Brief Nr. 122 · 24. März 1933

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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122

L. L.

Der Nachmittag mit meiner Mutter ist unerwartet ruhig und freundlich verlaufen. Sie ist sichtlich in guter Verfassung und drängte von keiner Seite und nach keiner, sondern hat Alles in einer möglichen und freien Weise mit mir durchgesprochen. Aber denk, wie seltsam: in dem Brief, den Nelly ihr schrieb, steht nun doch wörtlich der Satz: «Meine Schwester Hedwig rät mir, diese unwahrhaftige Ehe aufzulösen», genau das, was gestern sowohl Gerty als N. selbst, ohne daß ich danach gefragt hatte, bestimmt bestritten hatten! – N. kommt morgen nachmittag hieher. Leider verreisen meine Mutter und Heiners erst am Sonntag früh, so daß es nun morgen nachmittag und abend doch noch zu allerhand Überkreuzungen kommen muß, die sehr mühsam sein werden. Sonntag um 11 Uhr fährt dann auch N. weiter, so daß du am Montag fahren kannst. Ich schreibe dir nun wohl zum letzten Mal und erwarte dich Montag abends 620, am Bad[ischen] Bahnhof. Du übernachtest dann hier, und Dienstag nachmittag fahren wir direkt aufs Bergli1. Rudis ziehen am selben Tage um. Und Eduards möchten dich natürlich auch noch sehen. Sie sind sehr lieb mitbesorgt um das Ganze. Wir hatten gestern – obwohl ich von dem sehr bewegten Tag reichlich erschöpft war – einen sehr gelungenen Abend mit Christs, Koechlins, Burckhardts, Gelzers, Lüthis2 und einer Frl. Zellweger3, die alle gut aus sich herauskamen und das Menschengeschlecht und die Kirche drastisch darstellten. Heute morgen hat mich Marguerite, um meine Gesundheit besorgt, spazieren geführt an der Sonne.

282 Magst du Matthisleins Scherenschnitte mitbringen? Rudi hat Interesse dafür gezeigt.

Das Ermächtigungsgesetz!!!4 Es lohnt sich nun eigentlich wirklich nicht mehr, die Zeitung zu lesen, weil doch Alles kommt, wie es die wollen. Vier Jahre lang! Gnad Gott dem armen Deutschland und uns allen. Doch: es lebe unser Schildkrötenpanzer!! Er wird so oder so sicher halten. «I. Tr. f.»!5 Ja, ja, ja – in jeder Hinsicht!

Dein
K.

Grüße meine Buben und ermahne sie zur Vorsicht in diesen immer schlimmer werdenden Zeiten.
Eduards grüßen dich.

Sachfußnoten

1
Barth und von Kirschbaum trafen am Dienstag, den 28.3.1933 auf dem Bergli ein.↩
2
Walter Lüthi (1901–1982), von 1931-1946 Pfarrer in Basel, von 1946-1968 in Bern.↩
3
Elisabeth Zellweger (1884–1957), Cousine von Max Zellweger-Barth.↩
4
Nach Hitlers Regierungserklärung und der mutigen Rede des SPD-Parteivorsitzenden Otto Wels wurde am 23.3.1933 in der von SA und SS abgeschirmten Krolloper das Ermächtigungsgesetz «zur Behebung der Not von Volk und Reich» mit mehr als der notwendigen Zweidrittelmehrheit – nur gegen 94 Stimmen der SPD – angenommen (alle 81 KPD- und 26 SPD-Abgeordnete fehlten, da sie in «Schutzhaft» genommen oder geflohen waren). Die Reichsregierung konnte nun vier Jahre lang Gesetze selbst verfassungsändernden Inhalts – soweit sie nicht die Einrichtung des Reichstags und die Rechte des Reichspräsidenten berührten – erlassen.↩
5
Siehe unten S. 364, Anm. 7.↩