Brief Nr. 117 · 21. März 1933

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Basel

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Liebster Karl,

was für Botschaften werden noch eintreffen in dieser Woche?? Heute morgen kam dein Brief mit der Beilage von Heiner, kam eine Karte von Nelly, kam ein Brief von Gerty. Ich habe deinen Brief samt Beilage und Nellys Karte an Gerty geschickt. Diese Dokumente sprechen in ihrem Dreiklang für sich und erübrigen jeden Kommentar. Und Gertys Schilderung von Nellys «ergreifendem» Dransein und deinem «fröhlichen Feriengesicht» schien mir dieser Korrektur zu bedürfen. Obwohl – – – Karl, ich bin es leid und mag eigentlich keinen |267 Finger mehr rühren. Ich verstehe es ja auch, daß es Gerty jetzt überschlagen hat und Heiner ebenfalls. N. ist ja wirklich bejammernswert dran. Und das darf ja jetzt einmal im Vordergrund stehen. Und wir machen es ja sicher nicht gut mit ihr. Und warum soll das nicht auch einmal wieder gesagt werden? – Über Alles hinweg und durch Alles hindurch ist mir Eines völlig klar: daß wir beisammen bleiben. Diese Notwendigkeit ist mir viel klarer als noch vor ein paar Jahren und viel zwingender und viel eindeutiger. Und wie immer, wenn Dinge klar sind, werden sie auch einfach. Und so kann all die Unruhe und all das Mitreden der Anderen nicht mehr so beunruhigend für mich sein. Es ist mir jetzt am ärgsten, daß du nicht ausruhen darfst. Du hast es so nötig. – Und darauf hoffe ich allerdings stark, daß ich am Montag fahren darf. Wenn wir erst wieder zusammen reden können, wird Manches leichter sein. – – Grüße Eduard. Daß er so die Linie hält, das ist hilfreich, und ich bin ihm immer wieder neu dankbar dafür. Gerade weil das für ihn ja keine Parteinahme bedeuten kann. – –

Und heute ist die Eröffnung des Reichstags1. Ach, Karl, das nimmt mich im Augenblick fast stärker in Anspruch als all der persönliche Kram. Ich bin eben heulend über den Münsterplatz gelaufen, wo das Volk (unzählige Kinder dabei!) sich drängt, um durch den Lautsprecher Alles mitzuhören. Dieses arme Volk. Und man läuft so vereinsamt mitten hindurch, wenn man nicht ergriffen ist von den Wellen dieser Bewegung. – Der Abend mit Frau Sch[midt]2 gestern hat mich |268 auch bewegt.3 Sie ist soweit, daß sie «mit Haß» diese Vorgänge begleitet und sich wünscht, fort zu dürfen, um ihre Kinder vor diesem Deutschland zu bewahren. Da hab ich mich auch einsam gefühlt. So kann ich nicht denken und empfinden. Ich könnte nur unter tausend Qualen weggehen und hinge an diesem Deutschland wie vielleicht nie zuvor. Das alles ist so dunkel und schwer. Ich glaube ziemlich sicher, daß du nicht bleiben kannst. – Vielleicht hat Dibelius jetzt eben schon Alles verraten.4 Wer weiß? – Deine gute Mutter! Nimm’s ihr nicht übel. Ich bin auch durch diese schwache Stunde gegangen, nur einen Augenblick lang. Aber ich bin mir ganz klar, daß du das nicht tun darfst. – Mit Fritz L[ieb] hatte ich ein langes Telefongespräch. Er kommt einmal zu mir und Markus zum Kaffee, dann bleibt Ruth ohne Gefährdung zu eifersüchtigen Regungen. Er ist sehr trostbedürftig, kommt mir vor. «Wie dankenswert»5 war bei ihm und hat sich scheußlich benommen! Widerwärtig triumphierend und alle seine Mikoxe abreagierend!! Wieviele mögen das jetzt so machen! Aber Fritzleins |269 reine Seele grämt sich. Über Hölschers Anständigkeit war er gerührt. Das stimmt ja sicher. Nur weißt du, sie sind alle ein bißchen schwach. Das empfinde ich etwas verstimmt. Und bin es von dir so gar nicht gewohnt. –

