Brief Nr. 127 · 19. April 1933

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum auf dem Bergli

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L.L.

Dem l. K. selbst vorangehend kommt hier eine kleine Sendung, hauptsächlich wegen des Briefleins an N.1, das du, die du mit den Briefen deines l. K. nicht immer einverstanden bist, nachprüfen und je nach Ergebnis zurückhalten oder umgehend zur Post befördern sollst – vielleicht unter Mitgabe einiger Zeilen auch von dir? N. hat mich ja offenbar halb und halb schon heute erwartet und wird jedenfalls auf Post etwas gespannt sein.

Der in unserem gestrigen Telephon angekündigte kritische Satz deines Briefleins2 ist wohl der Zuruf, euer Zuruf, ich solle ein Mann sein etc. Ich habe das in der Tat etwas weniger gerne gelesen, einerseits weil «Männlichkeit» nun doch bestenfalls etwas ist von dem, was ich jetzt nötig habe, andererseits weil gerade die «Männlichkeit» eines Mannes offenbar irgendwie bedroht zu sein pflegt, wenn sie ihm von Frauen (und wenn die liebste Frau darunter wäre) so geradeswegs zugerufen wird. Ich halte mich also lieber an andere Sätze deiner Feder und deines Mundes.

K. L. S. hat doch auch eine Art Dämönlein! Warum mußte er nun auf seine erste Ansicht über mein Vorgehen zurückkommen und diese törichte Frage aufwerfen?3 Meine Mutter hat das ganze Kon|292volut4 ebenfalls gelesen und über K. L. S.ens Mentalität erstaunt den Kopf geschüttelt. Teilweise hängt es gewiß auch mit der allgemeinen Nervosität zusammen, der sie draußen5 jetzt ein wenig Alle zu verfallen scheinen und deren wir uns gewiß selber zu erwehren haben werden, wenn wir erst wieder draußen sind.

Georg hat mir äußerst seltsam geschrieben! Ich bringe seine Briefe dann mit.6 Vielleicht gelingt mir bis morgen noch eine Antwort.7 Es |293 rächt sich jetzt eben, daß es im Herbst nicht gelang, Ordnung zwischen uns zu schaffen und im Anschluß daran ein offenes Wort über meine politische Stellung auch in ZdZ zu sagen.8 Wie gut wäre es, wenn man jetzt darauf verweisen könnte.

Was für Zeiten! Es vergeht doch kein Tag, an dem die Zeitung nicht irgend eine neue Bestätigung dafür brächte, daß da draußen eine Clique von offenkundig Wahnsinnigen am Regimente ist. Heute die Nachricht, daß an Hitlers Geburtstag schulfrei gegeben wird. Aber gerade in Georgs Briefen keine Spur von der Einsicht, daß Narrheit Narrheit ist. Wie wird’s werden, wenn diese ganze Illusion einmal so oder so zusammenkracht? Wird es dabei anders als immer noch närrischer zugehen können?9 Was kann der gute Georg meinen, wenn er mir zuruft, ich und meine Söhne (!) müßten uns nun eben «zum deutschen Schicksal bekennen»?

Ja, nun ist dies doch fast ein langer Brief geworden, und kurz nachdem du ihn empfangen hast, werde ich ja schon selber dort sein. Zunächst 1555 in Zürich. Ich freue mich. Ach ja, ich freue mich. Wenn dir nur das Leben an meiner Seite auf die Länge nicht zu bedrückend wird.

