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Barth an v.K. in Bonn
Ich sitze in Eduards
Studierzimmer und an seiner Schreibmaschine sicher und glaubwürdig untergebracht
und will dich auf meinen ersten Bericht nicht länger warten lassen. Die
Hauptsache: die Gestaltung des durch diese Reise notwendig gemachten Gegenübers
mit N. läßt sich
zwar in ihrer Mühsal nicht aufs Papier bringen. Aber gerade das kannst du dir ja
selbst ausmalen. Es liegt nun für einmal dahinten, und ich will dich1 nur kurz
über das Einfachere unterrichten. Die Fahrt ging mit der vorgesehenen Lektüre –
der so gepriesene französische Roman2 ist mir freilich nicht eben
eindrucksvoll geworden – und mit angemessenen Unterbrechungen durch
Gesprächlein und einen Besuch im Speisewagen verhältnismäßig rasch dahin. Und
als wir |259 in Basel ankamen: wer hielt da vor dem Bahnhof, um uns abzuholen –
Rudi
und Gerty
samt dem treuen Bergliauto. Sie waren voller Sorge über mein Geschick, über
dessen Art sie sich wegen der überraschenden Zusammenstellung –
nicht K. und L., sondern … – allerhand Gedanken gemacht
hatten, und waren für alle Fälle herbeigeeilt. Nach dem Essen wurde es dann so,
daß ich mit Rudi zuerst ein Kino
besuchte (Kuhle Wampe3 … eine Sache, mit der es nun in Deutschland
auch Schluß sein wird) und dann eine lange Sitzung in der Bayrischen Bierhalle
hatte. Die Heimkehr von dort wurde dramatisch, weil wir vor dem Pfarrhaus gerade
noch recht kamen, die Abführung eines bösen Buben mitzuerleben, der das daselbst
stationierende Auto hatte bestehlen wollen, eine Sache, die Rudi
natürlich unmöglich freuen konnte. Unterdessen hatte N. bereits zu einem ersten Gespräch
mit Gerty
angesetzt, das dann mit mir fortgesetzt werden sollte. Ich schlief aber
unaufhaltsam ein. Heute morgen hörten wir eine gute Predigt von Eduard und gingen auch zum Abendmahl. Aber gleich nachher
geschah das sehr Ungeschickte, daß N., die sich vorgenommen hatte, zu
dieser Stunde Heiner und Gertrud zu besuchen, mich ganz plötzlich und dringlich auch dabei
haben wollte, was ich nun ganz einfach nicht auch noch leisten konnte, weil es
mir so unwiderstehlich den Eindruck von einer jener vorstoßenden Gebärden
machte, die mir fast die Luft nehmen. Hätte sie dies nicht unterlassen können?
oder hätte ich ihr nicht auch darin willfahren können? Kurzum, ich verdrückte
mich dann, nachdem ich sie noch über die Rheinbrücke begleitet hatte, und machte
irgendwo mit Rudi einen kleinen Morgenhalt. Daran anschließend wurde dann von den
drei Ehepaaren gemeinsam eines von jenen an sich so ausgezeichneten Rudi-Festmählern eingenommen, und jetzt ist N. mit Rudis nach Zürich
weitergefahren, während Eduard und Marguerite zu irgend einer
Angelegenheit ins Baselbiet abgeholt worden sind. Ach, es ist wirklich Alles
recht schwierig. Aber vorläufig kommt ja nun eine Ruhezeit, die ich sicher ganz hier in Basel zubringen werde. Rudi und
Gerty
waren |260 sehr lieb, ruhig und verständnisvoll und werden
die Sache an ihrem Teil gewiß gut machen. Von p[olitischen] Dingen will ich dir
nicht schreiben. Man weiß hier Vieles, wovon dort nur gemunkelt wird, z. B. den
ganzen Fall S. in K.4 mit allen Einzelheiten. Die hiesigen Unruhen sind
beigelegt.5 Vergiß
nicht, gründlich Ordnung zu schaffen in d. und m. Schreibtisch. Ich werde mich
nun fleißig hinter Herder6 machen. Magst du mir dann den
Kopenhagener Vortrag7 mitbringen und Matthisleins Scherenschnitte, die Rudi gerne sehen will.
Denk, Rudi hat die Dogmatik8
von A-Z gelesen … und das 18. Jahrhundert9 gefällt ihnen so gut, daß eben
trotz und trotz Allem eine Abschrift auch von diesem Werk bereits im Rollen ist. Gelt, das
haben wir eigentlich nicht so gerne, aber es geschah ungefragt, und was wollte
ich nachträglich anderes tun als mit dem Kopf nicken?10 Die |261 Guten hatten ja auch schon geplant, am Törli einen Anbau für unsere
Bibliothek errichten zu lassen, und sind uns überhaupt so wohlgesinnt, daß man
ihnen diesen Spaß mit unseren Manuskripten wohl lassen muß.
Wenn doch nur unsere eigenste Sache nicht so aussichtslos im Dunkeln läge! Dieser Tag gestern und
heute war wirklich nicht ermutigend, und wer weiß, was nun in Zürich11 gebraut wird.
Grüß mir meine Buben. Ich schreibe allerhand nicht, was auch ungeschrieben
gilt.