Mit Joggeli hatte ich gestern abend noch ein Gespräch. Er ist jetzt etwas im Bilde, was heute in der Schule «gefeiert» wird. Rührend war, wie er sagte: «Aber das ist doch noch nichts für uns Kleinen?» Immerhin ist er klug genug zu begreifen, warum «man» sich auch schon an die Kleinen hält. Das gute Bürschlein. Zu Vrone6 soll er gesagt haben: «Ich werde immer dahin gehen, wo die Meisten sind. Da passiert mir nichts», worüber Vrone entrüstet war. – Von Fränzeli kam Nachricht, daß sie gut angekommen ist. – Für Erica kauften wir eine schöne Ledermütze. Es war köstlich, sie bei der Anprobe im modischen Hütchen zu sehen. Die Gute ist geplagt von Depressionen und kommt alle Augenblicke an. Und wie das immer so ist, es hilft ihr über das eigene Elend, von dem Anderer (in diesem Falle «wir») zu hören. Sie begleitet meine Mitteilungen mit vielen «Ja, Lollo? Wirklich?» und «Naain?», aber sie ist doch eine gute Seele. Und dich liebt sie aufrichtig. -

Der Brief von Grobe7 ist doch gut, gelt? Daß es solche Menschen gibt, ist so tröstlich. –

Deine Buben lassen dich alle grüßen. Wenn ich sie ansehe, dann weiß ich, daß nicht Alles bei uns schlecht steht. Die beiden Großen sind doch einfach feine Kerle. Am meisten beschäftigt mich ja Matthis. Er ist sehr wechselnd, entzieht sich viel und ist am undurchsichtigsten. Im Sommer will er auf keinen Fall «Familienferien». Das hat er mir gestern abend sehr bestimmt und begründet erklärt. Viel lieber zu Helmut Gollwitzer. Die ganze Adria8 schenke er her. –

270 Lieber Karl. Was mag dir inzwischen widerfahren sein? Vielleicht sogar Ordre aus dem Hauptquartier in Bern?9 Weißt du, Karl, eigentlich und endlich sind wir ja mündig, und die Familie in allen Ehren, aber da muß ich mit Martin Eras still, aber fest erklären: «die wird sich fügen müssen»10. – –

Von ganzem Herzen

Deine
L.

Ich habe heute an deinen Predigtübungen11 gearbeitet. Das ist etwas vom Schönsten des letzten Semesters. Laß dich ein bißchen von daher trösten. Guter, lieber Karl.