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Abdruck des Briefes in Bw.Th. III, S. 399f. 📖↩
2
Nicht erhalten.↩
3
K. L. Schmidt hatte zunächst in seinem Brief vom 13.4.1933 (KBA 9333.204) versichert: «Allem, was Sie an den Minister und an Tillich geschrieben haben, stimme ich restlos zu.» Am 15.4. erklärte er jedoch, die von ihm angestrebte «Gemeinsamkeit» sei durch Barths Brief an Minister Rust «zum mindesten in Frage gestellt» (KBA 9333.210; vgl. dazu Mühling, S. 136-144 📖; Briefe 1933, S. 144-148 📖).↩
4
Am 15.4.1933 schrieb K. L. Schmidt an Barth: «innerhalb von drei Tagen schreibe ich Ihnen heute den dritten Brief zur allgemeinen und zur besonderen Lage» (KBA 9333.210).↩
5
D. h. in Deutschland.↩
6
Brief vom 15.4.1933 (KBA 9333.214) und ein nicht datierter Brief vermutlich vom 17.4.1933 (KBA 9333.213). Im Blick auf Barths bevorstehende Rückkehr nach Deutschland schrieb ihm G. Merz am 15. April: «Ich weiß gut, daß Du unter allen Umständen, auch unter den günstigsten, nur mit Unbehagen in Deutschland lesen wirst. Die Universität wird künftig anders aussehen. Wer nun einmal liberal ist und demokratisch denkt, wird viel Resignation aufbringen müssen, um seinen Dienst gerne zu tun. Ebenso werden Deine Söhne an deutschen Schulen nur dann einigermaßen gute Zeit haben, wenn es ihnen möglich ist, sich zum deutschen Schicksal zu bekennen. Ob das möglich ist, Dir, ihnen, das ist eine ungleich wichtigere und dringlichere Frage, als ob zwischen Dir und Deinem Minister ein Parteibuch steht.» Der Brief fährt fort: «Ich würde Dir jedenfalls nicht grollen können, wenn Du sagtest: nein, ganz kann ich nicht in Bonn sein, dann lieber ‹Europäer› als am Rhein ein Halber; denn das meine ich allerdings, daß man die nächsten Jahre in Deutschland nur sein kann, wenn man den Dingen nicht ‹gegenüber› steht.» (KBA 9333.214; teilweise abgedruckt bei Lichtenfeld, S. 291.308f. 📖; teilweise zitiert in K. Barth, Theologische Existenz heute!, neu herausgegeben und eingeleitet von H. Stoevesandt [ThExh N.F. 219], München 1984, S. 12 📖; vgl. Briefe 1933, S. 155f. 📖).↩
7
Barth antwortete ihm am 21.4.1933, er habe «nicht dazu dem religiösen Sozialismus widerstanden (schon zu einer Zeit, da Du noch ‹religiöse Ansätze› im Sozialismus wahrzunehmen meintest), um mich nun zu dem Bekenntnis bereit zu finden, daß es deutsches Schicksal sei, Christus und Caesar nach der anderen Seite zu kombinieren, weil der heilige Strom der Geschichte für den Augenblick so läuft, und daß ich um der Kirche willen den ‹Dingen› (z. B. dem, was den deutschen Juden jetzt widerfährt) nicht ‹gegenüber› stehen dürfe. Gar sehr stehe ich vielen, den allermeisten ‹Dingen›, die jetzt in Deutschland geschehen, ‹gegenüber›, und wenn es nach wie vor nicht meine Aufgabe ist, diese Ansicht politisch geltend zu machen, so verbitte ich es mir nach wie vor energisch, daß ich mich um der ‹christlichen Kirche in Deutschland› willen in irgend einem Sinn mit diesen ‹Dingen› solidarisieren sollte.» (Briefe 1933, S. 157 📖).↩
8
Zu den Spannungen zwischen Barth und Merz um Barths SPD-Mitgliedschaft im August/September 1932 vgl. Bw.Th. III, S. 266, Anm. 14, und S. 273, Anm. 16 📖.↩
9
Barth forderte in einem Interview nach Kriegsende die Deutschen auf, nicht «immer nur von Dämonen» zu reden: «Warum sagt ihr nicht konkret: wir sind politische Narren gewesen? Erlaubt bitte eurem schweizerischen Kollegen, euch zu einem rationaleren Denken zu ermahnen.» (Und vergib uns unsere Schuld. Ein Interview über das deutsche Problem mit Prof. Karl Barth, in: Die Weltwoche. Unabhängige schweizerische Umschau, Zürich, Jg. 13, Nr. 618 vom 14.9.1945, S. 7.12, dort S. 12 📖).↩