Brief Nr. 119 · 23. März 1933

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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L. L.

Heute ist leider schon wieder Unruhe an der Tagesordnung. Ich bekam heute früh den beiliegenden Brief1, und gleichzeitig traf bei Heiner und Gertrud eine noch seltsamer (höchst verworren) abgefaßte Postkarte ein und nachher ein Telephon, in dem N. Gertrud bat, heute nachmittag zu einer Aussprache nach Zürich zu kommen. Ich habe dann mit Gerty telephoniert, aber Gerty und Nelly haben sich die ganzen Tage seit dem Sonntag gar nicht gesehen, und Gerty konnte mir nur sagen, daß auch sie am Sonntag den Eindruck gehabt habe, daß N. mit bestimmten, vor Allem auf ein Gespräch mit ihrer Schwester Hedwig zielenden Absichten in die Schweiz gekommen sei. Schlimm ist, daß N. nach ihrer Mitteilung an Heiners bereits auch |275 meine Mutter in gleichem Sinn alarmiert hat («ganz spontan»…), so daß ich nun morgen sicher auch darüber mit dieser zu reden habe. –

Eben hatte ich ein zweites langes Telephongespräch mit Gerty, die zwei Stunden mit N. zusammen war. Auch zu ihr hat N. von Scheidung gesprochen, nicht dazu aufgewiegelt von Schwester Hedwig, wie sie sagt, wohl aber von ihr bereits über das Technische dieser Sache unterrichtet!! Aber ihre eigentlichen Wünsche gingen nicht in dieser Richtung, sondern auf Veränderung unserer, vor Allem meiner «Haltung» ihr gegenüber. («Haltung» = mehr «Güte» meinerseits, mehr «Würde», die ihr in dem Dreieck zukommen müsse.) Ich werde nun morgen früh erfahren, was zwischen ihr und der Schwägerin Gertrud vorgefallen ist. Am Samstag kommt N. hieher, um mit Eduard und mir selbst zu reden. (Sie wird also erst am Sonntag zurückkommen nach Bonn oder, wenn es die Lage erfordert, am Montag.)|

­L. L., ich wollte wohl, ich empfinge eine oxfordische «Führung»2, um mich in dem allem zurechtzufinden. Es ist schrecklich, und morgen und übermorgen kann es noch schrecklicher werden. Auch Eduard kann nur Alles immer wieder mit mir durcherwägen, ohne vorläufig einen Weg zu sehen. Du kannst dir denken, daß etwas in mir sehr dafür wäre, sich einer Scheidung, wenn N. sie denn will, nicht mehr zu widersetzen. Aber ich muß mich auch fragen, ob wir die anderen Möglichkeiten schon erschöpft haben. Und Alles in mir wehrt sich gegen den Gedanken, auch nur eines meiner Kinder von mir zu lassen. Ich weiß es seit den letzten Jahren besser als je, wie sehr sie zu mir gehören: gerade auch weil du jetzt ganz anders zu ihnen stehst als früher. Und an die ganze grausige Lawine eines Scheidungsprozesses wage ich fast nicht zu denken. – Sobald ich wieder Wichtiges weiß und einen Augenblick Ruhe zum Schreiben finde, bekommst du Nachricht.

276 Nat[ional-]Rat Oeri empfing mich heute mit den trostreichen Worten: «Ich möchte vor Allem wissen, wann Sie wohl der Teufel holen wird.» (Der Teufel sind natürlich die Nazis, auf die er schlechterdings schlecht zu sprechen ist. Du mußt dir die Frage baseldeutsch ausgesprochen denken!!) Eben tritt … Rudi ins Zimmer – auf einer Geschäftsreise, auch er bewegt von all den Ereignissen. Ich muß abbrechen. Morgen mehr!

Dein
K.

(Du weißt …)

Sachfußnoten

1
Ein Brief von Nelly Barth. Zur Zuspitzung der schwierigen Situation und zur zu dieser Zeit erörterten Frage einer Scheidung s. den Brief von Kirschbaums vom 30.3.1933 an E. Küppers in: Briefe 1933, S. 95f. 📖, und den Brief Karl Barths an Nelly Barth vom 31.3.1933 in: Briefe 1933, S. 96-102; Abdruck in Bw.Th. III, S. 371–376 📖.↩
2
Anspielung auf das Prinzip der Oxfordbewegung Fr. N. D. Buchmans, «das für sie das schlechterdings maßgebende ist, die ‹Führung›, die man im Schweigen sucht und die man als innere Stimme, nach Quäkerart, erhielt» (E. Brunner, Meine Begegnung mit der Oxforder Gruppenbewegung [1932], in: ders., Ein offenes Wort. Vorträge und Aufsätze 1917-1934, eingeführt und ausgewählt von R. Wehrli, Bd. 1, Zürich 1981, S. 268-288, dort S. 270 📖).↩