Sachfußnoten

1
Am 21.3.1933, dem «Tag von Potsdam», fand in der Garnisonkirche die Konstituierung des am 5.3. neu gewählten Reichstags statt. Ihr waren interne Verhandlungen mit der Kirchenleitung vorausgegangen. Hitler hatte bereits am 2.3. – noch vor den Wahlen – erklärt, die Eröffnung des Reichstags in die Garnisonkirche zu verlegen. Otto Dibelius, der als Generalsuperintendent der Kurmark für Potsdam zuständig war, weigerte sich, das zuzulassen. Es kam zu einem «Kompromiß»: Die Eröffnungsgottesdienste fanden in der Nikolaikirche und in der katholischen Pfarrkirche statt, die Eröffnung des Reichstags mit Ansprachen des Reichspräsidenten und des neuen Kanzlers in der Garnisonkirche (vgl. Scholder I, S. 285.296 📖; O. Dibelius, Ein Christ ist immer im Dienst. Erlebnisse und Erfahrungen in einer Zeitenwende, Stuttgart 1961, S. 170-173 📖; R. Stupperich, Otto Dibelius. Ein evangelischer Bischof im Umbruch der Zeiten, Göttingen 1989, S. 203-205 📖; vgl. die ausführlichen Schilderungen über den seine Wirkung auf konservative und christliche Kreise nicht verfehlenden Verlauf des Tages in dem Berichtsheft von H. Hupfeld [Hrsg.], Reichstags-Eröffnungsfeier in Potsdam. Das Erlebnis des 21.3. in Wort und Bild, Potsdam 1933 📖).↩
2
Siehe oben S. 263, Anm. 1.↩
3
Siehe oben S. 263, Anm. 2.↩
4
Der Eröffnungspredigt von Otto Dibelius über Röm. 8,31 in der Nikolaikirche (vgl. Stupperich, a.a.O., S. 204f. 📖) war ein kurzer Briefwechsel mit Barth vorausgegangen. Am 8.3.1933 hatte Dibelius ein vier Druckseiten umfassendes und als vertraulich gekennzeichnetes Rundschreiben an alle Pfarrer seines Sprengels versenden lassen (Scholder I, S. 293-295 📖). Am 13.3. sandte er dieses Rundschreiben an Barth «mit dem Bemerken, vielleicht interessiere es ihn, ‹einen praktischen Beleg für einiges von dem, was ich damals› – nämlich bei einem Gespräch in Berlin im Frühjahr 1932 – ‹ausführte, zu Gesicht zu bekommen›» (Scholder I, S. 295f.). Am 17.3. antwortete Barth (Briefe 1933, S. 85f. 📖) mit einigen Bedenken und Einwänden zu bestimmten politischen und kirchenpolitischen Formulierungen des Briefes. Hinsichtlich der bevorstehenden Eröffnungspredigt am 21.3. in Potsdam erinnerte Barth Dibelius daran, «daß Sie dieses Wort in einer Situation auszusprechen haben werden, die für viele Millionen von Deutschen – die, wenn in Potsdam die Glocken läuten und die Fahnen wehen, schweigend und abgewandt abseits stehen werden – eindeutig unter dem Aspekt von Gewaltherrschaft und Unterdrückung steht» (Briefe 1933, S. 85). – Otto Dibelius (1880–1967), 1909-1925 Pfarrer in Danzig, Lauenburg (Pommern) und an der Gemeinde zum Heilsbronnen in Berlin, 1925-1933 Generalsuperintendent der Kurmark, 1933-1945 amtsenthoben und in den Ruhestand versetzt, 1934-1945 Mitglied von Bruderräten der BK, 1945-1961 Bischof von Berlin, 1949-1961 Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.↩
5
Eine typische Redewendung von W. Goeters, hier als Name verwendet.↩
6
Veronika Schmidt, Tochter von Karl Ludwig Schmidt.↩
7
In seinem Brief vom 19.3.1933 erklärte «der grundtreue, schlechterdings zuverlässige Lehrer Grobe» (vgl. Bw.Th. III, S. 98 📖) seine Übereinstimmung mit Barth und Asmussen und erwähnte dabei, daß ihm Barths Dogmatik (KD I/1) 📖 «ein Andachtsbuch» sei. – Emil Grobe (1878–1949), 1899-1943 Lehrer in Hamburg, seit 1920 im Kontakt mit Barth.↩
8
Nelly Barth plante für die Sommerferien einen Aufenthalt mit den vier Buben an der Adria (Briefe 1933, S. 74 📖).↩
9
 Der Wohnsitz der Mutter Barths in Wabern bei Bern.↩
10
Martin Eras (1907–1991), seit 1932 Student bei Barth in Bonn, entschloß sich 1933, von der katholischen zur evangelischen Kirche zu konvertieren (vgl. Briefe 1933, S. 71f. 📖). Im Blick auf die in diesem Zusammenhang mit seiner Familie geführten Auseinandersetzungen (vgl. a.a.O., S. 207) scheint Eras diesen Ausspruch getan zu haben. – Eras war später Pfarrer in Erkersreuth bei Selb, nach dem Krieg in Burgbernheim und 1955-1974 in Sickershausen.↩
11
Siehe zu Barths «Übungen in der Predigtvorbereitung», deren Protokolle von Kirschbaum in Maschinenschrift übertrug, unten S. 307f., Anm. 3.↩