Brief Nr. 120 · 24. März 1933

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Basel

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Lieber Karl!

Nun ist zwar erst dein einer Brief da mit den relativ gemütlichen Situationsberichten. Des anderen harre ich noch. Gleichzeitig brachte die Post mir ein liebes Kärtlein von Gerty und eines von Nelly, das traurig [und]1 in einer gewissen offenen Nähe geschrieben ist. – Seit das Telefon gestern abend verklungen ist, hab ich natürlich viel über Alles nachgedacht. Ich weiß nicht, warum es plötzlich in mir so in diese Richtung weist, die ich dir gestern andeutete. Ich will auch sehr vorsichtig sein damit. Es könnte so gut eigene Ungeduld und eigenes Überdrüssigsein dahinter stehen. Und dann noch das Andere: ich lebe sehr stark unter dem Eindruck kommender schwieriger äußerer Veränderungen, und ich möchte unter diesen Umständen gültig neben dir stehen dürfen. Aber das sind natürlich keine Gesichtspunkte im Blick auf N. Dahin gesehen ist es eigentlich einfach die Tatsache, daß ich je länger je mehr glaube, daß dieser Weg wirklich nicht ihr Weg sein kann und daß wir es uns vielleicht sogar zu leicht machen, indem wir uns faktisch ja längst geschieden haben und nur das Risiko nach außen vermeiden. Nach innen kann es kaum mehr einen weiteren Schritt |277 bedeuten. – Und die Kinder? Da sehe ich Vieles anders als früher, seit ich sie kenne und um das Dransein jedes Einzelnen etwas weiß. Familie um jeden Preis ist hier sicher nicht das einzig Mögliche. – Aber wir wollen zuwarten. Ich möchte [nur]2, daß du weißt, wie meine Gedanken laufen. An Nelly denke ich mit viel traurigem Mitleid. Sie kann es wirklich nicht leben, sie geht kaputt dabei, aber das Andere, das, was sie meint, das wird noch weniger gehen. Ich habe eigentlich je länger je mehr den Eindruck, daß sie neben dir an Unterernährung stirbt, und zwar gerade am entscheidendsten Punkt. Ob ihr Weg da nicht ganz anders laufen sollte und immer gelaufen ist? Denk doch nur, wie hilfreich ihr Nelly Ferreros3 katholische Lebenshaltung war. Ob sie nicht im Grunde das meint und ob man ein Recht hat, ihr nun gegen sie selber dauernd eine Lebenshaltung aufdrängen zu wollen, wo sie sich nur völlig verlieren kann? – Ich weiß es nicht. Ich will mir auch nicht anmaßen, N. so zu durchschauen, daß ich wüßte, was sie letztlich meint. Und ob sie nicht doch von dir so weit herausgerufen ist, daß sie irgendwie mit will. Du weißt ja, wie mich dieses Neujahrsgespräch mit ihr erschreckt hat, wo sie in mystischer Weise von Entselbstung sprach und bis in den Wortlaut hinein die Sprache ihrer Freundin sprach. Darum so erschreckt, weil es mir ihre geistige (oder darf man sagen geistliche?) Heimatlosigkeit so kraß aufdeckte. – Aber das alles sind Erwägungen, und hinter ihnen kann ganz schlicht die Forderung stehen, sie nun, auch wenn das alles stimmt, einfach in diesem Sosein und Dransein lieb zu haben. Und da versagen wir ja immer wieder. Und das hemmt mich allen äußeren Entschlüssen gegenüber. Denn wenn ich mich frage, ob ich wirklich Alles aufgeboten habe, sie zu halten, so muß ich mit Nein antworten. Und ich habe Angst, es wird nie anders sein. – –

278 Hier der Brief von Blüher4 beschäftigt mich. Er ist natürlich borniert, aber ist nicht auch in aller Borniertheit etwas Rührendes drin? Diese sinnlose, kindische, dumme deutsche Angst vor dem «Juden». – Ich glaube nicht, daß es darum gehen kann, daß das Deutschland von 1914 wieder ersteht. Es ist etwas Neues, vielleicht noch viel Furchtbareres, vielleicht aber auch weniger Furchtbares, weil Dämonisches. Die Kinder singen hier auf der Straße ein Lied:

«Der Papen legt das Ei,
der Hitler brütet’s aus.
Und ein Thälmann5 schlupft heraus.»

