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von Kirschbaum an B. in
Bern
[Bergli, 16.4.1933]
Ostern 1933
ein strahlender Ostermorgen ist angebrochen, die gelben Sträucher vor dem
Häuslein leuchten in der Sonne, die Kinder haben jubelnd die bunten Ostereier
aus ihren Verstecken zusammengetragen, und das Frühstück ist mit viel Lachen und
Scherzen vor sich gegangen, und nur Gerty und ich saßen etwas
still dabei und haben uns von der Freude der drei Kleinen ein wenig zudecken
lassen. Dorothee Thurneysen1
ist ja nun auch da, scheint zufrieden, obwohl sie vielleicht zu sehr sich selbst
überlassen bleibt ohne die großen Kinder. Aber ich habe im Augenblick keinen
Elan, dies kleine Basler Mädchen zu betreuen, und glaube auch, daß es ihr gar
nicht erwünscht wäre. Und Gerty kann das ja ohnehin
nicht. Ich bin sehr traurig. Der «laute» Brief von D. St. gestern hat mir das ganze
Elend mit N. so
vor Augen geführt. Ich möchte laut in die Welt hinausrufen können: «Es ist ja
alles nicht wahr. Es ist ja alles ganz anders.» Aber ich weiß, daß
man das nicht kann. Und daß wir unseren Weg ja eben nicht
rechtfertigen können und daß alle die recht haben, die diese
naheliegendsten Dinge so ausschreien wie dieser Brief. Liebster Karl, aber gelt,
zu dir darf ich ganz offen sein und darf sicher sein, daß du es
auch nur bei dir sein läßt? Schau, ich kann es fast nicht ertragen, daß N. jetzt ihren
zähen Willen, nicht zu weichen, nun auch noch damit begründen will, daß es für dein
Seelenheil nötig sei, sie in deiner Nähe zu ertragen. Sie muß in |289 dieser Richtung Dinge zu Gerty gesagt haben, die auch
dieser weh taten. Aber dann weiß ich wieder, daß abgesehen von N. und dem, was sie
sagt, ja hinter Allem wirklich eine Frage stehen könnte, die jetzt
an uns gestellt ist. Und dieser Frage will ich nicht ausweichen. Ich bin diese
einsamen, irgendwie sehr schweren Tage hier fast unentwegt daran, darum zu
bitten, daß Gott uns Augen und Ohren auftun möchte, daß wir den rechten Weg finden dürfen. Es ist viel schwerer, jetzt etwa zurückzukehren
in die «Notgemeinschaft», als
es vorher war, und mir ist, es sei die ganze innere Arbeit dieses letzten
Jahres, die für mich doch einfach darin bestand, das Persönliche zurückzudrängen
und den mir nun einmal angewiesenen Ort als solchen zu gestalten und ernst zu
nehmen und zu arbeiten, zunichte gemacht und als sei ich
unerbittlich wieder auf den Anfang zurückgeworfen, wo ich wieder und wieder
weinend sagen mußte: «Gibt es keinen Ausweg aus diesem Gefängnis, muß ich nun
zeitlebens darin aushalten?» Schau, es hatte für mich fast aufgehört, Gefängnis zu
sein, weil ich dahin kommen durfte, diesen Zustand zu bejahen. Und
weil mir auch klar geworden ist, daß über diesem Weinen auch noch
das in die Brüche gehen könnte, was allem seinen Sinn gab,
unser Zusammensein. – Aber wenn das nun alles auch so ist und
wenn die Wiederaufnahme der «Notgemeinschaft» vielleicht schwerer ist als der erste
Anfang vor bald vier Jahren2, ich will auch dafür bereit sein. Du darfst
mir vertrauen, daß ich das ernst meine. Und du sollst dich in allen deinen
Erwägungen nach meiner Seite hin gar nicht gebunden fühlen. Du weißt ja, wie ich
dran bin, aber du sollst auch wissen, daß ich dieses mein Dransein nicht geltend
gemacht wissen möchte, daß mein ganzes Mühen in diesen zwei Tagen dahin ging,
mich zu befreien von einem Wünschen, das ganz jäh aufgebrochen ist in dem
Augenblick, als du mir sagen konntest in Basel, daß du jetzt diesen Weg, den zu wählen du dir sieben Jahre
hättest versagen müssen, nun ernstlich in Betracht zögest.3 Ich bin noch nicht frei davon,
wenigstens nicht so, daß es nicht immer wieder aufzuckt: «Ach, wenn es möglich
wäre – – »Aber ich
weiß jetzt wieder ganz klar, daß ich diesen Weg nicht erkaufen |290 könnte und wollte mit einer Willkür, daß ich nicht
Warnungszeichen überrennen möchte, daß ich am aller-allerschwersten daran tragen
würde, wenn du jetzt (und weil du immer auch ich bist), wenn wir jetzt nicht
wirklich hören dürften, welcher Weg der gebotene ist. –
Soweit war ich, da kam Gerty, die mit ihren Kindern
die Ostergeschichte gelesen hatte. Wir
sprachen noch einmal von uns, ich habe sogar – -
geweint (!) (Gerty sieht immer deutlicher den Weg der Sch. als den einzig möglichen an), und
dann haben wir am Grasweg eine Predigt von dir gelesen «Getroste Verzweiflung»4, die uns beide getröstet hat. –
Liebster Karl, es ist ja wirklich so, daß wir uns auf dem Boden
gefunden haben (wie du neulich meintest), und ihn wollen wir auf gar keinen Fall
verraten. – Ich durfte jetzt zwei Nächte mit Gerty in der Seestube
schlafen in Ruedis Bett, den Kopf am Fenster mit dem Blick auf den weiten
Sternenhimmel. Da habe ich viele Stunden an dich gedacht, an uns, und Alles läßt
sich beschließen in dem einen Wort: I. h. d. l.
Morgen abend und Dienstag bin ich also in Zürich. – Von Rust5 ist noch nichts da. Warum K. L. S. Brief6
mich nicht freut, weißt du. – Grüße
deine Mutter morgen. –