Brief Nr. 115 · 20. März 1933

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Basel

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Du lieber Karl,

da kommt wahrhaftig schon dein Brief. Wie schön ist das! Dank dir vielmals. – Weißt du, jetzt hast du das Schwierigste hinter dir. Bleib nun ruhig in Basel, und am Montag abend treffe ich dort ein. Dann werden wir noch schöne ruhige Tage haben, gelt? Ich muß mir hier immer wieder gut zureden, daß ich vernünftig und geduldig bin. Ich habe viel zu tun, und das hilft ganz schön. Eben gehe ich daran, die Protokolle fertig zu stellen, dann will ich noch das große Album kleben und noch Manches räumen, was zu räumen ist. – Heute abend bin ich bei Frau Schmidt1. Der gute Karl Ludwig2, gelt? – Morgen müssen die Buben alle in den Schulen antreten und im Radio die Eröffnungsreden des Reichstags3 hören, sogar Hansjoggeli: Er ist ganz verwundert und frägt immer wieder, was für ein «Fest» denn morgen sei. Der Herr Lehrer habe gesagt, es sei ein «großes Fest». – – Ich bin etwas in Verlegenheit mit der Antwort. – Ferner frug er heute mittag erstaunt: «Warum hat denn Herr Lieb so Angst für seine Bücher?» Als der Sturm heute nacht einen Laden bei ihm abriß, sei er ganz entsetzt in seine Bibliothek geeilt: jetzt stehlen sie meine Bücher! Er scheint tüchtig aufgeregt. – Lieber Karl, wir wollen es nicht sein, gelt? Von Hölscher blieb mir doch gestern eine kleine Übelkeit zurück. Es war alles so weich und schlapp, was er sagte. Nein, so nicht. – –

264 Es ist nach wie vor schön und einfach mit den Buben. Markus ist einfach schon ein Kamerad, liest jetzt die Königstreuen4 und kam heute nacht um 11 Uhr noch ganz begeistert an mein Bett. Stöffeli ist auch zugänglich, Matthis wechselnd, und Joggeli weiß das Leben zu gestalten. Verlier den Mut nicht, Karl. Es geht schon weiter. – Bist du noch so müde? Rauchst du nicht zuviel?

Lieber, Lieber – – –

Deine
L.

Grüße Marguerite und Eduard.

Sachfußnoten

1
Ursula Schmidt, geb. von Wegnern (1892–1985), Ehefrau von Karl Ludwig Schmidt.↩
2
K. L. Schmidt war «als sozialdemokratischer Stadtverordneter von der Entlassung bedroht» und erwartete darum eine «Solidaritätserklärung» von Barth, der sich aber «nach links wie nach rechts» gegen den Versuch wehrte, «bestimmte politische Entscheidungen von ihm zu verlangen» (Scholder I, S. 551 📖; vgl. Mühling, S. 135f. 📖). Von Kirschbaum betrachtete Schmidts «Rolle» «als Märtyrer» kritisch (Briefe 1933, S. 91 📖). Hier bezieht sie sich auf eine Karte Schmidts vom 19.3.1933, in der er von dem «gloriosen Gedanken» schrieb, «die ‹prominenten› Sozialisten in Schutzhaft zu nehmen»: «Wenn schon mich so etwas treffen sollte, dann doch lieber im Semester!» (KBA 9333.144)↩
3
Siehe zum «Tag von Potsdam» unten S. 267, Anm. 1↩
4
H. de Balzac, Die Königstreuen, übersetzt von Magda Kahn, Gesammelte Werke, Berlin o. J. (1923) 📖.↩