Brief Nr. 126 · 16. April 1933

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern

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Liebster Karl,

ein strahlender Ostermorgen ist angebrochen, die gelben Sträucher vor dem Häuslein leuchten in der Sonne, die Kinder haben jubelnd die bunten Ostereier aus ihren Verstecken zusammengetragen, und das Frühstück ist mit viel Lachen und Scherzen vor sich gegangen, und nur Gerty und ich saßen etwas still dabei und haben uns von der Freude der drei Kleinen ein wenig zudecken lassen. Dorothee Thurneysen1 ist ja nun auch da, scheint zufrieden, obwohl sie vielleicht zu sehr sich selbst überlassen bleibt ohne die großen Kinder. Aber ich habe im Augenblick keinen Elan, dies kleine Basler Mädchen zu betreuen, und glaube auch, daß es ihr gar nicht erwünscht wäre. Und Gerty kann das ja ohnehin nicht. Ich bin sehr traurig. Der «laute» Brief von D. St. gestern hat mir das ganze Elend mit N. so vor Augen geführt. Ich möchte laut in die Welt hinausrufen können: «Es ist ja alles nicht wahr. Es ist ja alles ganz anders.» Aber ich weiß, daß man das nicht kann. Und daß wir unseren Weg ja eben nicht rechtfertigen können und daß alle die recht haben, die diese naheliegendsten Dinge so ausschreien wie dieser Brief. Liebster Karl, aber gelt, zu dir darf ich ganz offen sein und darf sicher sein, daß du es auch nur bei dir sein läßt? Schau, ich kann es fast nicht ertragen, daß N. jetzt ihren zähen Willen, nicht zu weichen, nun auch noch damit begründen will, daß es für dein Seelenheil nötig sei, sie in deiner Nähe zu ertragen. Sie muß in |289 dieser Richtung Dinge zu Gerty gesagt haben, die auch dieser weh taten. Aber dann weiß ich wieder, daß abgesehen von N. und dem, was sie sagt, ja hinter Allem wirklich eine Frage stehen könnte, die jetzt an uns gestellt ist. Und dieser Frage will ich nicht ausweichen. Ich bin diese einsamen, irgendwie sehr schweren Tage hier fast unentwegt daran, darum zu bitten, daß Gott uns Augen und Ohren auftun möchte, daß wir den rechten Weg finden dürfen. Es ist viel schwerer, jetzt etwa zurückzukehren in die «Notgemeinschaft», als es vorher war, und mir ist, es sei die ganze innere Arbeit dieses letzten Jahres, die für mich doch einfach darin bestand, das Persönliche zurückzudrängen und den mir nun einmal angewiesenen Ort als solchen zu gestalten und ernst zu nehmen und zu arbeiten, zunichte gemacht und als sei ich unerbittlich wieder auf den Anfang zurückgeworfen, wo ich wieder und wieder weinend sagen mußte: «Gibt es keinen Ausweg aus diesem Gefängnis, muß ich nun zeitlebens darin aushalten?» Schau, es hatte für mich fast aufgehört, Gefängnis zu sein, weil ich dahin kommen durfte, diesen Zustand zu bejahen. Und weil mir auch klar geworden ist, daß über diesem Weinen auch noch das in die Brüche gehen könnte, was allem seinen Sinn gab, unser Zusammensein. – Aber wenn das nun alles auch so ist und wenn die Wiederaufnahme der «Notgemeinschaft» vielleicht schwerer ist als der erste Anfang vor bald vier Jahren2, ich will auch dafür bereit sein. Du darfst mir vertrauen, daß ich das ernst meine. Und du sollst dich in allen deinen Erwägungen nach meiner Seite hin gar nicht gebunden fühlen. Du weißt ja, wie ich dran bin, aber du sollst auch wissen, daß ich dieses mein Dransein nicht geltend gemacht wissen möchte, daß mein ganzes Mühen in diesen zwei Tagen dahin ging, mich zu befreien von einem Wünschen, das ganz jäh aufgebrochen ist in dem Augenblick, als du mir sagen konntest in Basel, daß du jetzt diesen Weg, den zu wählen du dir sieben Jahre hättest versagen müssen, nun ernstlich in Betracht zögest.3 Ich bin noch nicht frei davon, wenigstens nicht so, daß es nicht immer wieder aufzuckt: «Ach, wenn es möglich wäre – – »Aber ich weiß jetzt wieder ganz klar, daß ich diesen Weg nicht erkaufen |290 könnte und wollte mit einer Willkür, daß ich nicht Warnungszeichen überrennen möchte, daß ich am aller-allerschwersten daran tragen würde, wenn du jetzt (und weil du immer auch ich bist), wenn wir jetzt nicht wirklich hören dürften, welcher Weg der gebotene ist. –

