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von Kirschbaum an B. in
Basel
Nun ist zwar erst dein einer Brief da mit den relativ gemütlichen
Situationsberichten. Des anderen harre ich noch. Gleichzeitig brachte die Post
mir ein liebes Kärtlein von Gerty und eines von Nelly, das traurig
[und]1 in
einer gewissen offenen Nähe geschrieben ist. – Seit das Telefon gestern
abend verklungen ist, hab ich natürlich viel über Alles
nachgedacht. Ich weiß nicht, warum es plötzlich in mir so in diese Richtung
weist, die ich dir gestern andeutete. Ich will auch sehr vorsichtig sein damit.
Es könnte so gut eigene Ungeduld und eigenes Überdrüssigsein dahinter stehen.
Und dann noch das Andere: ich lebe sehr stark unter dem Eindruck kommender
schwieriger äußerer Veränderungen, und ich möchte unter diesen Umständen
gültig neben dir stehen dürfen. Aber das sind natürlich keine
Gesichtspunkte im Blick auf N. Dahin gesehen ist
es eigentlich einfach die Tatsache, daß ich je länger je mehr glaube, daß
dieser
Weg
wirklich nicht ihr Weg sein kann und daß wir es uns vielleicht sogar zu leicht
machen, indem wir uns faktisch ja längst geschieden haben und nur das Risiko
nach außen vermeiden. Nach innen kann es kaum mehr einen weiteren
Schritt |277 bedeuten. – Und die Kinder? Da sehe ich Vieles anders als früher, seit
ich sie kenne und um das Dransein jedes Einzelnen etwas weiß. Familie um
jeden Preis ist hier sicher nicht das einzig Mögliche. – Aber wir
wollen zuwarten. Ich möchte [nur]2, daß du weißt, wie meine Gedanken laufen. An Nelly denke ich mit
viel traurigem Mitleid. Sie kann es wirklich nicht leben, sie geht kaputt dabei,
aber das Andere, das, was sie meint, das wird noch weniger gehen.
Ich habe eigentlich je länger je mehr den Eindruck, daß sie neben dir an
Unterernährung stirbt, und zwar gerade am entscheidendsten Punkt. Ob ihr Weg da
nicht ganz anders laufen sollte und immer gelaufen ist? Denk doch nur, wie
hilfreich ihr Nelly Ferreros3 katholische
Lebenshaltung war. Ob sie nicht im Grunde das meint und ob man ein Recht hat,
ihr nun gegen sie selber dauernd eine Lebenshaltung aufdrängen zu wollen, wo sie
sich nur völlig verlieren kann? – Ich weiß es nicht. Ich will mir auch nicht
anmaßen, N. so zu
durchschauen, daß ich wüßte, was sie letztlich meint. Und ob sie
nicht doch von dir so weit herausgerufen ist, daß sie irgendwie mit
will. Du weißt ja, wie mich dieses Neujahrsgespräch mit ihr
erschreckt hat, wo sie
in mystischer Weise von Entselbstung sprach und bis in den Wortlaut hinein die
Sprache ihrer Freundin sprach. Darum so erschreckt, weil es mir ihre geistige
(oder darf man sagen geistliche?) Heimatlosigkeit so kraß aufdeckte. – Aber das
alles sind Erwägungen, und hinter ihnen kann ganz schlicht die Forderung stehen,
sie nun, auch wenn das alles stimmt, einfach in diesem Sosein und Dransein lieb
zu haben. Und da versagen wir ja immer wieder. Und das
hemmt mich allen äußeren Entschlüssen gegenüber. Denn wenn ich mich frage, ob
ich wirklich Alles aufgeboten habe, sie zu halten, so muß ich mit
Nein antworten. Und ich habe Angst, es wird nie anders sein. – –
278 Hier der Brief von Blüher4 beschäftigt mich. Er ist natürlich borniert, aber ist
nicht auch in aller Borniertheit etwas Rührendes drin? Diese sinnlose,
kindische, dumme deutsche Angst vor dem «Juden». – Ich glaube nicht, daß
es darum gehen kann, daß das Deutschland von 1914 wieder ersteht. Es ist etwas
Neues, vielleicht noch viel Furchtbareres, vielleicht aber auch
weniger Furchtbares, weil Dämonisches.
Die Kinder singen hier auf der Straße ein Lied:
Und ein
Thälmann5 schlupft
heraus.»
Ob es nicht ganz einfach das ist? Und das bißchen deutsche Geschrei
um diese verzweifelte Notwendigkeit herum hat vielleicht gar nicht so viel zu
sagen. Die Problemlage 1914 war doch einfach, gerade auch einfach
in ihrer Aufspaltung in Klassen und Stände. Aber heute, wo jeder kleine
zerlumpte Arbeitslose diesen
Schwindel glaubt? Laß diese Massen einmal erst sehen, daß Hitler
nicht Arbeit und Brot bringt, dann kippt die Geschichte. Nein,
meine Angst vor dem militaristischen Deutschland ist gering, ich halte das nur
für eine Augenblickserfindung und eine verzweifelte d[azu]6
. Aber
gelt, ich halte dir |279 da «Lehrvorträge», und du verstehst
das doch viel besser. Aber das Zeug geht mir Tag und Nacht durch
den Kopf, abwechselnd
mit unserer hoffnungsvollen persönlichen Lage. Und über Allem habe ich dich
lieb und freue mich, wenn ich zu dir darf.
Hier geht Alles gut. Gestern abend war ich mit Markus in «Menschen im Hotel»7
(deutsch gespielt). Er war begeistert. Wir leben jetzt so
freundschaftlich, daß ich immer versucht bin, einmal mehr mit ihm
zu sprechen über «uns». Aber dann tut er mir wieder leid. Er ist doch noch
sehr jung und harmlos.8