Brief Nr. 114 · 19. März 1933

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Basel

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Lieber Karl,

ein Gruß soll morgen bei dir sein und die Briefe, die für dich kamen. – – Die Morgenpost brachte mir einen Brief von Gerty, aus dem zu schließen ist, daß die Guten meinten, wir hätten hier Schlimmstes durchzumachen. Und nun waren sie also auch gestern an der Bahn. Du Lieber, ich bin mit allen meinen Gedanken bei dir und weiß, daß und was dir jetzt schwer ist. Gerty scheint geradezu eine Hochflut freundschaftlicher Gesinnung zu haben, das kommt N. sicher zugute. Und das ist ja recht so. – Nächste Woche komme ich zu dir. Gelt, dabei bleibt es? – Außer viel Sehnsucht nach dir geht es mir gut. Das Leben mit den vier Buben ist schön. Es sind gute Menschlein, jedes in seiner Art. Matthis in seinen mitunter so hilflosen Verfinsterungen wartet im Grunde ja auch nur, daß man ihm daraus wieder hervorhilft. Und Hansjoggeli schlief bei mir und war selig und weckte mich um ¾ 6 Uhr mit freundlichen Erklärungen und Fragen über seine Soldatenbilder. – Markus ist so selbstverständlich und unentwegt warm und |262 gut und fürsorglich, und auch Stöffeli ist in dieser Konstellation zugänglicher und sichtlich getröstet von dem Gespräch mit dir. Er kam gestern von selbst mit der Bitte, ich sollte ihn vor der Prüfung abhören, und das ist viel bei ihm. – Gestern abend waren wir in einem kitschigen Film: Markus, Hidi1, Erica, Frau Lieb (!) und ich. Heute mittag ist Erica da. Und wer will zu mir kommen? Herr Hölscher. Er wollte dich besuchen und nimmt nun als Ersatz mit mir vorlieb. «Ich habe vieles zu fragen und zu besprechen.» Ob über die «Lage»? – Für Haussuchung bin ich vorbereitet!!

­Lieber, lieber Karl, sei nicht traurig. Wir haben es doch gut, besser als alle die Anderen. Ich weiß das immer besser, und das hilft so viel. Und nun will ich die Woche geduldig warten und dann voller Freude dir entgegenrollen. Bleibst du in Basel? – Grüße Eduard besonders. – I. h. d. s. l.

Deine
L.

Willst du nicht deinen Kop[enhagener] Vortrag2 haben?
Nun war Hölscher da, ganz matt und müde und traurig über die Zeitereignisse und die Roheit der Menschen.3 Der Gute, er ist wirklich nicht geschaffen zum Kampf des Lebens!! Er war nur einen Tag da von Koblenz, muß morgen wieder hin. Das Resultat der Prüfungen sei kläglich, die beste Note 2-3. ­- Goeters, Weber, Pfennigsdorf seien in «heller Begeisterung» für Adolf. Verstehst du das? Bei Wolf wisse man nicht, ob links, ob rechts, er wird auf jeden Fall «vorsichtig» sein. Hölscher glaubt bestimmt, daß eine Auseinandersetzung kommt mit Semesterbeginn, meint, ihr müßtet vielleicht alle einen Wisch4 unterschreiben oder ähnliches. – Ach gelt, zunächst wollen wir Kräfte sammeln auf dem Bergli. Das Weitere wird sich finden.

Sachfußnoten

1
Hildegunt («Hidi») Römheld (1909–2007), Schwester von Gotlind («Goti») Römheld, Freundin von Erica Küppers, war des öfteren auf dem Bergli und schaute während dieser Zeit nach den Kindern des Ehepaares Pestalozzi.↩
2
Siehe oben S. 254, Anm. 1.↩
3
Vgl. dazu Briefe 1933, S. 91 📖.↩
4
Am 7.4.1933, trat das Reichsgesetz «zur Wiederherstellung des nationalen Berufsbeamtentums» in Kraft. Es sah die Absetzbarkeit von Beamten vor, die sich nicht rückhaltlos für den neuen Staat einsetzten oder die «nicht arischer Abstammung» waren.↩