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Barth an v.K. in Bonn
Ich kam zwei Tage nicht mehr zum Schreiben. Hoffentlich hat es dich nicht
beunruhigt. Heute habe ich dir zum Glück keine alarmierende Nachrichten zu
geben. Schon weil ich aus Zürich
selbst ganz ohne Nachrichten bin. Die Unterhaltung, die ich vorgestern mit Heiner und seiner
Frau haben
mußte, verlief ruhig, wenn auch wenig erquicklich. Die Guten («Wir …») haben
offenbar ein ganzes kleines System von Einwänden gegen uns, von dem sie mir dann
feierlich nur einen Teil sichtbar machten: das, was in der Linie jenes
Briefes1 liegt. |271 Was ich sagte, wurde als «Naturalismus» verdächtigt. Und
eine Würde, eine Höhe entfernte die Vertraulichkeit.2 Es war mir, obwohl natürlich auch allerlei an sich
Hörenswertes vorgebracht wurde, nicht ganz leicht, bis zum Schluß freundlich zu
bleiben. Aber es gelang diesmal, und das war sicher gut. Die Tatsache, daß ich
einigermaßen gerüttelt und geschüttelt aus einem siebenjährigen Krieg kommend
diesem friedlichen Basler Ehepaar gegenüber saß, war ja in der Tat noch kein
Rechtsgrund, gegen seine allzu große Gerechtigkeit zum Gegenangriff überzugehen.
Aber nähergekommen sind wir uns wirklich auch nicht gerade. Am Freitag
nachmittag werde ich nun auch noch meine Mutter hier begrüßen,
bevor sie am Samstag mit den beiden die Romreise antritt. Sie will, wie mir von drüben3 telephonisch berichtet wurde, dringend mit mir reden:
vermutlich wegen meiner Stellung in Bonn, hoffentlich nicht auch noch wegen
Nelly. Ja,
das ist nun eben ein Schicksal, diese mitredende bzw. dreinredende Familie.
Verbieten kann man es ihnen ja unmöglich, aber sei du nur sicher, daß ich in
beiden Angelegenheiten tun werde, was mich fein und gut dünkt, ganz uneingesehen
von außen.4
Meine Basler Ferien scheinen
hauptsächlich in einem ziemlich umfassenden Sehen, Hören und Sprechen von
allerlei Menschen verlaufen zu wollen, und es bekommt mir eigentlich ganz gut.
Eduard und ich haben
ein großes Gespräch mit de Quervain gehabt, den wir im Blick auf die deutschen Ereignisse gemeinsam
ziemlich zusammengestaucht haben. Gestern abend war ich zum Nachtessen bei
meinem Vetter Sartorius und
seiner Frau. Dies ist ein Basler Ehepaar, das durch den von ihnen hoch
verehrten Eduard in sehr
erfreulicher Weise in Marsch gesetzt worden ist und mit dem ich mich deshalb
über alte und neue Zeiten gut und gern unterhalten habe. Sie haben eine ziemlich
wild ausbrechende Tochter im Alter von Stöffeli, die wahrscheinlich
gerade einem Durchfall bzw. einer Nichtversetzung entgegen geht. Die Art, wie
der Vater mit ihr darüber
sprach, gefiel mir gut. Vorgestern abend war Hartenstein da, und da gab es ein schönes
theologisches Gespräch über die verschiedenen nicht unbekannten Bedenken und
Vorschläge, |272 die dieser von Heim herkommende Mann gegen mich auf dem Herzen hat,
auf die er sich aber offen und gescheit zuhörend Antwort geben ließ. Heute war
er dann nochmals zum Schwarzen Kaffee da mit … Köberle. Dies war und bleibt ein schwierigerer
Fall, weil er sich theologisch irgendwie den Magen und den Geschmack verdorben
hat und nicht merkt, daß er sich längst auf ein zu tiefes Niveau begeben hat,
