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von Kirschbaum an B. in
Basel
[Bonn]
24.3.1933 [II] nachmittags
ich weiß zwar nicht, was ich dir zu dem 2. Brief sagen soll. Aber er bewegt mich
doch unablässig, seit er da ist, und ich möchte wenigstens so bei
dir sein. – Wenn nur Nelly sich nicht doch zu stark von außen hat bestimmen lassen, noch
dazu in dieser etwas «nervösen» Woche, die es unglücklicherweise auch noch
ist!! – Aber ich will es nicht verharmlosen und kann mir gut denken, daß ihr
Änderung um jeden Preis jetzt erwünscht ist. Wie nur? Schau, irgend eine
Änderung bei «uns» würde ja bei euch gar nichts helfen, nur noch erschweren und
im besten Fall eine Illusion nähren, die dann vielleicht ein Jahr später
zusammenbricht. Aber was dann? Weißt du, das mit mehr «Güte» und «Würde» meint
ja im Grunde doch das Andere, was eben nicht möglich ist. Ich glaube es wenigstens. –
Ja, und nun sind also Alle alarmiert und reden dir zu – du guter, lieber Karl.
Und wir hatten uns doch so Ruhe gewünscht. – Ja, die Kinderlein. Das ist es ja, was mich |280 auch so hemmt. Obwohl ich sicher glaube, daß sie früher
oder später doch alle den Weg zu dir nehmen würden. Aber was wird
dann aus N.? Ich
dachte schon, ob sie nicht zunächst einfach wieder einmal ½ Jahr mit Joggeli in die Schweiz gehen könnte, etwa auf Beatenberg. Das würde beide sehr erholen (Joggeli kann es brauchen), und sie könnte dann in
ruhiger Überlegung Alles durchdenken. Oder wird sie das als
liebloses Abschieben empfinden? Es wäre ja wirklich auch so wünschenswert, wenn
sie bei den hier sicher zu erwartenden Störungen von außen nicht immer dann noch
Rückenschüsse abfeuerte. Wir werden alle Nervenkraft zusammenhalten
müssen, ob wir bleiben oder gehen. Und gelt, jetzt trennen wir uns
auf keinen Fall. Das könnte ich jetzt nicht. Aber ich will dir keine
Vorschriften machen und dich sicher nicht zu Schritten drängen. Ich glaube, ich
bin dran wie du: einerseits aufatmend nur im Gedanken, daß unsere Lage sich
ändern könnte, daß wir gegen all die Unruhe von außen wenigstens ganz zusammengehören
dürften, und andererseits dann all die ängstlichen Erwägungen, die nebenher
gehen. Das, was vorübergeht und Augenblicksunruhe ist, glaube ich, muß man nicht
scheuen. Aber das, was bleibt: die Sorge um die Kinder und um N. –
Jetzt redest du wohl mit deiner Mutter. Wenn etwas
Besonderes zu sagen wäre, ruf mich doch an. Abends bin ich immer da. – Ach,
hoffentlich darf ich bald reisen. Weißt du, es ist nicht schön so
mit all der Spannung durch die Tage kommen. Aber die Buben machen das äußere Leben wenigstens leicht,
und es gibt viel Nettes zwischendurch. Eben las mir Markus seine Arbeit für Großmama Barth vor
über den vormarxistischen Sozialismus: sehr knapp und sachlich, aber ganz lehrreich. – Und
dabei strahlt die Sonne. Lieber Karl, ich bin ganz bei dir
u. h. d. l.
Die Kündigung der Wohnung ist vielleicht auf alle Fälle ratsam. Ich glaube auch,
daß man sie wieder zurückziehen kann. Vielleicht schreibst du Koennecke selbst?1 Heute
telefonierte ich zweimal mit Prof. Neuß. Er schreibt dir.2