Brief Nr. 118 · 22. März 1933

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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118

L. L.

Ich kam zwei Tage nicht mehr zum Schreiben. Hoffentlich hat es dich nicht beunruhigt. Heute habe ich dir zum Glück keine alarmierende Nachrichten zu geben. Schon weil ich aus Zürich selbst ganz ohne Nachrichten bin. Die Unterhaltung, die ich vorgestern mit Heiner und seiner Frau haben mußte, verlief ruhig, wenn auch wenig erquicklich. Die Guten («Wir …») haben offenbar ein ganzes kleines System von Einwänden gegen uns, von dem sie mir dann feierlich nur einen Teil sichtbar machten: das, was in der Linie jenes Briefes1 liegt. |271 Was ich sagte, wurde als «Naturalismus» verdächtigt. Und eine Würde, eine Höhe entfernte die Vertraulichkeit.2 Es war mir, obwohl natürlich auch allerlei an sich Hörenswertes vorgebracht wurde, nicht ganz leicht, bis zum Schluß freundlich zu bleiben. Aber es gelang diesmal, und das war sicher gut. Die Tatsache, daß ich einigermaßen gerüttelt und geschüttelt aus einem siebenjährigen Krieg kommend diesem friedlichen Basler Ehepaar gegenüber saß, war ja in der Tat noch kein Rechtsgrund, gegen seine allzu große Gerechtigkeit zum Gegenangriff überzugehen. Aber nähergekommen sind wir uns wirklich auch nicht gerade. Am Freitag nachmittag werde ich nun auch noch meine Mutter hier begrüßen, bevor sie am Samstag mit den beiden die Romreise antritt. Sie will, wie mir von drüben3 telephonisch berichtet wurde, dringend mit mir reden: vermutlich wegen meiner Stellung in Bonn, hoffentlich nicht auch noch wegen Nelly. Ja, das ist nun eben ein Schicksal, diese mitredende bzw. dreinredende Familie. Verbieten kann man es ihnen ja unmöglich, aber sei du nur sicher, daß ich in beiden Angelegenheiten tun werde, was mich fein und gut dünkt, ganz uneingesehen von außen.4

Meine Basler Ferien scheinen hauptsächlich in einem ziemlich umfassenden Sehen, Hören und Sprechen von allerlei Menschen verlaufen zu wollen, und es bekommt mir eigentlich ganz gut. Eduard und ich haben ein großes Gespräch mit de Quervain gehabt, den wir im Blick auf die deutschen Ereignisse gemeinsam ziemlich zusammengestaucht haben. Gestern abend war ich zum Nachtessen bei meinem Vetter Sartorius und seiner Frau. Dies ist ein Basler Ehepaar, das durch den von ihnen hoch verehrten Eduard in sehr erfreulicher Weise in Marsch gesetzt worden ist und mit dem ich mich deshalb über alte und neue Zeiten gut und gern unterhalten habe. Sie haben eine ziemlich wild ausbrechende Tochter im Alter von Stöffeli, die wahrscheinlich gerade einem Durchfall bzw. einer Nichtversetzung entgegen geht. Die Art, wie der Vater mit ihr darüber sprach, gefiel mir gut. Vorgestern abend war Hartenstein da, und da gab es ein schönes theologisches Gespräch über die verschiedenen nicht unbekannten Bedenken und Vorschläge, |272 die dieser von Heim herkommende Mann gegen mich auf dem Herzen hat, auf die er sich aber offen und gescheit zuhörend Antwort geben ließ. Heute war er dann nochmals zum Schwarzen Kaffee da mit … Köberle. Dies war und bleibt ein schwierigerer Fall, weil er sich theologisch irgendwie den Magen und den Geschmack verdorben hat und nicht merkt, daß er sich längst auf ein zu tiefes Niveau begeben hat, als daß seine Einwürfe stark und sinnvoll sein könnten. Heute vormittag war ich bei meinem Vetter Anstein, der seinen Anteil an der Onkel Hansschen Erbschaft5 in zwei Weltreisen angelegt hat, auf die er nun mit leerem Beutel, aber sehr vergnügten Herzens zurückblickt. Er kennt nun tatsächlich das Innere Afrikas fast wie seine Hosentasche und ist mit seinen siebzig Jahren und seiner Fähigkeit, immer noch Alles «heillos fein» zu finden, wirklich eine nicht unerbauliche Gestalt. Wiederum waren wir heute nachmittag in Pratteln bei Lukas Christ. Er sprach diesmal nicht von den moutons6. Wir machten uns aber das Vergnügen, seinen sehr rassigen Töchtern in seiner Abwesenheit nach dem Nachtessen Einiges aus seiner Jugendzeit zu erzählen, das nun morgen sicher blühend aufgehen wird. Auch diese Begegnung war erholend. Und wo gehe ich morgen hin? Auf die Redaktion der Basl[er] Nachr[ichten] zu Karl Sartorius und … zu Nat[ional-]Rat Oeri7, der nach meiner Bekanntschaft begehrt, die ich ihm gewiß nicht versagen will. Und für morgen abend ist sogar ein ganzer Aufmarsch von Freunden hier vorgesehen: Pfr. Koechlin8, Rektor Burckhardt9, |273 Pfarrer Gelzer10 und ich weiß nicht wer noch. – Du brauchst aber gar keine Angst zu haben, daß ich über dem allem versäumen könnte, bei Tag und Nacht nach Deutschland hinüber zu denken. Potsdam!11 Ich würde natürlich das auch nicht sagen, was Frau Schmidt12 zu dir sagte, aber ich verstehe so gut, was sie wahrscheinlich damit meinte. Sehe ich doch gerade hier mit Trauer, wie das Bild von «Deutschland» draußen nun unaufhaltsam wieder dem zu gleichen beginnt, das man vor 1914 hatte, wobei man sich ja kaum verhehlen kann, daß das Bild von vor 1914 trotz aller Schattenseiten in sich sinnvoller und hoffnungsvoller war. In einem anderen Sinn als in dem einer höchst getreuen Opposition wird man zu dem Mehrheitsdeutschland13 von heute schwerlich Ja sagen können. Aber wenn nun dieses Mehrheitsdeutschland Opposition überhaupt nicht duldet? Wenn es in seinem Wesen liegt, Deutschland schlechthin sein zu wollen? Wo steht man dann eigentlich? Aber darüber können wir ja dann mündlich weiterreden, und die äußeren Entscheidungen fallen ohnehin ohne uns. Es ist mir fast tröstlich zu denken, wie zwangsläufig mein äußerer Weg nun bestimmt sein wird. Ich überlege, ob es nicht gut wäre, die Wohnung am 1. April auf den 1. Oktober zu kündigen auf alle Fälle.14 Zurückzunehmen wäre die Kündigung ja leicht, während es sehr ärgerlich sein könnte, nicht gekündigt zu haben und dann bis zum 1. April 1934 gebunden zu sein. Was hältst du davon?

