schleswig-Holstein, Lübeck und Altona (1918–1998), Neumünster 1998, S. 205-213 📖.↩
5
Nachdem am 14.3.1933 auf dem Turm des unter der Verwaltung der Deutschen Reichsbahn stehenden Badischen Bahnhofs in Basel die Hakenkreuzflagge gehißt worden war, kam es am Abend bei einer kommunistischen Demonstration gegen die «Provokation der proletarischen Arbeiterschaft» zu schweren Zusammenstößen mit der Polizei. Am 16.3. wiederholten sich anläßlich einer vom Polizeidepartement verbotenen Protestversammlung die Zusammenstöße. Erst nach Mitternacht wurde, nachdem «die gesamte Basler Polizei in Aktion» gewesen war, die «Ruhe wiederhergestellt» (National-Zeitung [Basel], Jg. 91, Nr. 124 vom 15.3.1933, S. 12 📖, und Nr. 128 vom 17.3.1933, S. 11 📖).↩
6
Siehe § 8 der Pr.Th., S. 279-302 📖.↩
7
Siehe oben S. 254, Anm. 1.↩
8
Der erste Teilband der Kirchlichen Dogmatik (KD I/1) 📖 trägt die Widmung: «Meinem Freund Rudolf Pestalozzi».↩
9
Barths Vorlesung zur «Vorgeschichte der neueren protestantischen Theologie», vgl. Pr.Th., S. 16-278 📖.↩
10
Siehe zu den schlechten Erfahrungen Barths mit solchen «Abschriften» oben S. 197, Anm. 2.↩
11
Wo die Familien von Nelly Barths Schwester Franziska Margarita Knauer, geb. Hoffmann (1886–1956), und von ihrer Schwester Hedwig Glatt wohnten.↩