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Barth an v.K. in Bonn
Heute ist leider schon wieder Unruhe
an der Tagesordnung. Ich bekam heute früh den beiliegenden Brief1, und
gleichzeitig traf bei Heiner und Gertrud eine noch seltsamer (höchst verworren) abgefaßte Postkarte
ein und nachher ein Telephon, in dem N.
Gertrud bat,
heute nachmittag zu einer Aussprache nach Zürich zu kommen. Ich habe dann mit
Gerty telephoniert, aber Gerty und Nelly haben sich
die ganzen Tage seit dem Sonntag gar nicht gesehen, und Gerty konnte mir nur sagen,
daß auch sie am Sonntag den Eindruck gehabt habe, daß N. mit bestimmten, vor Allem auf
ein Gespräch mit ihrer Schwester Hedwig zielenden
Absichten in die Schweiz gekommen sei. Schlimm ist, daß N. nach ihrer Mitteilung an Heiners bereits auch
|275 meine Mutter in gleichem Sinn
alarmiert hat
(«ganz spontan»…), so daß ich nun morgen sicher auch darüber mit
dieser zu reden habe. –
Eben hatte ich ein zweites langes Telephongespräch mit Gerty, die zwei Stunden mit
N. zusammen
war. Auch zu ihr hat N. von Scheidung
gesprochen, nicht dazu aufgewiegelt von Schwester Hedwig, wie sie sagt, wohl aber von ihr bereits über das Technische
dieser Sache unterrichtet!! Aber ihre eigentlichen
Wünsche gingen nicht in
dieser Richtung, sondern auf Veränderung unserer, vor Allem meiner «Haltung» ihr
gegenüber. («Haltung» = mehr «Güte» meinerseits, mehr «Würde», die ihr in dem
Dreieck zukommen müsse.) Ich werde nun morgen früh erfahren, was zwischen ihr
und der Schwägerin Gertrud vorgefallen ist. Am Samstag kommt N. hieher, um mit Eduard und mir selbst zu
reden. (Sie wird
also erst am Sonntag zurückkommen nach Bonn oder, wenn es die Lage erfordert, am Montag.)|
L. L., ich wollte wohl, ich empfinge eine oxfordische «Führung»2, um mich in
dem allem zurechtzufinden. Es ist schrecklich, und morgen und übermorgen kann es
noch schrecklicher werden. Auch Eduard kann nur Alles immer wieder mit mir durcherwägen, ohne
vorläufig einen Weg zu sehen. Du kannst dir denken, daß etwas in mir
sehr dafür wäre, sich einer Scheidung, wenn N. sie denn will,
nicht mehr zu widersetzen. Aber ich muß mich auch fragen, ob
wir die anderen Möglichkeiten schon erschöpft haben. Und Alles in
mir wehrt sich gegen den Gedanken, auch nur eines meiner Kinder von mir zu lassen. Ich weiß es seit den
letzten Jahren besser als je, wie sehr sie zu mir gehören: gerade auch
weil du jetzt ganz anders zu ihnen stehst als früher. Und an
die ganze grausige Lawine eines Scheidungsprozesses wage ich fast nicht zu
denken. – Sobald ich wieder Wichtiges weiß und einen Augenblick Ruhe zum
Schreiben finde, bekommst du Nachricht.
276 Nat[ional-]Rat Oeri
empfing mich heute mit den trostreichen Worten: «Ich möchte vor Allem wissen,
wann Sie wohl der Teufel holen wird.» (Der Teufel sind natürlich die Nazis, auf
die er schlechterdings schlecht zu sprechen ist. Du mußt dir die Frage
baseldeutsch ausgesprochen denken!!) Eben tritt … Rudi ins Zimmer – auf
einer Geschäftsreise, auch er bewegt von all den Ereignissen. Ich muß abbrechen.
Morgen mehr!