274 Grüße Erica. Wie gut, wie gut, daß es mit den Buben so schön geht. Ja, der gute Hansjoggeli – was muß er nun für «Geschichte» erleben in so zarter Jugend!

Merkwürdiges Leben in jeder Hinsicht für uns alle. Aber Alles wird auch irgendwie gut sein, so wie es ist. Ich bin so froh und dankbar, daß auch du den Mut und die Hoffnung nicht verlierst.

Was noch zu sagen wäre, weißt du auch so.

Grüße meine Buben. Ich grüße dich, ach ja, dich ganz besonders.

Dein
Karl

Du darfst zwar deine Briefe ungenügend frankieren – du darfst bekanntlich Alles. Vielleicht mußt du es nicht. Aber sie freuen mich ja wirklich, auch wenn sie ungenügend frankiert sind.

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 264, Anm. 1.↩
2
Zeilen aus Fr. von Schillers Gedicht «Das Mädchen aus der Fremde» 📖.↩
3
D. h. aus Kleinbasel, wo das Ehepaar Heinrich und Gertrud Barth wohnte.↩
4
Siehe oben S. 234.↩
5
Hans Burckhardt-Burckhardt (1840–1923) war Mitglied der Leitung des Historischen Museums und des Kunstvereins Basel. Hinterließ kinderlos eine große Sammlung von Bildern und Möbeln.↩
6
Wahlspruch von Lukas Christ: «Il faut laisser pisser les moutons» (vgl. BwTh. III, S. 349f., Anm. 11 📖).↩
7
Jakob Albert Oeri (1875–1950), seit 1931 Nationalrat, Chefredaktor der «Basler Nachrichten».↩
8
Alphons Koechlin (1885–1965), 1910 Pfarrer in Stein am Rhein (Kt. Schaffhausen), im 1. Weltkrieg und danach Feldprediger der Gotthardtruppen, 1921-1954 Frühprediger zu St. Martin in Basel, 1921-1933 Sekretär und 1933-1954 Präsident des Basler Kirchenrates, 1941-1954 Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, wurde 1948 in das Zentralkomitee des Ökumenischen Rates gewählt.↩
9
Paul Burckhardt-Lüscher (1873–1956), 1899-1904 Lehrer für alte Sprachen, Geschichte und Deutsch an der Höheren Stadtschule in Glarus, 1904-1938 an der Höheren Töchterschule (seit 1930 Mädchengymnasium genannt) in Basel, seit 1927 als Rektor; 1918-1945 Mitglied der Synode und des Kirchenvorstandes von St. Leonhard in Basel.↩
10
Heinrich Gelzer (1888–1963), Dr. theol., 1921-1955 Dozent und später Rektor am Missionsseminar in Basel, Mitglied der Basler Herrnhuter Brüdersozietät.↩
11
Siehe oben S. 267, Anm. 1.↩
12
Ursula Schmidt.↩
13
Die NSDAP hatte zwar bei den Reichstagswahlen am 5.3.1933 nur zusammen mit der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot eine knappe absolute Mehrheit erhalten. Noch am Tag der Reichstagswahlen setzte aber die «Eroberung der nichtnationalsozialistischen Länder» und die totalitäre Durchsetzung der nationalsozialistischen Herrschaft («Gleichschaltung») ein.↩
14
Am 27.3.1933 schrieb Barth seinem Hauswirt E. Koennecke: «Durch die Veränderung der politischen Verhältnisse in Deutschland ist meine äußere Lage so unsicher geworden, daß ich mich genötigt sehe, Ihnen den Mietvertrag über die Wohnung Siebengebirgstraße 18 auf den 1.10. vorsorglich zu kündigen.» (Briefe 1933, S. 93f. 📖)↩