von Kirschbaum an B. in
Basel
ein Gruß soll morgen bei dir sein und die Briefe, die für dich kamen. – – Die
Morgenpost brachte mir einen Brief von Gerty, aus dem zu schließen
ist, daß die Guten meinten, wir hätten hier Schlimmstes durchzumachen. Und nun
waren sie also auch gestern an der Bahn. Du Lieber, ich bin mit
allen meinen Gedanken bei dir und weiß, daß und was dir jetzt
schwer ist. Gerty scheint geradezu eine
Hochflut freundschaftlicher Gesinnung zu haben, das kommt N. sicher zugute. Und das ist ja
recht so. – Nächste Woche komme ich zu dir. Gelt, dabei bleibt es? – Außer viel
Sehnsucht nach dir
geht es mir gut. Das Leben mit den vier Buben ist schön. Es sind gute Menschlein, jedes in
seiner Art. Matthis in seinen mitunter so hilflosen Verfinsterungen wartet im
Grunde ja auch nur, daß man ihm daraus wieder hervorhilft. Und Hansjoggeli schlief bei mir und war selig und weckte mich um ¾ 6 Uhr
mit freundlichen Erklärungen und Fragen über seine Soldatenbilder. – Markus ist so
selbstverständlich und unentwegt warm und |262 gut und
fürsorglich, und auch Stöffeli ist in dieser Konstellation zugänglicher und sichtlich
getröstet von dem Gespräch mit dir. Er kam gestern von selbst mit der Bitte, ich
sollte ihn vor der Prüfung abhören, und das ist viel bei ihm. – Gestern abend
waren wir in einem kitschigen Film:
Markus, Hidi1, Erica, Frau Lieb (!) und ich. Heute mittag ist Erica da. Und wer will zu mir kommen? Herr Hölscher. Er wollte dich
besuchen und nimmt nun als Ersatz mit mir vorlieb. «Ich habe vieles zu fragen
und zu besprechen.» Ob über die «Lage»? – Für Haussuchung bin ich vorbereitet!!
Willst du nicht deinen Kop[enhagener] Vortrag2 haben?
Nun
war Hölscher da, ganz
matt und müde und traurig über die Zeitereignisse und die Roheit der
Menschen.3 Der Gute, er ist wirklich nicht geschaffen zum Kampf des
Lebens!! Er war nur einen Tag da von Koblenz, muß morgen wieder hin. Das Resultat der Prüfungen sei
kläglich, die beste Note 2-3. - Goeters, Weber, Pfennigsdorf seien in «heller
Begeisterung» für Adolf. Verstehst du das? Bei Wolf wisse man nicht, ob links, ob
rechts, er wird auf jeden Fall «vorsichtig» sein. Hölscher glaubt bestimmt, daß eine
Auseinandersetzung kommt mit Semesterbeginn, meint, ihr müßtet vielleicht
alle einen Wisch4 unterschreiben oder ähnliches. – Ach gelt,
zunächst wollen wir Kräfte sammeln auf dem Bergli. Das Weitere wird sich finden.