Ob es nicht ganz einfach das ist? Und das bißchen deutsche Geschrei um diese verzweifelte Notwendigkeit herum hat vielleicht gar nicht so viel zu sagen. Die Problemlage 1914 war doch einfach, gerade auch einfach in ihrer Aufspaltung in Klassen und Stände. Aber heute, wo jeder kleine zerlumpte Arbeitslose diesen Schwindel glaubt? Laß diese Massen einmal erst sehen, daß Hitler nicht Arbeit und Brot bringt, dann kippt die Geschichte. Nein, meine Angst vor dem militaristischen Deutschland ist gering, ich halte das nur für eine Augenblickserfindung und eine verzweifelte d[azu]6 . Aber gelt, ich halte dir |279 da «Lehrvorträge», und du verstehst das doch viel besser. Aber das Zeug geht mir Tag und Nacht durch den Kopf, abwechselnd mit unserer hoffnungsvollen persönlichen Lage. Und über Allem habe ich dich lieb und freue mich, wenn ich zu dir darf.

Hier geht Alles gut. Gestern abend war ich mit Markus in «Menschen im Hotel»7 (deutsch gespielt). Er war begeistert. Wir leben jetzt so freundschaftlich, daß ich immer versucht bin, einmal mehr mit ihm zu sprechen über «uns». Aber dann tut er mir wieder leid. Er ist doch noch sehr jung und harmlos.8

Sachfußnoten

1
Durch Lochung unleserlich.↩
2
Durch Lochung unleserlich.↩
3
Nelly Ferrero (1893–1983), Jugendfreundin von Nelly Barth, Kunstmalerin, 1908 Vorbereitungskurs und 1911-1914 Schülerin der Ecole des Beaux-Arts in Genf, nach langjähriger Krankheit 1921-1924 Vervollständigung ihrer Studien in Rom, lebte – unterbrochen von Studienaufenthalten in Florenz (1925) und Paris (1927) und verschiedenen Reisen nach Italien, Frankreich, Deutschland und Belgien – bis 1933 und (nach Aufenthalten in Belgien und Paris) wieder von 1939 an in Genf.↩
4
In seinem Brief vom 21.3.1933 erklärte Hans Blüher, daß er Barths «Denkungsart» und seinen Charakter bewundere, daß aber «die Welt, in der Sie leben, nicht die meine ist», so daß er «gelegentlich gegnerisch» auftreten müsse. Seine antijudaistische Einstellung begründete Blüher u. a. mit der Behauptung: «Das, was man so landläufig Antisemitismus nennt, hat eben seine natürliche Wurzel in dem ganz unmittelbaren Gefühle, das wir Deutsche haben: der Jude hat einen anderen Begriff von der Wahrheit und von der Ehre.» (KBA 9333.152; s. zum Hintergrund des Blüher-Briefes: Briefe 1933, S. 64-70 📖; E. Busch, Unter dem Bogen des einen Bundes. Karl Barth und die Juden 1933-1945, Neukirchen-Vluyn 1996, S. 174f. 📖). ­- Hans Blüher (1888–1955), umstrittener Weltanschauungsautor in der Weimarer Republik, antisemitischer, frauenfeindlicher und «völkischer» Verfasser von etwa 150 Büchern, Traktaten und Aufsätzen.↩
5
Ernst Thälmann (1886–1944), Führer der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD); er kandidierte dreimal für das Amt des Reichspräsidenten; unmittelbar nach dem Reichstagsbrand am 27.2.1933 wurde er als einer der Hauptgegner Hitlers verhaftet und zunächst in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit eingeliefert. Damit begann für ihn eine Leidenszeit, die über 10 Jahre dauerte. Er blieb in Haft, bis er im August 1944 – vermutlich auf direkten Befehl Hitlers – im KZ Buchenwald erschossen wurde.↩
6
Durch Lochung teilweise unleserlich.↩
7
«Menschen im Hotel» 📖 ist der Titel eines amerikanischen Spielfilms von 1932 unter der Regie von Edmund Goulding mit Greta Garbo, John Barrymore und John Crawford. Dem Film liegt ein Roman zugrunde, mit dem Vicky Baum (1888–1960) einen Welterfolg errungen hatte.↩
8
Der Brief hat keinen Schluß, vermutlich, weil er durch den Brief vom Nachmittag des gleichen Tages (Nr. 121) fortgesetzt wurde.↩