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L. L.
Der Nachmittag mit meiner Mutter ist unerwartet
ruhig und freundlich verlaufen. Sie ist sichtlich in guter
Verfassung und drängte von keiner Seite und nach keiner, sondern hat Alles in
einer möglichen und freien Weise mit mir durchgesprochen. Aber denk, wie
seltsam: in dem Brief, den Nelly ihr schrieb, steht nun
doch wörtlich der Satz: «Meine Schwester Hedwig
rät mir, diese unwahrhaftige Ehe aufzulösen», genau das, was gestern sowohl Gerty als
N. selbst,
ohne daß ich danach gefragt hatte, bestimmt bestritten hatten! – N. kommt morgen
nachmittag hieher.
Leider verreisen meine Mutter und Heiners erst am
Sonntag früh, so daß es nun morgen nachmittag und abend doch noch zu allerhand
Überkreuzungen kommen muß, die sehr mühsam sein werden. Sonntag um 11 Uhr fährt
dann auch N.
weiter, so daß du am Montag fahren kannst. Ich schreibe dir nun wohl zum letzten
Mal und erwarte dich Montag abends 620, am
Bad[ischen] Bahnhof. Du übernachtest dann hier, und Dienstag
nachmittag fahren wir direkt aufs Bergli1. Rudis
ziehen am selben Tage um. Und Eduards möchten dich natürlich auch noch sehen. Sie sind sehr lieb
mitbesorgt um das Ganze. Wir hatten gestern – obwohl ich von dem
sehr bewegten Tag reichlich erschöpft war – einen
sehr gelungenen Abend mit Christs, Koechlins, Burckhardts, Gelzers, Lüthis2 und einer Frl. Zellweger3, die alle gut aus sich herauskamen und
das Menschengeschlecht und die Kirche drastisch darstellten. Heute morgen hat
mich Marguerite, um meine Gesundheit besorgt, spazieren geführt an der
Sonne.
282 Magst du Matthisleins Scherenschnitte
mitbringen? Rudi hat Interesse dafür
gezeigt.
Das Ermächtigungsgesetz!!!4 Es lohnt sich nun
eigentlich wirklich nicht mehr, die Zeitung zu lesen, weil doch Alles kommt, wie
es die wollen. Vier Jahre lang! Gnad Gott dem armen
Deutschland und uns
allen. Doch: es lebe unser Schildkrötenpanzer!! Er wird so oder so
sicher halten. «I. Tr. f.»!5 Ja, ja, ja –
in jeder Hinsicht!
Grüße meine Buben und ermahne
sie zur Vorsicht in diesen immer schlimmer werdenden Zeiten.
Eduards grüßen dich.