Soweit war ich, da kam Gerty, die mit ihren Kindern die Ostergeschichte gelesen hatte. Wir sprachen noch einmal von uns, ich habe sogar – - geweint (!) (Gerty sieht immer deutlicher den Weg der Sch. als den einzig möglichen an), und dann haben wir am Grasweg eine Predigt von dir gelesen «Getroste Verzweiflung»4, die uns beide getröstet hat. – Liebster Karl, es ist ja wirklich so, daß wir uns auf dem Boden gefunden haben (wie du neulich meintest), und ihn wollen wir auf gar keinen Fall verraten. – Ich durfte jetzt zwei Nächte mit Gerty in der Seestube schlafen in Ruedis Bett, den Kopf am Fenster mit dem Blick auf den weiten Sternenhimmel. Da habe ich viele Stunden an dich gedacht, an uns, und Alles läßt sich beschließen in dem einen Wort: I. h. d. l.

Deine
L.

Morgen abend und Dienstag bin ich also in Zürich. – Von Rust5 ist noch nichts da. Warum K. L. S. Brief6 mich nicht freut, weißt du. – Grüße deine Mutter morgen. –

Sachfußnoten

1
Dorothee Thurneysen (geb. 1917), ältestes Kind von E. und M. Thurneysen.↩
2
Der Einzug von Kirschbaums in das Haus der Familie Barth in Münster am 15.10.1929.↩
3
Vgl. Bw.Th. III, S. 389 📖.↩
4
Predigt über 2.Kor. 5,1–8, von Barth am 20.6.1920 in Safenwil gehalten (K. Barth / E. Thurneysen, Komm Schöpfer Geist! Predigten, München 1924, S. 246-256 📖; wieder abgedruckt in: Pr. 1920, S. 224–235 📖).↩
5
Am 4.4.1933 hatte Barth den kommissarischen preußischen Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung B. Rust angesichts «bestimmter, bis jetzt nicht dementierter Nachrichten aus Deutschland» (Verhaftung von Rektoren) in einem Brief angefragt, «ob es der Absicht der Regierung entsprechen möchte, wenn ich meine Arbeit in Bonn zu Beginn des Sommersemesters wie gewohnt aufnehme und fortsetze, oder ob bei der Regierung bzw. in den maßgebenden Kreisen der N.S.D.A.P. umgekehrt die Absicht besteht, meiner Bonner Wirksamkeit in irgend einer Form ein Ende zu setzen. Ich gehöre aus praktisch-politischen Gründen der Sozialdemokratischen Partei an.» Des weiteren bekundete Barth in diesem Brief: «Ich könnte aber auch eine Aufforderung zum Austritt aus der S.P.D. als Bedingung der Fortsetzung meiner Lehrtätigkeit nicht annehmen, weil ich von der Verleugnung meiner politischen Gesinnung bzw. von der Unterlassung ihrer offenen Kenntlichmachung, die dieser Schritt bedeuten würde, weder für meine Zuhörer, noch für die Kirche, noch auch für das deutsche Volk etwas Gutes erwarten könnte.» (Briefe 1933, S. 112-114, dort S. 113 📖; vgl. Prolingheuer, S. 233f. 📖). Am 24.4.1933 ließ ihm der Minister durch Ministerialrat J. D. Achelis versichern, daß er Barths «offenes Bekenntnis» achte und eine Beschränkung seiner Lehrtätigkeit nicht beabsichtige (vgl. Briefe 1933, S. 114).↩
6
Im Brief K. L. Schmidts vom 13.4.1933 heißt es: «Gut wäre es jedenfalls, wenn Sie in nicht zu ferner Zeit nach Bonn zurückkämen, damit wir den modus procedendi besprechen können, soweit Sie auf ein gemeinsames Vorgehen Wert legen.» (KBA 9333.204).↩