Brief Nr. 116 · 20. März 1933

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

264

116

L. L.

Ich hatte gestern noch einen sehr guten Abend mit E[duard], an dem wir auch eingehend auf unsere Sache zu reden kamen. Wie es scheint, hatte ihm Gerty ganz erschüttert von ihrem Gespräch mit N. erzählt – unter Tränen sogar. Ach wie ist doch Gerty so impressionabel: ihrer selbst ganz sicher, aber in Bez[ug] auf andere Menschen merkwürdig dem Augenblick hingegeben. Doch das ist nun wahrlich schon ein richtiges Karussell-Gespräch, das ich schleunigst abbrechen will. Heute morgen bekam ich von Heiner den beiliegenden Brief1. Was soll man wieder dazu sagen? Ich werde heute nachmittag hingehen. Es wird ja schon so sein, daß ich gestern einen Fehler machte, als ich nicht mit N. dorthin gehen wollte. Der Vorgang war mir eben so |265 gründlich zuwider. Aber ich hätte mich überwinden sollen; vielleicht wäre dann wenigstens für den Augenblick Ruhe. E. sprach gestern nun auch zu mir sehr ernsthaft von der Möglichkeit einer Sch[eidung]. Nachher gingen meine Gedanken dann zunächst wieder in andere Richtung; aber ich hatte die Sache am Morgen Rudi gegenüber selber auch schon ausgesprochen. Die Eindrücke dieser Tage waren zu mühsam. Mußte N. nun wirklich dazu mit? Aber ich sehe schon ein, daß ich mich nicht beklagen sollte. Das ist nun einmal mein Leben, wie ich es mir selber zubereitet habe.

Magst du das gelbe Couvert mit den Briefen unseres Urgroßvaters Burckhardt2 hervorsuchen und mitbringen, damit ich es meinem unruhigen Vetter Anstein3 wieder übergeben kann? Er hält sie gewiß für kostbarer, als sie sind. Aber das muß man ihm nun eben lassen.

Dank für deinen l. Brief. Der gute Hölscher! Ich hatte eben ein Telephon mit meiner Mutter, die mir dringend empfehlen wollte, aus der SPD4 auszutreten. Ist das nicht merkwürdig, wie solche besorgte Mütter sich u. U. über alle Selbstverständlichkeiten auch der Ehren|266haftigkeit einfach hinwegsetzen können, wenn der Vorteil des lieben Kindes es zu gebieten scheint? Ich freue mich so, daß es zwischen dir und den Buben so gut geht. Grüße sie alle von mir!

Heute abend wird Hartenstein kommen. Morgen abend bin ich bei Karl Sartorius. Ich mag ganz gerne diese und jene Menschen sehen. Aber heute nachmittag wird es wirklich mühsam werden. In 8 Tagen …

Dein
K.

Ich habe heute auch mit Ernst Staehelin, dem Schwager von Fritz Lieb, telephoniert und ihm den nötigen Trost bezüglich der teuren Familie an der Buschstraße5 gespendet.
[Bleistiftnachtrag:] Gelt, du verfällst nicht in Traurigkeit und Unruhe wegen der Vorgänge mit und um N. Eins ist ja ganz sicher.
[Auf der Rückseite Bleistiftnotiz von Ch. von Kirschbaum für Gerty Pestalozzi:] Siehst du, Gerty, in diesen paar Dokumenten hast du Alles. Und vielleicht siehst du es jetzt nochmal ein bißchen anders –

Sachfußnoten

1
In seinem Brief vom 19.3.1933 machte Heiner Barth seinen Bruder Karl darauf aufmerksam, "daß eine große Gefahr im Verzuge ist, indem Eure Lage in der Familie zu einem Unglück führen könnte". Abschließend bat er seinen Bruder von diesem "Schreiben, an dessen Notwendigkeit" er "leider keinen Zweifel habe, gegenüber Nelly nicht die geringste Erwähnung zu tun" (Brief im Karl Barth-Archiv).↩
2
Johannes Burckhardt-Peyer (1798–1869), 1827-1833 letzter baselstädtischer Pfarrer in Bretzwil (jetzt Kt. Basel-Landschaft) bis zum Basler Krieg (1833), der die Trennung von Basel-Landschaft und Basel-Stadt zur Folge hatte; auf Befehl der neuen Regierung in Liestal mußte er 1833 Bretzwil verlassen und übersiedelte daraufhin nach Schaffhausen, wo er Pfarrer an der Steig-Gemeinde und Lehrer mit Professorentitel am Institutum Humanitatis war. Er war verheiratet mit Amalie Burckhardt, geb. Peyer, von Schaffhausen (1805–1868), "die von dem Zürcher Reformator Heinrich Bullinger abstammte" (vgl. Busch, S. 16 📖).↩
3
Hans Anstein (1863–1940), seit 1903 theologischer Sekretär der Basler Mission (s. Bw.Th. II, S. 475, Anm. 4 📖).↩
4
Barth war am 1.5.1931 aus Protest "gegen das immer gefährlicher um sich greifende Heraufdämmern der Hitlerei" der SPD in Bonn beigetreten (vgl. Briefe 1961-1968, S. 487 📖). – Zu Barths (fortbestehender) SPD-Mitgliedschaft schrieb Pfarrer G. Jacobi am 7.1.1934 an Barth, Barth hätte «heute 1000 Mal mehr Gehör», wäre er damals nicht der SPD beigetreten (KBA 9334.36). Und am 23.1.1934 schrieb der Schriftleiter des evangelischen Wochenblattes "Licht und Leben", Pfarrer Gauger (Wuppertal-Elberfeld), an Barth: "Mir hat es seinerzeit ungemein leid getan, daß ein Mann wie Sie soll der SPD beigetreten sein. Das paßte eigentlich nicht zu Ihrem Stil, und ich habe es mir nur ungefähr so erklärt, daß Sie in diesem Stück ‹allzu gerecht› sein wollten." (KBA 9334.133)↩
5
Die Adresse von Fritz Lieb: Buschstraße 28 in Bonn. Fr. Lieb war aufgrund seiner SPD-Mitgliedschaft in seiner Position gefährdet.↩