als daß seine Einwürfe stark und sinnvoll sein könnten. Heute vormittag war ich
bei meinem Vetter Anstein, der
seinen Anteil an der Onkel Hansschen Erbschaft5 in zwei Weltreisen angelegt hat, auf die er nun mit leerem Beutel, aber sehr
vergnügten Herzens zurückblickt. Er kennt nun tatsächlich das Innere Afrikas fast wie seine Hosentasche und
ist mit seinen siebzig Jahren und seiner Fähigkeit, immer noch Alles «heillos
fein» zu finden, wirklich eine nicht unerbauliche Gestalt. Wiederum waren wir
heute nachmittag in Pratteln bei Lukas Christ. Er sprach diesmal nicht von den moutons6. Wir machten uns aber das Vergnügen, seinen sehr
rassigen Töchtern in seiner Abwesenheit nach dem Nachtessen Einiges aus seiner
Jugendzeit zu erzählen, das nun morgen sicher blühend aufgehen wird. Auch diese
Begegnung war erholend. Und wo gehe ich morgen hin? Auf die Redaktion der
Basl[er] Nachr[ichten] zu Karl Sartorius und … zu Nat[ional-]Rat Oeri7, der nach meiner Bekanntschaft begehrt, die ich ihm
gewiß nicht versagen will. Und für morgen abend ist sogar ein ganzer Aufmarsch
von Freunden hier vorgesehen: Pfr. Koechlin8, Rektor Burckhardt9, |273 Pfarrer Gelzer10 und ich weiß nicht wer noch. – Du brauchst
aber gar keine Angst zu haben, daß ich über dem allem versäumen könnte, bei Tag
und Nacht nach Deutschland hinüber zu denken. Potsdam!11 Ich würde natürlich
das auch nicht sagen, was Frau Schmidt12 zu dir
sagte, aber ich verstehe so gut, was sie wahrscheinlich damit
meinte. Sehe ich doch gerade hier mit Trauer, wie das Bild von
«Deutschland»
draußen nun unaufhaltsam wieder dem zu gleichen beginnt, das man vor 1914 hatte,
wobei man sich ja kaum verhehlen kann, daß das Bild von vor 1914 trotz aller
Schattenseiten in sich sinnvoller und hoffnungsvoller war. In einem anderen Sinn
als in dem einer höchst getreuen Opposition wird man zu dem
Mehrheitsdeutschland13 von heute schwerlich Ja sagen
können. Aber wenn nun dieses Mehrheitsdeutschland Opposition überhaupt nicht
duldet? Wenn es in seinem Wesen liegt, Deutschland schlechthin sein zu wollen?
Wo steht man dann eigentlich? Aber darüber können wir ja dann mündlich
weiterreden, und die äußeren Entscheidungen fallen ohnehin ohne uns. Es ist mir
fast tröstlich zu denken, wie zwangsläufig mein äußerer Weg nun bestimmt sein
wird. Ich
überlege, ob es nicht gut wäre, die Wohnung am 1. April auf den 1. Oktober zu
kündigen auf alle
Fälle.14 Zurückzunehmen wäre die Kündigung ja leicht,
während es sehr ärgerlich sein könnte, nicht gekündigt zu haben und dann bis zum
1. April 1934 gebunden zu sein. Was hältst du davon?
274 Grüße Erica. Wie gut, wie gut,
daß es mit den Buben so schön geht. Ja, der gute Hansjoggeli –
was muß er nun für «Geschichte» erleben in so zarter Jugend!
Merkwürdiges Leben in jeder Hinsicht für uns alle. Aber Alles wird auch irgendwie
gut sein, so wie es ist. Ich bin so froh und dankbar, daß auch du den Mut und
die Hoffnung nicht verlierst.
Was noch zu sagen wäre, weißt du auch so.
Grüße meine Buben. Ich grüße
dich, ach ja, dich ganz besonders.
Du darfst zwar deine Briefe ungenügend frankieren – du darfst bekanntlich Alles.
Vielleicht mußt du es nicht. Aber sie freuen mich ja wirklich,
auch wenn sie ungenügend frankiert sind.